Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Neoliberalismus (Seite 1 von 3)

Von Ratgebern ist abzuraten

Quacksalber / Public Domain / School of Hieronymus Bosch, Holland, 1474

Wer große Handelsketten betritt, steht vor einer Wand von Büchern, die allesamt den Leser auf einen Königsweg führen wollen, um im Leben Erfolg und Zufriedenheit zu gewinnen. Viele Titel zieren sich mit einem wissenschaftlichen Beiwort, wie ‚Strategie‘ oder ‚Methode‘, um den Absatz zu fördern. Parodistisch formuliert lauten die Überschriften dann: „Was lange gärt, wird endlich gut. Die Sauerkraut-Methode“ oder: „Größer scheinen, als man ist. Die Walfisch-Strategie“. Der Markt für solche Titel wächst jährlich um etwa fünf Prozent, obwohl sie allesamt nahezu das Gleiche lehren: Man müsse bloß positiv denken, dann folge das Glück auch wie von selbst.

Die Kernsätze sind oft wohlfeile Kalenderspruchweisheiten, wie diese aus einem Management-Ratgeber: „Lob ist Dünger und führt zur Blüte, zu Wachstum und zur Frucht. Kritik ist Gift und tötet noch den letzten Keim“ (‚Die naturkonforme Strategie‘). Im Grunde wickelt der Verfasser hier nur längst breitgetretene Erkenntnisse über Motivation und Demotivation in eine neue Bildwelt, in eine naturnahe Metaphorik.

Die viel wichtigere und zielführende Frage ist es, weshalb überhaupt ein solcher Bedarf für Ratgeberliteratur existiert? Offensichtlich sind viele Menschen in Familie, Beruf oder Management überfordert. Sie fühlen ein Ungenügen, und sie versuchen ihr gefühltes Versagen mit Hilfe solcher Ratgeber-Gurus zu überwinden. Nahezu jeder fühlt sich heutzutage mit seinen Problemen allein gelassen, er macht sich, und nicht etwa die Strukturen, die Umgebung oder die Bedingungen für Probleme verantwortlich.

Das Problem lautet also ‚Individualisierung‘. Jeder habe seines Glückes (oder Unglückes) Schmied zu sein, so lautet das kalte neue Gesetz. Wer beim allgemeinen Rattenrennen auf der Strecke bleibe, der habe die Schuld bei sich zu suchen, und bei seiner mangelhaften ‚Selbstoptimierung‘. Der Boom an Ratgeberliteratur, sagt die Soziologin Stefanie Duttweiler, sei eine direkte Folge des neoliberalen Paradigmas.

Die – zunächst positive – Suggestion bestand darin, zu sagen, dass jeder erfolgreich sein könne. Ein Gesetz, das allein mit ein wenig Logik zu widerlegen wäre. Denn das Resultat wäre eine Gesellschaft, wo alle oben stünden. Wer also nur den plakativen Regeln der ‚Känguru-Strategie‘ oder der ‚Plattwalz-Methode‘ folge, der werde irgendwann unweigerlich ‚on top of the hill‘ leben. Weil aber alle diese Methoden komplett von sozialen und psychischen Unterschieden absehen, von Herkunft, Krankheiten oder Psyche, richten sie vermutlich mehr Schaden an, als sie Gutes bewirken. Es genügt hierbei, sich die Vita derartiger Verfasser goldener Lebensregeln anzuschauen. Die meisten von ihnen leben doch keineswegs weit oben auf dem gesellschaftlichen Olymp.

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Die radikale Mitte

Aus der Diskussion mit dem ‚Nazienkel‘ dort unten über unsere Großväter entstand dieser Text. Er wundert sich über die Verwunderung unserer Politiker, dass in Dresden und anderswo plötzlich ‚ganz normale Bürger‘ mitlaufen würden. Ja, was denn sonst? Die ‚Radikalisierung der Mitte‘ ist das Kennzeichen aller rechtspopulistischen Parteien – und der Rechtsextremismus kriecht nicht aus irgendwelchen dunklen Troglodytenhöhlen, er entwickelt sich auch nicht im ‚Pöbel‘, er entsteht vielmehr, wenn frustrierte bürgerliche Schichten sich gewissermaßen ‚in Pöbel verwandeln‘.

