Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Trump

Same Old Story

CCL / Bundesarchiv, Bild 102-08300 / CC-BY-SA 3.0

Die Aufregung um die Fake-News kann ich nur teilweise nachvollziehen. Ganze Staaten zogen Potemkin’sche Wände aus gefälschten Weltbildern um sich herum hoch – und ich denke dabei keineswegs nur an die Hitler’sche Paranoia, die hinter jeder umgekippten Milchkanne ‚den Juden‘ am Werke sah. Ähnliche Muster gab es auch in Stalins Reich, wo chimärische ‚Trotzkisten‘ für alles Böse in der Welt verantwortlich gemacht wurden. Von Nordkorea oder Kasachstan heute ganz zu schweigen …

Alle Medien – ob Zeitung oder Rundfunk – verbreiteten das Gift dann im ganzen Land. ‚Wir gegen die‘, so hieß und heißt das Muster – auch aus der AfD gibt es in dieser Hinsicht nichts Neues zu vermelden. Nur dass heutzutage jeder Hans und Franz seine verqueren Ansichten über ‚die Ausländer‘ in die Welt tröten darf – statt einer Schar linientreuer Journalisten dunnemals.

Die Ähnlichkeiten sind oft verblüffend. So trieb Mussolini, um seine Virilität zu demonstrieren, seinen Zossen mit nacktem Oberkörper über die Hindernisse im Park. Und er sandte diese Nackedei-Bildchen via Presseverteiler bis den letzten Winkel der Nation hinein. Erinnert das an irgendwas aus heutiger Zeit? – Ja, mich auch!

Ferner war Mussolini der größte Apostel des eigenen Personenkults. Überall an den Wänden hingen im Regierungssitz tapetengleich die Bilder und Titelseiten, auf denen er in heroischer Pose zu sehen war. Vermutlich guckte dieser Mann sich an sich selbst besoffen. In seiner Operettenhaftigkeit erinnert mich das aktuell an einen Mann mit Goldhamsterfrisur. Bloß an wen, an wen …?

Im Rückblick

Luther mit des Teufels Dudelsack, 1535, Eduard Schoen

Luther als des Teufels Dudelsack, 1535, Eduard Schoen

Fast schon prophetisch erscheinen mir einige Passagen, die ich über Luthers ‚erste Medienrevolution‘ im Jahr 2010 für das Gottlieb-Duttweiler-Institut schrieb:

„Der große Alphabetisierungsschub der ersten Medienreformation setzt sich in einer zweiten Welle also fort. Vor allem aber fließen die Kanäle des Informationsgeschehens nicht länger ausschließlich in eine Richtung – hinab von den massenmedialen Höhen hin zu einer aufklärungsbedürftigen Menge dort unten in den Niederungen des Alltags. Die Umkehr der Fließrichtung ist vermutlich soziologisch das bedeutsamste Ereignis der zweiten Medienreformation, sie ist in ihren Folgen noch gar nicht abzusehen. Das alte Habermas’sche Modell bebt jedenfalls in allen Fundamenten, jene Welt, wo aufgeklärte Mandarine mittels eines elitären Diskurses vermittelt über die Massenmedien eine „formierte Gesellschaft“ erzeugen. Hier ist längst eine große Meuterei ausgebrochen: Die Mannschaft drängt mit Macht auf die Brücke.

Da liegt auch die Chance – oder die Gefahr – der neuen digitalen Medienreformation: Fänden die zwei Katalysatoren je zusammen, ein neuer gesellschaftspolitischer Bedarf und eine innovative Technik in der Hand von Laien, dann stünde uns vielleicht eine erneute Reformation ins Haus.

