Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Satire (Seite 2 von 2)

Being Sarrazin

Der Weg zu Reichtum und Popularität ist so leicht, setzt man nur einige Grundregeln verquerer Argumentation gezielt zur Übertölpelung ein. Da ich euch eine Zukunft in Ruhm und Reichtum nicht verbauen will, findet ihr hier einige probate Hilfsmittel aus der bewährten argumentativen Grabbelkiste mit der Aufschrift ‚Methode Sarrazin‘:

Baue dir zunächst einen Popanz, der eine bloße Korrelation (ein gleichzeitiges Auftreten) mit einer Kausalität (Ursache) gleichsetzt: Die Bildung in Deutschland nähme mit der importierten Döner-Menge besonders im gehobenen Bürgertum rapide ab. Schon kann man’s doch mal wieder sehen. Bloß nicht an dir …

Haue nach Kräften auf andere ein und argumentiere stringent ‚ad hominem‘: Nenne insbesondere die ‚Gutmenschen‘, die ‚Multi-Kulti-Romantiker‘, die ‚kinderlosen Frauen‘, die deine Probleme allesamt verantwortungslos ignorieren und aus falsch verstandener Humanität verschweigen …

Interpretiere und zitiere Autoritäten nach Belieben, auch wenn die deine Resultate gar nicht teilen: Berufe dich zum Beispiel auf eine bekannte Bevölkerungswissenschaftlerin, die sich prompt verbittet, von dir vereinnahmt zu werden. Was aber keiner merkt, der nur dein Buch liest. Warum schreibt sie nicht auch so erfolgsorientiert wie du …

Male den Teufel an die Wand, indem du alle Nachteile dieser Welt auf ‚falsche Entscheidungen‘ deiner Kontrahenten schiebst: Die Politiker hätten jahrelang die Augen verschlossen vor jenen Gefahren, die du als Einziger und als Prophet des unaufhaltsamen Niedergangs in deiner großen Wagalaweia-Glaskugel zu erblicken vermagst …

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Beelzebub kündigt

Liebe Christen, Satanisten und Zyniker,

von heute an müsst ihr allein für die himmlische Gerechtigkeit sorgen. Ich bin schlicht amtsmüde, weil der Arbeitsalltag in meinem Job mit meiner Aufgabenstellung immer weniger zu tun hatte. Zwar durfte ich weiterhin den einen oder anderen Bischof mit pharisäerhaft gefalteten Pfötchen gen Hölle spedieren, auch mal einem verblichenen Bandido mit glühenden Zangen die Tattoos vom Leibe reißen, oder einem wortbrüchigen Provinzpolitiker die eigenen Statements den Hals hinabschieben, bis ihm die dampfenden Lügenexkremente aus dem After liefen, an die wirklich dicken Fische aber ließ man mich nicht mehr heran.

Bekanntlich bin ich als Herrscher des dunklen Reiches nur der zweite Mann im Staate Ecclesia. Das setzte meiner Wirksamkeit zunehmend Grenzen. Himmel und Hölle harmonierten nicht mehr. Wollte ich mir sonntags mal etwas besonders Gutes gönnen, einen Bankster, der Tausenden von Familien die Existenz geraubt hatte, oder einen Derivate-Spekulanten, der um seines eigenen Vorteils willen ganze Staaten auf Generationen hinaus am Hungertuch nagen ließ, dann ertönte mir aus Richtung Himmelspforta immer öfter ein herrisches „Systemrelevant!“ entgegen. Bei allem Respekt vor dem Alten dort oben, so konnte es nicht weitergehen!

Gefürchtet muss ich sein, sonst ist mein Reich weder von dieser noch von jener Welt. Um nur kleine Schurken unter glühender Asche in Ewigkeit barmen zu lassen, dazu bin ich mir zu schade, dazu nehme ich meine Aufgabe auch viel zu ernst. Wenn ein Ackermann im Himmel mit gespreizten V-Fingern Cancan tanzen darf, während ich gerade einen popligen Amokläufer oder ein anderes Würstchen auf dem Rost wenden muss, dann steigt mir die bittere Galle hoch. Hinzu kommt jene um sich greifende und wahrhaft ehrverletzende Moral, wonach plötzlich alle sieben Todsünden „marktgerecht“ und „ökonomisch rational“ genannt werden müssen. Was nützt es mir da, wenn ich die Journalisten, also die Posaunen dieser Leute, grillen darf, die Stichwortgeber und wirklich dicken Hunde aber zu unantastbaren Heiligen erklärt werden, denen nur die Seligsprechung zum ewigen Leben noch fehlt.

Kurzum: Mein Job bringt mir keinen Spaß mehr. Ich lege mit dem heutigen Tage das Amt nieder und werde Investmentbanker.

Euer Horst Belial

Öchsperten – ein altes Problem

Wenn daher die Wilden meinen, die Affen reden nicht, um nicht arbeiten zu dürfen, so irren sie sich: denn bei uns reden sie eben deswegen.
(Jean Paul: Bittschrift der deutschen Satiriker. II, 1, 607)

Übersetzungshilfe

Heute geht es um Begriffe auf der FDP-Homepage, die ohne eine solche Übersetzungshilfe von bloß Deutschsprachigen am Ende falsch verstanden werden könnten:

Freiheit: Die Lizenz, ungestört Geschäfte zu machen, ohne von lästigen Gesetzen, Verbraucherschutzbestimmungen oder Datenschutz-regelungen daran gehindert zu werden.

