Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Religion (Seite 2 von 2)

Freiheit ohne Freiheit

In seinem höchst privaten Wunderland argumentiert der Alexander Kissler gern und fern aller anerkannten Vernunft daher. Nehmen wir beispielsweise die gebräuchlichste Definition, wonach ‚Freiheit‘ die Chance wäre, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten wählen zu dürfen. Nach dieser Definition wäre zum Beispiel ein Hartz-IV-Empfänger seiner grundlegenden Freiheiten beraubt, weil die Agentur sein ferneres Schicksal ‚fremdbestimmt‘, das Individuum hat seine Autonomie verloren. So bestünde beispielsweise auch die berühmte ‚Freiheit des Christenmenschen‘ darin, entweder den schmalen Weg ins Himmelreich schweißgebadet zu erklimmen, oder aber die breite Autobahn zur Hölle ganz bankstermäßig zu befahren. Der irdische Sündenkloß muss sich dann nur über die Konsequenzen – Harfespielen in Ewigkeit oder Röstfleisch, glühende Zangen und so – auch klar sein, weshalb es Priester und Pastoren zur apokalyptisch eingefärbten Erläuterung gibt. Wodurch natürlich die vermaledeite Kirche in ihrem eingeborenen Jesuitismus den Freiheitsbegriff durch solche Drohungen ratzfatz gleich mal wieder einschränkt. Wer wird schon gern gekniffen?

Wie aber verfährt unser Neokatholik vom ‚Cicero‘? Er schränkt in seiner neoliberalen Lego-Welt diese grundlegende Freiheit der Wahl durch ein ’nur‘ gleich mal so weit ein, dass er ‚alternativlos‘ wie Frau Merkel daher zu parlieren vermag. Was dann erst ein wahrer ‚Liberalismus‘ sein soll:

„Liberalismus: Nur der Markt schafft Freiheit.“

Woart – ik hust‘ dir glieks wat! Wie wäre es denn mit ‚Vernunft‘, ‚Tod‘, ‚Verzicht‘, ‚Glaube‘, ‚Weisheit‘, ‚Verantwortung‘, ‚Rausch‘ – alles Begriffe, an die sich auch ein Diskurs über Freiheit problemlos und ‚alternativ‘ anschließen ließe; Begriffe, die sich allemal statt ‚Markt‘ in den obigen Satz einflechten ließen, ohne irre zu wirken? Es kommt eben immer darauf an, was man unter Freiheit versteht … und wer gern auf dem Grabbeltisch nach Schnäppchen wühlt, der betrachtet dann eben den Markt als Freiheitsbringer. Das wäre dann gewissermaßen ein Liberalismus im Sommerschlussverkauf, extra tief gelegt auf ein konsumistisches Verona-Pooth-Niveau … daneben aber gibt es weitere ‚mille plateaux‘. Da mag man noch so oft apodiktisch und illiberal ein ‚Nur‘ dahertröten …

Nebenbei: Auch der Rest des Textes ist historisch völlig neben der Spur, wonach nämlich die Demokratie wie ein Phönix erst aus dem freien Marktgeschehen emporgewachsen sei. Förmlich das Gegenteil ist richtig: Erst wurde der König geköpft, dann kam das Direktorium. Die marktorientierte rheinische Bourgeoisie vertrug sich hervorragend mit der preußischen Reaktion, Hand in Hand kämpften beide für das Dreiklassenwahlrecht, welches das Volk von der Demokratie ausschloss. Die Sklavenwirtschaft während der amerikanischen Sezession wurde ja gerade mit dem Argument vom Süden verteidigt, dass man anders ‚auf dem Weltmarkt‘ gar nicht bestehen könne. Marktfern und religiös fundiert kam dagegen eher der Norden daher, die Quäker und Abolitionisten. So ließen sich noch hundert Beispiele anführen: Textilfabriken in Bangladesh, Coltan-Minen im Kongo usw., die Zwangsarbeiterfabriken in China, die Baumwollfelder in Kasachstan – überall knallharter Markt, aber nirgends Demokratie. Ein Markt sans phrase und die Demokratie sind immer Antagonisten, Oliver-Twist-Welten sind die Folge, das Gesabbel von der Allianz dieser beiden ist ein interessierter Mythos – nach der Melodie: „Wer nur den freien Markt läst walten / Und hoffet auf Ihn allezeit / Der wird Ihn wunderlich erhalten / In aller Noht und Traurigkeit.“ Mit anderen Worten: Bullshit für Sektenmitglieder …

