Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Journalismus (Seite 1 von 26)

Fake-News?

A. Paul Weber: Das Gerücht

Der Journalismus war seit Olims Zeiten stets ‚biased‘ – und er wird dies auch immer sein. Hierzu erinnere ich nur an die endlosen Tiraden in allen selbsternannten Leitmedien, dass ‚privat‘ immer besser sei als ‚gesetzlich‘, bis dann die Riester-Rente, die private Krankenversicherung, wie auch die Lebensversicherungen erbärmlich Schiffbruch erlitten. Mit wenigen Ausnahmen standen die großen Medien immer auf der Seite ihrer Herrn, also der werten Anzeigenkunden – und letztlich bestimmte die Verlegerfamilie, was in den Redaktionen täglich Ambach zu sein hatte. Die Tagebücher des Fritz J. Raddatz bieten hierzu einiges an Anschauungsmaterial.

Die Geschichte des Journalismus liest sich also allenfalls bei Preisverleihungen als ein Ruhmesblättchen, faktisch wäre es eher eine Anklageschrift, vom ‚Fleet-Street-War‘ des ersten Krim-Krieges bis hin zum Goebbels’schen Unisono in allen Printerzeugnissen und Volksempfängern, woran schließlich auch Heerscharen von Journalisten dienstfertig mitwirkten, die dann ungebrochen auch in der jungen Bundesrepublik weiter ‚Meinung‘ produzieren durften. Ein Tucholsky, ein Constantin Seibt oder ein H.L. Mencken, das waren und sind immer nur Solitäre in einem ideologisch höchst korrupten Umfeld. Was allerdings ausblieb, war lange Zeit der ‚Untergang der Welt durch schwarze Magie‘, wie Karl Kraus das uneingestandene Bestreben des real existierenden Journalismus nannte.

Insofern hat das Gequake der AfD- und Pegida-Jünger über die ‚Lügenpresse‘ durchaus historische Wurzeln, die aber sehr viel weiter zurückreichen als deren Horizont reicht. Das Problem ist, dass diese Bräunlinge exakt das gleiche Spiel betreiben – nur mit moderneren Mitteln.

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Misik bringt’s auf den Punkt

Beide hängen eingebildeten Identitäten an: Hier die Dschihadisten-Identität, die sich eine Geschichte zusammenfantasiert, die bis zum Propheten und seinen Gefährten zurückreicht, da die christlich-europäischen Identitätsfreaks, die sich in die Türkenkriege zurückfantasieren; überhaupt die Vorstellung eindeutiger Identitäten; Antimodernismus und völlig geschlossene Weltbilder, die in einem regelrechten Tunnelblick enden. Sie sollten nicht gegeneinander demonstrieren, sondern miteinander.

Yep – wer hat sie denn schon nötig, diese Krücke der ‚Identität‘? Ich müsste rätseln, fragte mich jemand nach meinem ‚deutschen Wesen‘. Ich krieche in kein Backförmchen.

Robert Misik ist in meinen Augen einer jener Journalisten, die – wie alle guten unter ihnen – einst linksaußen begannen, ohne deshalb irgendwann unter dem Rock der Friede Springer zu landen. Er hielt Kurs, anders als viele andere im Gedenken an die näherrückende Altersvorsorge. Misik ist – mit einem Wort – das Gegenteil eines Renegaten. Natürlich wäre er seit Jahren ein Kandidat für den Ludwig-Börne-Preis, ein echter Tucholsky-Nachfolger, statt des kompromisslerischen Zwergwuchses, der ansonsten rituell mit den Medaillen der Publizistik behängt wird.

Logik sechs, setzen!

Die russische Krise werde kein Land der Welt so stark treffen wie Deutschland.“

Typisches Aluhut-Gebrabbel. Ich behaupte hingegen, die russische Krise werde kein Land so stark treffen wie Russland. An zweiter Stelle dann vielleicht auch die Ukraine. Und wat sagste nu, DWN? Ach, ein solcher Teaser wäre für eure toitsche Leserschaft doch völlig ungeeignet?

