Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Literatur (Seite 1 von 2)

Realismus heute

Die Welt ist widerlich. Wenige Reiche strecken sich auf den Schultern vieler Armer den Sternen entgegen, der Rechtsstaat ist korrumpiert, und in den Straßen regiert der Darwinismus. Auf dem Land siecht die Jugend in ihren Meth-Küchen dahin, der kleine Mann missbraucht im Hinterhof für eine Handvoll Dollar eine Prostituierte, und wer es sich leisten kann, zockt an der Börse um das Schicksal der Allgemeinheit. Halbnackte Mädchen lassen sich für 15 Minuten Ruhm in einer Reality-Show die Würde nehmen. Familienlose junge Männer finden Zuflucht in Banden und landen schlussendlich hinter Gittern.“

Der ‚Standard‘ hat ja völlig recht. Der Realismus ist heute in den Computerspielen zu finden. Dort haben Autoren inzwischen die Nachfolge der Balzac, der Zola oder Döblin angetreten. Die ’schöne Literatur‘ dagegen – – – nun, die ist richtig schön. Vor allem schön eingebunden, mit Lesebändchen und so …

Wo ist die Avantgarde?

Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir keine Buchbesprechungen im Feuilleton mehr antue. Den Schreibern dort – dies mein erster Ansatzpunkt – fehlt jedes Gespür dafür, dass sie es mit ‚Geistesgeschichte‘ zu tun haben, dass es also um Fortschritt und Rückschritt geht auf jenem Gebiet, wo die Erschließung neuer sprachlicher Möglichkeiten und unerhörter Motive ihr Thema wäre. ‚Avantgarde‘ hieß das früher mal.

Wie fern sind jene Zeiten, wo Schriftsteller noch den Dadaismus, Expressionismus, Surrealismus oder Futurismus als gemeinsames Projekt begriffen, wo Bücher wie der ‚Ulysses‘, die ‚Recherche‘, die ‚Pompes funèbres‘, das ‚Buch der Unruhe‘ oder auch Heimito von Doderers mäandernde Riesenwerke erschienen. An derartigen ‚Wagnissen‘ und ‚fruchtlosen Experimenten‘ müht sich heute kaum jemand mehr ab, ein David Foster Wallace oder ein Jirgl, das sind Oasen in einer endlosen Plapperwüste voller Handlungsskelette von der Stange, wo die Lektoren alles erschlagen, was noch Leben zeigt. Der Autor sitzt derweil – tausendfach geklont und mit geklauten Motiven – im Kämmerlein und versucht, einen ‚Bestseller‘ im Sinne der Verlagserwartungen zu schreiben. Neben der Mausmatte liegen der Sol Stein und der Bescheid vom Finanzamt – die sind Motoren seiner Produktivität: Kreativäffchen im Käfig der Ökonomie …

Unsere Feuilletonisten vollziehen diese Nichtentwicklung brav nach. Wird bspw. irgendwo ein Buch aus dem Hanser-Verlag über den grünen Klee gelobt, dann müssen wir nicht lange blättern, um die korrespondierende Verlagsanzeige zu finden. Feuilleton heute ist eine Abteilung des Marketing, geschätzte zwei Drittel der Artikel sind Public Relations oder Müll. Von einer Richtung, einer Bewegung, einem kulturellen Ziel keine Spur – immerfort „führt der Autor die Heldin in die abgründigen Tiefen der menschlichen Seele„. Da schaudert es Lieschen Müller, da kauft sie diesen vielfach bewährten Kitzel … und die Gebüldeteren suchen nach einem wohligen Dunkelmunkel und einem ebenso ungefähren wie ungefährlichen Pessimismus, sie greifen zum Peter Handke, zum Botho Strauß – oder zu irgendeiner Aphorismenschleuder für Arme. Und im lebenskritischen Falle eines Falles gäbe es dann ja noch die dienst(k)leisternde ‚Lebenshilfe‘ à la Richard David Precht …

