Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Pegida (Seite 1 von 3)

Volk und Volksbegriff

Wenn Rechte vom ‚Volk‘ träumen / Bild: Bundesarchiv, Public Domain

Die scheinbar einfachen Fragen sind oft die schwersten – vor allem, wo in Zeiten von Pegida und AfD der Begriff ‚Volk‘ und seine Zusammensetzungen eine Renaissance erleben. Wer also ist das Volk?

Na ich“, sagt da der Kalle Krawunkel, „ich bin das Volk, oder zumindest ein Teil davon“. Zum Volk zählt er spontan jede und jeden, der in Deutschland geboren wurde. Schon aber beginnt das Dilemma: Müssen die Eltern dann auch ‚deutsch‘ gewesen sein? An diesem Punkt wird die Argumentationsebene schlüpfrig, zum Teil da schon fast ‚völkisch‘.

Im Sprachvergleich zeigt sich, dass es sich beim Wort ‚Volk‘ um eine deutsche Besonderheit handelt. Im Englischen wird ein ähnliches Wort allenfalls gleichbedeutend mit ‚Leute‘ verwendet: „A lot of folks came to the festival, listening to the folk-music.“ Das Staatsrecht dort bezieht sich auf ein „We the people“, aber nicht auf ein ‚folk‘. Im Französischen regiert ‚le peuple‘. In beiden Fällen wären dies schlicht ‚die Leute‘, also jene Menschen, die man so auf der Straße trifft. Im Deutschen gibt es die Bedeutung im Sinne von ‚die Menschenmenge‘ oder ‚die einfachen Leute‘ kaum noch, allenfalls in fast schon altertümelnden Redewendungen: „Viel Volk strömte frohgestimmt zum Zirkuszelt.“

Das deutsche Wort ‚Volk‘ aber, politisch immer in der Einzahl gebraucht, suggeriert hingegen, dass es keine solche Buntheit und Vielheit, sondern dass es ein homogenes Gebilde mit einem einheitlichen Willen gäbe, verbunden durch Blut und Sitte, was zugleich auch der heimliche oder offene Souverän sei. Um zu erkennen, wie pathosbeladen und blutfixiert das deutsche Wort ‚Volk‘ ist, genügt es sich vorzustellen, dass über dem Reichstag schlicht „Den deutschen Leuten“ stünde.

Dazu ist, von der Wortbedeutung her, der Begriff ‚Volk‘ im Kern paradoxerweise wenig ‚souverän‘. Das Wort leitet sich von ‚Gefolge‘ ab, es geht um jene Schar, die einem anderen ‚folgt‘, ‚volkt‘ oder ‚hinterherwackelt‘. Eine ‚Heerschar‘ ist es folglich eher als eine ‚Herrschaft‘.

Historisch gesehen entstand der romantische Mythos vom ‚Volk‘ im Umfeld der gescheiterten deutschen Nationsbildung. Wenn man schon keine toitsche Nation schaffen konnte, so wusste man doch allemal ein imaginiertes ‚Volk‘ hinter sich. Daraus kochte man sich dann seinen ideologischen Ersatzkaffee. Um die Stirn dieses imaginierten Volkes waberte prompt im Laufe der Jahre immer dichterer Mythenqualm, je mehr der Begriff von den Liberalen über die Nationalliberalen bis hin zu den Erzkonservativen eine kurrente Münze wurde.

Alles kulminierte dann im Nationalsozialismus. Die Zahl der Wörter mit der Wortwurzel ‚Volk-‘ wuchs ins Unermessliche – vom Volkstum‘ über den ‚Volksempfänger‘ und ‚Volkskörper‘ bis hin zum ‚gesunden Volksempfinden‘. Denn ‚gesund‘ war das Volk allemal, im Gegensatz zu allem Fremden und Kranken. Letztlich aber blieb das ‚Volk‘ immer nur der Alibi-Begriff für eine Diktatur, wo ein ‚Führer‘ dann den ‚wahren Volkswillen‘ exekutieren durfte, weil er allein die Quintessenz des völkischen Gedankens war. Dieser ‚Volkswille‘, den er ebenso egomanisch wie messianisch verkündete, war allemal nur der seine, für den er dann bloße Akklamation verlangte.

Genau darin liegt auch die Gefahr der Renaissance dieses Volksbegriffs bei Pegida und AfD. Denn das ‚Volk‘ existiert gar nicht. Es gibt nur Millionen von Menschen mit deutschem Pass, die ganz unterschiedliche Ansichten von dieser Welt haben. Und das ist auch gut so, liebe ‚Leute‘ …

Rappelt’s in der Kiste?