Falscher Alarm

Da hat sich also ein RTL-Reporter unter die Pegidas begeben, um an O-Ton und Statements zu kommen (Vorgang hier). Unnötigerweise, wie ich hinzufügen möchte, denn „diese Bio-Deutschen“ halten sich ja keineswegs an die verabredete Omertá, sondern sie reden sich selbst in einem wahren Bekennerdrang um Kopf und Kragen. Wem der Deetz voll Grütze steckt, dem geht eben das Maul über …

Dieser Reporter radebrechte dann gleichfalls anti-islamisches Zeug in dieses Panorama-Mikrofon hinein, vorgeblich, um seine völlig unnötige Tarnung aufrecht zu erhalten, wobei er inhaltlich das Klischee vom vermuteten Pegida-Brabbel bediente. Womit er ja auch keineswegs daneben lag. Denn die anderen, die ‚echten‘ Panorama-Statements, die niemand bisher bestreitet, die kamen noch viel wirrer und bösartiger daher. Das geäußerte Klischee entsprach also vollumfänglich der Realität.

Große Aufregung seither im Medien-Stadl. Darf der das? Darf er Kollegen täuschen? Ferner dürfen sich alle Pegida-Hanseln seitdem gnadenlos missverstanden fühlen: Man könne doch mal wieder sehen, zu welchen Gestapo-Methoden der verruchte Mainstream-Journalismus greife, um wahre Volksbewegungen zu diskreditieren. Liebe Käsglocken-Deutsche, so etwas hat der Journalismus gar nicht nötig. Es gibt genügend unbestrittene Äußerungen aus eurer Mitte, die zeigen, welch Geistes Kind ihr seid. Wobei mir allenfalls das Wort ‚Geistes Kind‘ ein wenig hoch gegriffen scheint …

Der Journalismus aber hätte besser daran getan, den Vorfall gar nicht erst an die große Glocke zu hängen, weil jeder dieser Wirrköpfe jetzt einen untauglichen Beweis in Händen schwenkt, um das neuartige Lied von den bösen Medien zu singen. Kurzum: Da hat der Journalismus mal wieder ein echtes Eigentor geschossen.

Und dem RTL-Menschen sei gesagt, dass es genügt hätte, ein Russia-Today-Mikro in die Hand zu nehmen, so wie es die ‚heute-show‘ tat, um jede Menge aufgeguseltes Gestammel im O-Ton einzufangen. Gelenkte Staatsmedien à la russe verwandeln jeden Pegida-Mitläufer in eine Quasselstrippe. Schlecht imitierte Wallraff-Methoden waren also in dieser Situation ‚goar nüch nödich‘.

Für den Zettelkasten (39)

Ich habe mein halbes Leben lang versucht, mich vom Journalismus zu lösen, aber ich stecke noch immer bis zum Hals darin – in einem niederen Gewerbe und in einer Abhängigkeit, schlimmer als der von Heroin, angesiedelt in einer befremdlichen Welt voller Außenseiter und Trunkenbolde und Versager. Ein Gruppenfoto der jeweils zehn besten Journalisten Amerikas wäre ein Monument menschlicher Häßlichkeit, wann immer man es machte. Es handelt sich nicht um ein Gewerbe, das viele flotte Typen anlockt, und es interessiert weder jemanden aus der Calvin-Klein-Schickeria noch aus dem internationalen Jetset. Eher würde die Sonne am flammenden Himmel östlich von Casablanca untergehen, als dass ein Journalist die Titelseite des People-Magazins zierte.“
(Hunter S. Thompson: Gonzo Generation, S. 298 f)

Medialer Mainstream 1.0

Auf den Begriff des ‚medialen Mainstreams‘ bin ich gestern ganz zufällig bei Hunter S. Thompson gestoßen (‚Die Rolling Stone Jahre‘). Damals meinte sein Widerstand gegen das Objektivitätsideal der bürgerlichen Zeitungen noch etwas anderes, als ebenso erwünschte wie blanke Lügen von glattgeschleckten Betthasen mittels ‚Russia Today‘ in pseudo-journalistischer Sprache verbreiten zu lassen – so wie heute. Hunter S. Thompson’s Kampf richtete sich gegen jenen „Haufen hirnverkrusteter Arschgeigen“, der bräsig und dienstleistungsbereit in den Redaktionen etablierter Zeitungen saß. Einige Beispiele:

Hauptstadt-Journalismus (HJ): „Dem Kandidaten Nixon werden gute Chancen eingeräumt, die kommenden Präsidentschaftwahlen zu gewinnen.“
Gonzo-Journalismus (GJ): „Und so blieb nur noch Nixon übrig; dieser aufgeblasene, künstliche kleine Furz, der demnächst unser Präsident sein würde“.

