Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Lüge (Seite 2 von 2)

Lügen ist eine Kunst!

Nur damit sind schließlich die märchenhaften Honorare der PR-Profis zu rechtfertigen. Für mich wird aber auch der zunehmende Sagencharakter der Wulff’schen Aufklärung plausibel, wo jede Wahrscheinlichkeit mit der Länge der Geschichten immer mehr dahinzuschwinden droht:

„Wulffs Ehefrau Bettina habe die Kosten für die Urlaube 2007 und 2008 aus Geldgeschenken ihrer Mutter beglichen, nachdem Filmproduzent David Groenewold die Beträge zunächst ausgelegt haben soll. … Der Staatsanwaltschaft erscheine diese lange Aufbewahrung der Geldscheine „zumindest wirtschaftlich als unvernünftig“, da Wulffs Konten im Juli 2008 um mehr als 10 000 Euro überzogen gewesen seien.“

Tscha – das riecht nicht nur in den Nasen von Staatsanwälten komisch. Denn die Wahrheit ist immer einfach und schlicht, jeder Trottel kann sie aussprechen, alle Widersprüche lösen sich in Wohlgefallen auf. Die Lüge dagegen macht alles kompliziert – ihr Erfundenes wächst unter der formenden Hand wie ein Hefekuchen, und jeder Widerspruch klebt am Erzähler wie ein Fliegenfänger. Was wiederum den Ruhm der großen Schriftsteller begründet, die es immer mit bloßen Fiktionen statt mit Fakten zu tun haben. Wenn ihre Lüge gelingt, sprechen wir sogar von ‚höherer Wahrheit‘ …

Erfundene Situationen

Einen Gedanken in ein gut erfundenes anekdotisches Umfeld zu stellen, gehört zu den wirkungsmächtigsten Strategien der Polemik überhaupt. Das alltägliche Leben beglaubigt dann scheinbar die Beweisführung. Henryk M. Broder gehört zu den unbedenklicheren Anwendern dieses Verfahrens – wie auch in diesem Fall:

„Wenn Sie das nächste Mal bei Ihren Nachbarn zu einer Geburtstagsparty eingeladen sind, dann machen Sie – beiläufig, zwischen einem Prosecco und einen Mojito – die Probe aufs Exempel. Sagen Sie einfach, ohne ihre Stimme zu erheben oder zu senken, den Satz: „An allem sind die Juden und die Fußgänger schuld.“ In neun von zehn Fällen wird Ihr Gegenüber mit der Frage reagieren: „Wieso die Fußgänger?“

Es mag ja sein, dass der Henryk M.Broder komische Freunde hat, so viel zumindest würde ich ihm zutrauen. Von meinen Freunden aber hätte keiner so reagiert, wie beschrieben, noch nicht einmal einer von zehn: „Was redest du denn für’n Scheiß daher?“, „Woran denn schuld, Alter? War das Klopapier alle?“, „Komm, trink noch drei Mojito, dann geht das Resthirn auch noch flöten!“, „Nix zum Poppen gefunden, alter Mann?“ – so oder ähnlich hätten unter meinen Freunden die Reaktionen auf Broders blödsinnige Provokation gelautet.

Mit anderen Worten: Broder greift sich eine erfundene Situation voll erfundener Deutscher aus der Luft. eine Situation, die faktisch weder er noch jemand sonst so je erlebte – weil er aber diese Situation als reales Erlebnis camoufliert, leuchtet sie uns trotzdem ein, weil wir das Anekdotische schon aus Höflichkeit nie hinterfragen. Wir müssten den Erzähler sonst umstandslos als Lügner oder Münchhausen bezeichnen. Es ist der literarische Taschenspielertrick eines geborenen Märchenonkels … und hat der einen solchen anekdotischen Fels erst einmal erfolgreich in den Strom des Diskurses gerollt, kommt fortan auch niemand ohne Beulen an seiner Prämisse vorbei, obwohl an ihr so rein gar nichts stimmt, außer dass sie gut erfunden ist.

Mythos Leistungsträger

Es ist Montag, 10.30 Uhr. Ich komme von meiner Bank zurück und am Golfplatz Oberneuland vorbei. Dort haben sich jetzt die Leistungsträger unserer Gesellschaft versammelt: Die SUVs stehen in Reih und Glied, eingestreut finden sich einige Daimlers und Bentleys, dazwischen auch mal ein weißes Audi-Cabrio für die Dame des Hauses. Kurzum. Ganz Deutschland arbeitet, nur eben unsere Leistungsträger mal wieder nicht. Die tragen noch nicht einmal ihre Golfschläger selbst, auch für diese Leistung gibt es Miet-Caddies, die für 20 Euro je Runde mit dem Wägelchen übers Grün rumpeln. Und nach dem Ende der Runde geht es dann in eines der netten Restaurants an der Wümme, in Horn-Lehe, Borgfeld oder Oberneuland …

Angesichts solcher Bilder zählt für mich das FDP-Wort ‚Leistungsträger‚ zu den verlogensten der deutschen Sprache überhaupt. Westerwelles Hütchenspieler-Partei substituiert mit seiner Hilfe andere Buh-Wörter wie ‚Reiche‘ oder ‚Vermögende‘, die immerhin den Sachverhalt im Kern halbwegs angemessen beschreiben würden. Wer sich aber an einem Montagvormittag fern von jeder Arbeit auf dem Golfplatz herumdrücken kann, der hat Leistung nicht mehr nötig – und er erquickt sich stattdessen an Zinsen und an leichter körperlicher Tätigkeit mit Putter oder Eisen 7. Ganz abgesehen davon, dass ohne die nötige Pinkepinke sie ihn ja auch gar nicht erst aufgenommen hätten. Von einer ‚Leistung‘ zu reden verfehlt also den Sachverhalt, auf einem Golfplatz ist nur von ‚Handicaps‘ die Rede.

Die FDP versucht trotzdem unverdrossen, einem arglosen Publikum zu suggerieren, dass diese Menschen nur deshalb so viel Geld hätten, weil sie so viel arbeiten und leisten würden. Jeder intellektuell Minderbemittelte, der dies hört, zählt sich überdies gleich zur Klasse der ‚Leistungsträger‚ hinzu, weil er ja schließlich auch viel schuften und leisten muss – auch wenn das mit dem Geld bisher noch nicht so recht klappen will. So erschlägt man – wahltaktisch gesehen – mit einem Wort gleich zwei Lebenslügen … anders ausgedrückt: Wer in einer Institution oder in einem Unternehmen überdurchschnittlich viel leisten muss, der hat es noch lange nicht bis zum ‚Leistungsträger‚ gebracht.

Denkfutter

Es gibt kleine und feine Gedanken, da folgt ein Satz wie nichts einem anderen, der eine ist sicher, der andere scheint ihn nur zu entwickeln, und schon ist die Schlinge da, und man stürzt und ist betäubt. Die Lüge, der Irrtum schmuggelt sich mit kleinen und feinen Gedanken ein und huscht wie eine Eidechse. Vorsichtig muß man sein auf solchem Boden, nur Schrittchen gehn und Peitschen zur Abwehr bei sich tragen. Wer denken will, muß wissen, daß er zwischen tausend Feinden geht“.

Alfred Döblin: Unser Dasein, 53 f

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