Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Neoliberalismus (Seite 2 von 3)

Ego sumus?

Der Mensch löse sich zusehends von seinen sozialen Bindungen und vereinsame (‚Minimum‘, 2006), der informationelle Overkill vernichte unsere kognitiven Fähigkeiten (‚Payback‘, 2009), die Spieltheorie aus dem kalten Krieg erzeuge den marktkonformen Kapitalismus, wo wir nolens volens alle zu egoistischen ‚Role Models‘ werden müssen (‚Ego‘, 2013) – der durchgängige Kassandraton ist die große Konstante in Frank Schirrmachers Büchern. Dieser leitmotivische Wagner-Sound eines drohenden Untergangs jener Welt, wie wir sie kannten, macht ihn zum konservativen Vordenker der Republik. Anlässe und Ursachen aber wechseln wie das Pret-à-Porter auf einer Modenschau, wobei allenfalls das Internet die immergleiche Bühnendekoration bietet.

Jetzt also hat er die Mathematiker zu fassen, die seltsamerweise bei ihm als ‚Atomphysiker‘ oder ‚Quants‘ figurieren. Mein Bruder, der Mathematikprofessor, würde ihm für diese Eskamotage was husten: Physiker und Informatiker – meint der nämlich – seien bloß jene niederen Klempnergesellen, bei denen es zur höheren Mathematik nicht gelangt habe.

Hier als Referenz die etwas vereinfachte Grundthese Schirrmachers: Die sozialtheoretischen Gewinnberechnungen ‚machtpolitischer Spiele‘ aus der Zeit der Chrujstschow- und Breschnjew-Ära konnten deshalb ganz stiekum in die Ökonomie einsickern, weil die RAND Corporation und andere Denkfabriken ihren mathematischen Spezialisten dort nach der Implosion des Sowjet-Imperiums nicht mehr genügend Arbeitsmöglichkeiten boten. So migrierten diese Algorithmen-Bändiger in die Bankentürme, um dort ihr Spiel der Spieltheorie fortzusetzen, als einen ‚kalten Krieg‘ auf ökonomischer Grundlage.

Geboren wurden dort jene Algorithmen, auf denen der Sekundenhandel, die Rohstoffwetten und anderes Allotria heute beruhen. Hierbei legen diese Masterminds ein ‚EGO‘ als durchgängiges Menschenbild zugrunde, sie gehen also von einem eher unangenehmen Typen aus, der als Massenmensch immerfort nur seinen eigenen ökonomischen Vorteil verfolge – für ihn würden alle Mitmenschen zu ‚Sowjets‘ des Marktes, die es zu besiegen gelte. Dieses ökonomische Monadentum, so Schirrmacher, sei schrecklich. Also nicht die Akkumulation von Kapital sei zu verurteilen, sondern die massenhafte Existenz solcher Figuren fern aller Humanität, wie auch das frankenstein’sche Fortleben des ‚Kalten Krieges‘ auf den Teppichetagen der Banken:

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Prada-Radikalismus

Uli Dönch, Chef des Wirtschaftsressorts beim ‚Focus‘, dem schrieb Michalis Pantelouris mal folgendes mit der Knute auf den Pelz:

„Die Hetze des Uli Dönch ist eine rassistisch konnotierte. Das, was er schreibt, wertet ganze Völker ab, soll demütigen und verächtlich machen. … Die Menschenverachtung seiner Sprache gehört für mich zum Ekelhaftesten, das ein deutsches Mainstream-Medium zu bieten hat.“

Ich muss daher die menschlich-allzumenschliche Seite solcher Figuren hier nicht auch noch bewerten, die Erde ist groß, es gibt auf ihr viele seltsame Wesen, und der Herr ernährt sie doch. Schließlich, was will man auch machen? Den Uli Dönch prägte nun mal seine Zeit beim Heeresmusik-Korps, so blechern und humptatamäßig klingen seine simplen Weisen allen Vernünftigen in den Ohren. Selbst da, wo er aus einem Text, den Angela Merkel ans Ausland richtete, das schnellfertige Fazit ableitet, dass die Kanzlerin jetzt endlich, endlich, endlich den deutschen Sozialstaat schleifen wolle.

