Stilstand

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Schlagwort: Zukunft des Journalismus

Fake-News?

A. Paul Weber: Das Gerücht

Der Journalismus war seit Olims Zeiten stets ‚biased‘ – und er wird dies auch immer sein. Hierzu erinnere ich nur an die endlosen Tiraden in allen selbsternannten Leitmedien, dass ‚privat‘ immer besser sei als ‚gesetzlich‘, bis dann die Riester-Rente, die private Krankenversicherung, wie auch die Lebensversicherungen erbärmlich Schiffbruch erlitten. Mit wenigen Ausnahmen standen die großen Medien immer auf der Seite ihrer Herrn, also der werten Anzeigenkunden – und letztlich bestimmte die Verlegerfamilie, was in den Redaktionen täglich Ambach zu sein hatte. Die Tagebücher des Fritz J. Raddatz bieten hierzu einiges an Anschauungsmaterial.

Die Geschichte des Journalismus liest sich also allenfalls bei Preisverleihungen als ein Ruhmesblättchen, faktisch wäre es eher eine Anklageschrift, vom ‚Fleet-Street-War‘ des ersten Krim-Krieges bis hin zum Goebbels’schen Unisono in allen Printerzeugnissen und Volksempfängern, woran schließlich auch Heerscharen von Journalisten dienstfertig mitwirkten, die dann ungebrochen auch in der jungen Bundesrepublik weiter ‚Meinung‘ produzieren durften. Ein Tucholsky, ein Constantin Seibt oder ein H.L. Mencken, das waren und sind immer nur Solitäre in einem ideologisch höchst korrupten Umfeld. Was allerdings ausblieb, war lange Zeit der ‚Untergang der Welt durch schwarze Magie‘, wie Karl Kraus das uneingestandene Bestreben des real existierenden Journalismus nannte.

Insofern hat das Gequake der AfD- und Pegida-Jünger über die ‚Lügenpresse‘ durchaus historische Wurzeln, die aber sehr viel weiter zurückreichen als deren Horizont reicht. Das Problem ist, dass diese Bräunlinge exakt das gleiche Spiel betreiben – nur mit moderneren Mitteln.

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Medienhass

Klar, das ‚Anzeigenvolumen breche weg‚, das ‚Nutzungsverhalten habe sich dramatisch verändert‚ und die ‚Zielgruppen seien volatiler geworden‚. So oder ähnlich tönt es uns aus allen Studien und Gazetten entgegen, dort, wo sie ihre eigene mediale Situation gut strukturalistisch zu reflektieren versuchen. ‚Mehr Qualitätsjournalismus‚ lauten die empfohlenen Gegenmaßnahmen, ‚mehr Syndication‚, also mehr vom Selben in immer mehr Blättern, um so die Kosten zu senken. ‚Paid-Content-Wälle‚ müssten her … wir alle kennen längst die tief ausgefahrenen Spuren in der großen Mediendebatte. Intelligente Ausnahmen sind dabei selten. Ein entscheidender Faktor kommt überall zu kurz: Der werte Leser.

Zeitungen und andere Altmedien werden längst nicht mehr primär für den Leser geschrieben: Die Interessen der Wirtschaft und die geforderten werblichen Punktlandungen aus den Marketing-Abteilungen, die PR-Absichten einer zuliefernden quasi-journalistischen Materialbeschaffungsindustrie … dies alles zählt sehr viel mehr als ausgerechnet das Interesse jener dummen Ferkel am Trog, die das resultierende mediale Mastfutter tagtäglich dann ausschlabbern sollen, damit die Anzeigenabteilung wiederum behaupten kann, das frische und freche Medium würde von den relevanten Zielgruppen auch gelesen.

Das Resultat eines allzu lange betriebenen Kollektiv-Verfahrens war absehbar, aber kaum jemand redet darüber: Es existiert inzwischen eine großer Medienhass in der Gesellschaft, der demjenigen auf ‚die Parteien‘ gleichkommt. Vice versa ist dies verbunden mit jener Verachtung der Leserschaft in allzu vielen Redaktionen, die sich auch stilistisch zunehmend schluderhaft äußert – oder eben gar nicht mehr auszudrücken vermag. Das Publikum würde die herabgefallenen Brocken disparater Weltbilder vom Tisch der Verleger schon fressen.

Genau das eben tut es nicht (mehr).

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