So war der Nationalsozialismus vor 1933 in der Masse keine Arbeiterbewegung. Gerade die Arbeiter, sofern sie in Großbetrieben arbeiteten, erwiesen sich als verhältnismäßig resistent. Wie übrigens auch die katholischen Gebiete. Zentrum und Sozialdemokratie verfügten über geschlossene Weltbilder und damit über konstante Wählerzahlen, während das eher protestantische Weltbild des Nordens mit seinem gewohnten Muster von Aufstieg durch Leistung und Werkheiligung in der Wirtschaftskrise zerbröselte. Die NSDAP wurde folgerichtig überdurchschnittlich oft von Selbständigen gewählt (Funktionsberufe, Bauern, Handwerker, Kaufleute), aber auch die Universitäten waren tiefbraun gefärbt. Ferner wies auch die Beamtenschaft und die Oberschicht der ‚Happy Few‘ einen beträchtlichen Anteil von Nazi-Wählern auf. Sie alle glaubten ersatzweise dem Märchen von der ‚jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung‘, welche ihre Verelendung verursacht habe. Der Sieg der Nazi-Partei folgte aus der Entwertung alter Ansprüche des Bürgertums, der Führer wurde von einer bürgerlichen Protestbewegung an die Macht getragen. Seine Rhetorik kam ‚aus der Mitte der Gesellschaft‘, auch wenn er einem Wiener Obdachlosenasyl entstieg.

Interessant im Zusammenhang mit der Pegida ist für mich jetzt der Faktor des ‚verlorenen Weltbildes‘. Auch heute wird längst das medial herrschende Narrativ des Neoliberalismus nicht mehr geglaubt – es verfängt nicht mehr. Der Protest gegen die ‚Lügenpresse‘ hat hier seinen Ursprung. Deregulierung, Privatisierung und Globalisierung führen in der Erlebniswelt von Pegida-Mitläufern dazu, dass ihr altes Tellerwäscher-Märchen immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert, weil immer mehr Menschen aus dem Mittelstand erleben, dass sie durch unentwegte Leistung gerade nicht mehr aufsteigen können. Im Gegenteil sind u.a. steigende Mieten, marginalisierte Prekariats-Existenzen, der Verlust des Vermögens oder eine unerhörte Austauschbarkeit der Individuen am Arbeitsplatz die Folgen dieser Deregulierung, die alle sozialen Bande eiskalt und moralbefreit zu zerschneiden pflegt. Die ‚Eliten‘ reproduzieren sich längst selbst, wie auch ihre wachsenden Vermögen, und ‚die da unten‘ sollen gefälligst sehen, wo sie bleiben. Kurzschlüssig schieben diese Leute dann die Schuld an der laufenden realen Entwicklung ‚den Ausländern‘ zu, die ihnen angeblich ihre gewohnten Chancen durch Zuwanderung rauben würden. Es ist das alte Sündenbock-Muster, das sich lieber mit den Schwächeren als mit den Starken anlegt. Das sehnsuchtsgeladene ‚Abendland‘ im Namen der Pegida ist jene alte Welt, die zunehmend hinter dem Horizont versinkt. Insofern schon ein treffender Name … während statt des Popanzes der ‚Islamisierung‘ dort besser ‚Neoliberalisierung‘ stünde. Und ‚patriotische Europäer‘ sind so etwas wie ein ’schwarzer Schimmel‘, den gab es früher höchstens auf dem Drogenmarkt.