Dabei weiß selbst er – für so intelligent halte ich ihn doch – dass Frau Merkel 2013 hierzulande mitten in einem Wahlkampf stehen wird, der sich erwartungsgemäß um das Thema ‚Gerechtigkeit‘ zentrieren wird, dass seit 20 Jahren niemand mehr glaubt, in einem ‚alle beglückenden Wohlfahrtsstaat‘ zu leben, ja, dass sich alle Experten einig sind, dass Deutschland seine wirtschaftlichen Erfolge durch das ‚Schleifen des Sozialstaats‘ (vulgo: ‚Reformen‘) bereits erzielt habe, dass ferner mit antediluvianisch-marktradikalem Getöse allenfalls noch FDP-Ergebnisse hart an der Nachweisgrenze zu erzielen sind, dass auch niemand Wanne-Eickel endgültig in ein Soweto verwandeln will – kurzum: dass die Kanzlerin solche Thesen vielleicht außerhalb Europas, aber niemals innerhalb der deutschen Grenzen äußern wird, geschweige denn, dass solche Projekte jemals mit Aussicht auf Erfolg umgesetzt werden können, jedenfalls solange hier noch eine Demokratie besteht.

Auch ein retardierter Focus-Wirtschaftsredakteur, der als verstockter Monetarist noch immer bewundernd auf Margret Thatcher’s Grabstein schaut, der sollte Außenpolitik nicht ständig mit Innenpolitik verwechseln, und endlich mal in der Jetztzeit ankommen – dann wird’s vielleicht auch wieder was mit der Auflage:

„Dieses Modell des alle beglückenden Wohlfahrts-Staates rumpelte sich erstaunlich lange durch die Jahrzehnte. Vor allem, weil der Rest der Welt ökonomisch noch nicht soweit war. Doch heute geben Länder wie China oder Brasilien das Tempo vor – dank ihrer sich rasch modernisierenden Volkswirtschaften.“

Genau – Bürger schaut auf Sao Paulo! Vermutlich meint er die zukunftsträchtige Koexistenz von Slums und Ferraris dort …

DVD-Tipp: Und abends dann der Film zum Thema …

Voll Proll, voll toll

Im ‚Cicero‘ verquirlt ein gewisser Dr. Michael von Prollius alles Mögliche zu einem Magenbitter, dessen Ingredenzien noch niemand je für genießbar hielt. Er tauft sein Gebräu „Mehr Neoliberalismus wagen!„, womit er alle schüchternen Fragen nach einem ‚Noch mehr?‚ gleich anfangs nonchalant beiseite wischt. Im ersten Absatz schon erklärt er Ludwig Erhard, den Ahnherrn der ’sozialen Marktwirtschaft‘ und eines egalitär austarierten Liberalismus, zum Stammvater seines neoliberalen Rattenrennens:

„Der Wirtschaftswunderminister ist wohl der prominenteste Neoliberale Europas.“

Gerade hat man sich von seinem Lachanfall erholt und meint, schlimmer könne es kaum kommen, folgt mit dem „segensreichen Wirken“ des Staatsekretärs Alfred Müller-Armack die nächste faustdicke Geschichtsfälschung. Auch dessen Wirken wäre nämlich – laut Prollius – vom neoliberalen Geist „beseelt“ gewesen. Dabei war dieser Müller-Armack faktisch ein glühender Anhänger der staatsdirigistischen Wirtschaftsdoktrin im Nationalsozialismus, er schrieb mit „Staatsidee und Wirtschaftsordnung im Neuen Reich“ die Bibel der Nazi-Ökonomen, wovon er später einige Rudimente an völkischem Gemeinwohldenken in Erhards Konzept einer sozialen Marktwirtschaft direktemang einfließen ließ. Gerade das Sozialstaatliche im Nationalsozialismus überstand oft nahezu unverändert den Wechsel zu Demokratie und Bundesrepublik (s. z.B. das einschlägige Buch von Götz Aly).

