Stilstand

If your memory serves you well ...

Texte ohne Wert

Mehr als 60.000 Autoren würden sich bei ihnen auf Textaufträge der Kunden stürzen. Das verkündet uns das Marketing-Portal ‚Textbroker‘ stolz auf der Titelseite seines Angebots. Der Kunde müsse einfach seinen Textwunsch und die erwartete Güteklasse online stellen – und ‚ratzfatz‘ flattere ihm ein professioneller Text ins Haus. Wie hoch aber mag der Lohn jener 60.000 Menschen sein, die als Schreiber diese Zuarbeit leisten?

„Die gelernten, ausgebildeten Autoren schreiben bei uns in der Regel in einer Preisklasse, in der sie mit OpenOrders etwa so viel verdienen wie Freelancer bei lokalen und regionalen Zeitungen.“

Da müssen entweder die Einkünfte für Freelancer in Deutschlands Redaktionen erheblich gesunken sein. Oder aber die Zeilen in den Zeitungen wurden erheblich länger. Denn in eine Zeitungszeile passen in der Regel fünf bis sieben Wörter – und zu meiner aktiven Zeit galt schon ein Zeilenhonorar von 50 Cent als „ausbeuterisch“. Für 100 Wörter gäbe es also ungefähr 10 Euro als Freelancer-Minimum. So viel aber verdienen beim ‚Textbroker‘ noch nicht einmal die dortigen Alphajournalisten, so es sie gibt.

Schlussverkauf im Textbereich

Von diesen sagenhaften Summen kassiert in der Folge der ‚Textbroker‘ als ehrlicher Makler auch noch etwas, denn ein Andreas Wander, der dortige ‚Head of Business Development Deutschland‘, arbeitet sicherlich nicht auf philanthropischer Basis. „Sein großes Team an Sprachwissenschaftlern“ will ebenfalls bezahlt sein. Wo also das Geld beim Autor eher centweise eintröpfeln dürfte, soll es dennoch Textrastellis geben, die „Textbroker-Aufträge für mehrere Tausend Euro im Monat abwickeln“. Aus jahrzehntelanger Schreiberfahrung sage ich: Das klappt dann wohl nur nach der ‚Methode Guttenberg‘ …

Vor allem die BWL-gepolten Kunden aber sind’s zufrieden – über die Entlohnung jener Menschen, die ihnen diesen Text abhaspeln, machen sie sich dabei wenig Gedanken:

„Ich bin ziemlich begeistert. Wenn man mal alle Artikel als ein Auftrag betrachtet, habe ich einen Text mit insgesamt 704 Wörtern zu einem sehr speziellen Thema in nur einem Tag bekommen. Und das für nur 6,53 €.“

Tscha – das wäre noch nicht einmal ein Euro für 100 Wörter. Wer aber ‚als ein Auftrag‘ und ‚in nur einem Tag‘ in seinen Erfahrungsbericht als Schnäppchenjäger unbesehen hineinschreibt, von dem vermute ich einfach mal, dass er selbst über wenig Texturteilskompetenz verfügt. Anders ausgedrückt: Wo jeder Lektor die Hände über dem Kopf zusammenschlüge, erblickt er dann schon ungeahnte Textqualitäten.

Wie dem auch sei, lustiger sind die vielen Kommentare unter diesem Artikel. Einige vermuten ein Copy & Paste als Quelle der textbrokerischen Kuriosa – wie dieser freund der konsequenten kleinschreibung: „zum großteil automatisiert bzw. basiert auf suchen/ersetzen algorithmen. auch steht in den AGB sinngemäß: wir geben uns mühe, copyrightverstöße auszusortieren.“ Das aber ist ein unfairer Verdacht, wie es uns Folgekommentare der Autoren bei Textbroker beweisen: Der eine schreibt, auch wenn er davon nicht leben kann, um sich auf diesem Weg allmählich Professionalität anzutrainieren. Die andere, um Lücken der Langeweile im Hausfrauenalltag zu stopfen. Der dritte mag als Student nicht bei der Post oder sonstwo in Wind und Wetter Pakete stapeln und bessert so sein BaFöG auf – usw., usf.

