Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Rhetorik (Seite 2 von 2)

Wort und Tat

Meine eigentlichen Vorbilder sind eher die guten Rhetoriker. Ehrlich, häufig wird schlechtes Deutsch verwendet. Auch wenn ich manchmal vielleicht etwas flapsig herüberkomme, das alles passiert idealerweise in hundertprozent korrektem Deutsch.“

Dieser Wahn aber ist noch nicht alles – schon folgt die erneute Probe aufs Exempel:

„Du bist als Kommentator bewaffnet bis über beide Backen. Häufig wirst du nur fünf Prozent los. … Ich merke bei Reaktionen im Stadion oder auch auf der Straße, dass meine Art beim Zuschauer wohl irgendwie ankommt. Ernst Huberty hat mal gesagt, wenn du 50 Prozent bei dir hast, dann ist es schon außergewöhnlich.“

‚Irgendwie‘ passt das für mich auch ‚idealerweise‘ nicht zusammen. Vermutlich liegt’s daran, dass ich mir ‚bis über beide Backen‘ allenfalls die Hose ziehe – und wenn ich sie dann herunterlasse, muss alles raus, nicht ’nur fünf Prozent‘ …

Sarah Palin redet

Und zwar exakt so, wie ihre Anhängerschaft denkt – im schönsten Krausimausi-Stil:

„Und keiner hat bisher, keiner hat dem amerikanischen Volk bisher erklärt, was sie wissen, und sie wissen sicher mehr, als der Rest von uns weiß, wer es sein wird, der die Stelle von Mubarak einnehmen wird, und nein, nicht, nicht wirklich begeistert darüber, was es ist, das auf der nationalen Ebene und aus Washington getan wird, um die ganze Situation da in Ägypten zu verstehen.“

Wow, diese Pointen, diese treffsicheren Bonmots, diese Zitierfähigkeit all ihrer Aussagen! Kurzum: Alle Brabbels verehren die Brabbels wegen deren Gebrabbels als ihresgleichen …

Being Sarrazin

Der Weg zu Reichtum und Popularität ist so leicht, setzt man nur einige Grundregeln verquerer Argumentation gezielt zur Übertölpelung ein. Da ich euch eine Zukunft in Ruhm und Reichtum nicht verbauen will, findet ihr hier einige probate Hilfsmittel aus der bewährten argumentativen Grabbelkiste mit der Aufschrift ‚Methode Sarrazin‘:

Baue dir zunächst einen Popanz, der eine bloße Korrelation (ein gleichzeitiges Auftreten) mit einer Kausalität (Ursache) gleichsetzt: Die Bildung in Deutschland nähme mit der importierten Döner-Menge besonders im gehobenen Bürgertum rapide ab. Schon kann man’s doch mal wieder sehen. Bloß nicht an dir …

Haue nach Kräften auf andere ein und argumentiere stringent ‚ad hominem‘: Nenne insbesondere die ‚Gutmenschen‘, die ‚Multi-Kulti-Romantiker‘, die ‚kinderlosen Frauen‘, die deine Probleme allesamt verantwortungslos ignorieren und aus falsch verstandener Humanität verschweigen …

Interpretiere und zitiere Autoritäten nach Belieben, auch wenn die deine Resultate gar nicht teilen: Berufe dich zum Beispiel auf eine bekannte Bevölkerungswissenschaftlerin, die sich prompt verbittet, von dir vereinnahmt zu werden. Was aber keiner merkt, der nur dein Buch liest. Warum schreibt sie nicht auch so erfolgsorientiert wie du …

Male den Teufel an die Wand, indem du alle Nachteile dieser Welt auf ‚falsche Entscheidungen‘ deiner Kontrahenten schiebst: Die Politiker hätten jahrelang die Augen verschlossen vor jenen Gefahren, die du als Einziger und als Prophet des unaufhaltsamen Niedergangs in deiner großen Wagalaweia-Glaskugel zu erblicken vermagst …

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Nebelbomben werfen

Auf Kritik antwortet ein normaler Mensch, indem er die Argumente der Kritiker widerlegt und entkräftet. Nicht so Guido Westerwelle. Statt zu sagen, weshalb die persönliche Auswahl einer Außenminister-Entourage aus Event-Managern und selbsternannten Asienberatern den Südamerika-Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland mehr nützen soll, als eine vom diplomatischen Korps vielleicht seriöser und effektiver zusammengesetzte Delegation, da wittert er stattdessen eine politische Verschwörung und betreibt auf dem NRW-Parteitag der FDP das gute alte ‚Rally around the flag‘: Der Führer der verschworenen Clique brüllt dann lauthals ‚Zu mir, Überfall!‘ – und alle Getreuen scharen sich fest um den Maximo Leader. Zu besichtigen war dies eben dort …