Kurzum: Geistesgeschichtlich schreiben auch wir Texte zur Zeit, wir produzieren eine ‚Literatur im Neoliberalismus‘, oder Verwertbares ohne Wert – eine iPod-Literatur für die iPod-Generation: Nachdenken überflüssig, wird’s zu fordernd, wird einfach zum nächsten Titel geswitcht. Das Urteil über die Literatur unserer Zeit wird später einmal wohl so ausfallen, wie dasjenige über die Salonliteratur während der preußischen Restauration.Wer da dann die Spreu vom Weizen trennen wollte, behielte kaum etwas in der Hand. Dass parallel unsere ‚brotlosen Künste‘, also Germanistik, Romanistik, Slawistik usw., gesellschaftlich nur noch belächelt werden, ja, für Beleidigungen taugen, auch das spricht für diesen Befund.

Bei mir liegen deshalb nur noch die ‚alten Tröster‘ auf dem Nachttisch, zur Zeit Stendhal oder auch immer mal wieder Jean Paul oder Wieland. Ich mache den Zirkus nicht mehr mit. Neuerer Zuwachs kommt mir nur noch aus dem Genre der Historiker ins Regal. Die erzählen nun mal die besseren Geschichten …

Zwischen den Jahren

Wenn die Zeitungen schweigen, erwacht die Literatur.

Allen Leserinnen und Lesern des Stilstandes wünsche ich ein paar stille Tage – und den Sinn für Qualitätsgewinn.

Qualitätsjournalismus 2.0

Zitate entstehen so: „Nehmen die Rufe nach Ihnen zu?“ „Es sind hauptsächlich Mentions auf Twitter, in letzter Zeit schon mehr“. (Daraus wurde das Zitat „Die Rufe nach mir nehmen zu.“) Oder sie fragt: „Aber wäre es nicht das Beste für die Piraten, wenn Sie kandidieren?“ Und ich antworte kopfschüttelnd: „Für die Piraten mag es vielleicht das Beste sein, aber für mich? Ich weiß nicht, ob ich für den Politikbetrieb gemacht bin.“ (Daraus wurde das Zitat: „Für die Piraten ist es wohl das Beste, wenn ich kandidiere.“)

Kennzeichnend für diese Krawallform des Journalismus – immerhin im ‚Spiegel‘ zu finden – ist ein induktives Verfahren. Der Schreiber hat vorab eine fixe Idee im Kopf – „Story“ nennt er dieses Phantasiegebilde wohl – und solchen Wahn gilt es jetzt auch herbeizuführen, die Folie einer bloßen Vision trägt er in die Interviews hinein. Der Journalist und Mikrofonständer verhält sich also keineswegs ‚unvoreingenommen‘ und objektiv, er ist allein an publizistischer Rendite interessiert. Passt ein Zitat nicht zur „Story“, wird es durch Weglassen solange passend gemacht, bis es zu diesem frei erfundenen Narrativ passt, das wir auch gleich ‚Roman‘ nennen könnten …

Alle Achtung, alter Mann!

Wann hat ein schlichtes, nicht übermäßig gelungenes Gedicht – ein Gedicht! – in unserem harthörigen Deutschland zuletzt ein solches Ballyhoo ausgelöst? Unsere Hierophanten und Berufsinterpreten eiern jetzt wie angestochen durchs Föjetong und werfen dem aufgekündigten politischen Konsens Rettungsringe zu – allen voran der Großdenker Malte Lehming: „Ist Günter Grass ein Antisemit? Ja, das ist er.“ Süsswoll – das haste jetzt davon! So braun, wie der Sarrazin – ‚weil SPD‘ – nie sein durfte, so braun wirst du – ‚weil SPD‘ – jetzt angestrichen. Malte locuta, causa finita

Israels Botschafter verstieg sich sogar in jene bräunlichen Regionen, wo der ‚Ritualmordvorwurf‘ noch immer aus den ‚Protokollen‘ der zaristischen Geheimpolizei duftet. Das war in meinen Augen die bisher dulligste Interpretation des Vorgefallenen, weil sie völlig auf Fakten verzichtet. Denn woher sollte dieser eilfertige diplomatische Westerwellist die Zeit auch nehmen, das Gedicht zu lesen? Hätte er’s getan, wüsste er, dass Grass darin im Kern nur den Besitz von unkontrollierten und unkontrollierbaren Atomwaffen in Israel kritisiert.

