Mark Duggan, ein schwarzer Familienvater und Bewohner Londons, wurde in einem silbernen Toyota-Van am Donnerstag, dem 4. August 2011 um 18:15 Uhr in der Londoner Ferry Lane, nahe der Tottenham Hale Tube Station, von Polizisten angehalten. Soweit ist hieran nichts Ungewöhnliches, schwarze Bewohner der Stadt werden ungefähr dreißigmal so häufig von der Polizei gestoppt und anschließend durchsucht wie die Weißen. Scotland Yard behauptete später, Duggan habe dann zunächst auf die Polizisten geschossen, woraufhin diese zurückgeschossen hätten. Inzwischen musste der Yard einräumen, dass Duggan keineswegs auf Polizisten geschossen hat.

Diese Tat, die für viele Bewohner einer Hinrichtung glich, stand also am Anfang der ‚Riots‘, keineswegs handelte es sich um eine ’spontanen Ausbruch‘ unkontrollierter Gang-Gewalt, sondern klarerweise um eine Folge von Polizeigewalt. Auch ist es, um gleich mit einem zweiten Mythos aufzuräumen, angesichts des Schusswaffengebrauchs wohl keineswegs so, dass Londons Polizei immerzu nur ‚bobby-mäßig‘ mit dem Schlagholz bewaffnet durch die Straßen der Hauptstadt patroulliert.

Das Bild der britischen Polizei war zu diesem Zeitpunkt bereits erheblich angekratzt. Seit den Zeiten von ‚The Clash‘ ist es für Jugendliche aus Armenvierteln klar, wo ‚der Feind‘ zu suchen ist, eine lange Kette von Polizeiübergriffen durchzieht die britische Gesellschaft seit den 80er Jahren. Hinzu kommt die Korruption in vielen Polizeidienststellen, die im Zuge der News-of-the-World-Affäre kürzlich erst aufflog. Dass zudem die britische Polizei nicht ohne Grund ‚rassistisch‘ genannt werden darf, ist in England ein offenes Geheimnis, hierzu reicht es, die Zahl der Menschen schwarzer Hautfarbe, die im Polizeigewahrsam ‚versterben‘, mit derjenigen anderer ethnischer Gruppen zu vergleichen.

„Es ist Straßenkapitalismus – die Jugendlichen ahmen das nach, was die Banker am anderen Ende des Spektrums tun“, sagt der britische Historiker Clive Bloom. Diese These ist nicht unbegründet, Menschen, vor allem ungebildete Menschen, ahmen immer das nach, was ihnen vorgelebt wird. Und wenn sich ‚die da oben‘ schamlos, unmäßig und allemal auf Kosten der Gesellschaft bereichern, warum sollte das ‚denen da unten‘ verboten sein? Kurzum – es ist ein chancenloser ‚Klassenkampf‘ um knapper werdende Ressourcen, der allerdings nicht auf klassisch marxistischen Bahnen ausgetragen wird. Die Ansichten und die ‚Weltanschauungen‘ dieser Armen sind nicht länger ‚organisiert‘ und theoretisch durch Parteiprogramme gestützt, die Zerschlagung der ‚Unions‘ macht sich hier negativ bemerkbar. Es ist eine eher diffuse Ansicht über die Gesellschaft, die sich in ‚Wir hier‘ und ‚Die da‘ gliedert. Was aber noch nicht heißt, das diese Sicht angesichts der Vermögensentwicklung falsch ist. Weiterhin spielen eine Fülle von Störfaktoren hinein, die kein klares Bild von ‚reich‘ gegen ‚arm‘ mehr erlauben: Schwarze gegen ‚Pakis‘, grenzarme Muslime, die ihr Eigentum gegen den weißen oder schwarzen ‚Scum‘ verteidigen … usw. Diese ‚Rioters‘ sind keinesfalls homogen.

So überfuhren in Birmingham zwei Jugendliche und ein Erwachsener drei muslimische Asiaten, die sich – mangels Polizeihilfe – gegen die Plünderer zu einer Bürgerwehr zusammengeschlossen hatten. Bis heute schweigt die Polizei beharrlich zur Herkunft der Täter. Solange dies so ist, könnte es sich ebenso gut um rechtsextremen ‚White Trash‘ gehandelt haben, der unter dem Schutz der Riots sich endlich einmal ‚ausleben‘ durfte. Kurzum – wenn es sich um organisierte ‚Gangs‘ gehandelt haben soll, wie Cameron jetzt ebenso vorschnell wie unbedacht heraustrompetet, dann sind es zumindest ganz viele Gangs, die eher Stoßtrupps gleichen, und nur wenig miteinander zu tun haben.

Ich selbst glaube auch nicht an diese Gang-These: Ich glaube eher an ein verarmtes, chancenloses Prekariat von Einzeltätern, seit Jahren durch die gleichen erbärmlichen Lebensverhältnisse geprägt, das sich im Falle eines Falles mittels neuer Medien blitzschnell zu einer ‚Cloud‘ zusammenschließen kann. Duggan’s Tod legitimierte ihr Handeln, zumindest in ihren Augen. Sie praktizierten in der Folge jenes ‚Jeder für sich und Gott gegen alle‘, das ihnen die Oberschicht seit Jahrzehnten schon vorlebt. Es handelt sich für mich um das Bild des Volksaufstands in den Zeiten des Neoliberalismus. Dass es allemal besser gewesen wäre, dieser Aufstand hätte sich im Bankenviertel oder in Londons Westend ausgetobt, ist unbestritten … so, wie er verlief, traf er die Falschen.

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Nachtrag: Immer wieder erstaunlich ist die Schizoidität der ‚Welt‘, wo neben dem ausgemachtesten Poschardt’schen Blödsinn dann wiederum solche Texte zu finden sind: „Wie soll man von einem Ministerpräsidenten denken, der weiß, dass die Familien dieser Kinder seit drei Generationen arbeitslos sind, und sich doch darüber wundert, dass sich in seinem Land Gewalt Bahn bricht …?“