Das Allmachts-Paradox

Weil’s mir altem Heiden gestern im Gespräch mit unserem zuständigen Pastor wieder einfiel, will ich auch euch dies bewährte Argument nicht vorenthalten. Es geht so:

„So mächtig ist unser Gott, dass er sogar einen Stein erschaffen kann, der so viel wiegt, dass Gott selbst ihn nicht mehr aufzuheben vermag.“

Es dauert ein bisschen, aber dann beginnt’s im Kopf zu klickern und zu klackern, während der Dogmenstaub rieselt …

Malte und der Schwarzfußiltis

Rede ich mit Gottesfürchtigen, versuche ich ihre Argumente zu verstehen, dann frage ich mich manchmal schon, was dieses wirre Zeug mir logisch nun beweisen soll. So geht’s mir heute mit Malte und seiner Säbelantilope – obwohl der Chef d’Opinion vom ‚Tagesspiegel‘ doch eigentlich seinem Publikum nur verklugfideln möchte, warum man kleinen Jungs in unbetäubtem Zustand die Vorhaut abschneiden darf, und zwar, bevor sie alt genug sind, selbst über eine solche Onanierbremse zu entscheiden. Ferner, weshalb Gott und Brauchtum immer weit über aller Vernunft stehen müssen. Zu diesem Zweck nimmt Malte Lehming erst einmal Anlauf bis in die Steinzeit:

„Wirklich fehlen uns die Säbelantilope oder der Schwarzfußiltis nicht. Aber irgendwie fühlen wir uns ärmer ohne sie. Obwohl wir sie nicht brauchen, vermissen wir sie.“

Tscha, auch ich heule jede Nacht wegen des Dahinscheidens der Schwarzfußiltisse mein Kopfkissen nass! Und wer täte das nicht? Wie und wo aber, das fragt sich der gespitzte Leser, wird ihm der Malte jetzt den Pfad der Parallelisierung weisen: Vermissen etwa auch kleine Jungs ihre Vorhaut, fühlen sie sich ärmer, obwohl sie sie nicht brauchen, ist diese Vorhaut der Schwarzfußiltis der Religionsgeschichte? Weit gefehlt! Der Malte apportiert statt des kognitiven Wildbrets nur ein waschechtes Paradoxon:

„Wenn Vielfalt ein Wert an sich ist, sind vielleicht auch menschliche kollektive Verschiedenheiten ein Wert an sich.“

Dieser Konditionalis will uns sagen: Wenn Vielfalt viel gut, dann Nichtvielfalt auch vielfältig gut. Oder: Wenn Mensch zehnfuffzich Stundenlohn, dann Radieschen auch zehnfuffzich Stundenlohn. Prompt faucht meine Logik wie eine Katze, die gebadet werden soll, weil in ihrer schlichten Welt die Kollektive eher für ‚Gleichmacherei‘ zuständig sind, so wie dies unter gleichgeschalteten Taliban im schönen Afghanistan noch heute der Fall ist, so, wie einst auch beim Onkel Adolf in der Hitlerjugend, diesem Hort der ‚kollektiven Vielfalt‘. Während nur die Achtung der persönlichen Entscheidung und der Individualität auch die Verschiedenheit zu respektieren pflegt.

