Weil ich gerade in einem Ordner darauf stieß – und weil es so gar nicht in die Jahreszeit passt: Hier eine Weihnachtsgeschichte die ich vor drei Jahren für die Kinder im Dorf zum Adventssingen schrieb, um sie ihnen dort vorzulesen.

Van Gogh

Die kleine Teresa war sauer. Da hatten die Großen vergessen, in Hedern die Wunschzettel der Kinder in den Briefkasten zu werfen, und jetzt sollte sie deren Schlamperei gerade bügeln. In Eilte ging‘s mit dem Fahrrad über die Allerbrücke, kurz vor Bierde dann rechts, in den Wald hinein, an der dritten Fichte links, und hundert Meter hinter dem Hochsitz dann dreimal fest auf den Fuchsbau treten …

Oops – fast wäre sie von der Himmelsleiter erschlagen worden, welche plötzlich durch die Baumwipfel rauschte. 3.679 Stufen zählte sie, bis sie endlich auf Wolke Sieben schnaufend vor dem Himmelstor stand. Ringsum ertönte Gehämmer und emsiges Geklapper, Rentierschlitten rauschten vorbei, ein leicht schmuddeliger Engel kippte einen Eimer mit Spülwasser achtlos über den Rand der Wolke. Teresa drückte auf den großen roten Knopf rechts neben der Himmelstür.

„Ja, bitte!“ – eine herrische Frauenstimme fauchte aus dem Lautsprecher. „Bestimmt die Sekretärin“, dachte Teresa – und sie fiepste zurück ins Mikrofon: „Ich möchte zum Herrn Petrus und danach noch zum Knecht Ruprecht.“ Der Summer ertönte – und wie von Engelshand öffneten sich vor Teresa die mächtigen Portale der Himmelstür. Auf dem langen Korridor brannten karge Neonlampen, rechts und links gab es lange Reihen von geschlossenen Türen. „Ähnlich wie bei Onkel Herbert in der Firma“, schoss es unserer Hederner Abgesandten durch den Kopf.

In der Ferne tauchte jetzt ein Herr im dunklen Anzug auf. Er bellte etwas Unverständliches in sein Handy und schritt rasch auf Teresa zu. „Dr. Peter Petrus mein Name“, sagte er: „Ich bin hier der stellvertretende Geschäftsführer. Was kann ich für Sie tun?“ – – – „Und ich bin die Teresa aus Hedern“, sagte Teresa: „Sie müssen mich aber nicht siezen. Das macht mich verlegen.“ – – – „Okay, okay, also worum geht‘s?“ – – – „Unsere Eltern, diese Dösbaddel, haben vergessen, die Wunschzettel rechtzeitig einzuwerfen. Und jetzt könnte es passieren, dass die Kinder im Dorf zu Weihnachten gar nichts kriegen.“ – – – „Das könnte allerdings passieren“, sagte der Herr Petrus: „Es ist ja auch schon reichlich spät. Am besten, ich zeige dir mal unsere Werkstätten, damit du siehst, was hier in der Saison so los ist.“ Er winkte Teresa mit dem Zeigefinger, ihm zu folgen …

Rechts und links auf dem Flur standen jetzt endlose Reihen von Paletten voller Weihnachtsgeschenkpapier an der Wand, statt der Türen gab es Tore mit Rollblech an den Seiten. Die große Halle, in die Petrus jetzt abbog, wimmelte von Leben. Kreuz und quer schlängelten sich die Transportsysteme durch die hohen Räume, dicht an dicht ruckelten die Pakete durch die Luft, ab und zu wurde eins in eine silberne Rutsche geschubst, es sauste hinab, wo erschöpfte Engel standen, die es in Rentierschlitten wuchteten, auf denen ‚Dresden‘, ‚Lübeck‘, ‚Idar-Oberstein‘ oder ‚Quakenbrück‘ stand. „Wo ist denn der Rethemer Schlitten?“, fragte Teresa einen der Paketschmeißer.  „Co ty mnie o to pytasz?“, antwortete der Angesprochene. Teresa guckte ratlos. „Das ist einer unserer Leihengel aus Polen“, erläuterte Petrus den Sachverhalt: „‘Warum fragst du mich das‘, hat er gesagt.“ Teresa guckte den obersten Schlüsselverwalter ratlos an.

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