Klar wäre es besser, wenn diese Menschen nicht den Rattenfängern dort glauben würden, deren Horizont auch nicht weiter reicht, als ihr eigener. Dazu müsste aber erst einmal ein neues Narrativ entstehen, das nicht im stinkenden Tümpel von ‚Politically Incorrect‘ und ähnlichen Gruben geboren wurde. Eines, das einerseits den Forderungen der Realität entspricht, das andererseits nicht den ausgelatschten Spuren des Neoliberalismus und der ratlosen Parteipolitiken in dessen Kielwasser folgt, Worthülsen von orientierungslosen Politikern, die nur noch wie billiges Talmi oder bestenfalls Eiapopeia klingen. Ein Narrativ, das also eine lebenswerte Utopie beschreibt, etwas, was der Liberalismus nicht länger vermag. Dessen Versprechen sind hohl geworden, während auch ‚die Linke‘ (whoever that is) nichts Überzeugendes mehr zu bieten hat.

Wer schreibt es? Ich sicher nicht …

Logik adé!

Die Denkbemühungen im deutschen Qualitätsjournalismus werden immer aberwitziger. Vermutlich hat der Verfasser selbigens sich hoffnungslos in den Wortbedeutungen verheddert, so dass er in seinem Dusel zwischen ‚Regulierung‘ und ‚Regel‘ einen klitzekleinen Unterschied sah, dort, wo faktisch keiner ist. In nur zwei Sätzen zauberte der Carsten Brönstrup uns erstaunten Lesern so eine rasante argumentative Kehrtwendung aus der duldsamen Tastatur:

„Die große Koalition reguliert zu stark. Und nicht der Neoliberalismus an sich produziert Krisen, sondern eine Politik, die nicht die nötigen Regeln setzt.“

Wir halten also fest, die GroKo reguliert zu stark, weil sie nicht genügend reguliert. Der Neoliberalismus ‚an sich‘, dieses arme Tier, das kann aber nichts dafür. Danke, ‚Tagesspiegel‘, das habe ich noch gar nicht gewusst. Bitte ein Aspirin … und vielleicht sollte der ideologietreue Herr aus den Untiefen des Wirtschaftsjournalismus künftig schreiben: ‚Der Neoliberalismus ist gut, schon deshalb, weil er nicht gut ist‘. Dann versteht es jeder – selbst ein Psychiater. Und der Bundespräsident freut sich auch …

Freiheit ohne Freiheit

In seinem höchst privaten Wunderland argumentiert der Alexander Kissler gern und fern aller anerkannten Vernunft daher. Nehmen wir beispielsweise die gebräuchlichste Definition, wonach ‚Freiheit‘ die Chance wäre, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten wählen zu dürfen. Nach dieser Definition wäre zum Beispiel ein Hartz-IV-Empfänger seiner grundlegenden Freiheiten beraubt, weil die Agentur sein ferneres Schicksal ‚fremdbestimmt‘, das Individuum hat seine Autonomie verloren. So bestünde beispielsweise auch die berühmte ‚Freiheit des Christenmenschen‘ darin, entweder den schmalen Weg ins Himmelreich schweißgebadet zu erklimmen, oder aber die breite Autobahn zur Hölle ganz bankstermäßig zu befahren. Der irdische Sündenkloß muss sich dann nur über die Konsequenzen – Harfespielen in Ewigkeit oder Röstfleisch, glühende Zangen und so – auch klar sein, weshalb es Priester und Pastoren zur apokalyptisch eingefärbten Erläuterung gibt. Wodurch natürlich die vermaledeite Kirche in ihrem eingeborenen Jesuitismus den Freiheitsbegriff durch solche Drohungen ratzfatz gleich mal wieder einschränkt. Wer wird schon gern gekniffen?

Wie aber verfährt unser Neokatholik vom ‚Cicero‘? Er schränkt in seiner neoliberalen Lego-Welt diese grundlegende Freiheit der Wahl durch ein ’nur‘ gleich mal so weit ein, dass er ‚alternativlos‘ wie Frau Merkel daher zu parlieren vermag. Was dann erst ein wahrer ‚Liberalismus‘ sein soll:

„Liberalismus: Nur der Markt schafft Freiheit.“

Woart – ik hust‘ dir glieks wat! Wie wäre es denn mit ‚Vernunft‘, ‚Tod‘, ‚Verzicht‘, ‚Glaube‘, ‚Weisheit‘, ‚Verantwortung‘, ‚Rausch‘ – alles Begriffe, an die sich auch ein Diskurs über Freiheit problemlos und ‚alternativ‘ anschließen ließe; Begriffe, die sich allemal statt ‚Markt‘ in den obigen Satz einflechten ließen, ohne irre zu wirken? Es kommt eben immer darauf an, was man unter Freiheit versteht … und wer gern auf dem Grabbeltisch nach Schnäppchen wühlt, der betrachtet dann eben den Markt als Freiheitsbringer. Das wäre dann gewissermaßen ein Liberalismus im Sommerschlussverkauf, extra tief gelegt auf ein konsumistisches Verona-Pooth-Niveau … daneben aber gibt es weitere ‚mille plateaux‘. Da mag man noch so oft apodiktisch und illiberal ein ‚Nur‘ dahertröten …

Nebenbei: Auch der Rest des Textes ist historisch völlig neben der Spur, wonach nämlich die Demokratie wie ein Phönix erst aus dem freien Marktgeschehen emporgewachsen sei. Förmlich das Gegenteil ist richtig: Erst wurde der König geköpft, dann kam das Direktorium. Die marktorientierte rheinische Bourgeoisie vertrug sich hervorragend mit der preußischen Reaktion, Hand in Hand kämpften beide für das Dreiklassenwahlrecht, welches das Volk von der Demokratie ausschloss. Die Sklavenwirtschaft während der amerikanischen Sezession wurde ja gerade mit dem Argument vom Süden verteidigt, dass man anders ‚auf dem Weltmarkt‘ gar nicht bestehen könne. Marktfern und religiös fundiert kam dagegen eher der Norden daher, die Quäker und Abolitionisten. So ließen sich noch hundert Beispiele anführen: Textilfabriken in Bangladesh, Coltan-Minen im Kongo usw., die Zwangsarbeiterfabriken in China, die Baumwollfelder in Kasachstan – überall knallharter Markt, aber nirgends Demokratie. Ein Markt sans phrase und die Demokratie sind immer Antagonisten, Oliver-Twist-Welten sind die Folge, das Gesabbel von der Allianz dieser beiden ist ein interessierter Mythos – nach der Melodie: „Wer nur den freien Markt läst walten / Und hoffet auf Ihn allezeit / Der wird Ihn wunderlich erhalten / In aller Noht und Traurigkeit.“ Mit anderen Worten: Bullshit für Sektenmitglieder …

Beweis erbracht

Ein Abschluss in den ökonomischen Wissenschaften fördert keineswegs die wirtschaftliche Kompetenz, auch keine nachgewiesene ‚Spezialisierung auf Steuerrecht‘, und die vertrauenheischende Fönwelle hilft vor Gericht auch nicht weiter. Jetzt heißt es also – seid verschlungen, Millionen:

„Dass [Karl-Heinz Grasser (FPÖ)] sich auf der Uni Klagenfurt „im Steuerrecht spezialisiert“ hat und sieben Jahre Finanzminister war, könne er nicht abstreiten. „Hab ich jemals auch nur eine eigene Steuererklärung abgegeben ohne einen Steuerberater? Nein, hab ich nicht, weil ich steuerlich so ungebildet bin.“

Oh, infelix Austria – eine Steueroase voll ‚wirtschaftlich Ungebildeter‘, das kann doch nicht gut gehen. Wie war das noch mal mit dem Bock und dem Gärtner im Finanzministerium? Mir gefällt übrigens der Name Karl-Heinz unseres Jörg-Haider-Spezis in diesem Zusammenhang außerordentlich, auch Klagenfurz als Studienort. Tscha … Skandale säumen nun mal den Weg des ich-fixierten Rechtspopulismus.