Natürlich gibt’s auch Anlässe zur Kritik am Gedicht. So kokettiert Grass doch arg und stark mit dem Vorwurf, dass er nur deshalb solange geschwiegen hätte, weil er Deutscher sei. Zweitens würde Israel – im Falle eines Falles – ja nicht gleich Atomwaffen gen Iran schicken, nach allem, was wir aus den unentwegten Drohungen des Zion-Staates heraushören können. Hier liegt Grass also sachlich-militärisch neben der Spur. Anlass, ihn einen Antisemiten zu schimpfen, gibt es deshalb trotzdem nicht. Da könnten wir Henryk M. Broder schon eher als Islamophoben outen.

Bevor mich jemand um meine Meinung anquakt: Für mich können talmudwälzende Schläfenlöckchenträger genauso leicht irrational handeln wie kismetgläubige Mullahbartträger: Beide Seiten sind antirational, frauenfeindlich, unzurechnungsfähig und in jeder Hinsicht auf dem Weg ins Mittelalter. Zugleich glauben sie, in ihrer Verranntheit wären sie ganz was Besonderes. In der Regierung sitzen sie sowohl bei Benjamin ‚Graut-vor-nix‘ Netanjahu wie bei Mahmud ‚Ich bölke, also bin ich‘ Ahmehdinedschad.

Weshalb es aber in einem demokratischen Land wie Israel soweit kommen konnte, und nicht nur in amtlichen Diktaturen wie dem Iran, das sollten die Israelis mal untereinander klären. Und zwar, solange sie darüber noch diskutieren dürfen. Denn das eigentliche Problem für mich sind stets die Knallreligiösen, die wollen immer die Diktatur sans phrase, also in ihrer Sprache einen ‚Gottesstaat‘. Für dieses große Ziel nehmen sie gern auch ein feuriges Armageddon in Kauf, weil danach die Party angeblich noch exklusiver weiterginge. Das Problem – so sehe ich das – ist also gar nicht diese oder jene Religion, das Problem sind Leute, die grundlos völlig unbewiesene Dinge glauben und als Beweis ihres Machtanspruchs und ihrer krausen Weltsicht nur schimmlige Dokumente aus der Vorzeit anführen können. Ob sie nun Hindus, Christen, Juden oder Muslime heißen, ist völlig egal … nur sitzen diese Figuren im Iran wie in Israel in der Regierung. Das ängstigt dann nicht nur mich.

Nachtrag: Das Nirgendwo beginnt gleich außerhalb der Presse, das schreibt uns jedenfalls die FTD: „Nirgendwo fanden sich Unterstützer für den alten Dichter. Soso … – so sieht’s jedenfalls in der Wirklichkeit aus, andernorts, wo Journalisten sich nicht für ‚Die Welt‘ halten: „In Deutschland kam es gestern zu regelrechten Protestmärschen, bei denen Grass die Unterstützung zugesprochen wurde.“

Lügen ist eine Kunst!

