Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Rhetorik (Seite 1 von 2)

Die AfD-Rednertypen

(Bundesarchiv / CCL)

Gauland: Opa-Sprech mit angeklebtem Philosophenbart
Höcke: Augenverdrehendes Anhimmeln einer großen Ich-Nation.
Petry: Plapperinieren im High-Speed-Modus
Frohnmaier: Gewaltphantasiepralles Tresengedöns
Bachmann: Grammatikfernes Borderlinern im Teneraffa-Stil
Poggenburg: ‚Lost in the Shuffle‘ zwecks anakoluthischer Erheiterung
Holm: Schmalzige Moderatoren-Anmache mit RTL2-Gedankentiefe
Meuthen: Unsinn, tief im beschlipsten Intelligenzpelz versteckt

Persönlichkeit als Grabbelware

Persönlichkeit beschreibt – philosophisch gesehen – die einzigartige Individualität eines Menschen in seiner Zeit. Zu einer Streicheleinheit wird der Begriff aber regelhaft, wenn er Journalisten in die Hände fällt.

Auf jedem besseren Schützenfest bspw. bevölkern viele ‚Menschen‘ die Festwiese, zumeist sind sie auch noch ‚frohgestimmt‘, sobald aber jemand das Podium erklimmt und zum Mikrofon greift, mutiert er zu einer ‚Persönlichkeit des öffentlichen Lebens‘. Obwohl er so einzigartig doch gar nicht ist.

Der Begriff gehört also zu den Stanzen oder zur ‚journalistischen Grabbelware‘, mit denen man sprachlich sein berichterstatterisches Wohlverhalten etwas aufhübschen kann. Kuschelrhetorik halt – sie schmeichelt dem Umworbenen und nutzt dem Journalisten. Google liefert derzeit fast dreihunderttausend Treffer …

Die Inversion

Mit meinem Bruder, der Mathematiker ist, habe ich mich oft über die Anwendung mathematischer Logik auf gesellschaftliche oder politische Sachverhalte gefetzt. Mein Standpunkt war, dass dies nicht möglich sei. Die logischen Systeme der algebraischen Welt und der Sprachwelt seien himmelweit unterschieden. So gelte in der Mathematik beispielsweise der Gleichheitsgrundsatz, wonach immer auch die Umkehrung (‚Inversion‘) eines Sachverhalts aus einem Gleichheitszeichen unwillkürlich folge: Wenn A gleich B, dann B gleich A.

Ich sagte ihm dann beispielsweise, dass alle Heuchler zwar immer Moralisten seien, dass ich daraus aber keinesfalls ableiten dürfe, dass alle Moralisten Heuchler wären. Oder um ein aktuelles Beispiel zu verwenden: Laut russischen Medien sei die Abspaltung der Krim von der Ukraine völkerrechtlich so zu betrachten wie die Abspaltung des Kosovo von Serbien. Nur – und das zertrümmert dann dieses scheinbare Gleichheitszeichen – habe doch gerade Russland diese Abspaltung des Kosovo völkerrechtlich nie anerkannt, sondern immer als einen Rückfall in Wildwestmethoden verteufelt. Das Land wende also höchstselbst hochgehaltene Standards auf das eigene Vorgehen nicht an: Die Krim sei sozusagen ‚gleicher‘ als das Kosovo, weil es sich im einen Fall um ‚russische Brüder‘ handele, im anderen Fall bloß um Albaner, was wohl der nationalistische Kern dieses angelegten Doppelstandards sei …

Voilà – unser scheinbares Gleichheitsargument entpuppt sich auch hier mal wieder als zutiefst heuchlerisch. Da ist kein Gleichheitszeichen weit und breit, sondern nur Rhetorik und Diplomatenrabulistik. Schon trollt sich der kleine Mathematiker wieder in seine Schmollecke, weil alles eben nicht so einfach ist …