Für Malte aber sind solche historische Erfahrungen eitler Wahn. Er erfindet sich seine ‚kollektive Verschiedenheit‘, die sich dadurch auszeichnen soll, dass sie für alle Sektenmitglieder die gleiche Schniedelwutz-Gestaltung zum gleichen Zeitpunkt aus einfältigen Gründen der gleichförmigen Vielfalt einfordert. Vernunft und Semantik einerseits, Malte andererseits reden hier in verschiedenen Sprachen …

Wem so etwas einleuchtet, der darf auch ruhig doof sein, fährt Malte fort – wobei ich sogar sagen würde: Er muss doof sein! Nur drückt’s unser Rabulist ein wenig unverständlicher aus, sonst wären am Ende die Jünger des Unbeweisbaren noch beleidigt:

„[Kollektive Vielfalt] bedeutet, einen Pluralismus auch unverständiger Ausdrucksformen von Menschen anzustreben.“

Anzustreben, schreibt er, also aktiv darauf hinarbeiten. Nicht nur passiv wie ein Weiser in der Berghöhle die Blödheit der Menschen erdulden. Wenn also – so Maltes Logik – nach dem nächsten Schamanenfestival uns irgendeine Sekte die Anbetung des großen Blauhais empfiehlt, was jährlich die Opferung einiger altmedialer Chefredakteursgehirne erforderlich machen könnte, dann würde der Malte Lehming dies auch als Ausdruck ‚kollektiver Vielfalt‘ preisen. Ein wenig Opferbereitschaft muss schließlich sein, allein um der kollektiven Vielfalt willen. Derweil dürfte ich in meiner ‚individuellen Einfalt‘ weiter versauern …

Ergänzung – falls irgendwen meine Meinung in diesem heißlaufenden Brauchtumsstreit interessiert: Mit 18 Jahren soll jeder Mensch frei darüber entscheiden dürfen, ob er sich die Vorhaut abschneiden, die Brust vergrößern oder die Lippen aufspritzen lassen will – allerdings darf er dies nicht auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen tun. Vor Eintritt der Volljährigkeit aber haben Eltern, Rabbis, Mullahs und Ärzte ihre Finger vom Glied und vom Kind zu lassen …

Religion im Alltag

Symbole des Religiösen, wenn man nicht gerade den Pfarrbrief seiner Gemeinde liest, die kommen uns im Alltag vor allem dann vor Augen, wenn es bspw. gilt, den tiefen Sturz eines einstigen Hoffnungsträgers zu beklagen. In solchen Fällen wählt der Journalist gern das Gleichnis, er greift auf die Legenden und Wundermärlein seines Konfirmationsunterrichts zurück, um eine besonders riskante Argumentation auf spirituelle Fundamente zu gründen. In diesem publizistischem Dokument aus dem Hause ‚Cicero‘ schreitet beispielsweise – snief! – der badenwürttembergische Ex-MP tiefgebeugt die Via Dolorosa zum Kalvarienberg hinauf:

„Stefan Mappus: Kreuzigung eines gefallenen Hoffnungsträgers

Wem kämen da nicht gleich eingangs die Tränen? Trotzdem hat Christoph Seils in meinen Augen den Clou der Geschichte nicht verstanden – vielleicht wollte er auch nur besonders apart daherschwadronieren. Weshalb die Religion als alte Hochburg des Unbeweisbaren seinen Text mit ihren Gleichnissen ummauern muss: Schließlich wird dem CDU-Autokraten mit den kräftigen Kiefern doch gar nicht der Vorwurf gemacht, dass er als Industrieprophet ein Unternehmen für sein Land im rasch entschlossenen Alleingang zu retten versuchte, so wie uns der Seils dies Narrativ darstellt: ‚So tief sei noch kein Mensch gefallen‘, barmt der Verfasser, nämlich bis auf die Höhe einer Pension für Ministerpräsidenten …

Der Vorwurf, soweit ich die Fakten- und Nachrichtenlage überblicke, besteht doch vielmehr darin, dass hier eine korpulente Ente aus dem Schwabenland sich schon bei der Kaufsumme ohne zu quaken über den Tisch ziehen ließ. In einer Nebenrolle gab sie dann noch den Tanzbären, der am Nasenring anderer Leute höchst erwünschte Kunststücke vorführte. Der Stefan Mappus, dieser letzte Flopp aus der schier unerschöpflichen Talentschmiede der Jungen Union, wäre also keinesfalls mit einem Religionsgründer zu vergleichen, sondern eher schon mit Donald Duck, mit jener komischen und unbedarften Figur, die ständig in ihr Unglück zu rennen pflegt und dabei in Maximaldistanz zum Gottgleichen jeder Couleur agiert …