Nur damit sind schließlich die märchenhaften Honorare der PR-Profis zu rechtfertigen. Für mich wird aber auch der zunehmende Sagencharakter der Wulff’schen Aufklärung plausibel, wo jede Wahrscheinlichkeit mit der Länge der Geschichten immer mehr dahinzuschwinden droht:

„Wulffs Ehefrau Bettina habe die Kosten für die Urlaube 2007 und 2008 aus Geldgeschenken ihrer Mutter beglichen, nachdem Filmproduzent David Groenewold die Beträge zunächst ausgelegt haben soll. … Der Staatsanwaltschaft erscheine diese lange Aufbewahrung der Geldscheine „zumindest wirtschaftlich als unvernünftig“, da Wulffs Konten im Juli 2008 um mehr als 10 000 Euro überzogen gewesen seien.“

Tscha – das riecht nicht nur in den Nasen von Staatsanwälten komisch. Denn die Wahrheit ist immer einfach und schlicht, jeder Trottel kann sie aussprechen, alle Widersprüche lösen sich in Wohlgefallen auf. Die Lüge dagegen macht alles kompliziert – ihr Erfundenes wächst unter der formenden Hand wie ein Hefekuchen, und jeder Widerspruch klebt am Erzähler wie ein Fliegenfänger. Was wiederum den Ruhm der großen Schriftsteller begründet, die es immer mit bloßen Fiktionen statt mit Fakten zu tun haben. Wenn ihre Lüge gelingt, sprechen wir sogar von ‚höherer Wahrheit‘ …

Bürgerliche Werte?

Im Kielwasser des Guttenberg-Plagiats wurde auch der Verrat der Christdemokratie an ‚bürgerlichen Werten‘, an der Wissenschaft und an der ‚Bedeutung der Bildung‘ verhandelt, als ob eine solche Trias ausgerechnet in dieser bürgerlichen Doppelpartei zu finden wäre. In Wahrheit treibt jene Klientel, die diese Partei trägt und wählt – dies sei hier als Gegenthese formuliert – vor allem derart viel spießbürgerliche ‚Geschäftigkeit‘ um, dass ihr für jene unverzichtbare Muße, die Bildung und fundierte Wertereflexion nun mal erfordern, gar keine Zeit mehr bleibt. Generell sind die so genannten bürgerlichen Werte heute in keiner Partei daheim.

Betrachten wir die Literatur als jene Kulturgattung, die gesellschaftliche und bürgerliche Werte primär verhandelt, zumindest seit die Kirchen ins Transzendente abrauchten, dann gibt es eine Fülle von Belegen, dass gerade die ‚Bürgerlichen‘ mit Wertfragen und Bildungsstreben nie etwas am Hut hatten. Aus den Reihen der Christdemokraten stammt eine Fülle legendärer Zitate, die uns schlicht zeigen, dass deren repräsentative Figuren nie etwas lasen, bevor sie davon zu reden meinten – ganz ähnlich, wie es dem Baron mit seiner Dissertation erging. Da wäre zum Beispiel der CDU-Bundespräsident Karl Carstens:

„Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere auch den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.“ (Spiegel 34, Nr. 10, 7, v. 3. März 1980)

Ach ja, falscher Name, aus der Luft gegriffenes Pseudonym – vom schlechten Deutsch bis zu den erfundenen Fakten ist an diesem Satz so ziemlich alles widerwärtig. Stark im Vergleich und schwach in den Belegen war auch der CDU-Außenminister Heinrich von Brentano:

„Sie waren der Meinung, daß Bert Brecht einer der größten Dramatiker der Gegenwart sei. … Aber ich bin wohl der Meinung, daß die späte Lyrik des Herrn Brecht nur mit der Horst Wessels zu vergleichen ist.“

Meinungsfreudig, dafür aber ungebildet – so lautet auch hier der Befund. Bei seiner spätlyrischen Scheinpräzisierung dürfen wir getrost davon ausgehen, dass unser Herrenreiter weder die späte noch die frühe Lyrik jemals las.

Ich könnte jetzt fortfahren mit Bundeskanzler Ludwig Erhard, der alle Schriftsteller mit „kleinen Pinschern“ verglich, „die in dümmster Weise kläffen“. Bis hin zu den „Ratten und Schmeißfliegen“ des seligen Herrn Strauß. Kurzum – Literatur, Wissenschaft, Kunst, Bildung und bürgerliche Werte waren in den bürgerlichen Parteien niemals in guten Händen.