Mit Neoliberalismus aber hatte dieses dirigistische und ’sozialistische Erbe‘ der NSDAP weder in der Nazi-Zeit noch in der Bundesrepublik irgendetwas zu tun. Schon geht’s weiter in Michels Märchenstunde – damals, unter Erhard, sei ein blühendes neoliberales Großreich namens ‚Wirtschaftswunder‘ geschaffen worden, die Pläne des bösen Franzmannes seien vereitelt worden:

„In Frankreich ging zu dieser Zeit das Gespenst der Planifikation um. … Europa wurde indes mit den Römischen Verträgen als Hort der Freiheit, der offenen Märkte und der Herrschaft des Rechts konzipiert. Heute steht diese Ordnung zur Disposition.“

Aha – den bösen Franzmann habe man damals also abgewehrt, indem die legendäre ‚deutsch-französische Achse‘ unter Einschluss dieses ‚bösen Franzmannes‘ die EWG mitsamt den ‚Römischen Verträgen‘ aus dem Boden stampfte. – Geht’s denn noch?

Diese neue transnationale Vereinigung war übrigens ein überaus planwirtschaftliches Konstrukt ohne ‚offene Märkte‘, mit kartellierter Montan-Union und hochsubventionierten Agrarpreisen, was deshalb mit Neoliberalismus und einer fälschlich so bezeichneten ‚Ordnungspolitik‘ wiederum nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat. Das Resultat ist heute noch in Brüssel und Straßburg zu besichtigen, es heißt EU, und wird zumeist von waschechten Neoliberalen als „Bürokratiemonster“ angespuckt.

Aber unser Prollius stopft unverdrossen alles, was irgendwann mal politisch erfolgreich war, in seinen Sack, und möchte uns das Durcheinander als ‚Neoliberalismus‘ verkaufen. Eigentlich fehlen nur die Beatles und die Relativitätstheorie in seiner neoliberalen Leistungsschau.

Zwei Absätze weiter mutiert übrigens auch unserem Michel das, was er eben noch unter dem Titel ‚Römische Verträge‘ in den Himmel rühmte, erwartungsgemäß zu einer „zentralistisch gesteuerten EU“, die für alle Übel dieser Welt verantwortlich sei. Mal hü, mal hott – kurzum: Wer versucht, alles Gute und Schöne in ein und dieselbe Flasche zu füllen, der muss auch als niegelnagelneuer neoliberaler Großdenker im wildesten Konfusistan enden.

Sein ’neoliberales Möchtegern-Manifest‘ rappelt übrigens noch einige Absätze länger so vor sich hin. Als Rezensent aber mag man irgendwann den ganzen Wuhling nicht länger aufdröseln. Wer derartiges glaubt, der glaubt’s auch weiter – und Nichtmitglieder dieser Sekte sind auch nach vier Absätzen längst kuriert.

Nachtrag: Trotz imperativer Headline und trotz großer Cicero-Bühne gab’s für das Elaborat nach zwei Tagen nur fünf Facebook-Likes, dreimal ein Google-Plus und gar keinen Kommentar. Es mag sich ja noch in Richtung auf Normalnull ändern – die Leute haben aber, scheint’s mir, solche Märchenstunden, die seit den 90er Jahren die gesamte Publizistik vollmären, wohl einfach satt. Das Publikum ist kein kleines Kind mehr, dem man mit bösen Hexen und weißen Rittern kommen darf. Nebenbei: Ich beteilige mich kaum an solchen digitalen Sozialmedien, solange die es mir nicht gestatten, bspw. auch mal ein Facebook-Dislike oder ein Google-Minus zu verteilen.

Austerität

Gibt’s im Laden weder Brot noch Wurst, Hunger erträgt sich leichter noch als Durst“ – mit solchen Sprüchen beschrieb mir meine Oma die Entbehrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit. In immer mehr Ländern Europas hält diese gute alte ‚Austeritätspolitik‘ wieder Einzug. Das heißt – den Armen nimmt man ihre Renten, ihre Löhne, ihre Gesundheitsversorgung oder ihre Arbeitslosenversicherung weg, um stattdessen notorischen Triebtätern, nämlich spielsüchtigen Banken und Baukonzernen, auf die knickrigen Beine zu helfen. Für diesen edlen Zweck verzichten die griechischen Krebskranken dann gern auf ihre Medikamente. Inzwischen müssen europäische Staaten schon so sehr sparen, dass internationale Anleger – mangels Staatsanleihen – gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Knatter. Denn alle Schulden sind – wechseln wir bloß die Perspektive – immer auch Portfolio. Daher die Nullzinsen in den wenigen ’sicheren Häfen‘.