Brav Kinder, ihr habt jetzt alle ‚Nö!‘ gerufen, so wie es sich für intelligente Menschen gehört! Zwischen Prinzessinnen gibt es in solch einer kleinen Kasperbude am Rande der Republik nämlich niemals Zoff:

„Oertel liest vom Blatt ab. Und geht gleich in die Offensive: Sie wolle ihrem Unmut über Frauke Petry Luft machen. Die sächsische AfD-Chefin hatte nach Bachmanns Abgang zu Protokoll gegeben, der Pegida-Spitze zu diesem Schritt geraten zu haben. Alles Unfug, sagt Oertel jetzt. Es habe keine Absprachen mit der AfD gegeben.“

Gut informierte Kreise wollen allerdings wissen, dass auf dem Blatt, von dem sie ablas, schon wieder AfD als Absender stand …

Neue Pegida-Hymne geleakt:

Für die Sachsen unter uns: ‚I’m going down!‘ = ‚Mer gagge ob!‘

Ich lass andere kommentieren:

Wie versenkt man ein Dresdner U-Boot?
… das geht ganz einfach:
1. Runtertauchen
2. An die Luke klopfen
3. Brüllen: „Aufmachen! Dä Föhrer ist da!“
Nordseezauberer

Tscha – aus dem Völkchen werden jetzt wieder Völkerchen … und das große Bröckeln beginnt:

„Die stellvertretende Vorsitzende der AfD Rheinland-Pfalz, Beatrix Klingel, ist von ihrem Amt zurück- und aus der Partei ausgetreten. … Was aus der Basis hochkomme, mache ihr Angst. Wie die Partei mit dem Thema Zuwanderung umgehe, sei abstoßend. Dass die AfD sich nicht klar von der Pegida-Bewegung distanziere, sei in ihren Augen ein Fehler.“

Rechtspopulismus ist doch immer höchst vorhersehbar … selbst aus Henryk M. Broders Pegida-Schmiede, der ‚Achse des Guten‘, rennen jetzt die Getreuen davon:

„Einer der Betreiber des Blogs, die Posener wegen fehlender Islamophobie gefeuert haben, der Publizist Michael Miersch, hat nun mitgeteilt, den Blog wegen unerträglicher Islamophobie zu verlassen.

Das hat er aber früh gemerkt …

In den Fallstricken der Logik

Der afrikanischerseits Abgeschobene von der Pegida, der Lutz Bachmann also, lästert auf Facebook, „dass es gar ‚KEINE ECHTEN KRIEGSFLÜCHTLINGE‘ gebe: „Wer sich die Überfahrt/Transport leisten kann nach Europa gehört NACHWEISLICH nicht zu den wirklich Bedrohten!“ (diese brüllaffenhafte Großschreibung ist übrigens nicht von mir).

Halten wir also fest, gemäß den Gesetzen der Logik:
1. Wer sich die Flucht leisten kann, ist gar kein Kriegsflüchtling.
2. Wer wirklich Kriegsflüchtling ist, kann sich diese Flucht auch nicht leisten.

Conclusio: Also gibt es laut Pegida-Logik überhaupt keine Kriegsflüchtlinge hierzulande – und wir müssen daher auch nicht einen einzigen aufnehmen, sondern ausnahmslos alle abschieben. Ganz egal, was die ’19 Punkte‘ so dahersäuseln, die ja auch eher für die Medien und für die Blöden im Geiste verfasst wurden … apropos, diesör Lotz öst öbrigens – scheint’s – aus oinem Bonker gekrochen.

Und hierbei handelt es sich ja immerhin nicht um Muslima: „„Legida-Aktivist Jörg Rösler (51) … [wird] vorgeworfen, „gewerbsmäßig Frauen aus der Dominikanischen Republik nach Deutschland einzuschleusen, um diese der Prostitution zuzuführen.“ Wohl, damit sich der notgeile Abendländer nach der Demo daran erfreuen möge …

Wir sind das Heldenvolk!

Pegida sagt Demonstration in Dresden ab.“

Oha – einfach jedesmal, wo Bärgida, Dügida, Pipiga oder Dadaga was ankündigen, einen kleinen Tweet in die Welt setzen. Und schon wäre der Spuk vorbei, bevor er begonnen hat?

Immerhin gibt’s Ersatz: Das Dschungelcamp läuft … un dann reddä mer das Obendland ebbe vum Sofa her!

Pegida kann doch sprechen!

Wenn morgen beispielsweise ne Katze umgefahren wird ist da auch die Pegida schuld ???“
„Der Tot ist Bestandteil vom Leben…in Afrika sterben jeden Tag dutzende Kinder und Erwachsene, das interessiert auch keinen, aber wenn hier ein Asyli hops geht, ja dann is das Geschrei groß.“
„Wenn es ein Deutscher gewesen wäre hätte man nur nen Polizei Bericht ohne Foto gesehen … aber wegen dem Bimbo läuft die Presse zur Hochform auf …. Dreckspack !“
„Einer weniger der auf unsere Kosten lebt“
„Wer früher stirbt ist länger tot…“

Tscha, die Zeichensetzung ist durchweg mangelhaft, und aus sächsisch-pedigistischer Sicht war das dann wohl ein ‚lebensunwertes Leben‘ … in der gewohnten Rolle der Dubiosität mal wieder dä Drääsdna Bolidsei: Erst kann ihr Pressesprecher keine Fremdeinwirkung erkennen, dann finden die Pathologen mehrere Messerstiche in Hals und Brust. Wahrscheinlich sind Tomaten auf den Augen dort eine Einstellungsvoraussetzung …

Misik bringt’s auf den Punkt

Beide hängen eingebildeten Identitäten an: Hier die Dschihadisten-Identität, die sich eine Geschichte zusammenfantasiert, die bis zum Propheten und seinen Gefährten zurückreicht, da die christlich-europäischen Identitätsfreaks, die sich in die Türkenkriege zurückfantasieren; überhaupt die Vorstellung eindeutiger Identitäten; Antimodernismus und völlig geschlossene Weltbilder, die in einem regelrechten Tunnelblick enden. Sie sollten nicht gegeneinander demonstrieren, sondern miteinander.

