Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Medien (Seite 2 von 3)

Elitär wirkt defizitär

Es wird ein theoretisches Modell entwickelt, das Medienverhalten mit Hilfe von Pressure Groups und sozialen Netzwerken erklärt und das vorhersagt, dass Leitmedien mehr oder weniger den laufenden Diskurs der Eliten reflektieren, aber dessen Grenzen nicht überschreiten und dessen Prämissen nicht kritisch hinterfragen.“

Ein Modell, das zumindest die heutige Schwundstufe des Journalismus erklären könnte. Denn wer liest schon Medien, wo immer nur ‚die anderen‘ zu Wort kommen? Falls eine Leserin oder ein Leser meines Blogs sich allerdings zu jenen ‚Eliten‘ zählt, die heutzutage sich doch vornehmlich durch ein konsequentes Versagen in allen gesellschaftsrelevanten Fragen auszeichnen, dann möge sie (oder er) diesen Hinweis schlicht ignorieren …

Horch, was kommt von oben her

Der Gezi-Park wurde wieder dem Volk übergeben“, meldete der türkische Fernsehsender NTV Anfang voriger Woche. „Derzeit wird es niemandem gestattet, den Park zu betreten.“

Übergeben könnte ich mich bei einer solchen journalistischen Logik allerdings auch. Oder: Vom Volk zum Vervolk … denn das wahre Volk glänzt immer dadurch, dass es gar nicht da ist, wo es nur stört.

Der Ulf wieder!

Der gute Mann vermisst, und das auch noch direkt nach seiner letzten proktologischen Erstbesteigung des Piz Merkel, jetzt in den Kaldaunen der CDU etwas, was dort gar nicht zu finden ist:

„Mit ihrem Vorstoß für den Mindestlohn will Angela Merkel der SPD den Wind aus den Segeln nehmen. Dafür riskiert sie das Profil der CDU.“

Wann bitte hätte die Union – und zwar seit den Zeiten der seligen Ostverträge – jemals so etwas wie ‚Profil‘ gehabt?

Nichts gegen ‚die Medien‘ …

Fakt aber bleibt, mit Hilfe dienstfertiger Medien wurde getrickst und gelogen, bis sich publizistisch die Balken bogen:

„So sollen auf der Loveparade 2007 in Essen 1,2 Millionen Menschen gewesen sein, in Dortmund sogar 1,6 Millionen. Aber nach einem „streng vertraulichen“ Dokument … hätten die wirklichen Zahlen „keinen Bezug zur offiziellen Besucherzahl für mediale Zwecke“. Für die „öffentliche Besucherzahl“ habe man einfach die Zahl der erwarteten Besucher verdreifacht, während man die wirklichen Zahlen geheim hielt.“

Der sogenannte Qualitätsjournalismus entwickelt eben genau jene Qualitäten, die er dafür hält. Und beim Kopfsprung des Lokaljournalisten in die gerühmte ‚Recherchetiefe‘ ist hinterher noch nicht einmal der Mors bedeckt …

Damals fing es an

Die Frage der Datierung von kulturhistorischen Entwicklungen ist nie einfach zu beantworten, auch nicht diejenige nach dem Beginn des zunehmend selbstähnlicheren Mainstream-Journalismus. In den 80er Jahren schrieb Richard Kähler für die ‚Titanic‚ eine Rubrik, die sich ‚Teddy’s Trends‚ nannte. Im Mai-Heft des Jahres 1986 fand ich dort den folgenden Absatz, der belegt, dass irgendwann in dieser Zeit, als die lächerlichen Karottenhosen für Männer aufkamen und die Kargmöblierung in alle Wohnungen Einzug hielt, mitten im dicksten Kohl also, die mediale Einheitssoßisierung passiert sein muss:

„Immer mehr lauthals verschworene Springer-Gegner und gestenreich erklärte Arbeitsverweigerer (»Für Springer? Ich? – Nie!«) nisten sich jetzt im Zuge der Journalisten-Rundumwanderung beim Erbfeind von 1968 ein – wenn nur die Taler stimmen. Und immer mehr junge Nachwuchstalente verstehen überhaupt gar nicht (Gnade der späten Geburt!), warum sie es bei der Springer-Presse eigentlich schlimmer finden sollen als bei Bauer, Burda oder Gruner & Jahr. Auch denen muß ich – verdammich – recht geben: Nicht nur Autos und Ansichten, auch die Medien werden sich halt immer ähnlicher – vielleicht brauchen wir mal wieder einen Kaiser? …

Medienhass

Klar, das ‚Anzeigenvolumen breche weg‚, das ‚Nutzungsverhalten habe sich dramatisch verändert‚ und die ‚Zielgruppen seien volatiler geworden‚. So oder ähnlich tönt es uns aus allen Studien und Gazetten entgegen, dort, wo sie ihre eigene mediale Situation gut strukturalistisch zu reflektieren versuchen. ‚Mehr Qualitätsjournalismus‚ lauten die empfohlenen Gegenmaßnahmen, ‚mehr Syndication‚, also mehr vom Selben in immer mehr Blättern, um so die Kosten zu senken. ‚Paid-Content-Wälle‚ müssten her … wir alle kennen längst die tief ausgefahrenen Spuren in der großen Mediendebatte. Intelligente Ausnahmen sind dabei selten. Ein entscheidender Faktor kommt überall zu kurz: Der werte Leser.

Zeitungen und andere Altmedien werden längst nicht mehr primär für den Leser geschrieben: Die Interessen der Wirtschaft und die geforderten werblichen Punktlandungen aus den Marketing-Abteilungen, die PR-Absichten einer zuliefernden quasi-journalistischen Materialbeschaffungsindustrie … dies alles zählt sehr viel mehr als ausgerechnet das Interesse jener dummen Ferkel am Trog, die das resultierende mediale Mastfutter tagtäglich dann ausschlabbern sollen, damit die Anzeigenabteilung wiederum behaupten kann, das frische und freche Medium würde von den relevanten Zielgruppen auch gelesen.

Das Resultat eines allzu lange betriebenen Kollektiv-Verfahrens war absehbar, aber kaum jemand redet darüber: Es existiert inzwischen eine großer Medienhass in der Gesellschaft, der demjenigen auf ‚die Parteien‘ gleichkommt. Vice versa ist dies verbunden mit jener Verachtung der Leserschaft in allzu vielen Redaktionen, die sich auch stilistisch zunehmend schluderhaft äußert – oder eben gar nicht mehr auszudrücken vermag. Das Publikum würde die herabgefallenen Brocken disparater Weltbilder vom Tisch der Verleger schon fressen.

Genau das eben tut es nicht (mehr).

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Informationshäppchen

Nein, ich werde hier das hochbedeutsame ‚Internet-Manifest‘ nicht nochmals verlinken. Der Text ist trotzdem ein Schulbeispiel dafür, wie man mit überholten Anschauungen eben keine Welt aus den Angeln heben kann. Auch nicht online. Am Beispiel des Informationsbegriffs will ich versuchen, das zu erklären. Bei den Berlinern heißt es:

„Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen.“

So eben ist es nicht: Informationen sind nichts, was außerhalb eines menschlichen Kopfes wie ‚Dingliches‘ umherfliegt – also bspw. wie ‚Kokosnüsse‘, ‚Regenschauer‘ oder ‚Tastaturen‘. Auf diese Weise existieren Informationen nicht. Auch in den großen ‚Informations- und Datenspeichern‘ finden sich vor allem Buchstaben und Zahlen, die sinngebende Instanz kommt erst als Leser oder Programmierer hinzu. Dort außerhalb von uns gibt es nur Ereignisse, Geschehnisse, ‚Perturbationen‚, ‚Reize‘, von mir aus auch ‚Fakten‘ – aber eben keine Informationen: Ein Blitz schlägt in eine Platane ein, ein Tsunami rollt auf die Küste Javas zu, äthiopische Panzer rollen über die somalische Grenze, einer Frau in Detmold fällt die Blumenvase aus der Hand usw.