Vernichtungs-Rhetorik

Entweder [Janukowitsch] verteidigt den ukrainischen Staat und vernichtet die Rebellion, die von Kräften aus der Finanzwelt und aus dem Ausland provoziert wird. Oder er riskiert den Machtverlust, zunehmendes Chaos und einen internen Konflikt, aus dem kein Ausweg zu sehen ist“, sagte Putins Wirtschaftsberater Sergej Glasjew. … Auch Ramsan Kadyrow, der moskautreue Präsident Tschetscheniens, rief Russland dazu auf, die Ukraine und Georgien „zu vernichten“. Dem britischen Telegraph sagte er: „Georgien, Südossetien, die Ukraine – diese Liste könnte man noch lange fortsetzen. … Warum müssen wir immer leiden, wenn wir auch das, was uns stört, einfach vernichten können? Wir sind mächtig, wir haben alles: die Armee, die Technologie. Wir müssen eingreifen.“

Jaja, den Worten folgen zumeist auch Taten, wie das Echo dem Donner. Der große Wahlmanipulator Janukowitsch soll eine ‚Verfassung‘ verteidigen, die keine mehr ist, seit er sie bis zur Unkenntlichkeit verbogen hat. Er soll für eine ‚Sicherheit‘ garantieren, die im Land nur noch für Oligarchen gilt. Und er soll eine ‚Integrität‘ bewahren, die kein vernünftiger Mensch den Regierungsmitgliedern dort mehr zugesteht. Was wir hören, das ist das ‚Neusprech‘ der östlichen Autokraten und Finanzmagnaten – und die propagieren jetzt den Krieg gegen andere Nationen. Der Maidan soll ihr Sender Gleiwitz sein.

Nachtrag: Der Zynismus dort hat längst stalineske Ausmaße erreicht: „Bulatow stehe unter Verdacht, die Entführung nur vorgetäuscht zu haben, um die Unruhen in der Ukraine anzuheizen, sagte ein Mitarbeiter der Innenbehörde.“ Ein klarer Fall von Selbstverstümmelung also … und ein großer Teil des Kommentariats bei FAZ, Zeit und Spiegel klatscht und johlt dazu, nach dem Motto ‚Das halbe Ohr ist doch noch dran‘. Das Wort ‚Ekel‘ beschreibt meinen Zustand ziemlich präzise.

Fremde Lorbeeren

Es ist die beste SPD, die es je gab. Ich rede natürlich von der Union. Mit dem Verzicht auf ihre letzte ‚Kernkompetenz‘, die ja so recht nie eine war, räumen die Konservativen jetzt auch die einzige Bastion, die ihnen noch verblieben war, eine immer sanktionsbewehrtere und radikalere Innenpolitik:

„Mit dem Segen von Merkel und Seehofer vollzieht die Union den nächsten radikalen Kurswechsel: CDU und CSU verabschieden sich nach jahrelangem Kampf von der Vorratsdatenspeicherung.“

Gut, der Friedrich steht jetzt zwar blöd da, aber der war eh nie der Hellste, also passt das schon. Sofern diese nicht abreißende Kette von CDU-Abschieden aus alten Selbstgewissheiten uns eines beweist – Homo-Ehe, Mindestlohn, Atomausstieg usw. – dann nur eines: Dass ‚die Linken‘ eigentlich immer richtig liegen, und dass der Konservatismus mit der gebotenen Verspätung diese Wendungen irgendwann unter Windungen nachvollziehen wird, selbst wenn sie zunächst nur an den Worthülsen klempnern. Die ‚Linken‘ und die ‚Öko-Faschisten‘ von den Grünen wären also die eigentlichen gesellschaftspolitischen Schnellmerker – ihr Problem: Sie stehen zu früh auf.

Für ihr Hinterherhinken wird die Union im September jetzt gewählt – für eine im Kern immer linkere Politik, die dabei stets so verspätet kommt, wie bspw. auch der ICE in deutsche Hauptbahnhöfe einläuft. Was mag bloß als nächstes dran sein? Drogenfreigabe? Euro-Bonds? Vermögenssteuer?