Yep – wer hat sie denn schon nötig, diese Krücke der ‚Identität‘? Ich müsste rätseln, fragte mich jemand nach meinem ‚deutschen Wesen‘. Ich krieche in kein Backförmchen.

Robert Misik ist in meinen Augen einer jener Journalisten, die – wie alle guten unter ihnen – einst linksaußen begannen, ohne deshalb irgendwann unter dem Rock der Friede Springer zu landen. Er hielt Kurs, anders als viele andere im Gedenken an die näherrückende Altersvorsorge. Misik ist – mit einem Wort – das Gegenteil eines Renegaten. Natürlich wäre er seit Jahren ein Kandidat für den Ludwig-Börne-Preis, ein echter Tucholsky-Nachfolger, statt des kompromisslerischen Zwergwuchses, der ansonsten rituell mit den Medaillen der Publizistik behängt wird.

‚Ganz normale Bürger‘?

Auf der Legida-Demonstration ist dann jedoch keine Charlie-Hebdo-Zeichnung in Sicht, stattdessen viele Deutschlandflaggen, außerdem Schilder, die die Abschaffung der GEZ fordern oder vor den Gefahren von „Chemtrails“ warnen – so bezeichnen Verschwörungs-theoretiker die Kondensstreifen von Flugzeugen, die angeblich mit Chemikalien versetzt sind, um die Bevölkerung gefügig zu machen.“

Tscha – ihr seid schon so’n Völkchen! Immerhin hat bei euch der Plan mit den Chemtrails nicht geklappt, kann also nicht so gefährlich sein … das aber wäre fast schon Logik. Wie wäre es also auf der nächsten Demo mit der Parole ‚Lügen-Logik, Lügen-Logik!‘?

So richtig blöd wäre es für unsere Alu-Hüte allerdings, wenn ihre verehrten russischen Medien Recht haben, und gar nicht der Islam hinter den Anschlägen stecken sollte:

„Die Zeitung «Komsomolskaya Pravda» fragt derweil in einer Headline: «Haben die Amerikaner die Terror-Attacken in Paris inszeniert?».

Eine Revision der Pegida-Positionen wäre dann wohl unausweichlich. Parole: ‚Lügen-Pegida, Lügen-Pegida!‘ … hier die große Regel: ‚Siehst du in einer Headline am Ende ein Fragezeichen, antworte getrost mit Nein‘.

Er hat ja recht

Aber vom hochweisen Kommentariat wird er natürlich niedergebölkt:

„In den 1980er-Jahren wurden soziale Auseinander-setzungen ethnisiert – es ging gegen Zuwanderer. Heute werden sie religionisiert. … Sieht man sich die Lebensläufe der meisten Jihadisten an, dann sieht man: Das sind meistens religiöse Analphabeten aus der sozialen Unterschicht. … Bewegungen wie IS und Al-Kaida profitieren genauso von Pegida wie umgekehrt Pegida von IS profitiert. Das ist ein wunderbarer dialektischer Prozess, wo am Ende jeder dem anderen nur die Hände schütteln kann.“

Hierbei fragt man sich ja, ob’s echt ist, oder ob der ‚Postillion‘ wieder zugeschlagen hat:

„Am Wochenende griff schließlich das Pegida-Hauptquartier in Dresden ein und veröffentlichte eine Warnmeldung: „Sämtliche Veranstaltungen, die unter den Namen Kögida, Bogida und Dügida angemeldet und durchgeführt werden, sind keine Pegida-Veranstaltungen.“

Eins muss man ihnen aber lassen – im Sich-Zerlegen sind sie gut … und zehnmal recht hat mal wieder der Robert Misik:

Irrtum Nr. 1: Je suis Charlie.
Irrtum Nr. 2: Wir müssen alle wie Charlie werden.
Irrtum Nr. 3: Charlie ist rassistisch und islamophob.
Irrtum Nr. 4: Wer keine Mohammed-Karikaturen druckt, ist feige.
Irrtum Nr. 5: Pegida, FPÖ & die anderen Islamhasser haben vielleicht doch irgendwie recht.
Irrtum Nr. 6: Die Rechten sind gegen den Islamismus.
Irrtum Nr. 7: Die normalen Muslime brauchen sich nicht zu distanzieren.
Irrtum Nr. 8: Das hat mit dem Islam nichts zu tun.
Irrtum Nr. 9: Die moderaten Muslime müssen die Radikalen bändigen.
Irrtum Nr. 10: In dem Wahnsinn weiß man gar nicht, wie man vernünftig bleiben kann.

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