Religion ist keine Ware

Jedenfalls keine Ware wie jede andere. Die Werbung aber läuft ähnlich. Kaum jedenfalls läuft auf diesem Gebiet eine Gratisaktion mit Himmelreichsrabatt klettern Berufene und Unberufene auf ihre Seifenkisten, darunter auch Menschen, die sonst in der Politik eher unauffällig agieren:

„Die Union will die geplante kostenlose Verteilung von Koran-Exemplaren an deutsche Haushalte verhindern. „Wo immer dies möglich ist, muss diese aggressive Aktion gestoppt werden“, sagte Unions-Bundestagsfraktionsvize Günter Krings.“

Jaja, der Krings – selbst die ‚Welt‘ weiß dann aber außer diesem Ministranten-Günni gar keinen Zeugen von politischem Gewicht anzuführen für die redaktionsintern geortete flächendeckende Empörung in ‚deutschen Fußgängerzonen‘, diesen Foren plebeischer Meinungsbildung. Mit einem Wort: Wenn der Krings wirklich mal ‚in die Zeitung‘ und Publicity gewollt hätte, wäre der folgende Text viel wirkungsvoller gewesen:

„Die Union will die geplante kostenlose Verteilung von Lidl- und Penny-Blättchen an deutsche Haushalte verhindern. „Wo immer dies möglich ist, muss diese aggressive Aktion gestoppt werden“, sagte Unions-Bundestagsfraktionsvize Günter Krings.“

Süsswoll – das liegt zwar haargenau auf der gleichen Linie, aber da ginge dann die Lucy richtig ab, mit dem rotköpfig röhrenden Präsidenten des deutschen Einzelhandelsverbandes vorneweg. Schon müsste Krings sich als Mann, der ständig im Schatten schwarzer Giganten steht, über mangelnde Publicity nicht länger beklagen …

Lies & Lügen

Lustig ist es, dass die deutschen Salafisten ihre Koran-Aktion mit der Handlungsaufforderung „Lies!“ garnieren, so wie einst das imperative „Trink! Coca Cola“ in der Konsumgüterwerbung.

Da aber der größere Teil der Menschheit in Deutschland inzwischen zugleich auch anglophon ist, dürften viele ganz etwas anderes dort herauslesen – und das beschriebe dann ja die Praxis der Ultrareligiösen jeder Konfession recht genau: „Lügen! Im Namen deines Herrn.“ Tscha, dumm gelaufen … ein Bild der misslungenen Aktion findet sich hier.

Alle Achtung, alter Mann!

Wann hat ein schlichtes, nicht übermäßig gelungenes Gedicht – ein Gedicht! – in unserem harthörigen Deutschland zuletzt ein solches Ballyhoo ausgelöst? Unsere Hierophanten und Berufsinterpreten eiern jetzt wie angestochen durchs Föjetong und werfen dem aufgekündigten politischen Konsens Rettungsringe zu – allen voran der Großdenker Malte Lehming: „Ist Günter Grass ein Antisemit? Ja, das ist er.“ Süsswoll – das haste jetzt davon! So braun, wie der Sarrazin – ‚weil SPD‘ – nie sein durfte, so braun wirst du – ‚weil SPD‘ – jetzt angestrichen. Malte locuta, causa finita

Israels Botschafter verstieg sich sogar in jene bräunlichen Regionen, wo der ‚Ritualmordvorwurf‘ noch immer aus den ‚Protokollen‘ der zaristischen Geheimpolizei duftet. Das war in meinen Augen die bisher dulligste Interpretation des Vorgefallenen, weil sie völlig auf Fakten verzichtet. Denn woher sollte dieser eilfertige diplomatische Westerwellist die Zeit auch nehmen, das Gedicht zu lesen? Hätte er’s getan, wüsste er, dass Grass darin im Kern nur den Besitz von unkontrollierten und unkontrollierbaren Atomwaffen in Israel kritisiert.

