Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Journalismus (Seite 2 von 26)

Marketeere des Journalismus

Wer Apple heißt, der muss sich um sein Marketing keine Gedanken mehr machen. Das übernimmt willig eine dienstbereite Presse:

„Star aus Cupertino: Was die Apple Watch wirklich kann.“
„Warum mit der Apple Watch eine neue Zeitrechnung begonnen hat.“
„Apple Watch: Tim Cook beschwört die alten Zeiten.“
„Apple Watch Event: Uhrsache und Wirkung.“
„Apple Watch ausprobiert: Revolution am Handgelenk.“
„Tim Cook erschafft mit Apple ein neues Ökosystem.“

Und so weiter, und so fort – klingelingeling, so geht mein Laden. Die armen Werbetexter, sie sind im Journalismus 2.0 der überflüssigste Berufsstand der Welt …

Gilt auch für Journalisten …

Jede vernünftige Politik fängt mit der zutreffenden Beschreibung der Wirklichkeit an. Mitunter dauert es länger, bis der Groschen fällt.“

Spät kommt ihr, doch ihr kommt, Graf Isolani. Der lange Weg entschuldigt euer Säumen …

Auch die russische Regierung soll sich mal wieder abregen. Im Zweifel hätte die ATO diese Waffen eben im nächsten Supermarkt um die Ecke gekauft. Das funktioniert doch in dieser Gegend ganz einfach, wie wir aus seriösen Quellen wie ‚Russia Today‘ und ‚Itar-Tass‘ seit Wochen schon wissen:

„Die ukrainische Regierung sorgte unterdessen mit Äußerungen zu Waffenlieferungen einzelner NATO-Staaten für Verwirrung. Die USA sowie Frankreich, Italien, Polen und Norwegen hätten der prowestlichen Führung jetzt eine solche Unterstützung für ihren Kampf gegen die Separatisten versprochen, sagte der ukrainische Präsidentenberater Juri Luzenko.“

Allerdings sollte die ukrainische Regierung das Lügen und Leugnen noch etwas üben. Vielleicht auf einem Crash-Kurs in Moskau? Apropos – trotz des unermüdlichen Wirkens der Putin-Trolle sollten sich die Verantwortlichen in Sankt Petersburg über die Effektivität ihres Info-Wars dann doch mal Gedanken machen:

Aus dem reddit-Poll

Aus dem reddit-Poll

Wen’s noch interessiert: Hier kann man sehen, wie russische Soldaten – äh, ‚Urlauber‘ selbstverfreilich – diesen Waffenstillstand einhalten. Und die ‚Russia-Today‘-Dschurrnalistin dort führt sich auf, wie bei einer Grammy-Verleihung: http://youtu.be/-yf5BJBe63M

Der Stern probt die Gala

An diesem Donnerstag meldet Horizont die Ablösung von stern-Chefredakteur Dominik Wichmann – nach nur gut einem Jahr. Auch wenn noch nichts vollzogen ist, dürfte Wichmann auch nach MEEDIA-Infos seinen Job an Gala-Chef Christian Krug verlieren.“

Freuen wir uns also auf eine noch höhere Dosis von diesem famosen Piepel-Dschurrnalismus … the times they are a-changin. Früher habe ich das Blatt ab und zu ganz gern gelesen. Aktuelle Headlines klingen eher nach einer publizistischen Marshmallow-Fabrik:

„Der weinende Elefant Raju lächelt wieder,“
„Ich halte mich mit Sex und Solitär fit“
„Samsung zeigt seinen iPhone-6-Herausforderer“
„Die Spielerin – die Wahrheit über Veronica Ferres“

Oder auch: Auf neuen Wegen zum Leidmedium …

Für den Zettelkasten (34)

Gehört in die Reihe – ‚Ein guter Journalist darf keine Meinung haben‘ oder ‚Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?‘:

“Le Moniteur” (1815), Paris:

9.3. “Die Bestie hat ihre Höhle verlassen”
10.3. “Ganz Frankreich verabscheut den Moloch”
11.3. “Das korsische Ungeheuer hat französischen Boden betreten”
13.3. “Der Peiniger übernachtet in Grenoble”
18.3. “Der Tyrann auf dem Vormarsch nach Dijon”
19.3. “Bonaparte will Paris erobern, aber er wird elendiglich scheitern”
20.3. “Der Kaiser bereits in Fontainebleau”
21.3. “Der Befreier pocht an die Tore der Hauptstadt”
22.3. “Seine kaiserliche Majestät ist heute in Paris eingetroffen. Vive l’Empereur!”

via: Kosmologelei

Wird auch Zeit!

