Jaja – bei dem Kurt Tucholsky, da kennt sich jeder bessere Zeitungsschreiber auch ganz ohne Lexikon wie in seiner Hosentasche aus. Zumindest sonntags beim Frühschoppen: ‚Wissense, das war ein ganz Großer, mein Vorbild übrigens, nicht so’n anonymer Krakeeler, wie wir sie heute im Internet finden‘. – ‚Wie jetzt – Tucholsky hätte doch auch nur höchst selten seine Artikel als Tucholsky gezeichnet?‘ – ‚Hörensema, das war ja damals auch noch ganz was anderes! Überall Freikorps und Fememörder und so. Und total modern und fortschrittlich war der Mann ja auch.‘

Wen also wird dieser Tucholsky schon auf seinem literarischen Olymp um sich versammelt haben? Die Avantgarde seiner Zeit vermutlich, so wie unser feuilletonistischen Pflastertreter sie vom Heute aus sähe: Den Brecht also, den Karl Kraus, den Benn (weil der Tucholsky ‚das mit dem‘ ja damals noch nicht wissen konnte), Döblin, vielleicht auch Hermann Hesse oder Johannes R. Becher.

Ja, Pustekuchen – alles gar nicht wahr: Als literarische Landmarken waren für den größten Literaturkritiker, den die Deutschen je besaßen – ‚Marcel, bitte verzeih mir! — Marcel? Denk an dein Herz! — Aua – auhauaa! …‚ – für den größten deutschen Literaturkritiker also waren durchweg die älteren Semester maßgebend. Heute nahezu vergessene Schriftsteller und ‚alte Tröster‘ wie Wilhelm Raabe, dazu Theodor Storm, der Mörike mit seinen Gedichten, ein zeichnender Pessimist wie der Wilhelm Busch oder Detlev Liliencron. Und von den Modernen Knut Hamsun.

Insbesondere den Stopfkuchen vom Wilhelm Raabe lege ich den Lesern des Stilstandes hiermit ans Herz: als eines der größten Bücher deutscher Sprache. Nicht nur, weil der Kurt Tucholsky den Raabe über alles liebte, was in ‚Rheinsberg‚ wie in ‚Schloss Gripsholm‚ unüberhörbar ist, sondern vor allem auch deshalb, weil jeder Leser von den Bewohnern dieser Roten Schanze dort in der norddeutschen Tiefebene noch heute lernen könnte, wie das Leben ‚trotz alledem‘, ‚mit Anstand‘ sowie weitab vom Mainstream hinter sich zu bringen wäre …