Eigenartigerweise habe ich keinen Schreiber gefunden, der zu berichten wusste, dass er auf höchster Textbrokerstufe entlohnt worden sei. Vermutlich deshalb befindet sich dort auch dieser eigenartige Bruch der Honorierungssätze zwischen ‚ausgezeichnet‘ und ‚professionell‘ (s.o.). Was mich als alten Zyniker dann an den Schlittenhund denken lässt – und an die Wurst, die man ihm vor die Nase halten muss …

8 Kommentare

  1. Ich schreibe bei textbroker. Leider sind die hier recherchierten Preise falsch. Ich bin bei vier von fünf möglichen Sternen eingestuft und verdiene damit kümmerliche 1,2 cent pro Wort. Fünf Sterne hat wohl niemand – da gibt es dann aber auch „nur“ vier cent pro Wort. Mit anderen Worten: Ihr kritischer Artikel überbietet die Realität bei Textbroker noch ganz erheblich!

  2. @ Schulzer: Naja, die Preisliste stammt von der ‚Kundenseite‘ der Textbroker. Aus der Differenz zu den genannten ‚Autorensätzen‘ lässt sich damit annähernd die Textbroker-Provision bestimmen.

  3. Danke für den Hinweis. Hier dann mal die Verdienste der Autoren (pro 100 Wörter)…

    2 Sterne: 60 cent
    3 Sterne: 90 cent
    4 Sterne: 1,20 Euro
    5 Sterne (quasi nicht vorhanden): 4,00 Euro

  4. Textbroker kenne ich auch, muss aber sagen, dass ich lieber bei Independent Publishing schreibe, da ist die Vergütung besser – „Grundgehalt“ sind 1,4 Cent pro Wort…

  5. Sehr netter Artikel, das mit dem Preisen stimmt so, wobei TB noch 30% Provision kassiert und pro Auftrag noch ein paar Cents (kann man aber alles nachlesen)

    Das dort ausgebildete Autoren schreiben ist mir an sich fast neu, es gibt 5er Texter wobei einige davon aber nicht ausgebildet sind, geschweige denn gelernt – vieles „erlernt“ man sich auf den Plattformen. Sterne-Prinzip ist auf Content-Börsen aber immer mit dem Nachteil behaftet, dass nicht zählt was zählt, sondern was gewünscht wird.

    Und das Ende des vorletzten Absatzes trifft es wohl ganz genau. Viele Studenten, viele Hausfrauen und -männer und wohl noch einige viele mehr, die sich monatlich eben „nur“ 100€ dazuverdienen dürfen.

    Bei Independent Publishing habe ich persönlich noch niemals nie einen Text bekommen, glaube die haben so was gar nicht ;o)

  6. Doch haben die, man muss nur schnell sein 😉

  7. Ich frage mich, warum immer von einem tollen Verdienst ausgegangen wird. Wer behauptet denn, dass man von textbroker ganz toll leben kann und ein Vermögen verdient ?

    Was spricht dagegen, sich in seiner Freizeit nicht mit Chips vollzustopfen und sich vom schwachsinnigen TV- Programm berieseln zu lassen sondern lieber ein Paar Euro durch das Schreiben dazuverdient ?

  8. Nun habt ihr eine Professionelle an Land gespült. Ich verdiene mehrere Tausend im Monat alleine über Textportale, unter anderem über Textbroker, bin in der höchsten Stufe, lege meinen Direct Order Preis selbst fest (was anderes schreibe ich kaum), bin ansonsten Autorin und Verlagsinhaberin, seit 15 Jahren erfolgreich vollberuflich selbstständig im Buchstabenbereich.

    Alles ist gut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