Einige altkonservative Dinosaurier löcken zwar noch wider den Stachel, mehr als ein im Kern religiöses Vokabular ist aber auch ihnen nicht geblieben. So mosert der Professor Biedenkopf, längst mehr FDP als CDU, heute im ‚Handelsblatt-Newsletter‘:

„Die Politik erliegt der Versuchung, ihre Wahlchancen durch Manipulation des Verhältnisses von Leistung und Gegenleistung zu verbessern.“

Dröseln wir uns diesen rhetorischen Galimathias mal auf, dessen Qualität wohl kaum die Anschaulichkeit ist: ‚Die Politik‘ – das wäre natürlich Bundeskanzlerin Merkel samt ihrer Entourage. Die anderen können ja nicht gemeint sein, weil diese notorischen Frühaufsteher zurecht ‚bloß Opposition‘ sind. Diese Kanzlerin betreibe ferner eine waschechte ‚Manipulation‘, also ein Hütchenspiel, nur um an der Macht zu bleiben. Mit anderen Worten: Sie macht doch tatsächlich eine mehrheitsfähige Politik. Mit dem ‚Verhältnis von Leistung und Gegenleistung‘ meint Biedenkopf dann vermutlich jene unaufhörlichen Milliardengeschenke an Banken und Großanleger – – – obwohl, hmmmhmmm, vielleicht zielt er ja auch auf all das unnütze ‚Sozialgedöns‘ für den vernachlässigenswerten Plebs, also auf jene absolut entbehrlichen ‚Geschenke‘, die einem echten Liberalen schon immer deshalb ein Graus waren, weil sie in die falsche Richtung fließen.

Die große ‚Versuchung‘, der unsere notgeile Politik dann ‚erliegt‘, das wäre schließlich eine durch und durch religiöse Kategorie: Satan, der große ‚Versucher‘, naht sich mit sardonischem Lächeln unseren politischen ‚Leistungsträgern‘, um durch sein teuflisches Spiel uns alle in die ewige Verdammnis zu führen, weil das verfügbare Geld nun mal zum höheren Ruhm Gottes im sakralen Bereich stets nach oben zu fallen hat. Eine solche Sicht widerspricht zwar den Naturgesetzen, aber konnte unser Herr Jesus nicht auch übers Wasser wandeln? So ähnlich jedenfalls habe ich mir das Gebrabbel des alten Herrn übersetzt – ganz schlau bin ich daraus leider nicht geworden.

Nachtrag: Weil’s in den Kommentaren als bloß ‚rhetorische Wende‘ glossiert wurde, es soll wohl doch mehr werden: „Unter dem Eindruck der amerikanischen Internetspionage erwägt die CSU jetzt offenbar eine bemerkenswerte Kehrtwende. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE drängt Parteichef Horst Seehofer (CSU) auf eine Abkehr von der bisherigen Position zur Vorratsdatenspeicherung.“

Selbsttäuschung

Ich habe aber auch deutlich gemacht, dass bei aller Notwendigkeit das Thema der Verhältnismäßigkeit ein wichtiges Thema ist.“

So etwas sagte unsere Bundeskanzlerin beim Besuch von Barack Obama. Schon dieser Satz in seiner teflonartig-schwurbeligen Struktur (‚aber auch‘, ‚dass bei aller‘, ‚das Thema … ein wichtiges Thema‘, ‚Notwendigkeit … wovon?‘) widerspricht fundamental dem darin möglichst vage Angekündigten. Das ist der typische Merkel-Sprech – die Frau ist nämlich ganz und gar unfähig, überhaupt irgendetwas ‚deutlich‘ zu sagen: „Auch beim Abwaschen bin ich im Rahmen meiner Möglichkeiten bestrebt, natürlich sofern solche absoluten Ansprüche überhaupt erfüllbar sind, das Ziel größtmöglicher Hygiene nicht aus den Augen zu verlieren, bei aller unverzichtbaren Relevanz und Aufmerksamkeit für andere Themen, die unsere Welt sonst noch so bewegen.

