Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Joachim Gauck

Joachim Gauck zum Abschied

Deshalb, weil unser scheidender Bundespräsident immer in Maximaldistanz zu allen Verteilungsfragen so bürgerlich wertverhaftet zu predigen wusste:

„Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum. …

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.“

(Heinrich Heine: Die Wanderratten)

Onkel Achim erklärt uns die Welt

Joachim Gauck wirbt für FDP.“

Jetzt fehlt nur noch, dass er uns von einem angeblich grünrot geprägten Journalismus in Deutschland ein paar wirre Döntjes erzählt …

Das gebildetere Kommentariat, z.B. bei der ‚Zeit‘, tippt sich auch nur noch an die Stirn. Wäre eine ‚galoppierende Lübkesierung‘ eigentlich ein anerkanntes Krankheitsbild?

Dumm gelaufen …

Vor einigen Wochen noch höögten sich hierzulande alle Orakelmännchen des rechten Geistes, wie ‚die Linke‘ – whatever that is – sich wohl umgucken würde, wäre der Gauck erst vereidigt. Woraufhin diesem kernschwarzen Mann ja unweigerlich das Schafsfell von den Schultern gleiten würde, um einen konservativen Hardliner zu enthüllen, der für Recht, Disziplin und Portfolio stünde.

Heute aber stehen eher unsere Auguren neben sich, vor sich einen aufgenötigten Wunschpräsidenten, der selber seinen Kurs absteckt. Sie reiben sich verdutzt die Augen – und beginnen prompt zu mäkeln:

„Dem Pastor und Bürger Gauck, selbstbewusst beide, gehen zuweilen noch die alten Gäule durch. So …, als er den Eindruck nicht verhinderte, er sei in der Frage des Existenzrechts Israels und der deutschen Verantwortlichkeit uneins mit … der von der Bundeskanzlerin angeführten Bundesregierung. … Ein bisschen mehr Notar, bitte.“

Was wohl heißen soll, der Herr Gauck möge gefälligst jene Noten vom schwarzgelb umrandeten Blatt singen, die ihm die Frau Bundeskanzlerin aufgemalt hat. Das aber wird nicht klappen: Wer einen Koch wählt, darf nun mal keinen Kellner erwarten …

Alles klar, Jan Fleischhauer!

Joachim Gauck sei also ein knallharter „Neoliberaler“, der jetzt wohl ganz im Sinne der Chicago Boys seine Reden schreiben wird. Und all die blöden Linken seien auf diesen raffiniert getarnten Hayek-Verehrer im Herz-Jesu-Pelz reingefallen. Das verkünden Sie uns – cum grano salis – mit der Süffisanz des geborenen Rechtsauslegers: „„Was das linke Lager heute als Sieg feiert, wird dort morgen schon als gewaltiger Irrtum gelten.“ Da bleibt der Vernunft nur ein Trost: Mit Ihren rasanten Prophezeiungen liegen Sie nach der ersten Kurve zumeist schon im Straßengraben.

Denn sagen Sie mal – dies nur eine Möglichkeit zur schlichten Widerlegung Ihrer These – finden Sie nicht auch, dass die Personalauswahl des neuen Präsidenten einem bekennenden Konservativen wie Ihnen Anlass zur Sorge geben sollte? Derselbe Herr Gauck, Ihre angebliche Rechts-von-mir-ist-nur-die-Wand-Figur nämlich, die hat sich mit David Gill, Andreas Schulze und Johannes Sturm als kongeniale Redenschreiber, Ideengeber und persönliche Vertraute gar keine Margaret-Thatcher-Apostel ausgesucht, wie sie Deutschland jetzt brauchen würde, damit ein Ruck durch die morschen Knochen fährt. Nein, Joachim Gauck hat sich vielmehr zwei SPD’ler und einen Grünen zu sich ins Präsidialamt geholt. Sogar welche mit Parteibüchern! Und eben nicht neoliberale Jahrhundertgenies wie den Hans-Olaf Henkel oder bspw. auch einen Philipp Mißfelder! Ich muss schon sagen, konservativer und neoliberaler geht’s doch eigentlich kaum … und Ihre These beging soeben Selbstmord.

So vernunftverloren plätschert Ihr Text unter Missachtung jeder Logik auch weiterhin durch die Zeilen: „Mit Gauck zieht der erste Neoliberale ins Schloss Bellevue ein.“ Soso, der „erste“ also? Nur eine kurze Gegenfrage – was wäre denn dann der Christian Wulff gewesen? Vielleicht ein Trotzkist oder gar ein böser Sozialdemokrat? Und hat sich der Herr Gauck nicht selbst mehrfach öffentlich als „LINKER und liberaler Konservativer“ bezeichnet? Wobei wir uns natürlich fragen dürfen, ob bei solchen Kreuzungen aus Feuer und Wasser nicht wieder ein Patchwork-Wesen wie der „rechte Sozialdemokrat“ herauskommen könnte. Sei’s drum …

Wissen Sie, Herr Fleischhauer, angesichts Ihres unaufhörlichen Gewurkels neben jeder Spur von Sinn und Verstand überkommt mich der blanke Neid: Sie dürfen Ihre verdrehten Instinkte frei ausleben, ohne sich von Recherche, Fakten, Argumenten oder Sachkenntnis bremsen zu lassen. Sie dürfen ungestraft der Sprache Gewalt durch mangelnde Sprachgewalt antun. Und wöchentlich liefern Sie, der Sie sich vermutlich als überlegener ‚Leistungsträger‘ fühlen, der Redaktion einen länglichen Riemen ab, wie ich ihn innerhalb einer halben Stunde zusammenlöten würde. Anschließend streichen Sie ungestört noch viel Schotter ein. Das alles hat in meinen Augen etwas von ‚Dolce far niente‘.

Kategorienfehler

Wenn der Joachim Gauck dem Thilo Sarrazin „Mut“ bescheinigt, dann verwechselt er auflagenfixierte Rampensau-Allüren und skandalgeiles Dieter-Bohlen-Gehabe mit lutherischer Überzeugungstreue und mit dem Willen zur Wahrhaftigkeit um jeden Preis. Mit dem gleichen Recht ließe sich einer Lady Gaga oder einem Marilyn Manson dann „Mut“ bescheinigen. Auf falschen Prämissen wiederum lässt sich kein solides Gedankengebäude errichten.

Disclaimer: Trotzdem halte ich weiterhin Joachim Gauck, verglichen mit dem niedersächsischen Langweiler und Zustandsverwalter, für den besseren Präsidenten. Als unangenehmer Solitär wird der neue Mann die Republik jetzt ‚rocken‘, wenn auch wohl mit ganz anderen Melodien, als in seligem Schlummer viele noch meinen. Für die dahindämmernde Diskussion – ob so, oder so – ist Joachim Gauck sicherlich eine Art Fünftonfanfare …

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