Natürlich gibt’s auch Anlässe zur Kritik am Gedicht. So kokettiert Grass doch arg und stark mit dem Vorwurf, dass er nur deshalb solange geschwiegen hätte, weil er Deutscher sei. Zweitens würde Israel – im Falle eines Falles – ja nicht gleich Atomwaffen gen Iran schicken, nach allem, was wir aus den unentwegten Drohungen des Zion-Staates heraushören können. Hier liegt Grass also sachlich-militärisch neben der Spur. Anlass, ihn einen Antisemiten zu schimpfen, gibt es deshalb trotzdem nicht. Da könnten wir Henryk M. Broder schon eher als Islamophoben outen.

Bevor mich jemand um meine Meinung anquakt: Für mich können talmudwälzende Schläfenlöckchenträger genauso leicht irrational handeln wie kismetgläubige Mullahbartträger: Beide Seiten sind antirational, frauenfeindlich, unzurechnungsfähig und in jeder Hinsicht auf dem Weg ins Mittelalter. Zugleich glauben sie, in ihrer Verranntheit wären sie ganz was Besonderes. In der Regierung sitzen sie sowohl bei Benjamin ‚Graut-vor-nix‘ Netanjahu wie bei Mahmud ‚Ich bölke, also bin ich‘ Ahmehdinedschad.

Weshalb es aber in einem demokratischen Land wie Israel soweit kommen konnte, und nicht nur in amtlichen Diktaturen wie dem Iran, das sollten die Israelis mal untereinander klären. Und zwar, solange sie darüber noch diskutieren dürfen. Denn das eigentliche Problem für mich sind stets die Knallreligiösen, die wollen immer die Diktatur sans phrase, also in ihrer Sprache einen ‚Gottesstaat‘. Für dieses große Ziel nehmen sie gern auch ein feuriges Armageddon in Kauf, weil danach die Party angeblich noch exklusiver weiterginge. Das Problem – so sehe ich das – ist also gar nicht diese oder jene Religion, das Problem sind Leute, die grundlos völlig unbewiesene Dinge glauben und als Beweis ihres Machtanspruchs und ihrer krausen Weltsicht nur schimmlige Dokumente aus der Vorzeit anführen können. Ob sie nun Hindus, Christen, Juden oder Muslime heißen, ist völlig egal … nur sitzen diese Figuren im Iran wie in Israel in der Regierung. Das ängstigt dann nicht nur mich.

Nachtrag: Das Nirgendwo beginnt gleich außerhalb der Presse, das schreibt uns jedenfalls die FTD: „Nirgendwo fanden sich Unterstützer für den alten Dichter. Soso … – so sieht’s jedenfalls in der Wirklichkeit aus, andernorts, wo Journalisten sich nicht für ‚Die Welt‘ halten: „In Deutschland kam es gestern zu regelrechten Protestmärschen, bei denen Grass die Unterstützung zugesprochen wurde.“

Goldenes Kalb jetzt grün

Jan Fleischhauer ist mit seinem Volk und mit dessen pöbelhaftem Aberglauben unzufrieden. Drum lässt er Blitz und Donner auf die Ökos regnen, bis er den Kanal wieder mal voll hat:

„Wer von Kind auf lernt, dass vom Wassersparen die Rettung abhängt, kann nicht einfach damit aufhören, nur weil ein paar gottlose Gesellen das Gegenteil behaupten. Gerade die kultische Handlung eröffnet einen Raum, in dem das Wünschen noch hilft.“

Süsswoll – wünschen hilft, das sagt der Jan Fleischhauer jetzt auch! Man muss nur dran glauben. Aber wer sind diese gottlosen Gesellen? Vermutlich meint er ja sich und das versprengte eine Prozent derer, die keine von diesen ebenso flächendeckenden wie volksverdummenden Öko-Seppl-Parteien wählen, sondern nur die höchst anständige Anbetungspartei der allgewaltigen Marktgesetze. Wo dem Ketzer nur Hoffnung keimen kann, wenn alle Menschen zuvor zu Brüderles wurden – also nie …