„Sperrt den Karl-Heinz doch endlich hinter Gitter …“

Köppel klingeln die Lauscher

Wie der Kurt Imhof dort vor dem Tribunal gegen die ‚Weltwoche‘ und den Roger Köppel vom Leder zog, das ist aller Ehren wert. Zumindest wird der Unterschied zwischen Aufklärung und blanker Hetze, die es zudem unverfrorenerweise wagt, sich ‚Informationsjournalismus‘ zu nennen, endlich wieder klar. Der faule Kern all solcher Rosstäuscher-Medien besteht darin, dass sie mit dem Begriff ‚Liberalismus‘ ihre argumentativ tauben und egoistischen Dogmen bloß umetikettieren. Sie nennen ihren sauren Essig Wein und reden von der ‚Freiheit‘ wie der Erich Honecker von einer angeblichen ‚Demokratie‘, die auf dem Willen ‚werktätiger Massen‘ basiere, die aber niemand je sah. Nur die roten Bonzen auf den Tribünen wurden durch ‚Vermögende‘ ersetzt:

„Hohes Gericht, ich komme zum Fazit. Wie gezeigt, steht in der neuen «Weltwoche» nicht drin, was draufsteht. Sie ist zum Gegenteil einer «liberalen Warte» verkommen. In ihrer Verstümmelung des Politischen auf Freund und Feind zum Ersten, in ihrer dreifachen Dogmatik der Unvernunft zum Zweiten und in ihrem Bestreben, unsere freie Republik in eine nackte Tyrannis zu verwandeln, zum Dritten, manifestiert sich ein zutiefst antiliberaler Standpunkt.

Jennifer, die Retro-Maid

Zu einem Artikel der Holzschnitt-Lady Jennifer Nathalie Pyka haben ich beim ‚European‘ einem gewissen ‚Markus‘ geantwortet. Da der Text zu schade ist, um in einer Foren-Ecke Patina anzusetzen, weil er auch Grundsätzliches verhandelt, stelle ich ihn auch hier nochmals ein:

„Eine Zeitlang konnte man im Journalismus tatsächlich etwas werden, wenn man aus der rechtspopulistischen Ecke kam. Siehe bspw. Dorothea Siems, Andrea Seibel, Ulf Poschardt, Henryk M. Broder usw. Das war so Anno 1990. Diese Leute sind allesamt längst im publizistischen Museum bei der ‘Welt’ gestrandet.

In den Blogs beim ‘European’ spielt die JNP heute die Rolle der Provokateuse aus diesem leicht modrig duftenden, hayek-infizierten Bereich, mit einem dicken Klacks Netanjahu-Anhimmeln obendrauf – so wie’s in der ‘Achse des Guten’ eben auch geschah. Sie darf – soweit ich das überblicken kann – ja nur ‘Blog-Texte’ schreiben, um so (mittels ihrer angestrengten Effekthascherei) verlegerisch erwünschte Klicks zu generieren. Weil selbst eher schlichte Leute sich über diese schlichte Thesenbastelei schlicht aufregen.

Mir dient JNP eher zur Bestätigung dessen, was ich über solche Egomanen eh schon denke, die da glauben, ihre unermessliche Weisheit wäre mindestens schon seit Anno Aristoteles unerhört (s. auch Schirrmachers Buch). Auf eine wirklich exponierte Ebene aber hat sie’s meines Wissens nie geschafft.

Derartige Texte klingen um so dissonanter, je mehr deren Zeit vorbei scheint … s. z.B. Zustand der FPÖ in Österreich, die Wilders-Bewegung in NL usw. Diese ganze akklamatorische, im Kern aber unpolitische Ebene ist auf breiter Front heute wieder nach links geschwenkt, selbst die Angela Merkel schwenkt zusehends mit – derzeit liegt die Zukunft jedes Populismus eher auf der Beppe-Grillo-Linie – er muss also direktdemokratisch gegen ‘das System’ und damit gegen ‚die Eliten‘ gerichtet sein, will er Erfolg haben. Weil unsere Führungsschichten erheblich abgewirtschaftet haben.  Von diesem gesellschaftlichen Grundbeben spürt JNP nicht einen Hauch, sie sitzt auf ihrem Maulwurfshügel und verklugfidelt uns die Schönheit einer alten Welt, die gerade hinter dem Horizont verschwindet.

