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Schlagwort: Volk

Volk und Volksbegriff

Wenn Rechte vom ‚Volk‘ träumen / Bild: Bundesarchiv, Public Domain

Die scheinbar einfachen Fragen sind oft die schwersten – vor allem, wo in Zeiten von Pegida und AfD der Begriff ‚Volk‘ und seine Zusammensetzungen eine Renaissance erleben. Wer also ist das Volk?

Na ich“, sagt da der Kalle Krawunkel, „ich bin das Volk, oder zumindest ein Teil davon“. Zum Volk zählt er spontan jede und jeden, der in Deutschland geboren wurde. Schon aber beginnt das Dilemma: Müssen die Eltern dann auch ‚deutsch‘ gewesen sein? An diesem Punkt wird die Argumentationsebene schlüpfrig, zum Teil da schon fast ‚völkisch‘.

Im Sprachvergleich zeigt sich, dass es sich beim Wort ‚Volk‘ um eine deutsche Besonderheit handelt. Im Englischen wird ein ähnliches Wort allenfalls gleichbedeutend mit ‚Leute‘ verwendet: „A lot of folks came to the festival, listening to the folk-music.“ Das Staatsrecht dort bezieht sich auf ein „We the people“, aber nicht auf ein ‚folk‘. Im Französischen regiert ‚le peuple‘. In beiden Fällen wären dies schlicht ‚die Leute‘, also jene Menschen, die man so auf der Straße trifft. Im Deutschen gibt es die Bedeutung im Sinne von ‚die Menschenmenge‘ oder ‚die einfachen Leute‘ kaum noch, allenfalls in fast schon altertümelnden Redewendungen: „Viel Volk strömte frohgestimmt zum Zirkuszelt.“

Das deutsche Wort ‚Volk‘ aber, politisch immer in der Einzahl gebraucht, suggeriert hingegen, dass es keine solche Buntheit und Vielheit, sondern dass es ein homogenes Gebilde mit einem einheitlichen Willen gäbe, verbunden durch Blut und Sitte, was zugleich auch der heimliche oder offene Souverän sei. Um zu erkennen, wie pathosbeladen und blutfixiert das deutsche Wort ‚Volk‘ ist, genügt es sich vorzustellen, dass über dem Reichstag schlicht „Den deutschen Leuten“ stünde.

Dazu ist, von der Wortbedeutung her, der Begriff ‚Volk‘ im Kern paradoxerweise wenig ‚souverän‘. Das Wort leitet sich von ‚Gefolge‘ ab, es geht um jene Schar, die einem anderen ‚folgt‘, ‚volkt‘ oder ‚hinterherwackelt‘. Eine ‚Heerschar‘ ist es folglich eher als eine ‚Herrschaft‘.

Historisch gesehen entstand der romantische Mythos vom ‚Volk‘ im Umfeld der gescheiterten deutschen Nationsbildung. Wenn man schon keine toitsche Nation schaffen konnte, so wusste man doch allemal ein imaginiertes ‚Volk‘ hinter sich. Daraus kochte man sich dann seinen ideologischen Ersatzkaffee. Um die Stirn dieses imaginierten Volkes waberte prompt im Laufe der Jahre immer dichterer Mythenqualm, je mehr der Begriff von den Liberalen über die Nationalliberalen bis hin zu den Erzkonservativen eine kurrente Münze wurde.

Alles kulminierte dann im Nationalsozialismus. Die Zahl der Wörter mit der Wortwurzel ‚Volk-‘ wuchs ins Unermessliche – vom Volkstum‘ über den ‚Volksempfänger‘ und ‚Volkskörper‘ bis hin zum ‚gesunden Volksempfinden‘. Denn ‚gesund‘ war das Volk allemal, im Gegensatz zu allem Fremden und Kranken. Letztlich aber blieb das ‚Volk‘ immer nur der Alibi-Begriff für eine Diktatur, wo ein ‚Führer‘ dann den ‚wahren Volkswillen‘ exekutieren durfte, weil er allein die Quintessenz des völkischen Gedankens war. Dieser ‚Volkswille‘, den er ebenso egomanisch wie messianisch verkündete, war allemal nur der seine, für den er dann bloße Akklamation verlangte.

Genau darin liegt auch die Gefahr der Renaissance dieses Volksbegriffs bei Pegida und AfD. Denn das ‚Volk‘ existiert gar nicht. Es gibt nur Millionen von Menschen mit deutschem Pass, die ganz unterschiedliche Ansichten von dieser Welt haben. Und das ist auch gut so, liebe ‚Leute‘ …

Horch, was kommt von oben her

Der Gezi-Park wurde wieder dem Volk übergeben“, meldete der türkische Fernsehsender NTV Anfang voriger Woche. „Derzeit wird es niemandem gestattet, den Park zu betreten.“

Übergeben könnte ich mich bei einer solchen journalistischen Logik allerdings auch. Oder: Vom Volk zum Vervolk … denn das wahre Volk glänzt immer dadurch, dass es gar nicht da ist, wo es nur stört.

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