Rhetorisch gesehen ist diese Frau die ‚Fettlinse‘ der deutschen Politik: Aus ihrem Mund wirkt alles verschwommen, weichgezeichnet und maximal verschwiemelt …

Helau!

Geschichte kehrt allenfalls als Farce wieder, das sollte auch Rechtsaußens Bester wissen, der Dschang vom Schwarzen Kanal. In seinem jüngsten Erguss muss trotzdem der Beppe Grillo als wiederauferstandener Mussolini dran glauben. Warum? Weil auch er über die Marktplätze kommt, weil auch er ein durch und durch verrottetes System in den Orkus jagen will, vor allem aber, weil er – tätä tätä! – eine ‚Bewegung‘ anführt:

„Auch Mussolini bestand darauf, dass seine „Fasci di Combattimento“ keine Partei, sondern eine Bewegung sei, weil Parteien nicht die Lösung, sondern das Problem wären.“

Jaja – ein ‚Movimento‘ fand sich dort trotzdem nicht im Namen. Apropos – ProNRW bezeichnet sich auch als ‚Bürgerbewegung‘, dann hätten wir da noch die ‚Bewegung 2. Juni‘, sowie die ‚Bewegung für das Leben‘, ferner LobbyControl, die ‚Bewegung für mehr Transparenz in der Politik‘, und sogar die ‚Bewegung für Jennifer‘, wo’s um Spenden für ein Wachkoma-Kind geht. Es gibt buchstäblich Tausende von ‚Bewegungen‘ – und das seien dann wohl alles Faschisten, meint jedenfalls unser Sherlock Holmes der deutschen Publizistik, der Geistesriese Jan Fleischhauer – nach seinem solitären Selbstverständnis der einzige Hirnträger in einer enthirnten Welt. Mir fehlt da bloß noch die ‚Enthüllung‘, dass der Beppe Grillo einst bei den Kommunisten gewesen wäre, so wie der Duce auch, so dass man mal wieder sehen könne, dass doch alle Kommunisten im Grunde Faschisten seien. Diesbezüglich aber fand Dschangs Rüssel wohl nichts aufwühlend Paralleles, sonst hätte er’s uns ja aufgemalt …

Ansonsten passt alles perfekt in die schwarzweiße Lego-Welt der ideologischen Linolschnittler: ‚Beppe Grillo = Italien‘ und ‚Benito Mussolini = Italien‘. Dazu noch ein wenig Verdi-Opernmusik und diesen Fünf-Sternlern aus dem Fundus ein paar Schwarzhemden überwerfen, fertig ist die Laube. Schon macht es bei jedem eindimensionalen Leser ‚Klick‘! Solche Parallelführungen sind ungefähr so sinnvoll wie ‚Jan Fleischhauer = Publizist‘ und ‚Benito Mussolini = Publizist‘ – es ist höherer Blödsinn und bloß ein Vexierspiel mit Worten. Und die verführten Italiener werden sich jetzt ratzfatz von diesem ‚Mussolini 2.0‘ abwenden, weil ihnen der Jan Fleischhauer endlich die Augen geöffnet hat – oder wie jetzt? Wohl eher: Entlohnte Schreibtherapie bei praktischer Irrelevanz …

Dass der Beppe Grillo im Gegensatz zum Duce die Gewaltfreiheit propagiert, dass er auf Marktplätzen steht, weil die italienischen Medien ihm gegenüber die Omertá praktizieren, dass er sich diesem System einfach nur bei festen Bündnissen verweigert,  dass er aber einer Minderheitsregierung in Sachfragen durchaus zustimmen will, dass er als guter Arzt der direkten Demokratie ein vollgesogenes System auf finanzielle Diät setzen will, indem er den Parteien die Zitze entzieht – das übersteigt den Horizont eines Jan Fleischhauer, den ich persönlich mir übrigens an der Spitze eines ‚Marsches auf Berlin‘ eher vorstellen könnte, als einen Beppe Grillo bei einem ‚Marsch auf Rom‘. Denn der ist schon dort, während der Jan Fleischhauer mir nicht so recht von dieser Welt scheint – und daher noch viele, viele Kilometer vor sich hat.