Der von Ihnen erwähnte ‘Cicero’ trat einst an, um sozusagen die ‘Transatlantic’ des dritten Jahrtausends zu werden. Zusehends aber hat er sich unter Michael Naumann in die Langweiler-Ecke des Mainstreams manövriert und der politische wie der Kulturbegriff richten sich in etwa am Horizont der Zahnwaltsgattin aus (Feministinnen, verzeiht mir!), die sich deshalb schon ‚elitär‘ dünkt, weil ihr Mann ihr eine teure Perlenkette schenkte. Dahin passt JNP wiederum ganz gut. Das neoliberale Töchterchen erklärt der Eislaufmutti das Weltgeschehen. Intellektuell gesehen bleibt’s aber ein Ponyhof – oder Kaffeeklatsch …

Generell haben manche Schreiber noch immer nicht kapiert, dass ‘liberal’ und ‘neoliberal’ heute eher Gegensätze sind. Freiheit im liberalen Sinn heißt ja eben nicht ‘Egoismus’ und ‘pfeif auf die Gesetze’ und auf jedwede ‘Regulierung’ und hinterziehe weiter brav deine Steuern – der Liberalismus sprach vom ‚größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl‘. Lesen Sie mal Friedrich Naumann! Davon weiß der Neoliberalismus nichts – er setzt seine Ideologie mit dem Egoismus – oder ‚dem Markt‘ – schlicht gleich. Sollte allerdings jemand das Konto solch egomaner Leute plündern, wären die allemal die ersten, die nach mehr ‘Regulierung’ schreien. Auf ein solches retardiertes Publikum sind diese Holzschnitt-Texte berechnet. Der Rest zielt mit einem abgelatschten Stiefel auf die Hühneraugen anderer Leute …

Wenn Sie JNP gern lesen – ja, Herrgott, was sollte ich denn da machen? Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Der Ulf im Kollermodus

Wenn es darum geht, seinen Lieblingsfeinden böse Absichten unterzumunkeln, dann übertrifft kaum jemand den Ulf Poschardt. So sind die Grünen zur Zeit bei Wahlen höchst erfolgreich – sogar Deutschlands ultraliberalster Kolumnist muss das neidvoll konstatieren. Was aber müssen deren Siege dann sein? Genau – hohl müssen sie sein. Denn „hinter der Fassade … lauern Denkverbote, Opportunismus und programmatische Erschöpfung.“ So weit, so gewohnt, so grotesk – so durch und durch poschardesk.

Auf dieses Umfälschen alles Offensichtlichen zu bloßem Talmi will ich heute auch gar nicht hinaus. Mir geht es um diese „Regulierungswut„, die der Ulf den Grünen dort unterstellt. Bekanntlich wissen unsere grünregierten Schwaben in ihrem durchregulierten Alltag vor lauter Vorschriften schon seit einem Jahr weder aus noch ein. Aber der allgemeine Wahlpöbel ist ja dumm, meint unser Weltenschummler – und deshalb fällt er auf jeden Betrug herein:

„Ihre [= der Grünen] mausige Distanzierung von den Hartz-Reformen, ihre wüsten Umverteilungsideen, ihre rigide Regelungswut haben ihr Image in der Breite der Wahlbevölkerung kaum geschmälert.“

Mein Gott – so Poschardts implizite Conclusio – was ist mein Volk doch doof! Was er allerdings ‚Regulierungswut‘ nennt, das nennen andere schlicht ‚regieren‘. Denn alles ‚Deregulieren‘ ist bekanntlich leicht: Gesetze abschaffen, mit einem Federstrich Bewährtes streichen, hier was kürzen, dort was schmälern, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, und allen Wildsäuen aus der Wirtschaft konsequent das soziale Feld zum Umwühlen und Kahlfressen überlassen – das in etwa ist das ultraliberale Regierungsideal: Wo privat, da kein Staat zu machen. Man könnte dieses ‚Deregulieren‘ daher besser ein konsequentes ‚Nicht-Regieren‘ auf immer mehr Gebieten nennen. Gutwillige sprechen auch von schwarzgelber Regierungskunst.

