Stilstand

If your memory serves you well ...

Tanz das Adjektiv!

„Wenn du ein Adjektiv siehst, dann erschieß es!“, forderte einst Mark Twain. Was dieser rabiate Literatur-Cowboy dort auf dem tiefsten Mississippi wohl hierzu gesagt hätte? Vermutlich hätte er die Kavallerie angefordert:

„Auf
seiner
lustigen, lachenden,
grünen,
auf
seiner
lichtjauchzend, lichtjuchzend,
lichtjuchend jubelnden,
traumsonnig, traumselig, traumüppig trubelnden
allkosmisch, eigensphärisch;
kaleidoskopisch
gigantischen,
diesirdisch, utopisch, jenweltlich
atlantischen
faunisch, schalkslaunisch,
phrynisch bacchantischen, orgiastisch, phantastisch,
ziemlich korybantischen,
verzwickt,
verzwackt, vertrackt
trutzigen, verwogen, verwegen, verbogen putzigen,
verlumpludert, verliedert, verduzbrudert
wuzigen
frechfeschforsch, dreistkeck,
venusinisch
paphischen, epikuräisch, sybaritisch, schlemmerisch schlaraffischen,
unerhört,
unbändig, ungestüm,
undegeneriert
hyperanimalischen
(…)
Hallelujawiese
duldet,
leidet, verstattet, erträgt,
zediert, akzeptiert,
privilegiert, ratifiziert, konzessioniert
mein
freies, mein frisches
mein
fröhliches,
weltfrohes, weltfreudiges, weltfeueriges,
alles
eiendes, alles umfassendes, alles seihendes,
alles verprassendes, alles
verzeihendes,
nichts
verpassendes,
nimmer sattes, nimmer mattes, nimmer
müdes,
überschwellendes, überquellendes, überschnellendes
Herz
keine (…) Schatten.

Der seltsame (von mir um ca. hundert Adjektive gekürzte) Text ist von Arno Holz, aus seinem ‚Phantasus‘. Da soll doch noch mal jemand sagen, diese Eigenschaftswörter wären überflüssig, bloßes Ornament! Der Hauptsatz im Kern des Lautgedichts lautet übrigens: „Auf seiner Hallelujawiese duldet mein Herz keine Schatten“. Wie langweilig wäre das denn gewesen …!

6 Kommentare

  1. Mark Twain stammt aus dem tiefsten Missouri (am Mississippi) – oder war seine Mutter eine Flussnixe?

  2. Gut, ich ersetze also ‚aus‘ durch ‚auf‘ – wegen seines ‚Leben auf dem Mississippi‘.

  3. Eine kreative Lösung bei minimalem Aufwand! 😉

  4. Wollte man, um ein „Großer“ zu werden, alle Verdikte und Imperative der Großen befolgen, würde Literatur zu einem Einheitsbrei, von dem man nicht mehr sagen könnte, wer ihn denn geschrieben hat. So hat jeder seine Vorlieben und Ablehnungen.

    Ich erlaube es mir gelegentlich, mit Orthografie und Syntax zu spielen, der einen oder der anderen gar Gewalt anzutun, um einen Text zu spannen, oder den Leser zu zwingen, langsamer, womöglich zweimal zu lesen denn ich wünsche mir aufmerksame Leser.

    So widersprüchlich sein Leben war, so hin- und hergerissen zwischen Journalismus und Schriftstellerei, muss man wahrscheinlich auch diese Aussage lesen: sie gilt dem Moment.

  5. Vermutlich – um eín damals noch ziemlich holzfällerisches US-Publikum auf seine Seite zu bringen – opferte Mark Twain einem sicheren Lacher auch manche Einsicht.

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