Eine linke Mehrheit wolle also an die Macht, so Westerwelle, dies bildet den fixen Kern seiner Verschwörungstheorie. Ja, Herrgott! Erstens müssen von der FDP aus gesehen alle anderen Parteien derzeit wohl ‚links‘ erscheinen, zweitens ist es in demokratischer Hinsicht völlig legitim, dass in einem Wahlkampf andere demokratische Parteien selbst ‚Großwezir anstelle des Großwezirs‘ werden wollen. Bekanntlich ist das der Sinn aller Politik in einer Demokratie: Friedlichen Wechsel auf Wunsch des Wählers herbeizuführen – oder auch nicht.

Was Westerwelle rhetorisch zur Zeit betreibt, das ist das probate Mittel all derer, die nichts mehr auf der Pfanne haben, als ihr Feindbild. Blanke Selbstverständlichkeiten werden dann mit dem krakeelenden Gestus eines Volkstribunen herausgetutet, die Hormone des Publikums werden mit Hilfe von Reizvokabeln aufgequirlt. Er sei der letzte Aufrechte, schreit er dann, ein Märtyrer der Wahrheit, der sich einzig und allein noch das zu sagen traue – was doch längst die Spatzen von allen Dächern pfeifen: In NRW steht am 9. Mai, wenn sich die Auguren nicht fundamental irren sollten, eine linkere Mehrheit tatsächlich vor der Tür. Also eine Mehrheit ganz ohne FDP, auch deshalb, weil sich deren Anführer längst vollends unmöglich gemacht hat.

Auf wen Westerwelle mit seinen verbalen Nebelbömbchen hofft? Ich nehme mal an, auf die Armen im Geiste … im Falle der FDP also auf das Fähnlein der letzten Aufrechten …

Ein gelungener Chiasmus

Banken, die mit Staatsgeld vor dem Bankrott bewahrt wurden, spekulieren nun auf den Bankrott von Staaten.“

Der Politiker, der in der Opposition gegen die Regierung krakeelte, opponiert als Regierung dann gegen die Krakeeler. Kreuzstellungen wirken immer intelligent und witzig … mit anderen Worten: Diese rhetorische Figur bringt die Zuhörer auf unsere Seite.

Seriöser Stil

Wenn mein Vater einen Text als ‚unseriös‘ einstufte, dann waren die ’seriösen Quellen‘, die er stattdessen einforderte, allemal diejenigen, die seiner Meinung entsprachen. Der Spiegel war also per se unseriös – und die FAZ seriös. Denn die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die konnte er ‚ernst‘ nehmen – die ‚linke Kampfpresse‘ rund um den Spiegel dagegen nicht. Vom lateinischen Wörtchen ’seriosus‘ für ‚ernst‘ leitet sich dieser Begriff ‚Seriosität‘ auch ab.

‚Unseriös‘ waren meinem Vater aber auch Haustürvertreter, Politiker, Gewerkschaftler und Rechtsanwälte ohne Notarstitel, dazu alle Verträge, die mehr als eine Seite Kleingedrucktes benötigten, amerikanische ‚Negermusik‘, italienische Autos, die Katholiken und vieles mehr. Seriosität meinte für ihn immer auch das Bewährte und das Bekannte, die Grenze verlief entlang seiner Vorurteilsstruktur – und gerade diese Bedeutungsebene führt uns näher heran an das Phänomen eines seriösen Stils.

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Die Paraphrase oder: ‚Smokey‘ smökt sich wat tosamm’n …

Ein Beitrag zum Thema ‚Angewandte Rhetorik für Anfänger‘ möge diesen Sonntag beschließen. Vielleicht wird ja eine Serie daraus. Heute – ‚die Paraphrase‚, auch ‚Umschreibung‘ genannt. Hier also die Frage: Wessen strunzdummen Wortbeitrag habe ich in dem folgenden Zitat aus Gründen der Aufklärung durch welche Veränderung verfremdet bzw. ‚paraphrasiert‘?

„Dabei darf man nicht vergessen, dass Charisma für sich genommen noch keinen guten Politiker ausmacht. Auch Helmut Schmidt war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.“

Guckst du hier – weißt Bescheid …

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