Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Reinhard Mohr

Ein Retardierter

Über die ausufernde Gender-Diskussion, die allzu oft auf Gefühligkeit statt auf veritablen Argumenten beruht, wüsste ich auch so mancherlei Sottisen zu Markte zu tragen. Dass daher der Reinhard Mohr gegen Unisex-Toiletten eifert – wobei er allerdings ganz vergisst, dass ja diese Einrichtungen ‚die binären Geschlechterrollen‘ angeblich hinterfragen sollen, dass diese logischerweise deshalb kein Ausdruck wildgewordener „Frauenpolitik“ sein können – das sei ihm geschenkt. Tendenziell stünde ich auf diesem Feld sogar an seiner Seite. Denn auch Transsexuelle wissen meist sehr gut, ob sie lieber die Tür für Männlein oder Weiblein wählen möchten.

Auch beim Rant gegen eine nachträgliche ‚antirassistische‘ Redaktion bewährter Kinderbücher ginge ich mit ihm Arm in Arm. Aus ein paar verlaufenen Gender-Aktivistinnen sich aber gleich eine ‚Bewegung‘ zusammenzureimen, aus einem Kompott von Zeiterscheinungen sich ein Komplott zu erdichten, nur weil er in einer Behördenkantine am Veggie-Tag mal keine Currywurst serviert bekam, das schießt erheblich übers Ziel hinaus. Vollends dann dieser Klippschülersatz, der uns zeigt, dass hier jemand vom Wesen der Sprache keine Ahnung hat:

„Die Sprache ist ein Abbild der Realität.“

Philosophisch gesehen ist das blankes 19. Jahrhundert. Denn das ist Sprache eben nicht! Allerdings ist dieses bemooste Ammenmärchen der beständige Irrglaube aller Wortschmiede in den Public-Relations-Abteilungen, die den Gott ihres ‚Wording‘ anbeten. Hier wachsen dann die ‚Entsorgungsparks‘ und die ‚Lebensleistungsrenten‘. Das bestens gepflegte Missverständnis ist auch der Popanz gewisser Journalisten, die da glauben, dass sie Leute Eins-zu-Eins ‚informieren‘ könnten. Mit den tatsächlichen Verhältnissen beim Sprachgebrauch aber hat das nichts zu tun. Beim Reden oder Schreiben handelt es sich um ein mehr oder minder gekonntes Fuchteln mit Symbolen, allenfalls geeignet, im Hirn der Leser vorgefertigte Frames zu aktivieren. Das gilt dann eben auch für den Gender-Diskurs: Er formuliert Gleichgesinntes für Gleichgesinnte. Der Außenstehende steht ratlos und ohne Schlüssel davor.

Kein Wort also wird jemals die Realität ‚dort draußen‘ abbilden, allenfalls kann es jene Realität in den Köpfen stimulieren, in der gewisse Leute zu leben wähnen: Zwischen dem Wörtchen ‚Kuh‘ und der echten Kuh auf ihrer grünen Wiese, zwischen der ‚Freiheit‘ des Unternehmers und der ‚Freiheit‘ des Clochards, klafft immer eine Schlucht, die mit symbolischen Missverständnissen gefüllt ist, so dass jeder, der diese überqueren will, erst einmal knietief durch Müll waten muss.

Weshalb denn nimmt ein gegelter Börsen-Spekulant die Rede eines beliebigen FDP-Granden wohlwollend zur Kenntnis, während ein frischgebackener Akademiker, gefangen in der Schleife seines Endlos-Prekariats, durch ein- und dieselben Worte vom Lohn der Leistung, von der Freiheit und von dem Segen individueller Lebensentwürfe sich nur noch veräppelt fühlt? Weshalb formt ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung, der sich allzugern fremddenken lässt, beim Genuss eines Artikels aus der Tastatur des Reinhard Mohr gleich einen schäumenden Wortteppich aus blanker Bewunderung? Weshalb stammeln sie in den Kommentaren alle von ‚Mut‘ und ‚Tabubruch‘, obwohl doch im ‚Cicero‘ tagaus tagein ähnliches zu lesen steht? Der Weg an die Spitze solcher Redaktionen ist mit diesen täglichen ‚Tabubrüchen‘ gepflastert. Während andererseits der gebildete Mensch, erblickt er solche altbackenen Journi-Spielchen, wo immerzu Mäuse zu Elefanten aufgeblasen werden, sich bloß noch stirntippend abwendet …

Diese Differenz der Reaktionen entsteht, weil Worte eben nicht die Realität abbilden können. Jeder sprachliche Symbolgebrauch sucht die Tore einer geschlossenen Informationsfestung im Kopf des Rezipienten mit dem richtigen Code – oder Reiz – zu öffnen. Wenn Reinhard Mohr solche Texte wie diesen schreibt, dann stößt er im ‚Cicero‘ eben auf die passenden Leser für diese tägliche Fertignahrung. Er gebraucht die richtigen Passworte und streut ein wenig stilistische Zierpetersilie darüber. Simsalabim! – schon passt der sprachliche Schlüssel zum mentalen Schloss der Meute. Jeder Schreiber schreibt so, wie diejenigen konstruiert sind, die ihm Beifall klatschen. Mit der Realität außerhalb der Köpfe aber hat das nichts zu tun. Schlau werden muss, bis auf Weiteres, noch immer jeder selbst …

Der Dichter spricht:

Vertiefte ökonomische Kenntnisse wurden von Dichtern und Denkern ja auch nie verlangt.“

Eben, eben – und in diesem Fall heißt der kühne Dichter Reinhard Mohr. Als neoliberaler Geisterfahrer erzählt er uns die Geschichte von den vielen Geisterfahrern, die er aus ganz Europa auf Germaniens treudoofes Sparmobil zurasen sieht. Motto: ‚Alles Rowdies, außer Deutschland!‘. Am Schluss wird die Story dann ein wenig schlabberig, weil nach fünfzig Zeilen schon alle Argumente tot über die Leitplanke flogen. Der Leser wischt sich die fiebrige Stirn und fragt: ‚Was hat er gesagt, was soll ich jetzt machen …?‘. So ist das im modernden Qualitätsjournalismus halt …

Wie das Thema aussieht, wenn man’s mit ein wenig Recherche statt mit Neo-Lyrikalismus angeht, sieht man übrigens bei ‚arte‘: „Die Geretteten sitzen – anders als häufig vermittelt und von vielen angenommen wird – nicht in den ärmeren Eurostaaten, sondern hauptsächlich in Deutschland und Frankreich. … „Staatsgeheimnis Bankenrettung“ ist der leidenschaftlichste Film, der je zur Bankenkrise gemacht wurde.“ Da hat jemand tatsächlich mal eine spannende, neue Story verfasst, und nicht den ewiggleichen Langweiler von den fleißigen Deutschen und den unverantwortlichen Europäern abgenudelt, die allesamt über ihre Verhältnisse gelebt hätten, während wir hier höchst frugal an den harten Schwarzbrotrinden nuckelten …

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