HJ: „Die Gegner des Sheriffs luden die Journalisten zu einer Pressekonferenz ein.“
GJ: „Zum Teufel, die einzige Weise, wie wir diese Hundesöhne dazu bekommen konnten, uns zuzuhören, ist, drüben in West Hollywood oder sonst an einem anderen scheiß Ort irgend ’ne schnieke Hotellobby zu mieten – wo die sich dann wohlfühlen können – und dort unsere Pressekonferenz abzuhalten. Mit gratis Kaffee und Häppchen für die Presse. Aber auch dann noch kommt die Hälfte der Arschgesichter nicht, weil wir ihnen keinen Schnaps umsonst kredenzen.“

HJ: „Der anerkannte Drogen-Experte Professor Bloomquist wies auf die Flashback-Problematik bei Konsumenten hin.“
GJ: „Dr. Bloomquists Buch ist ein Kompendium staatlich geprüfter Affenscheiße. Bloomquist schreibt wie jemand, der mal Tim Leary in der Uni-Mensa getroffen hat und für alle Drinks bezahlen durfte.“

Tscha, die beiden verfeindeten Gruppen verwendeten damals auch zwei unterschiedliche Sprachen. Das klang dann doch irgendwie anders als bspw. heutzutage Ken ‚As Catch Can‘ Jebsen, als der Alfkotte oder jemand von den anderen Media-Mainstream-Gegnern dieser vom ersten Tag an abgetakelten Generation, die, statt des Wortes als Waffe, die Lüge und das Verschweigen als Waffen zu nutzen gelernt haben – und das in exakt der gleichen Sprache wie ihr angeblicher Gegner. Was damals ein Klarstellen war, ist heute ein Übertölpeln: Man hüllt die dollsten Behauptungen in die Sprache eines vorgeblich ‚objektiven Journalismus‘.

Frères Goncourt (1)

Goncourt

So – durch den ersten Band der ‚Tagebücher‘ habe ich mich jetzt durchgeschlagen, sogar mit viel Vergnügen. Hier einiges, was mir auffiel.

Die Brüder Goncourt hatten reich geerbt, niedere Dinge, wie die Notwendigkeit Geld zu verdienen, unerwartete Rechnungen oder materielle Verlegenheiten kommen daher gar nicht vor. Sie sind Teil der Pariser ‚Bohème‘, schreibbegabte Müßiggänger also, deren größter Feind die Langeweile ist.

Sie gelten als die ersten ‚Naturalisten‘ der französischen Literatur, was aber bloß Verwirrung stiftet, weil sich die Begriffe der französischen und deutschen Literaturgeschichtsschreibung stark unterscheiden, von einem Gerhard Hauptmann bspw. sind sie meilenweit entfernt. Für mich wären sie eher späte Romantiker, was aber wiederum nicht unserer Eichendorff’schen Welt voll Waldhornklang und Waldeseinsamkeit gleicht. Der Begriff ‚Romantik‘ verweist eher auf jenes Genre, das wir ‚Schauerromantik‘ nennen: E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe oder auch der Marquis de Sade werden in den Tagebüchern immer wieder als Bezugsgrößen genannt.

Dementsprechend haben die Brüder einen scharfen Blick für alle Skurrilitäten, Abartigkeiten und für die geheimen Antriebsfedern des Menschen. Ihre Welt ist auch deshalb höchst muschi- und schwanzgesteuert. In Fülle gibt es dort Wörter, die man nicht unbedingt in einem Text des 19. Jahrhunderts zu finden erwartet – ‚Möse‘, ‚ficken‘ oder ‚vögeln‘ – das, was damals ‚Gossensprache‘ hieß, ist dort eine kurrente Münze.

Ihre Welt ist überaus klein und beschränkt, allenfalls nehmen sie ein Zehntel der Gesellschaft in den Blick. Bauern, Arbeiter, Unterschichten kommen bisher nicht vor, allenfalls wird mal ein Dienstmädchen ‚flachgelegt‘. Ihre Welt besteht vor allem aus der Bourgeoisie und aus dem Geschwader in ihrem Gefolge, aus Journalisten, Verlegern, Huren, Maitressen und Literaten, alles spielt in den Salons und Cafés – oder auf Landsitzen.