Das Wort ‚Austerität‘ bedeutet so viel wie ’strenge Enthaltsamkeit‘, ‚Askese‘ oder ‚Hungerskunst‘, zumeist wird es von unseren Politikern mit ‚Sparpolitik‘ verharmlosend eingedeutscht. Es handelt sich dabei um einen Begriff, der für die englische Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg entwickelt wurde. Bei der heutigen Austerität handelt es sich also um eine Kriegswirtschaft in Friedenszeiten. Um etwas ähnliches geht es ja auch, um ein neues Kapitel im ewigen Krieg der Reichen gegen die Armen, um das Schleifen des Sozialstaats, was bekanntlich besonders wirkungsvoll für einen ‚ausgeglichenen Staatshaushalt‘ sorgt, dort, wo man die Steuerlast nicht an den volkswirtschaftlichen Bedarf anpassen mag – und von so etwas kommt dann auch so was:

„Straßenschlachten in Rom, Lissabon, Madrid und Barcelona.“

Und was ist die Folge des Wahnsinns? – „Jetzt befindet sich die Euro-Zone offiziell in der Rezession.“ Oder: Neoliberalismus wirkt – nur nicht so, wie behauptet …

[Dies war ein Beitrag aus der Reihe ‚EU-Politik – leicht verständlich formuliert‘ …]

Lütt Malte

Für den Liebhaber der vergurkten Argumentation und der Wisch-und-Weg-Logik ist es immer wieder einen Genuss, den Malte Lehming zu lesen. Seines Zeichens Chef d’Opinion beim ‚Tagesspiegel‘ und anderswo. Meinungsfreude triumphiert hier stets über die Realität – wie auch in diesem Fall fortschreitender Faktenverwirrung:

„Nach welchen Kriterien wollen wir uns aufbauen? Was soll zählen und über Einfluss, Macht und Wohlstand entscheiden? Früher waren es die physische Stärke und die Zahl der Kinder, dann kamen Geburt und Abstammung hinzu.“

Gut, ein Zeitungsschreiber muss nicht alles wissen. So war es in historischer Perspektive eher so, dass Geburt und Abstammung diese Stärke und Fertilität des Neandertalers ersatzlos verdrängten. Abraham hatte 100 Jahre lang gar keine Kinder – und war doch ziemlich mächtig. Hier bei uns im Königreich Hannover gab es mehr als nur etliche geistesschwache und impotente Figuren, die trotzdem zu Herrschern werden konnten – abgesehen von ‚Kindkaisern‘ und ähnlichen Hosenscheißern, die anderswo als physisch schwache ‚Regenten‘ noch jahrelang in die Windeln pinkelten. Aber auch wenn Katharina II. ihren Gatten, den Reformer-Zaren Peter III., auf ziemlich üble Art massakrieren ließ, dann setzte sie sich auf herrenmenschlerische und revolutionäre Art über Maltes angeblich innovativere Prinzipien der Erbfolge rüde hinweg. Ihr jedenfalls stand der Titel einer Herrscherin aller Reußen aus dynastischen Gründen schlicht gar nicht zu. Kurzum: Maltes evolutionären Stamm rechtmäßiger Herrschaft, um den sich immer neue Schichten von Kompetenzen lagern – Stärke, Kinderzahl, Geburt, Abstammung -, den gibt es gar nicht.

Gut – es muss auch nicht jeder Ahnung von Geschichte haben – nur sollte man dann darüber schweigen, wie es unser Malte leider nicht tut, der im gewohnt plapperfrohen Raum des ‚Cicero‘ es sogar unternimmt, im Flicflac jetzt das segensreiche Wirken von Romney und Ryan zu würdigen. Weil diese Zwei von der Teetankstelle durch ihre Niederlage erst erfolgreich verhindert hätten, dass der Obama – so mir nichts, dir nichts – jetzt die Steuern erhöhen kann (oder so). Wer diesen Gedankengang nicht für möglich hält, lese ihn nach. In welchem Zusammenhang Maltes neuer Abenteuerspielplatz mit dem Erbfolge-Diskurs aus dem ersten Teil des Artikels steht? Ja, was weiß denn ich von mentalen Auffahrunfällen? Auf alle Fälle bleibt’s gewohnt wirr und amüsant …