‚Regulieren‘ wäre jedenfalls dann ein anderer Ausdruck fürs ‚Regieren‘. Die Wirtschaft weiß dies ja auch, sie haut immer nur den Popanz der anderen, während sie selbst ihre Angelegenheiten stramm durchreguliert. Ihr Gequake nach einem ‚Deregulieren‘ soll doch immer nur für den öffentlichen Bereich gelten. Da, wo es ‚privat‘ wird, wo es also um das Verhältnis der eigenen Würstchenfabrik zum werten Kunden geht, da wird die Beziehung immer mehr durch Regeln ’stranguliert‘ – auf Teufel komm raus.

Hat sich denn noch nie jemand durch das Kleingedruckte in Versicherungsverträgen gewühlt? Hat er noch nie mit qualmenden Mausrad sich durch die Geschäftsbedingungen einer Internet-Vereinbarung gequält, wo in schönster Juristen-Lyrik der mächtigere Vertragspartner sich von aller Verantwortung schon vorab völlig freischwätzt? Die Wirtschaft ‚reguliert‘ also ihren Beritt täglich ganz hervorragend, wer jemals gegen ein großes Unternehmen sich auf ‚Rechtssuche‘ begab, bis seine Haare grau wurden, der weiß dies auch. Poschardts Wut auf eine angebliche „Regulierungswut“ wäre also eher auf ökonomischer Seite mal angebracht. Um beispielhaft zu bleiben: Er soll doch nicht ewig von der Zahl Aigner’scher Arbeitskreise auf eine durchregulierte Landwirtschaft schließen. Selbst die wenigen kompensatorischen ‚Regulierungen‘, die es gibt – wie z.B. die schwarzgelb getünchte Verlagsindustrie-Dienstleistung namens ‚Leistungsschutzrecht‘ – die lassen sich wohl kaum den Grünen in die Schuhe schieben.

Aus dieser Perspektive ist die Forderung von Marktradikalen wie Ulf Poschardt nach einer ‚Deregulierung‘ schlicht nur ein Wortbetrugsmanöver, Public Relations also oder ‚INSM-Deutsch‘. Im Grunde ist es ein verbrauchtes Wort wie auch ‚Reform‘. Wer tatsächlich weniger Regulierung will, der soll erst einmal den Regulierungswahn unserer Privatwirtschaft kräftig schurigeln.

Nebenbei: Wenn der ‚Welt‘ weitaus Wirrster die Grünen als ‚bürgerliche Linkspartei‘ zurecht verortet, wenn die mit diesem ideologischen Stunt auch noch Erfolg haben, dann entgeht dem Ulf der naheliegende Schluss, dass wir dann wohl auch ein ‚linkes Bürgertum‘ bekommen haben. Auch die Verrenkungen der Union, die so gern dort ankommen würde, wo ihr Bürgertum neuerdings ist, sprechen für diesen Befund. Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, kann unser Ulf die Welt auch nicht mehr adäquat beschreiben. Allenfalls eine Welt für die ‚Welt‘ …

Die mediale Grillophobie

In Portugal gingen am letzten Wochenende mehr als zehn Prozent der lusitanischen Bevölkerung auf die Straße, um gegen Angela Merkel und deren Austeritätspolitik zu protestieren – gegen eine Kriegspolitik mitten im Frieden also. Zum Vergleich: Bei der größten Demonstration, die je auf deutschem Boden stattfand, entdeckten in den 80er Jahren nur knapp zwei Prozent unserer Bevölkerung den Weg auf die Rheinwiesen. Zeitgleich mit dem portugiesischen Uproar stimmten in der Schweiz mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten für eine ‚Abzockerinitiative‘, um das Gehalt jener Figuren zu begrenzen, deren Portfolios gerade in Spanien, Irland, Griechenland und anderswo mit dem Vermögen der dortigen Bürger gerettet werden sollen.

In Italien wiederum gewann ein gewisser Beppe Grillo die Wahlen, seine Fünf-Sterne-Bewegung wird italienweit zur stärksten Partei – und die ganze deutsche Presse kann es jetzt nicht fassen und verfällt in blanke Italienerbeschimpfung: Wie konnte der zutiefst irrationale Welschmann, dieser Pulcinell, nur einen solchen „Komiker“ (SZ) und „Klamauk-Künstler“ (FAZ) wählen? Was die gleichen Kommentatoren übrigens nicht daran hinderte, dem Peer Steinbrück jene Ausdrucksweise vorzuwerfen, die sie selbst soeben noch pflegten.