Selbst dort, wo Geist und Konservatismus doch zeitweilig Hand in Hand zu gehen schienen, wie im Falle von Thomas Mann, da stellte sich nachträglich heraus, dass – igittigitt! – auch dieser Nobelpreisträger und Großschriftsteller peinlicherweise nur die größte Repräsentunte deutschnationalen Geistes gewesen war.

Kurzum: Bei denjenigen, die Bildung und bürgerliche Werte im Parteischilde führen, war die Geistferne schon immer inbegriffen. Insofern ist der Freiherr von Guttenberg auch kein Ausreißer, sondern der würdige Erbe eines fortdauernden Mentalzustands innerhalb der Union.

Jeder Popel dichtet

Literatur ist nicht immer ‚Hochliteratur‘, und sie existiert auch nicht zwangsläufig nur in Büchern. Selbst noch die grenzdebilen Hackfressen rechtsextremistischer Organisationen erdichten sich eine Welt, die nach Gesetzen von Marvel-Helden-Comics in kackbraunem Gewand funktioniert. Mit einem Conan, also einem rachedürstenden, allmächtigen Wundertäter (oder Führer) immer vorneweg, der die Welt mit seiner treuen Gefolgschaft zu retten hat. Im Kern aller rechten Mythen ersetzt eine revolutionäre Philosophie der Tat das Denken – bloßes Losschlagen, und alles wird gut: ‚Aufräumen‘ wird man mit dem verhassten System, ‚Rausschmeißen‘, was einem nicht passt, öffentlichen Widersprüchen endlich ‚das Maul stopfen‘, ‚Niederreißen‘ all das, was dem Machtrausch des braunen Gesocks im Wege steht. Das allein wären dann schon jene ’nationalen Taten‘, deren poetische Kraft wiederum geeignet ist, einem entfesselten Germanentum im Bierqualm obskurer Gasthäuser die braungestreiften Höschen zu feuchten.

Wir haben hier also die literarisch verpackte Philosophie des Wirtshausschlägers vor uns, blanke Destruktion, die sich an Blut und Trümmern ergötzt. Die Frauen hätten – nebenbei bemerkt – in dieser Welt eher die Aufgabe, dem erschöpften Krieger nach der Schlacht die Beulen und die erhitzte Visage zu kühlen. Ein Endzeit-Szenario, wie wir es aus trivialen SF-Romanen oder auch aus Computerspielen kennen, eine schlicht erdichtete oder hormonell zusammenphantasierte Welt für den muskulösen Kämpfer mit der Knarre in der Hand … eine Welt, die an utopischer Kraft gewinnt, je häufiger man sich an ihr delektiert und sich als ‚Kameradschaft‘ in seinem Wollen kollektiv zutrinkt. Die reale Machtlosigkeit des Pöbels erträumt sich eine ‚verkehrte Welt‘. Letzteres wiederum ein uraltes Motiv der Weltliteratur …

Vor der Wirklichkeit versagt der national-fiktionale Plot natürlich: Allein die Frage, wie man dieses ‚Ausländer raus!‘ denn durchführen wolle, dann, wenn diese Ausländer längst in der dritten Generation mit deutschem Pass als gute Deutsche in diesem Toitschland leben – die fordert all diese Haudegen intellektuell dermaßen, dass wir die Synapsen britzeln hören. In der Tat läuft die einzig mögliche Antwort solch strunzblinder Aktionisten – die allerdings dann nicht öffentlich werden darf – natürlich logisch zwangsläufig wieder auf Armageddon, auf KZ und Vergasen hinaus. Es sind Tat-Besoffene und Barbaren der Jetztzeit, die sich um Kopf und Kragen delirieren.