Zunächst einmal macht der Malte aus allen Sozialleistungen wie der Rente, der Gesundheitsversorgung, der Müllabfuhr, der Stromversorgung usw. schlichte „Wohltaten“. ‚Tut also gar nicht nötig‘, heißt das dann auf Neudeutsch. Wir lebten in einer ernsten Zeit der Krise und daher wäre auch nicht die Stunde für solch solch gutmenschlerisches Wundertütentum. Sollte der Obama es daher wagen, ehrenwerten amerikanischen Superreichen auch nur einen Cent wegzunehmen, dann würde das bloß dazu dienen, weitere „Wohltaten“ einzuführen und das „Anspruchsdenken“ zu steigern – am Ende käme es gar zu einer Gesundheitsversorgung für Mittellose oder zu ähnlich unnötigem Allotria.

Warum das nicht hinhauen kann, erzählt uns der Onkel Malte übrigens auch: „Durch das stetige Altern der Gesellschaft steigen die Ansprüche an Wohltaten schneller als die Produktivitätindizes der Gesellschaft.“ Also nö, Malte, durch das Altern der Bevölkerung steigt höchstens der Bedarf an Medikamenten und an Pflege. Und das sind keine ‚Wohltaten‘, sondern Notwendigkeiten. Dass die ‚Produktivitätsindices‘ der amerikanischen Gesellschaft lahmen, liegt wohl auch eher an der großen Arbeitslosigkeit und gar nicht primär am Alter. Denn schlankweg hat unser Märchenonkel deutsche Entwicklungen auf die USA übertragen. Dort nämlich – in God’s own country – schrumpft die Bevölkerung nicht, der Anteil der Alten steigt in demographischer Relation wesentlich sachter an, kurzum – unser kleiner Malte steht mutterseelenallein in imaginierten Fakten herum, und im Widerspruch zu den Zahlen und zur Statistik:

„Das schnellste Bevölkerungswachstum konzentrierte sich auf die westlichen Bundesstaaten, wo die Bevölkerung zwischen 1990 und 2000 um 19,7 Prozent anstieg. Kurz dahinter lag der Süden mit 17,3 %; langsamer wuchsen der Mittlere Westen (7,9 %) und der Nordosten (5,5 %).“

Alles Zahlen, von denen wir in Deutschland nur träumen. So konstatieren wir erneut: Die Cicero-Kost ist auch diesmal das gewohnt eintönige Kraftfutter der Firma Neoliberallala. Wer davon nascht, ist gegen alle „Wohltaten“ künftig immun. Und das ist ja auch substanziell für jede kleine Milliardärsvilla. Wie gut also, dass es den Malte Lehming gibt, der uns darüber so kongenial aufzuklären weiß.

Verlag und Volk

Markus Somm, Chefredakteur der Basler Zeitung, hat sich nach der amerikanischen Präsidentenwahl geoutet. Als jemand der unter Liberalismus etwas versteht, was leicht modrig nach Lukaschenko duften sollte, als ein Elitenprogramm, welches das Volk am liebsten aus der Demokratie heraushalten möchte, damit erst eine wahre Demokratie daraus wird. Notwendigerweise verstößt er bei seinen ideologischen Lockerungsübungen permanent gegen die eigene Doktrin:

„Es gehört sich nicht, das Ergebnis einer demokratischen Wahl zu beklagen, und dennoch muss ich festhalten …“

Jaja, die gute alte Captatio benevolentia – ich darf’s zwar nicht, aber trotzdem … der Mann ist demnach ‚ungehörig‘ nach eigenem Maßstab, mit anderen Worten: selbst nicht seriös. Das macht dann auch die endlose Latte von Kommentaren deutlich, die mir vor allem eins beweisen: Längst sind die Leser vernünftiger als solche journalistischen Verkaufskanonen, denn das Volk lässt sich nicht einfach von delirierenden Heinzis politisch expropriieren, die es als große Gefahr ansehen, wenn mal ein intelligenter Mensch regiert – und in den schlauen Kommentarspalten unter diesem blöden Text ist mehr Aufklärung zu finden, als in jenen ideologiestrammen Artikeln, welche manche Regenten von Holzhausen mit hochrotem Kopf abzusondern pflegen, dann, wenn ihnen eine Spekulation missglückte.

