Stilstand

If your memory serves you well ...

Traktormesse zu Plundersweilern

So war es mir immer ergangen, dass ich durch Anschaun und Betrachten der Dinge erst mühsam zu einem Begriffe gelangen musste, der mir vielleicht nicht so auffallend und fruchtbar gewesen wäre, wenn man ihn mir überliefert hätte. Wie erhebend war’s auch heute, auf einem freien Grund mit freiem Volk zu stehen, auf jener großen Wiese vor dem kleinen Städtchen Plundersweilern, wo froh gestimmte Landleute zu geselligem Handel und buntem Treiben sich an diesem Tag begrüßten.

Zu klaren Linien aufgereiht stieß ich zunächst auf ackerpflügende Demiurgen des Fortschritts, deren metallische Gliedmaßen im Lichte der steigenden Sonne in allen Farben funkelten. Namen aus vielen Ländern des Erdkreises las ich auf den Mäulern der diensteifrigen Riesen, die unermüdlich so großen Raum für Millionen schon fruchtbar schufen. Auch an diesem Ort zog ein Sumpf sich einst am Waldrand hin, wo jetzt ein großes Meer aus Ähren wogt.

Was mich betraf, so nutzte ich den glücklichen Augenblick zum Ausdruck meiner Gefühle und Grillen, die der traute Kreis dieses Landlebens heraufbeschwor. Wie glücklich ist doch die Beschränkung, in der diese Menschen leben. Viele Geschlechter reihen sie dauernd an ihres Daseins unendliche Kette, am Busen der Natur sind sie selbst ganz Natur, dem künstlichen Treiben der Städte enthoben.

Dies notiert, verschafften mir ein ähnliches wo nicht gleiches Interesse die Sitten des Landvolks. Dort buhlte ein junger Mann um eine dralle Schöne, der wohlgeformte Schriftzug „AC/DC“ auf schlichtem Arbeitshemd verriet die Zugehörigkeit zu einer noch größeren Gemeinschaft. Das Röslein des Heiden wusste der zudringlichen Griffe sich keusch und mit energischem Gesicht da noch zu wehren.

Im großen Zelt drängten reifere Männer zu den großen Fässern, denen unermüdliche Arbeit tiefe Furchen in charaktervolle Gesichter grub. Wiewohl oft schwankend, wahrten sie doch immer Anstand und Ernst. Derweil erscholl aus schwarzen, wundersamen Kästen ohne Unterlass Musik.

Wandel und Handel vollzogen sich am Rande geselligen Treibens. Hier marteten beide Seiten wortreich um den gerechten Preis. Dreimal schlug dann Hand in Hand, als ein solcher Riese, untereinander Maishäcksler benannt, einen neuen Besitzer fand. Kräftige Wachtmeister mit diensternster Miene kreisten um das geschäftige Treiben, so ungebetene Gäste schreckend.

Bei Sonnenuntergang begann der große Tanz, dessen rauschhaftes Erleben dem Erzähler ein dichter Nebelstreif verbirgt. Wohl aber weiß er, dass er des Morgens als Geweihter in Amors Tempel ruhte …

Johann Wolfgang von Goethe, Reporter

(Bild: wikimedia, CCL)

3 Kommentare

  1. Wolfgang Hömig-Groß

    18. Juni 2011 at 9:36

    Na dann herzlichen Glückwunsch. Auf dass du bleibest im Tempel des Amor immerdar.

  2. Das ist sie also, die deutsche Sprache der Goethes, Schillers und dergleichen, die die Retter derselben immer bewahren wollen? Wann wird sie endlich zur Pflicht für alle Zeitungen und Bücher erklärt?

  3. @ DrNI: Diese Sprache ist immer noch schön, aber unverrückbar an ihre Zeit gebunden. Solch alte Tröster zu lesen, gleicht oft dem Erlernen einer Fremdsprache, obwohl sie doch ebenfalls ‚in Deutsch‘ geschrieben sind. Ein gemächlicher Ausdruck wie ‚Handel und Wandel‘ hat beispielsweise mit dem heutigen Geschehen an den Börsen nicht mehr viel zu tun, nehmen wir ihn jedoch ernst, dann sehen wir auch, was wir verloren haben. So ist es dann auch mit ‚unermüdlicher Arbeit‘, die kein Realist mit offenem Blick mehr als Basis des Wohlstands sehen würde, auch den ‚Erdkreis‘ nimmt höchstens noch der Papst in den Mund, weil in Zeiten der Globalisierung eben vieles nicht mehr so rundherum rund läuft wie dunnemals …

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