Beide sind grandiose Beobachter für die Menschen dieser Kreise, aber durchaus auch bspw. für Landschaften. Ihre Philosophie – oder ‚Weltsicht‘ – ist jener ‚Positivismus‘, wie ihn in Frankreich Comte propagierte. Menschen seien demnach durch Milieu, Rasse und Zeitgeist determiniert. Weil die Brüder das erkannt zu haben glauben, dünken sie sich als Beobachter weit über dem gemeinen Leben zu schweben, obwohl ihr eigener Rassismus – zum Beispiel in Form des Antisemitismus – sich immer wieder Bahn bricht. Sie sind selbst nicht frei von dem, was sie glossieren. Zeitgenossen eben …

Ihr phänomenales Sprachgedächtnis erlaubt es ihnen, jene ‚Szene‘ dann ganz ungeschminkt zu Wort kommen zu lassen. Wer bspw. die Anfänge des Journalismus studieren will, findet hier ein wahres Füllhorn an Authentizität – und an Korruption. Später, als sie bekannter wurden, kommen dann wohl auch die Großschriftsteller hinzu. So weit bin ich aber noch nicht.

In ihrem Mikrokosmos sind sie dann tatsächlich Naturalisten – spitzzüngig, aphoristisch, ironisch und immer auf den Punkt genau. Einige Kostproben:

„Dieser Zeitung fehlt es an nichts, außer an Abonnenten.“
„Er glaubte dem Gedruckten.“
„Kennst du diese Frau?“ – „Sehr gut. Sie ist die Frau von zwei Freunden von mir.“
„Der Geist gewisser Leute ähnelt stark dem Sonntag: Da geben sich alle Gemeinplätze ein Stelldichein.“
„Vielleicht war er brutal, um nicht verlegen zu wirken.“
„Wir sind angeklagt wegen des Verstoßes gegen die schlechten Sitten.“
„Die Geschäfte? Das ist … das ist das Geld der anderen.“
„Familie wütend, daß er keine Geliebte hat, sehen in dieser Keuschheit ein Zeichen der Degeneration.“
„Las morgens die Bibel und abends Rabelais.“
„Wenn die Bäuche voll sind, und die Menschen nicht mehr vögeln können, kommen sechs Fuß große Kerle aus dem Norden daher. Heutzutage, wo es keine Wilden mehr gibt, werden es die Arbeiter sein, die diese Arbeit in rund fünfzig Jahren erledigen.“
„Erst lächerlich sind die Parvenüs nunmehr verrückt geworden.“
„Rücksicht, Achtung, Respekt wird nur dem verdächtigen Kapital der Börse entgegengebracht.“
„Vielleicht – ich bezweifle es – gibt es noch eine aristokratische Partei in Frankreich; aber ich suche noch immer einen Edelmann.“
„Wenn man gut ist, erscheint man feige; man muß böse sein, um für mutig gehalten zu werden.“
usw.

Das spart viel Geld

Brigitte“ entlässt alle schreibenden Redakteure.“

Im Journalismus fest angestellt sein wollen? Pffft – so weit kommt’s noch! Was erlauben sich Schreiberlinge! Wohl nur Rosinen im Kopp! Wer im bunten Anzeigenumfeld den Grauwert produziert, der wird auch wie Grauwert behandelt. Das Schreiben ist schließlich keine Kunst – und ihre Abwesenheit bemerkt folglich keiner. Siehe Auflagenentwicklung …

Happy Headlining

Mehrheit der Lokführer stimmen Streiks zu.“

Oder: Das vergessene Deutsch – Was die Mehrheit der Journalisten auf Journalistenschulen nicht mehr lernt.

Schöner Tippfehler:

Sanktionen gegen Russland: EU schneidet Rosneft und Gazprom von Geldversorung ab.“

Und das beim ‚Spiegel‘. Zur Erläuterung: ‚Sore‚ = Rotwelsch für ‚Beute‚, ‚heiße Ware‚, ‚Diebesgut‚.

Eine ganz aufschlussreiche Sammlung von Biographien jener russischen Dschurrnalisten, die nur an ihrer schlichtgestrickten ‚Truth‘ interessiert sind, aber keinesfalls an einer komplexen Wahrheit, findet sich übrigens in diesem Artikel der ‚Kyiv Post‘ – es sind wahrhaft skurrile Gestalten darunter, die in ihrem Leben schon mehr Pirouetten gedreht haben als einst selbst Marika Kilius:

„Propaganda Army Speaks Fluent Kremlin.“

Immer aber sind sie im Namen des Herrn unterwegs, ob der nun Romanoff heißt, Josef Stalin, Vladimir Putin oder Patriarch Kirill …

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