Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Märchen

Stille Nacht (3)

Die kleine Teresa war sauer. Da hatten die Großen vergessen, in Hedern die Wunschzettel der Kinder in den Briefkasten zu werfen, und jetzt sollte sie deren Schlamperei gerade bügeln. In Eilte ging‘s mit dem Fahrrad über die Allerbrücke, kurz vor Bierde dann rechts, in den Wald hinein, an der dritten Fichte links, und hundert Meter hinter dem Hochsitz dann dreimal fest auf den Fuchsbau treten …

Oops – fast wäre sie von der Himmelsleiter erschlagen worden, welche plötzlich durch die Baumwipfel rauschte. 3.679 Stufen zählte sie, bis sie endlich auf Wolke Sieben schnaufend vor dem Himmelstor stand. Ringsum ertönte Gehämmer und emsiges Geklapper, Rentierschlitten rauschten vorbei, ein leicht schmuddeliger Engel kippte einen Eimer mit Spülwasser achtlos über den Rand der Wolke. Teresa drückte auf den großen roten Knopf rechts neben der Himmelstür.

„Ja, bitte!“ – eine herrische Frauenstimme fauchte aus dem Lautsprecher. „Bestimmt die Sekretärin“, dachte Teresa – und sie fiepste zurück ins Mikrofon: „Ich möchte zum Herrn Petrus und danach noch zum Knecht Ruprecht.“ Der Summer ertönte – und wie von Engelshand öffneten sich vor Teresa die mächtigen Portale der Himmelstür. Auf dem langen Korridor brannten karge Neonlampen, rechts und links gab es lange Reihen von geschlossenen Türen. „Ähnlich wie bei Onkel Herbert in der Firma“, schoss es unserer Hederner Abgesandten durch den Kopf.

In der Ferne tauchte jetzt ein Herr im dunklen Anzug auf. Er bellte etwas Unverständliches in sein Handy und schritt rasch auf Teresa zu. „Dr. Peter Petrus mein Name“, sagte er: „Ich bin hier der stellvertretende Geschäftsführer. Was kann ich für Sie tun?“ – – – „Und ich bin die Teresa aus Hedern“, sagte Teresa: „Sie müssen mich aber nicht siezen. Das macht mich verlegen.“ – – – „Okay, okay, also worum geht‘s?“ – – – „Unsere Eltern, diese Dösbaddel, haben vergessen, die Wunschzettel rechtzeitig einzuwerfen. Und jetzt könnte es passieren, dass die Kinder im Dorf zu Weihnachten gar nichts kriegen.“ – – – „Das könnte allerdings passieren“, sagte der Herr Petrus: „Es ist ja auch schon reichlich spät. Am besten, ich zeige dir mal unsere Werkstätten, damit du siehst, was hier in der Saison so los ist.“ Er winkte Teresa mit dem Zeigefinger, ihm zu folgen …
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Muhme Höhler

Motive altern nie. In jedem Action-Film finden wir bspw. das gute alte Siegfried-Motiv: Der Held erschlägt den Drachen (Schurken, Drogenboss) und steigt zur Belohnung mit einer sexy Prinzessin (Polizeipsychologin, Millionenerbin) ins Bett. Eine solche Märchenstunde gibt es jetzt auch bei der Frau, die uns kleinen Kinderlein schon die Sage von der bösen männermordenden Hexe Angela so kongenial erzählte. Jetzt ist Gertrud Höhler glücklich beim Märlein vom ‚Hemd des Glücklichen‘ angelangt, wobei Leo Tolstoi, der Erfinder des starken Stoffes, uns damals allerdings ganz zu erzählen vergaß, dass die Gesandten des Zaren dem Armen daraufhin die Haut abschälten:

„Arme sind häufig glücklicher als gierige Reiche“

Man beachte in dieser Conclusio übrigens das Adjektiv, welches diese steile These vor Angreifbarkeit zu schützen hat, deren Botschaft im Kern ja lautet: „Arme froh, Reiche traurig“, eine Variation der biblischen Weisheit vom Kamel und dem Nadelöhr. Anders ausgedrückt – welcher gut gepolsterte Reiche fühlt sich schon durch das Wort ‚gierig‘ porträtiert? Er heißt doch nicht Gecko …

Der Märchenton

Nein, es ist wahrlich kein Sommermärchen, was die schwarzgelbe Koalition derzeit durchleidet. Einigkeit wird zunehmend zu einem knappen Gut – und metaphorisch fallen auch mir nur noch kakelnde Hühnerhaufen statt harmoniebedachter Symphoniker ein. In der Presse klingen derzeit die Berichte aus unserem Heimatland Kakaphonien so:

Bislang hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nur offiziell mitteilen lassen, dass es noch vor der Bundestagswahl 2013 Entlastungen für kleine und mittlere Einkommen geben werde, allerdings noch nicht im kommenden Jahr. Schäuble machte nach tagelangem Schweigen am Wochenende dagegen deutlich, dass er trotz starker Konjunktur und steigender Steuereinnahmen kaum Spielraum für größere Entlastungen sieht.(kurzum: der eine meint dies, der andere das, jeder Vorschlag wird zu Konfetti)

Wenn aber die Koalition schon kein Sommermärchen erleben darf, dann ließe sich vielleicht stattdessen der Märchenton in die Berichterstattung einführen. Dieses Genre zeichnet sich durch seine betonte Schlichtheit in Satzbau und Wortwahl aus – vor allem aber durch konsequente ‚Entindividualisierung‘: Statt konkreter Personen trifft der Leser auf ‚personifizierte Rollen‘, statt mit ‚Angela Merkel‘ hat er es mit ‚der Kanzlerin‘ zu tun, und wenn dann doch mal ein Name auftaucht – bspw. Rumpelstilzchen, der Däumling, Kalif Storch – dann wurde der Protagonist fern vom Alltag getauft. Prompt umgibt den Text ein magischer Klang:

„Mißmutig saß die Kanzlerin im großen Saal und seufzte. Erneut hatte der Schatzmeister ihr den Tag verdorben. Zu gern wollte sie wohltätig sein, und beliebt im Volk. Dieser finstere Mann mit den zusammengekniffenen Lippen aber zeigte mit dürrem Finger immer nur mahnend auf leere Schatullen. „Die braven Leute draußen im Land haben doch genug zu essen“, greinte die Kanzlerin, „alle Räder drehen sich, die Schiffe fahren – warum nur sind meine Schatzkisten so leer?“

In diesem Moment betrat ihr Chefdiplomat Vitzliputzli den Saal. „Nicht auch das noch!“, stöhnte die Kanzlerin in sich hinein. Nach außen aber tat sie freundlich: „Was bringt ihr mir, guter Mann?“. „Die Lösung der Finanzkrise, Frau Kanzlerin“, strahlte Vitzliputzli gut gelaunt und tänzelte vor ihr auf und ab. „Wie das?“ „Alles ist im Grunde ganz einfach“, antwortete Vitzliputzli, „bei einer meiner Reisen in ferne Länder besuchte ich den großen Magier Sinn Sala’a Bin – und der enthüllte mir das Geheimnis Gold zu machen“.

„Lasst hören, guter Mann“, sagte die Kanzlerin, bei der sich nun doch Interesse regte. „Es ist ganz einfach“, erwiderte Vitzliputzli, „wir müssen nur alles Gold und Geschmeide, alles, was überhaupt noch in den Schatullen zu finden ist, mit beiden Händen zum Fenster hinauswerfen, schon kommt auf magische Weise das Geld vertausendfacht von den dankbaren Bürgern zurück.“ Die Kanzlerin tippte sich an die Stirn: „Wenn der Vitzliputzli doch nur einmal ernsthaft sein könnte“, dachte sie …

Ein Märchen? – Na klar, das ist ein Märchen …

Ein Albtraum

Ich träumte letzte Nacht, dass plötzlich ausnahmslos alle Menschen etwas Nützliches tun wollten: Die Berater schlossen ihre Consulting-Unternehmen; Öchsperten hängten Jobs und Titel an den Nagel; die Banker wollten keine Junk-Bonds mehr entwickeln; die Physiker jagten nicht länger dem Urknall hinterher; in den Kirchen standen alle Kanzeln verwaist; Ökonomen sattelten auf Hufschmied um; die Talkshows fanden weder für Geld, noch für Ruhm, noch für gute Worte prominenzwillige Gäste; niemand suchte mehr den Superstar, niemand wollte einer werden; die Boulevard-Presse lutschte mangels Schreibern an den Tatzen; die Wellness-Studios staubten menschenleer vor sich hin – und selbst in den Parteien, diesen Talentschmieden der Nation, brach das virulente Nachwuchsproblem jetzt in nie gekannter Schärfe aus. Die ganze Welt war öde, unmenschlich und überaus erholsam geworden. Am unerträglichsten aber war die Ruhe. Angesichts dieses Fortschritts wachte ich schweißgebadet auf. Im Fernsehen lief irgendeine Late-Night-Show. Gott sei Dank!

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