In England prüfen sie jetzt, ob sie Russia Today wegen der Verletzung journalistischer Standards die Sendelizenz entziehen. Zeit wär’s ja … dieser Journalismus ist schließlich eine Waffe, die das Gehirn so vergiften kann, wie Chemiewaffen den Körper:

„Ofcom, which ensures TV channels with a UK broadcasting licence provide broadly impartial news coverage, said it was considering whether to investigate Russia Today following complaints from viewers about the tone of its coverage of the Malaysia Airlines disaster. … Russia Today has previously been found to have breached Ofcom’s code on multiple occasions, including a breach of section 5.1, which demands that “news, in whatever form, must be reported with due accuracy and presented with due impartiality”.

Putins Pudel sind natürlich empört und zeigen mit den Pfötchen auf andere … auf ein Verfahren, das sich mit den ‚Grenzen des Journalismus‘ befasst, dürfen wir gespannt sein. Vor allem, wenn dann die ‚Sun‘ und andere Käsblättchen beweiskräftig angeführt werden. Derweil trudeln die Beweise ein:

„The Obama administration … on Tuesday released satellite images and other sensitive intelligence that officials say show Moscow had trained and equipped rebels in Ukraine responsible for the attack.“

Und unsere ‚Querfrontler‘ werden wieder blöken: ‚Da kann man mal sehen, das sei doch amerikanisches Material. Denkt an deren Ölinteressen!‘ Worauf warten sie dann – was würde sie überzeugen? Etwa russisches Material? Darauf können sie noch lange warten … ein wirklicher ‚Putin-Versteher‘ ist übrigens hier zu finden:

„Putin has few good choices. On one hand, to send troops and to start a direct war with Ukraine means to trigger heavy sectoral sanctions of our economy, which means it will collapse rapidly; this will only hasten the agony of his regime. On the other hand, he started such powerful propaganda, and received so much emotional support (this is where this 86% approval rating comes from), that he can’t simply dump Donbass and Lugansk “diversionists” or “heores” (whatever you call them), because he will immediately incur accusations of “national treason”, a new term in our history which he coined himself in his March Crimea annexation speech. Moreover, he is already being branded as such – read “Sputnik and Pogrom” [a site that positions itself as an information resource of Russian nationalists – DU], he is openly called a “national traitor” there. … And now Putin is left with two very bad options: either to dump the Southeast, or to actively defend it thereby triggering sanctions…. [über Putins Umgang mit den ‚Separatisten‘:] Look – many volunteers are trying to return from there, but they are not let through, to the extent that they are exterminated by barrier troops. I’m very sorry for those people – those are sincere, responsible people, convinced that they need to defend Russians, but deceived, set up by the insane propaganda. They are ready to kill and be killed – those people are very dangerous to our authorities, and their physical elimination is one of the goals of the “cauldron” in Southeastern Ukraine. … [über die Nashibots:] In most cases, nothing can be advised, because those people are bots and trolls, who work for money or are such by calling. … It is alien for a sane person to be ecstatic: how wonderful everything is! There is no admiration of government in a healthy society. I am familiar with Western mass media – they don’t have it. Aggressive praise of the government is a sign of a totalitarian society, in which such activities are organized and praised, and of a totalitarian mentality.“

Auf ins ‚Faschistenland‘!

Over three thousand migrants have already returned to liberated Slovyansk.“

Die müssen lebensmüde sein. Das ist doch dort, wo – laut ‚Russia Today‘ – dreijährige Knaben ans Kreuz genagelt und ehrbare Bürger hinter Panzern zu Tode geschleift werden …

An dieser Stelle halten wir dann nochmals fest, wer da zu Gesprächen nicht bereit ist:

„Die OSZE kritisierte in einer Mitteilung „einen Mangel an Willen seitens der Separatisten, sich für substanzielle Gespräche für eine beiderseitige Waffenruhe einzusetzen“.