Verwunderlich an dem Fall Beppe Grillo ist allenfalls, dass dieser Fall nicht schon sehr viel früher eintrat: Italien schützt traditionell einen überdurchschnittlichen Anteil von Vorbestraften und Kriminellen durch ein undurchdringliches Parlamentsmandat. Die Mandate dieser Unberührbaren werden nicht etwa vom Volk vergeben, sondern allein von den Parteien. Das italienische System kennt gar kein Direktmandat, sondern nur ausgekungelte Listenplätze, die von Wahlperiode zu Wahlperiode vererbt werden können, sofern man die Geschäfte nicht stört. Auf einem Stimmzettel – sagen böse Stimmen – vermag der italienische Wahlbürger nur ‚Mafia-Süd‘ oder ‚Mafia-Nord‘ anzukreuzen, gut – die Camorra spielt dann auch noch eine Rolle. Das in etwa ist der Zustand der Demokratie in Italien – eine fest zementierte Mischung aus Parteien, mafiösen Organisationen und Bauindustriellen. Dann gab es bei der letzten Wahl auch noch den Mann von Goldman-Sachs, der die Rückführung der bourgeoisen Assets organisieren sollte, einen gewissen Herrn Mario Monti.

Aus all diesen und noch vielen weiteren Gründen spricht das italienische Volk, ist von Politikern die Rede, nur noch von ‚La Casta‘. Was wir nur in milderer Form kennen – eine abgehobene ‚politische Klasse‘ – das besitzt Italien im Übermaß.

In einem solchen Land wuchs ein hochbegabter, mehrmals preisgekrönter Schauspieler heran, der zunehmend auch sein kabarettistisches Talent entdeckte. Beppe Grillo, ein ehemaliger Buchhalter, wurde zu Italiens großem Fernsehstar, er erzielte jene Quoten, von denen alle Fernsehsender träumen. Und natürlich ist der Mann eitel, wer wäre schließlich je zu Ruhm gelangt, ohne eitel zu sein? Weil dieser Grillo sich zunehmend politisch zeigt, weil er mit seinen Hanswurstfingern in den Wunden des Systems herumprökelt, schlägt ‚La Casta‘ dann endlich zurück: Im Jahr 1993 hat Grillo bei der RAI seinen letzten Auftritt – vor immerhin 16 Mio. Zuschauern, also weit mehr als einem Viertel aller Italiener. Alle Altmedien und Sender bleiben ihm seither verschlossen. Das Phänomen Beppe Grillo lässt sich übrigens den Deutschen ganz gut erklären, wenn man ihnen sagt, dass dort ein Til Schweiger mit einem Volker Pispers und einem Oliver Welke gekreuzt wurde.

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Egoismus macht doof!

In der Mitteilung der Staatsanwaltschaft heißt es: „Die betrügerisch erlangten bzw. veruntreuten Anlagegelder sollen hauptsächlich für den extrem aufwändigen und exzessiven Lebensstil der Beschuldigten (…) verwendet worden sein.“

Betrachten wir ergänzend die Fotos dort, dann fragt sich prompt jeder halbwegs vernünftige Mensch, welchen Limbo der IQ eines Vermögenden wohl aufs Parkett legen muss, bevor er solchen gegelten Party-Löwen sein Geld anvertraut. Und welcher Unfall alle Menschenkenntnis außer Gefecht gesetzt hat …

Also kein Mitleid – weder mit den einen, noch mit den anderen. Egoismus bleibt die Ideologie derjenigen, die da meinen, es wäre jeden Tag Silvester. Und wenn uns Neoliberalismus und ‚Rand Corp. 2.0‘ zu ‚Egos‘ machen könnten, so wie es Frank Schirrmacher glaubt, dann zögen wir alle in einen riesengroßen Kindergarten, bis die Blase platzt oder – treffender – bis der Schneeball in der Sonne schmilzt …

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