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‚Es gibt Eintopf‘ heißt das:

„DuMont Schauberg will das Syndication-Modell seiner Zeitungen ausweiten“.

‚Syndication‘ — tssss! Das ist das marketingübliche Gesabbel von ‚Vorteilspackungen‘, nur weil der Produktmanager den Inhalt mal wieder geschrumpft hat. In solchen Fällen allerdings bin auch ich gegen’s Denglische – besser gesagt: gegen die Tünche einer faktenenthobenen Unternehmenssprecherei …

Ein zünftiger Abgang

Die Journalistenzunft ist nicht zu beneiden: Ihre Zukunftsaussichten sind – mindestens – ungewiss, die alten Tröster aus den seligen Zeiten Henri Nannens verstauben in obskuren Antiquariaten, die Wertschätzung durch die Verleger schwindet dahin. In der herannahenden Jahrhundertrezession gelten sie schlicht als Kostenfaktoren. Der Journalist droht zum Anachronismus zu werden, zum Heizer auf der E-Lok.

Weil nämlich die Informationen zur Verbreitung immer weniger auf schriftkundige ‚Makler‘ angewiesen sind – das Internet arbeitet schließlich weitgehend ohne Zwischeninstanz. Nichts anderes als ‚Vermittler‘ aber waren die Journalisten zuletzt, nachdem sie sich selbst alle Autoreneitelkeiten gründlich ausgetrieben haben – sie verwandelten sich letztlich selbst in einen Info-Pizza-Dienst, der sein ‚objektives und genormtes Stilideal‘ pflegte, wahlweise mit Pepperoni oder Schinken. Ausgerechnet der Herausgeber eines der stilbildenden Print-Produkte, des Guardian, Alan Rusbridger formuliert den entstandenen Sachverhalt so:

„Wir müssen uns darauf einrichten, künftig Journalismus mit weniger Leuten zu machen, und demütiger werden“. Die alte Vorstellung vom Journalisten als allwissendem, beinahe autoritärem Gate-Keeper, der der Welt mitteilt, was er für sie für wichtig hält, sei in Wirklichkeit längst Geschichte – „auch wenn das noch nicht alle mitbekommen haben. … Wir müssen das einfach in unsere Köpfe kriegen: Da draußen sind tausende Experten, ein wahrer Schatz an Informationen.“ Die, wie Rusbridger unumwunden zugibt, auch noch einen anderen Vorteil haben – längst nicht alle werden für ihre Beiträge auch bezahlt. … Die Debatte, ob das traditionelle Zeitungsgeschäft tatsächlich am Ende sei, ist für ihn längst beantwortet: „Da gibt es keinen Gesprächsbedarf mehr. Das alte System ist kaputt – und es ist einfach zu teuer.“

Gut – wenn ich mir die tiefgreifende Verunsicherung des ganzen Berufsstandes anschaue, dann wird mir der blanke Hass und das Triumphgetute, mit dem einige Publizisten das Hinscheiden der Medienlese dort drüben begleiteten, zumindest verständlich. Eines dieser vermaledeiten Online-Produkte, eins von diesen Teufelsdingern, das ihre berufliche Zukunft bedroht, das ging endlich mal selber drauf. Schon verwechselten diese Offliner das mit einem Silberstreif am Horizont. Zwar verständlich – aber leider grundfalsch: Das ist keine Balkenwaage, wo ‚Offline‘ steigt, wenn ‚Online‘ fällt.

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Im medialen Antiken-Saal

Drüben im Jakblog spießte der Herr Jakubetz kürzlich ein Zitat auf, das streng nach eingeschlafenen Journalistenfüßen müffelte. Ein ehrbarer Offliner vom beschaulichen Westfalen-Blatt versuchte darin, dem werten Publikum das innovative ‚Zwischennetz‘ von seinem Dreifuß herab näher zu verklickern:

„Das Internet ist heute als Informationsquelle und Kommunikationsmittel von großer Bedeutung. Nicht nur im Beruf, auch im privaten und schulischen Bereich ist der Zugang zur weltweiten Datenautobahn sehr wichtig“.