Trotzdem ist auch deren Welt natürlich eine ‚Dichtung‘, die solange kohärent erscheint, wie man in ihr gefangen ist: Wir haben es beim Rechtsextremismus mit der kollektiven Rezeption einer völkischen Literaturgattung zu tun, mit einem Mythos, geboren u.a. aus Landserheftchen und Heldenromantik. Wissenschaftlich, also beim ‚proof of the cake‘,  haben all diese erdichteten Rachephantasien bisher keine Kapazität jenseits der Maulwurfperspektive hervorgebracht, nichts, was in irgendeiner Form intellektuell satiskationsfähig wäre. Und ästhetisch kommt auch nur ein Frank Rennicke dabei heraus, der zwar den Ton des Bierzelts zu treffen weiß, aber keine Töne. In Hinsicht auf Wissenschaft und Ästhetik war der Rechtsextremismus schon immer impotent.

Die geforderte ’sozialromantische Tat‘ muss sich, weil wirklichkeitsflüchtig, dann ersatzweise fiktional in poetischen Szenen und Drehbüchern ausleben, die aber visionär niemals weiter reichen als bis zum ‚Endkampf‘ und vielleicht einer erträumten Siegesfeier danach, mit Wein, Weib und Gesang. In praktischer Vorwegnahme dieses Paradieses erfreut man sich gelegentlich schon mal an einem höchstselbst zusammengeprügelten Ausländer, einem Punker oder sonstigem Penner …

Kurzum – Rechtsextremismus ist vor allem eins: schlechte Literatur!

Dank den Homosexuellen:

Wo die Weltliteratur stünde, gäbe es keine Schwulen oder Lesben in ihren Reihen, ist ziemlich klar: Sie wäre wesentlich ärmer. Eine erstaunliche Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen war mehr oder minder bekennend ‚andersherum‘. Man soll aber die Kausalität nicht verdrehen: Nicht das Schwulsein fördert literarische Kompetenzen, wohl aber fördert eine exzentrische Position, die ein Mensch auf Grund seiner sexuellen Präferenzen im Leben einnimmt oder einnehmen muss, den ‚literarischen Blick‘, die andere Sicht auf die Dinge. Hier aus dem Kopf eine kleine Liste von Autoren, die heute weithin unbestritten als homosexuell gelten (Fragliche mit Fragezeichen):

Aristoteles
Wystan Hugh Auden
James Baldwin
Herman Bang
Roland Barthes
Johannes R. Becher
Brendan Behan
Paul Bowles
Clemens Brentano
Rétif de la Bretonne
Arnolt Bronnen
William S. Burroughs
Samuel Butler
Truman Capote
Bruce Chatwin
John Cheever
Jean Cocteau
Joseph Eichendorff
Hanns Heinz Ewers
Hubert Fichte
Michel Foucault
Friedrich der Große [?]
Garcia Lorca
Jean Genet
Stefan George
Nicolai Gogol
Julien Green
August Wilhelm Iffland
Hans Henny Jahnn
Heinrich von Kleist [?]
Leonardo da Vinci
Golo Mann
Klaus Mann
Thomas Mann
W. Somerset Maugham
Karl May [?]
Herman Melville
George Meredith
Michelangelo
Molière
Pier Paolo Pasolini
Roger Peyrefitte
August Graf von Platen
Plato
Marcel Proust
Fritz Joachim Raddatz
Gregor von Rezzori
Arthur Rimbaud
Sappho
Sokrates
Gertrude Stein
Lytton Giles Strachey
Mutsuo Takahashi
Paul Verlaine
Gore Vidal
Oscar Wilde
Thornton Wilder
Johann Joachim Winckelmann
Ludwig Wittgenstein

Die Liste ist sicherlich unvollständig, jede homophobe Literaturrezeption würde jedoch mit Sicherheit große Lücken in unser kulturelles Selbstverständnis reißen. Eine weitaus vollständigere Liste findet sich übrigens hier …

Schöne Sätze

Die Literatur ist dem Bourgeois eine Tatsache, die ihm die Tiefe seines eigenen Denkens vorspiegelt.“
(Walter Mehring: Ketzerbrevier, Vorrede)

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