Stilstand

If your memory serves you well ...

Tugendterror

Seit Sarrazins neuestem ‚Oeuvre‘, stöhnt mal wieder jeder Mensch mit schmuddeligem Gedankengut über den ‚Tugendterror‘ allerorten. Dabei leitet sich das Wörtchen ‚Tugend‘ schlicht vom ‚Taugen‘ ab, es sind also jene Eigenschaften, die eine Gesellschaft oder ein System zuverlässig funktionieren lassen. Wer also die Tugend schmäht, will uns stattdessen wohl etwas Untaugliches unterjubeln. Gut, ich will dem Sarrazin nicht zu nahe treten, das war ja nur eine etymologische Herleitung aus meinem Grimm’schen Wörterbuch.

Trotzdem ist es wichtig zu wissen, was jene Tugenden eigentlich sind, vor allem aber auch, was jene ‚Untugenden‘ wären, die stattdessen dann wohl eingeführt werden sollen. Im Christentum stehen den sieben Tugenden – Mildtätigkeit, Demut, Keuschheit, Geduld, Wohlwollen, Fleiß und Mäßigung – die sieben Todsünden gegenüber: Völlerei, Faulheit, Neid, Wollust, Zorn, Habgier und Hochmut. Was also Sarrazin mit dem Kampfbegriff des ‚Tugendterrors‘ wohl erreichen will, das wäre der fortan völlig ungenierte Zugriff des Individuums auf alle sieben Todsünden zugleich, der direkte Weg in die Hölle also, den er uns aber wie ein falscher Prophet als erstrebenswertes Ideal unter die Nase reibt. Er will – logisch betrachtet – dann wohl eine Gesellschaft der Faulen, der Habgierigen, der Maßlosen usw., weil er alle Tugenden als ‚Tugendterror‘ denunziert. Eine Beschreibung des Ist-Zustandes ist aber noch kein Ideal …

Ich will trotzdem nicht behaupten, dass sein neuestes Spekulationsobjekt etwa ein Produkt solcher Habgier wäre. Ich kann ja nicht in seinen Kopf gucken, und lesen werde ich sein Machwerk im Leben nie – den Menschen aber, die bspw. ‚bürgerliche Tugenden‘ verteidigen – Sparsamkeit, Hygiene, Fleiß oder Pünktlichkeit – gleich Terrorismus zu unterstellen, das ist doch sicherlich nicht im Interesse deutscher Arbeitgeber, die es dann auf einmal mit schlampigen, unpünktlichen und verdreckten Mehrwertproduzenten zu tun bekämen. Davon, dass Sarrazin plötzlich die schwäbische Kehrwoche angreift, habe ich auch noch nichts gehört, obwohl auch diese, streng genommen, zum ‚Tugendterror‘ zählt …

Vielleicht sollten wir uns einfach an das lateinische Äquivalent zur ‚Tugend‘ erinnern – an die ‚virtus‘. Das Wort leitet sich schlicht von ‚vir‘ ab, dem Mann oder Menschen. Tugenden wären damit also das, was wahre Menschen auszeichnet. Und Sarrazins Gejanker über ‚Tugendterror‘ wäre demnach nur ein lauthälsig-tierisches Mimimi, in das alle Kommentar-Katzen auf ihren Mülltonnen jetzt einstimmen werden …

5 Kommentare

  1. Sehr geehrte Kommentarkatze,
    nein, das kommt mir alles nicht hin. Schon der Umkehrschluss ist nicht wirklich „logisch“, der Hobbyrassist mit rotem Parteibuch muss das also auch aus dieser Perspektive nicht so meinen. Vor allem aber widerspräche das seiner Haltung, die so zu nennen mir einen dezenten Würgreiz bereitet. Die Sklavenmoral, die sich in der Tat in den aufgezählten „Tugenden“ äußert, befürwortet der Herr durchaus – sie ist natürlich denen zugedacht, die sich nicht wie er zu den Stützen der Gesellschaft zählen dürfen. Diese wiederum können gar nicht sündigen, handeln sie doch stets bloß in ‚Verantwortung‘ und ‚Inititative‘. Wenn dann welche tot umfallen, ists’s für das Gute und die Ordnung.
    Sarrazin ist ein Troll im Klassenkampf. Im Kampf für eine Klasse, der er nur zu gern angehören würde.