Ehrlich gesagt, ich als Kind musste doch eher noch daran glauben, dass Menschen gen Himmel fahren können (lange vor Apollo 13), um dort dann zur Rechten eines weißbärtigen Onkels gelangweilt auf Wolke Sieben zu sitzen. Auch daran, dass der Storch die kleinen Kinder bringt. Bei Fleischhauers Eltern ging es da wohl schon aufgeklärter zu …

Mal ernsthaft: Wenn der Jan jetzt auf seine typisch kamikazehafte Art argumentiert, durch das viele Wassersparen ginge doch das Kanalsystem in den Städten kaputt und das sei doch absolut unökologisch, dann liegt das Dilemma doch vor allem daran, dass dieses Kanalsystem historisch überholt und inzwischen viel zu groß dimensioniert ist. Es stammt aus einer Zeit, wo Opa noch jedem seiner Würstchen ungestraft fünf Liter Trinkwasser hinterherjagen durfte. Mit dem gleichen Argument könnte man sagen, dass ein Kühlschrank rund um die Uhr 200 kWh zu verbrauchen habe, weil der Kompressor aus dem Jahr 1948 darauf nun mal ausgelegt sei. Kurzum – wir erleben mal wieder live das typisch Fleischhauersche Toctoctoc hoch drei …

Die Provinz des Menschen

Bekanntlich hat die Entdeckung, dass die Sonne nicht um die Erde kreist, zu einer ‚Provinzialisierung des Menschen‘ geführt. Seither sind wir faktisch nur noch ein kleiner Pups am Rande der Galaxis, ein Dorfbahnhof, der sicherlich nicht unter einer besonderen Vorsehung stehen dürfte. Auch nicht unter der eines persönlichen Gottes, der mit Argusaugen Tag und Nacht über unser Treiben wacht, um alles in sein ‚großes Buch‘ zu kritzeln. Die Musik spielt seither gewissermaßen woanders, dem Schicksal sind wir egal: Wir sind also für uns selbst verantwortlich … und auch alle Konzepte eines durch Gott ‚auserwählten Volkes‘ sind seither obsolet. Ganz egal, ob solch ein Quatsch nun in der Bibel steht, in ‚Mein Kampf‘ oder im Koran.

Bei einigen Zeitgenossen hat sich die Entdeckung des Herrn Kopernikus immer noch nicht herumgesprochen. Sie leben weiterhin fröhlich in ‚vorkopernikanischen Zeiten‘ und sind über das 16. Jahrhundert geistig nie hinausgekommen. Ein Beispiel für diesen Sachverhalt ist jene Häme, die sich aus fundamentalistischer Ecke nach dem Unglück von Duisburg über eine angeblich allzu laszive und sexgeile Techno-Szene ergoß:

Dort nämlich faselt eine Bande religiöser Neandertaler, fern jeder Humanität, von einem „vernichtende(n) Schlag gegen eine satanische Alkohol- und Sexorgie“, „eine triebgesteuerte, notgeile und zugedröhnte Horde Asozialer h(ätte) den Zorn des Herrn heraufbeschworen.“

Da fragt sich der gebildete Leser doch, weshalb dieses radikalisierte Christentum immer noch mit Menschlichkeit und Humanität in Verbindung gebracht wird, wo doch die Anhänger dieses jesusamputierten Glaubens so rachegeil, sündenbesoffen und denkbefreit daherschwatzen. Theopathen habe ich diese Figuren in der ‚Sargnagelschmiede‘ getauft.

Also noch einmal – und nur für euch: Gott, so es ihn gibt, hat sicherlich anderes zu tun, als sich um eine randständige irdische Provinz am Abstellgleis der Milchstraße zu kümmern – oder schlimmer noch: um eine graue Stadt wie Duisburg. Über euch wacht also keineswegs persönlich das Auge Gottes. Der beste Beweis: Wäre es nämlich so, dann hätte euch Figuren längst der Blitz beim Sch…n getroffen …

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