Zum Schluss malt unser publizistischer Sommelier, der in mir fast schon Sehnsucht nach der intellektuellen Flughöhe eines Roger Köppel weckt, uns noch den Teufel an die Wand:

„Was in Paris oder Berlin bzw. Bonn seit Jahrzehnten praktiziert wird, soll auch in Washington Einzug halten.“

Ja, das wären ja wahrhaft furchtbare Aussichten! Denn wie’s da zugeht, unter solchen antiliberalen Marxisten wie Dirk Niebel, Ursula von der Leyen und Philipp Rösler, das wissen wir ja nun …

Wenn ich so etwas lese …

Dann ist mir nach drei Sätzen klar, dass hier wohl mal wieder der Ulf Poschardt die Welt verkennt:

„Die sozialpolitischen Einpeitscher haben die Spendierhosen angezogen und leitartikeln darüber, wie das Geld der anderen verprasst werden kann – unbeeindruckt davon, wie dysfunktional und kontraproduktiv das Wirken des Sozialstaats geworden ist.“

Ein Satz, und schon ist alles falsch – während die Sprachbilder einem Schifferknoten gleichen! Nun gut, das sind bekanntlich die Indikatoren für den berühmten Poschardt-Stil.

Dröseln wir’s mal auf: Erstens sind weit und breit keine grausamen Bootsmänner zu sehen, die uns, den Ruderern auf ihrer Galeere, mit der Peitsche den Scheitel ziehen möchten. Im Gegenteil, dieses ‚Sklavenschiff‘ wird zur Zeit von Mutti und dem Fiepsi Rösler gelenkt, die sich beim ‚Einpeitschen‘ höchstens gegenseitig verhauen, die zudem gar nicht wissen, wie ‚Spendierhosen‘ aussehen. Ich übrigens weiß das auch nicht, ich weiß nur, dass diese Metapher schon etwas käsig stinkt, nach jenen Zeiten, wo der Gentleman den am Straßenrand kauernden Bettlern gönnerhaft eine Münze aus den Taschen seiner ‚Spendierhose‘ zuschnippte. Und dahin, in die Zeiten gnädiger Almosen, wollen diese mehr oder minder regierenden schwarzgelben ‚Einpeitscher‘ also zurück, Herr Poschardt? Was Sie nicht sagen! Und weshalb zöge solch ein ‚Einpeitscher‘ seine höchsteigenen ‚Spendierhosen‘ an, wo er doch bloß ‚das Geld der anderen verprassen‘ will? Fragen sind das …

Weiter geht’s: ‚Leitartikeln‘ würden diese ‚Einpeitscher‘, sagen Sie? Ja, wo denn das, wo doch alle Kanäle schon pattexhaft mit marktradikalen Ergüssen wie dem Ihren verstopft sind? Gegen die Fronde der neoliberalen Realitätsflüchtlinge aller Medien dringt kaum ein Pieps mehr durch – allenfalls im Internet gibt’s noch ein wenig Gegenrede.

Ferner sei es ‚das Geld der anderen‘, das dort ‚verprasst‘ werden soll? Geht’s denn noch? Oder soll ich den Arzt rufen? Was dort angeblich ‚verprasst‘ wird, das rettet Leuten zumeist das schlichte Überleben. Und es ist auch nicht ‚das Geld anderer Leute‘, sondern es sind Steuergelder, Geld also, was anderen nie gehörte. Steuern sind etwas, was Ihresgleichen schlicht schuldet, es ist kein Geld, was Ihnen und anderen Leuten ‚weggenommen‘ wird. Wenn Sie’s nicht glauben, beschäftigen Sie sich mal mit der Rechtsprechung …

Dass allerdings das Wirken des Sozialstaats ‚dysfunktional‘ und ‚kontraproduktiv‘ sei, in dem Punkt stimme ich Ihnen angesichts von Hunderttausenden von ‚Armutsrentnern‘, von Millionen von chancenlosen Langzeitarbeitslosen, von ausgegrenzten Alleinerziehenden, von desolaten Bildungseinrichtungen, von unanständig unterbezahlten jungen Menschen, und auch von privilegierten Besserverdienenden, die sich notorisch verpissen, wenn’s zu Forderungen kommt – in diesem Punkt stimme ich Ihnen daher ausdrücklich zu. Diese Entwicklung setzte ungefähr zu Helmut, des Oggersheimers Zeiten, ein. Mindestens 30 Jahre ‚Dysfunktionalität‘ also schon, dank neoliberaler Agenda.