  2. Das sind zwar schöne Überlegungen, aber sie sind zuviel der Ehre für eine Knalltüte, die anderen gegenüber gerne oberlehrerhaft auftritt, aber selbst nicht in der Lage ist, die Brisanz einer folgenschweren Finanzwette einzustufen, insofern ist der Titel wohl eher ein Produkt reiner Gedankenlosigkeit.
    Rätselhaft jedoch, warum er seine organisierte Papierverschwendung nicht „Der neue Gutmenschenterror“ getauft hat, das wäre doch viel näher am Puls seines verrohten bürgerlichen Publikums gewesen. Oder hat er sich etwa selbst zensiert, und falls ja, wäre das nicht ein „Tugendterror“ sich selbst gegenüber und daher ein Fall für die Zwangsjacke?

  3. ich wage mal folgende überlegung: der quartalsirre hat einen sich im grunde stetig ins nichts auflösenden „marktwert“.

    galt er noch, als er uns das erste buch vor die füße warf, als halbwegs integrer mann, jemand, dessen wort bis zu einem gewissen grad einen wert besaß, der auch die, die ihm nicht sofort geifernd folgen wollten, ein bißchen ins schlingern brachte.

    weil der spiegel & die BLÖD dann auch noch gleichzeitig werbung für ihn machten (was ich ersterem bis heute nicht verzeihe) und offensichtlich die stunde reif war, war es gesprächsthema.

    das zweite buch befriedigte auch nur die erwartungen derer, die ihm nach buch eins noch als konsumenten geblieben waren. „wellenreiten“ in reinstform.

    dieses buch ist jetzt „esoterisch“. es hat ein klar definiertes zielpublikum, aber … das ist meine these … er ist nur noch ein scheinriese, der nur wertigeit und aufmerksamkeit bekommt, wenn wir sie ihm zubilligen.

    in „wirklichkeit“ hat er hier wie auch bei dieser verzocke, die maxim da gerade ansprach, erheblich an glaubwürdigkeit in den kreisen eingebüsst, die er _eigentlich_ gerne adressieren würde … und die ihn eigentlich schon nach buch eins nicht mehr ernst nahmen.

    klaus hat das rechte wort gefunden für das, was er da macht:

    „lauthälsig-tierisches Mimimi“

    ein jämmerlich erbärmlicher wicht, der nur zu gerne guru einer sekte sein möchte – und es wohl wäre, wäre er nicht so ein stammler.

    denn das ist ja der eigentliche witz: man muss dem mann ja nur zuhören, dieses gestammele macht doch nur sinn für jene, die sich die antworten, die sie haben wollen, aus seinem gestammele zusammen-_projezieren_ müssen.

    „give the people what they want“ … im kinks sound, es gibt halt eine nachfrage und er befriedigt sie.

    muss uns das interessieren?

    ach was.

  4. ach ja …

    schönes interview mit albrecht von lucke zum thema.

    beim dlf 😉

  5. Leider komm ich nicht mehr drauf, wer in einer Talkshow mal sagte, dass Herr Sarrazin offenbar Empathie-unfähig sei (evtl. Bettina Gaus?). Damit war eigentlich alles gesagt.
    Zum lauten ICHling: Allerspätestens nach dessen Hymne auf den Cruise-Stauffenberg-Quatsch (etwa zur Zeit der „Ing. Basterds“) konnte ich ihn echt nicht mehr ernst nehmen…
    Naja, mögen sie erfolgreich sein und sich erhaben fühlen – ich hör‘ derweil Mary Gauthier’s „The Foundling“ und staune, wie sie aus schonungsloser Offenheit Schönes gebaut hat!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