Im Kern ist das Problem ein anderes: Ein Beppe Grillo stört erheblich die Kreise der Euro-Kreuzritter, also der Banken, der Investoren, der Angela Merkel und der sonstwie am Euro interessierten Kreise zwischen Madrid und Riga. Die Fünf-Sterne-Bewegung – bliebe sie program-matisch konsequent – lässt die Gefahr wachsen, dass Italien tatsächlich den Euro-Raum verlassen könnte. Womit sich die Drohungen der Kreuzritter als das erweisen würden, was sie sind – nämlich hohl. Das nämlich wäre für sie der ‚worst case‘, alle ihre Assets schwimmen dann den Bach der Entwertung hinab. Wer also tagtäglich à la Olaf Henkel damit droht, dass Griechenland, Portugal, Zypern usw. ‚doch gehen‘ sollten, der würde verdammt dumm aus der Wäsche gucken, wenn diese Länder tatsächlich Arrivederci sagen. In Griechenland herrscht schon ‚Dritte Welt‘, da kann’s nicht mehr schlimmer kommen. Hierzulande dagegen … naja. Und deswegen zetermordiot und buhuht der Jan wohl so entsetzlich über diese Grillini – und steckt sie in schwarze Hemden, weil wegen ihnen nicht mehr Goldman-Sachs aka Monti in Italien regieren kann.

Dass diese Fünf-Sterne-Bewegung unter dem Druck der Pragmatiker demnächst ihren Anführer und Maultrommler verlieren dürfte, das steht übrigens auf einem ganz anderen Blatt. Die akademische Jugend der italienischen Fünf-Sternler emanzipiert sich erstaunlich rasch von ihrer Wahlkampftrompete. Da ist bei einer politischen Diva, die sich für unersetzlich hält, ein beleidigter Rückzug absehbar – so wie einst beim Lafontaine …

Nachtrag: Der Pantoufle hat den Jan Fleischhauer jetzt noch viel fachgerechter filetiert …

Treppauf, treppab

Klimax nennt die Rhetorik eine zumeist dreistufige ‚Leiter‘ oder ‚Treppe‘ sprachlicher Steigerung. Im Text klettern wir mit ihrer Hilfe in immer lichtere Höhen: „Gut. Besser. Paulaner.“ Erst nach einem Dutzend dieser Paulaner ginge es mit uns dann wieder bergab. Sobald es aber bergab geht, sprechen Rhetoriker von einer ‚Antiklimax‘: Dumm, dümmer, Dobrindt – je nach parteipolitischer Präferenz abzuwandeln.

Diese beiden Redefiguren lassen sich aber durchaus auch mischen, wie in den folgenden pseudo-klimakterischen Beispielen, die ich mir völlig anlasslos aus den Fingern saugte. Auf eine verbale Aufwertung folgt bei dieser weltweisen Steigerungsform der überraschende Absturz zwar erst im dritten Schritt – aber recht bedacht war oft schon das zweite komparative Glied die Absturzursache:

Journalismus – Qualitätsjournalismus – Public Relations
Politiker – Realpolitiker – Tanzbär
Management – Topmanagement – Konkursverwaltung

 

Mit Anstand und Würde?