Denn im Netz türmt sich inzwischen meterhoch der Zunder, vom Demokratiedefizit im Parteienstaat über die fehlende Sensibilität für die Datenfreiheit bis hin zum überhandnehmenden Lobbyismus auf allen Altkanälen – nur die zündende Flamme fehlt bisher, ein Ereignis, eine Idee oder eine Person, die den Funken schlägt. Wenn es jemals dazu käme, würde die Bewegung wohl absehbarerweise ‚kulturkonservativ‘ sein, so wie einst die Reformatoren – sie würde die ‚alten Rechte‘ der Demokratie einklagen, um unwillentlich auf diesem Weg etwas ganz Neues zu schaffen.“

Dass ein Reality-Show-Tycoon mit einer Goldhamster-Frisur dabei herauskäme, habe ich damals allerdings noch nicht gedacht …

Multi Stulti

Multikulti sei gescheitert, das bewiese Trump’s Wahlsieg in den USA. Diese verquere Ansicht versuchte uns gerade Niedersachsens AfD-Hampel im Deutschlandfunk zu verklickern. Fakt ist: Wenn irgendwo von einem Multikulti-Land die Rede sein kann, dann doch wohl in den USA, dieser weltweit führenden Industrienation, mit ihrer wilden Mischung aus Briten, Iren, Franzosen, Deutschen, Latinos, Chinesen und Schwarzafrikanern.

Kurzum: Eine krude Ideologie führt regelhaft dazu, dass man das Offensichtliche nicht mehr erkennt, selbst wenn man derart Verblendete mit der Nase darauf stößt. Für Armin-Paul Hampel sind die USA wohl schlicht eine ‚gescheiterte Nation‘. In der Realität handelt es sich um einen Migranten-Staat, der die ‚Bio-Amerikaner‘ nahezu ausgerottet hat.

Nebenbei: In seinem vielgerühmten Russland ist die Putin’sche Spezialmischung noch sehr viel mehr ‚multikulti‘ als in den USA.

Doch weiter im großen Gehampel: Die Annexion der Krim sei deshalb rechtmäßig, weil ja der Kiewer Rus die Keimzelle Russlands gewesen sei. Aha? – Was aber wäre – angesichts solcher Ausflüge in die graue Vorzeit –  dann mit den Türken, welche die Krim noch wesentlich länger beherrscht haben? Oder gar mit Griechenland, unter deren Herrschaft die Krim während der Antike prächtig florierte?

Für so viel anti-intellektuellen Mist, wie ihn Armin-Paul Hampel ständig produziert, habe ich vor meiner Tür gar keinen Platz …

Dumpf ist Drumpf

Francisco Goya: Saturn frisst seine Kinder / Public Domain

Francisco Goya: Saturn frisst seine Kinder / Public Domain

Dieser großschnäuzige Enkel der deutschen Einwandererfamilie Drumpf ist also jetzt der mächtigste Mann der Welt – und prompt will er die Einwanderer rausschmeißen. Was von seinem begrenzten intellektuellen Horizont zeugt. Vielleicht hat er aber auch nur den Affen seiner Wählerschaft Zucker gegeben.

Ob von anderen wilden Forderungen viel übrig bleiben wird, müssen wir abwarten. Trump hat schließlich lange schon notorisch gelogen. Morgens wollte er dann regelmäßig nicht mehr wissen, was er abends gesagt hat. Gefährlich aber ist das „Ich, Ich, Ich!“ dieses entgrenzten Egomanen, die Neigung zu überschießenden Spontan-Handlungen und seine gnadenlose Selbstüberschätzung, die ihn ständig auf bewimpelten Podien im God-Like-Modus operieren lässt. Sozialer Fortschritt ist von einem Mann jedenfalls nicht zu erwarten, der als erstes die allgemeine Krankenversicherung wieder abschaffen will. Eher schon dürfte das ‚Gesetz des Dschungels‘ überall in den USA um sich greifen.

Die ‚letzte Hoffnung des weißen Mannes‘ ist jedenfalls keine. Daran allerdings trägt Joe Sixpack selbst die Schuld. Wer falschen Propheten hinterherläuft, wird am Opferstock zur Kasse gebeten.

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