Allerdings rettet diese schlichte Wahrheit Ihren sprachlich arg dahergewurkelten Gallimatthias auch nicht mehr …

Anhang: Was sonst noch so zu dem Schnösel und Treppauf-Loser zu sagen wäre, findet sich hier …

Oh, Herr!

Gepriesen sei Dein Name! Du erleuchtest die Ungläubigen, so sehr sie auch widerstreben. Du lässest noch immer und allezeit Zeichen und Wunder geschehen, Du vernichtest Hexer und Hexen samt ihrer Handtäschchen noch im kühlen Grab. So Du es willst, welken sogar ökonomische Theorien wie Brennesseln im heißen Wüstenwind. Alle Gläubigen und Dürstenden aber erquickest Du mit neuer Wahrheit, bis sich – hallelujah! – sogar der altböse Feind, der Monetarismus, vor dem Thron Deiner Herrlichkeit beugt und Deine Allmacht anerkennt:

„Briten vor Abkehr vom Neoliberalismus.“

Dorothea Siems muss blond sein

Statt dass diese Loser und Geringverdiener von ihrem Hungerlohn monatlich ein paar hundert Euro abschöpfen, um die Privatrente zu füttern, wo’s vom Staat schon nur noch Almosen gibt, da entwickeln die alle lieber einen mentalen Defekt: „Geringverdiener [sind] oft Vorsorgemuffel.“ Selbst schuld also, wenn die Rente nicht reicht …

Wissen Sie was, Frau Siems?

Natürlich ist ein Zuschlag auf Minirenten „ein ordnungspolitischer Sündenfall.“ Was auch sonst? Und wessen ‚Ordnung‘ ist es, die Sie uns hier als einzig richtige und ewigwährende ‚Ordnungspolitik‘ verkünden möchten? Inzwischen kommt fast alles Insistieren auf Gerechtigkeit einem ‚ordnungspolitischen Sündenfall‘ gleich, was prompt dem Geist Ihrer INSM widerspricht. Wobei ‚Geist‘ ein zu großes Wort ist. Was wäre denn Ihre Antwort auf die grassierende Altersarmut? Verrecken lassen, damit alles seine „Ordnung“ hat? Wer den Hunger frierender Rentner nicht hinnehmen will, der muss jene Renten aufstocken, wo geleistete Beiträge kein Leben in Würde ermöglichen. Punkt. Anders geht das gar nicht.

Vielleicht übten diese Betroffenen ja Mini-Jobs aus, wo sie auf Wunsch Ihrer neoliberalen Arbeitgeberfronde so gut wie gar nichts in die Sozialkassen einzahlten, vielleicht erhielten die Betroffenen in ihrem Beruf ja nur eine Bezahlung weit unter dem üblichen Mindestlohn. Insofern ist die notwendige Aufstockung ungenügender Altersrenten nur jene negative Dividende, die Sie und Ihresgleichen jetzt für die Einführung der Agenda 2010 damals bezahlen müssen, es ist sozusagen der Zins der bösen Tat. Ihr aufgeregtes Liberalalla-Gegacker wiederum ist – so gesehen – nur gnadenlos banal.

Betrachten Sie doch bitte die Faktenlage: Jeder Politiker muss heutzutage ‚ordnungspolitisch‘ zwingend ‚in Sünde‘ verfallen, will er sozialpolitisch halbwegs wieder Gerechtigkeit einführen. Das eine geht nicht mehr ohne das andere, jedenfalls nicht in neoliberalen Zeiten, wo die Abwesenheit aller Empathie von Dienstleistungsfiguren wie Ihnen systematisch als „göttliche Ordnung“ verklärt werden soll, mit Hilfe einer schwer angegilbten Sünden-Metaphorik. Ihr Zetern wegen eines „ordnungspolitischen Sündenfalls“ ist auch nur das übliche FDP-Pharisäertum, Größere haben solche Figuren einstmals zum Tempel hinausgekegelt. Es ist die elitäre und institutionalisierte Unmenschlichkeit, die nach 2013 glücklicherweise keine politische Basis mehr haben wird …

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