Der Bundestagspräsident wäre gut beraten, mit Anstand und Würde den Hut zu nehmen und das Schloss Bellevue zu verlassen“, sagte [der Bundestagsabgeordnete] Wellmann [CDU].“ Mal abgesehen davon, dass der ‚Bundestagspräsident‘ nicht in diesem Schloss residiert – unser naseweiser Antizipator sollte von Menschen, die schon gebeutelt genug sind, keine Dinge verlangen, die faktisch seit Tagen nicht mehr möglich sind: Der Mann wird das Schloss Bellevue mit einem lebenslangen Ehrensold verlassen, aber unter keinen denkbaren Umständen mit Anstand und Würde. Hüte trägt er auch nicht …

Prämissen erfinden

Worauf vertraut der Jan Fleischhauer bloß? Darauf, dass es seine Leser auch nicht besser wissen, als er es zu wissen vorgibt? In dieser Woche widmet er sich dem Thema des überschätzten Charisma bei Angela Merkel, der es bekanntlich ein wenig an rhetorischen Gaben mangelt. Um sich zwecks ihrer Verteidigung zu folgendem, geradezu ahistorischem Statement zu versteigen:

„Leider gehen oratorische Begabung und gutes Handwerk selten Hand in Hand. Willy Brandt konnte mitreißende Ansprachen halten, wofür ihn die intellektuelle Klasse nachhaltig verehrte. Seine innenpolitische Leistung allerdings war eher dürftig, weshalb der Sozialdemokrat das Regierungshandwerk bald lieber seinem vergleichsweise kurz angebundenen, aber dafür entscheidungsfreudigen Finanzminister Helmut Schmidt überließ. Auch Kurt Georg Kiesinger, der als begabtester Redner seiner Generation galt, war ein eher unrühmliches Ende beschieden, wie man sich erinnert.“

Was für ein Bullshit! Die Sozialdemokratie hatte zu jener Zeit das Glück, gleich drei überragende Rhetoriker zu haben: einen Herbert Wehner, der aus einem Malstrom ineinanderverflochtener Nebensätze heraus seine Suada plötzlich in einer Reihe tödlicher Invektiven gipfeln ließ; einen Willi Brandt, der das Humanistische und Allgemein-Menschliche ohne Kitsch und Pathos beschwören konnte; und eben jenen Helmut Schmidt, der als „Schmidt-Schnauze“ und gefürchteter Debattenredner dank seines Sarkasmus und seiner tödlichen Ironie mit jedem beliebigen Gegner den Boden des Plenarsaals feudeln konnte. Mitnichten ist es also so, dass auf einen rhetorisch begnadeten Polit-Schwächling – wie es Willi Brandt gewesen sein soll – dann ein rednerisch eher unbegabter Pragmatiker und Polit-Profi wie Helmut Schmidt gefolgt wäre. Auch mit der Mär von der Redekunst eines Kurt-Georg Kiesinger ist es nicht weit her – das alles sind nur Fleischhauers Erzählungen, fern jeder Realität. Denn Partizipialwürstchen und substantivierte Verben kennzeichneten den Kiesinger’schen Schlafwagenstil:

„Aus den dadurch notwendig gewordenen Koalitionsverhandlungen ist die neue Regierung der Großen Koalition hervorgegangen. Die Verhandlungen der Parteien haben zu der wohl bisher gründlichsten Bestandsaufnahme der Möglichkeiten und Notwendigkeiten deutscher Politik vor einer Regierungsbildung geführt.“

Das also ist der Kiesinger’sche O-Ton. Was also bleibt uns von den Fleischhauer’schen Behauptungen der Woche? Steile Thesen ohne Fundament. Weder steht Angela Merkel rhetorisch in einer Reihe mit Helmut Schmidt, noch steht Kurt-Georg Kiesinger auf Augenhöhe mit Willi Brandt. Was Fleischhauer praktiziert, ist schlicht ein Journalismus, der sich wie sein Ahnherr ständig am eigenen Schopf aus dem selbstgequirlten Sumpf zu ziehen trachtet …

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