Leistungsträger: Menschen, die vormittags Golf spielen, um ihre Leistungskraft zu erhalten, weil ihnen dank Kapitaleinkünften eine regelmäßige, produktive Arbeit verwehrt ist. Sie müssen sich stattdessen mit muße- und verdauungsförderlichen Vorstandsposten begnügen. Arme Säue, sozusagen …

Pflegequalität: Füttern, Waschen, Ruhigstellen.

Bürgergeld: Populistischer Trickbegriff zur Senkung von Hartz IV und Sozialhilfe.

Privat: Haupteigenschaft einer himmlischen Welt, die allen Nichtzahlern, Nichtberechtigten und sonstigen Minderleistern endlich konsequent den Zutritt verwehrt. Der Gegensatz lautet ‚öffentlich‘, womit ein düsteres Reich ‚Mordor‘ beschrieben ist, in dem die Teufel der ‚Bürokratie‘ allen Leistungsträgern (s.o.) das Fell bei lebendigem Leib über die Ohren ziehen. Die Schmerzensschreie sind bis tief hinein in den Bereich der Qualitätsmedien zu hören.

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Diese Regierung taugt was!

Das Gemoser über Schwarzgelb allerorten – ich kann es schon nicht mehr hören! Tut diese Regierung etwa nichts für ihr Volk? Hat sie nicht einen leibhaftigen Gute-Laune-Bär als Vizekanzler und Außenminister installiert, damit wir immer etwas zu lachen haben – auch wenn harte Zeiten kommen sollten? Ist nicht vieles, von dem, was die neue Regierung sagt und beschließt, am nächsten Tag schon blanker Dadaismus – und damit Teil des lustigsten Literatur-Genres, das in Deutschland je existierte? Was also soll die ewige Miesepeterei? Lachen ist die beste Medizin, wenn der Arzt zu teuer wird.

Schon kommen überall diese Moralisten aus ihren Löchern gekrochen, diejenigen, die es vor vier Wochen versäumten, SPD zu wählen – ‚Entsolidarisierung‘ wispert es von ihrer Seite, geraunt wird von ’sozialer Kälte‘ und ‚Umverteilung‘. – Ja, Herrgott nochmal, Moral zu haben, das ist billig, das ist die leichteste Übung von der Welt! Zur Moral führt eine breite, vorgewärmte und eingeseifte Konsens-Rutschbahn mitten hinein ins bürgerliche Leben. Auf Moral kann sich jeder Trottel einlassen, ohne deshalb in Gefahr zu geraten, aus der Bahn zu fliegen. Wie viel schwerer aber ist die Unmoral: Meterhohe Hecken aus stacheligen Skrupeln gilt es zu überspringen, den Alpdruck des besseren Ich abzuwerfen. Durch das Nadelöhr des Zynismus passt alles, aber in Ewigkeit kein Kamel. Dagegen ist der Weg in den Himmel mit Sprichwörtern und Gemeinplätzen stolperfrei gepflastert, und an jedem Kirchentor wartet eine bequeme Ruhebank fürs gute Gewissen. Kurzum: Mehr Menschlichkeit, das muss jetzt auch und vor allem für unseren Umgang mit schwarzgelben Amoralisten und den hart arbeitenden Leistungsträgern des Egoismus gelten!

Freibier, das allerdings wäre etwas, was die Koalition nachträglich in den Koalitionsvertrag hineinschreiben sollte. Erstens käme das – so hört man – den Interessen unseres neuen Wirtschaftsministers entgegen. Und zweitens sind Besoffene zwar schon von Barhockern gefallen, aber noch nie von einer Barrikade. Mit zwei Promille knüpft auch niemand mehr einen Henkersknoten.

Unsere hervorragende neue Regierung sollte bei allen ihren Maßnahmen daher immer die gute Laune des Volkes im Blick behalten. Dann klappt das auch mit den Schweinereien wie von selbst …

Kairo?

Ach ja, unser Herr Guttenberg, dieser Freiherr von Irgendwas, Irgendwoher und Irgendwozu im Banne ihm entfleuchter Schicksalsstunden. Schöner als die Heike Göbel, die in ihrem FAZ-Blog diesen graecomanen Politwelpen am Halsband ins Licht der Öffentlichkeit hob, weshalb Merkels wundersame Wunderwaffe sich dann in seinem altphilologischen Fressnapf anschließend selbst ersäufte – oder so – schöner kann ich’s auch nicht sagen.

Hier steht dies Zitat schlicht zur Dokumentation hervorragender Texte im Internet, die heutzutage dank verlegerischer Harnverhaltung gar nicht mehr gedruckt werden würden, und daher wie die Stadtmusikanten nach Digitalien auswandern müssen – ferner zur gefälligen Laxation all jener Journalisten, die keine Ohren mehr am Kopf tragen, die vor jedem Fremdwort stramm stehen, sofern es ihnen noch nie unterkam, und die sich vor devoter Bewunderung ihres neuzeitlichen bayrischen Hohlmaßes gar nicht mehr zu fassen wissen:

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