Antiquarium München, Bild: Gryffindor, Public Domain, Wikimedia

Antiquarium München, Bild: Gryffindor, Public Domain, Wikimedia

Allein schon der Begriff ‚Datenautobahn‘ wirkte auf mich derart gestrig, dass ich zunächst gar nicht glauben konnte, dieses Zitat könne der Jetztzeit entstammen. Die Autobahn-Metapher stammt meines Wissens aus den 90er-Jahren, als die halbe Welt sich noch mit quietschenden und fiependen Modems herumschlug, als es noch 5,25″-Disketten gab, als den meisten Zeitgenossen das biedere ISDN als rasend schnelles Teufelswerk erschien und es fast schon magisch anmutete, wenn ein Text innerhalb von einer Minute von Castrop-Rauxel nach Auckland gelangen konnte. Darüber aber wundert sich heute niemand mehr. Kurzum: Ein Schreiber, der den Begriff ‚Datenautobahn‘ fürs Internet verwendet, der ist ebensoweit hinter seiner Zeit zurück. Und eine Redaktion sollte so viel Pietät besitzen, dass sie einen solchen Schreiber nicht gerade hinter die zeitgemäßen Themen klemmt.

Auch sachlich ist das Bild einer ‚Datenautobahn‘ als Synonym fürs Internet grundfalsch. Ein Jongleur – um ein anderes Multitalent heranzuziehen – der wird ja nicht wegen Schnelligkeit bewundert, sondern wegen seiner Geschicklichkeit. Zwar kann das Netz große Datenmengen sehr viel rascher transportieren als noch zu Olims Zeiten, wo es dessen Kinderschuhe auftragen musste. Trotzdem sind die wirklichen ‚Datenschleudern‘ des informationellen Weltverkehrs sehr viel näher an den ‚Backbones‘ des Datenverkehrs zu suchen. Moderne Rechnernetzwerke verwenden für die Datenübertragung zwischen Banken, Satelliten, Mobiltelefonen oder Unternehmen alles, unter anderem Stand-by-Leitungen – aber zumeist nicht das vergleichsweise langsame und dazu höchst unsichere Internet eines providergebremsten Publikumsverkehrs. Das Internet – das ist für mich so etwas wie das Straßennetz des globalen Dorfes – man kann sich dort unterhalten, man kann spazierengehen, einkaufen, arbeiten oder kommunizieren. Und so, wie man auf einer Straße der realen Welt das Kanalsystem, die Stromleitungen, die Mobilfunkmasten oder die Telefondrähte nicht sieht, obwohl sie dazugehören, so ist es eben auch im Internet. Das Internet ‚as we know it‘, das ist nur ein kleiner Teil des Netzes – und der ist noch nicht einmal das schnellste. Es ist auch meistens keine ‚Daten-Autobahn‘, sondern der Schleichverkehr dort gleicht der Londoner City zur Rush Hour, so dass allüberall längst über einen Ausbau nachgedacht wird.

Dieser sichtbare Teil des Internet ist aber der wichtigste – soweit es unser soziales Zusammenleben betrifft. Darüber müssten wir reden, wollen wir seine Bedeutung richtig verstehen. So macht das öffentliche Internet beispielsweise die hilflosen Interventionen eines ‚Westfalen-Blatts‘ demnächst (vielleicht) überflüssig, weil es die Mittler und Makler von Information – die deshalb so genannten ‚Medien‘ und die dort arbeitenden Journalisten – weitgehend entbehrlich machen könnte. Es dereguliert ferner die Information auf eine bisher ungekannte Weise, wodurch Kontrolle und Zensur zunehmend zu kommunikativen Unmöglichkeiten werden könnten. Und es bricht ‚auf Sicht‘ wohl nahezu alle bestehenden Informationsmonopole, indem es alle Archive öffnet. Auf diese und auf viele andere Weisen wirkt das ‚Zwischennetz‘ sicherlich revolutionär, aber nicht, indem man diese Staustrecke eine ‚Datenautobahn‘ nennt …


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