Wer sich von den neuen eurasischen Standards im russischen Qualitätsjournalismus ein Bild machen will, dem sei dieser Beitrag empfohlen:

„In the following 14 minute segment by RT, Ukraine is accused of the following: Murder, torture, crucifixions, beheadings, rape, ethnic cleansing, systematic genocide, instituting man-made famine, using Weapons of Mass Destruction and banned weapons, international conspiracies, and being both literally Hitler, and worse than Hitler. It’s the kitchen sink.“

Boah, jetzt geht es aber los: Als Reaktion auf die neuen EU-Sanktionen dürfen russische Beamte nur noch Fahrzeuge einheimischer Produktion verwenden. Hier schon mal der luxuriöse Moskwitsch, erhältlich ab Provinzgouverneur aufwärts:

Luxuslimousine russischer Produktion / Bild: wikimedia gemeinfrei

Luxuslimousine russischer Produktion / Bild: wikimedia gemeinfrei

Persönlichkeit als Grabbelware

Persönlichkeit beschreibt – philosophisch gesehen – die einzigartige Individualität eines Menschen in seiner Zeit. Zu einer Streicheleinheit wird der Begriff aber regelhaft, wenn er Journalisten in die Hände fällt.

Auf jedem besseren Schützenfest bspw. bevölkern viele ‚Menschen‘ die Festwiese, zumeist sind sie auch noch ‚frohgestimmt‘, sobald aber jemand das Podium erklimmt und zum Mikrofon greift, mutiert er zu einer ‚Persönlichkeit des öffentlichen Lebens‘. Obwohl er so einzigartig doch gar nicht ist.

Der Begriff gehört also zu den Stanzen oder zur ‚journalistischen Grabbelware‘, mit denen man sprachlich sein berichterstatterisches Wohlverhalten etwas aufhübschen kann. Kuschelrhetorik halt – sie schmeichelt dem Umworbenen und nutzt dem Journalisten. Google liefert derzeit fast dreihunderttausend Treffer …

Für den Zettelkasten (33)

Der Journalismus ist kaputt«, behaupten die Macher der »Krautreporter« – und sanieren ihn dann mit Geld aus der Kasse von Jakob Augstein, um grimmegeadelte Judomanen wie Tilo Jung zu fördern. Dieser Journalismus kann, ja darf nicht gerettet werden. Man sollte endlich seine Beatmungsmaschine abstellen.“
Leo Fischer: Talmi / Jungle World

Selbstüberschätzung

An dem Punkt habe ich dann aufgehört, Gabor Steingarts Traktat noch weiter zu lesen, weil er gleich mal von falschen Voraussetzungen ausgeht. Und stimmt vorn die Prämisse nicht, dann kann hinten auch nichts Zutreffendes folgen. Tsss … als würden im Netz nur ‚Verlagsprodukte‘ herumstehen:

„Von den vielen Millionen deutschen Dokumenten, die das Google-Archiv auf seinen Servern bereithält, stammt kein einziger Text von einem Google-Mitarbeiter, sondern alles, was da an Artikeln begeistert, polarisiert, langweilt oder einfach nur informiert, ist von den Autoren deutscher Verlage in deutscher Sprache erstellt worden.“

Donnerwetter, ‚alles‘ – was für ein Alleinvertretungsanspruch! Die Sache mit den ‚deutschen Autoren‘ mag für den deutschsprachigen Teil des Netzes ja noch halbwegs stimmen. Aber gleich allen Autoren zu unterstellen, sie würden nur für konfektionierte Ware aus deutschen Verlagen sorgen, das erscheint mir als These doch arg abenteuerlich und durch keinerlei Fakten gedeckt. Meine Einschätzung lautet anders: Nur der geringere Teil der Inhalte im Netz stammt heutzutage noch aus dem altehrwürdigen Verlagsbereich.

Zumindest für den ‚Stilstand‘ darf ich schon mal feststellen, dass hier nicht ein einziger Text als ‚Paid Content‘ auf dem gepflegten Rasen eines gebenedeiten Verlagsgeländes heranwuchs …

Für den Zettelkasten (32)

Die Journalisten, die als Stimmführer anerkannten, sind die öffentlichen Beamten des Publikums, und versehen dessen Funktionen gerade so, wie die Beamten des Fürsten die ihrigen. Sowenig nun derjenige, der einen Paß braucht, weil er nicht ohne ihn nach Italien oder Griechenland gehen kann, durch die moralische Beschaffenheit des Polizei-Direktors, den er vielleicht lieber auf der Galeere sähe, abhalten lassen soll, sich um den Paß zu bewerben, so soll auch der Autor, Künstler oder wer es sei, sich nicht daran stoßen, daß der Funktionär der öffentlichen Meinung, bei dem sich jeder sein gestempeltes Urteil über Menschen und Dinge abholt, zufällig den Galgen oder Hals-Eisen und Brandmal verdient, sondern die Verantwortlichkeit dafür dem Patron anheimstellen.“
(Friedrich Hebbel, Tagebücher, 6243)

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