Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Information (Seite 2 von 2)

Knapp daneben ist auch vorbei

Natürlich finde ich es gut, wenn mal ein Blogger im ‚Spiegel‘ auf die kulturkonservative Panik-Attacke des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher antworten darf. Nur hätte ich mir von Sascha Lobo mehr versprochen als Diskrepanzen in der Argumentation und unzutreffende historische Beispiele, garniert mit windschiefen Wortbildern.

Schirrmacher hatte bekanntlich die immerfort wachsende Informationsmüllhalde des Internet dafür verantwortlich gemacht, dass sich die Menschen verändern, und er hatte die Folgen dann – unter anderem – am eigenen Beispiel festgemacht. Er käme einfach ’nicht mehr mit‘, zwischen Mensch und Maschine sei ein ‚darwinistischer Wettlauf‘ entstanden. Er würde von der allgegenwärtigen Informationsüberflutung ‚aufgefressen‘.

Als Hintergrundfolie zu seiner Tirade dient die wohlgeordnete Welt des ‚Qualitätsjournalismus‘, wo nichts älter wurde, als die jeweils aktuelle Ausgabe einer Zeitung: Informationen kamen und gingen – ach, Kinners, wie war dat schön! Heute aber würde alles aufbewahrt – was die Hirne (zumindest seines) komplett überfordere. Hierbei beruft sich Schirrmacher u.a. auf den Philosophen Daniel Dennett, der den Menschen als ein evolutionär höchst defizitäres Wesen fasst, dessen Funktionen allesamt bloß instrumentell und intentional ausgerichtet seien, was ihn bei überbordender Information entscheidungsunfähig mache. Gut, so etwas kann man mal schreiben, will man ein wenig Endzeitstimmung verbreiten oder Katastrophenszenarios in Höllenfarben ausmalen.

Sascha Lobo durfte jetzt im ‚Spiegel‘ auf dieses apokalyptische Zukunftsbild antworten, wo er es als Ikarus der Blogosphäre unternimmt, auf gleicher geistesgeschichtlicher Flughöhe das düstere Mordor-Panorama Schirmachers aufzuhellen. Zunächst stellt er die Jeremiade des FAZ-Herausgebers in eine zeitlos lange Reihe der Klagen alter Männer über eine verdorbene, nachwachsende Jugend – und landet unversehens mit Plato, Sokrates und auch uns Lesern im alten Ägypten. Der attische Straßenphilosoph hätte als Kulturkonservativer und als Geistesverwandter Schirrmachers ebenfalls einen Medienwandel, nämlich den ‚modernen‘ Buchstabenglauben und die ‚aufkommende‘ Schriftkultur beklagt:

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Was ist eine Information?

Das Wesen der journalistischen Nachricht glossierte Kurt Tucholsky im Jahr 1924, als er für die ‚Weltbühne‘ ein Buch von Siegfried Bryk besprach (GA VI, 411 ff). Nehmen wir an, sagt Tucholsky, ein Bankier träume eines Nachts ganz intensiv von einer Goldmine. Mit der Geschichte von diesem Traum ginge er am nächsten Tag auf eine Redaktion – und er würde dort ein paar Scheinchen auf den Tisch des Hauses legen.

Dass er Geld gegeben hat, das sei dann ganz und gar keine journalistische Nachricht, sagt Tucholsky. Auch nicht, dass er das alles nur geträumt habe. Aber die Existenz der Goldmine, das sei eine waschechte journalistische Information … das wird gedruckt.

Informationshäppchen

Nein, ich werde hier das hochbedeutsame ‚Internet-Manifest‘ nicht nochmals verlinken. Der Text ist trotzdem ein Schulbeispiel dafür, wie man mit überholten Anschauungen eben keine Welt aus den Angeln heben kann. Auch nicht online. Am Beispiel des Informationsbegriffs will ich versuchen, das zu erklären. Bei den Berlinern heißt es:

„Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen.“

So eben ist es nicht: Informationen sind nichts, was außerhalb eines menschlichen Kopfes wie ‚Dingliches‘ umherfliegt – also bspw. wie ‚Kokosnüsse‘, ‚Regenschauer‘ oder ‚Tastaturen‘. Auf diese Weise existieren Informationen nicht. Auch in den großen ‚Informations- und Datenspeichern‘ finden sich vor allem Buchstaben und Zahlen, die sinngebende Instanz kommt erst als Leser oder Programmierer hinzu. Dort außerhalb von uns gibt es nur Ereignisse, Geschehnisse, ‚Perturbationen‚, ‚Reize‘, von mir aus auch ‚Fakten‘ – aber eben keine Informationen: Ein Blitz schlägt in eine Platane ein, ein Tsunami rollt auf die Küste Javas zu, äthiopische Panzer rollen über die somalische Grenze, einer Frau in Detmold fällt die Blumenvase aus der Hand usw.

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Fakten vs. Erzählung

Auch große Sprachmeister liegen gelegentlich neben der Spur mit ihrem Gespür. So steht bei Helmut Heißenbüttel eine Goethe-Parodie am Anfang seiner Erzählung von ‚D’Alemberts Ende‘: „Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München-Hamburg …„. Das ist natürlich bis zur Namensgleichheit hin eine Parodie auf diesen berühmten Beginn der ‚Wahlverwandtschaften‘:

„Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen“.

Wo aber bei Goethe alles im Ungefähren verbleibt – wir erfahren zum Beispiel nicht, welche Stunde an einem beliebigen Aprilnachmittag denn wohl die schönste sei, wo die Handlung überhaupt spielt etc. – da geht es bei Heißenbüttel viel präziser zu. Und es ist wiederum diese Faktizität, die den Text erzählerisch in meinen Augen schon von der Startlinie weg lahmen lässt:

„Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München Hamburg (Ankunft Hauptbahnhof 21.19) die schönsten Stunden eines Julinachmittags (25. 7. 1968) zugebracht und betrachtete mit Vergnügen die Gegend zwischen Lüneburg und Harburg“.

Ankunftszeiten, der Ort, das exakte Datum – Heißenbüttel flutet seinen Text geradezu mit journalistischen Tatsachen. Wir erfahren sogar von einem allwissenden Verfasser, dass sein Held ‚mit Vergnügen‘ aus dem Fenster schaut. Zugleich zerbröselt unter dem informationellen Störfeuer all dieser Fakten unsere Teilnahme am Text. Weshalb ist das so?

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Bullshit macht selten fit

Wenn jemand aus Gründen der Angeberei so redet oder schreibt, wie es kein normaler Mensch jemals tun würde, dann haben wir es bekanntlich mit dem berüchtigten „Bullshit“ zu tun, dem Sich-um-Kopf-und-Kragen-Reden. Da dieser Bullshit wiederum den Gesetzen der Mode unterliegt, deshalb können ganze Unternehmensbesatzungen, die zur Teilnahme an obskuren Jubel-Meetings verurteilt wurden, mit dem genormten Trend-Wortschatz ihrer Vorgesetzten „Bullshit-Bingo“ spielen. Die Teilnehmer streichen einfach aus den „Buzz Words“ des „Keynote Speakers“ alle diejenigen Begriffe heraus, die von einem solchen Effekthascher auch zu erwarten waren, weil sie schlicht unverständlich, hohl oder für zwei Monate trendy sind. Wer zuerst auf seinem Zettel eine festgesetzte Anzahl dieser Begriffe ankreuzen durfte, darf laut „Bingo!“ rufen, auch wenn der sabbelnde Trend-Junkie diesen Zwischenruf noch als Lob für sich betrachten wird.

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Information

Der Mann hatte es im Leben weit gebracht: Er sah und hörte – ‚beschäftigt‘ wie er war – nichts mehr selbst, er erfuhr nichts aus eigenem Erleben. Aber allmorgendlich, wenn der Chauffeur vor dem Vestibül ihm die Tür aufriss, da wurde er kurz darauf von seiner Sekretärin und anderen bürokratischen Zuträgern ‚über die anstehende Sachlage eingehend informiert‚. So konnte ihm nichts, was wichtig war, entgehen …

Die Informationspest

Das Leben in einer ‚Informationsgesellschaft‘ ist kein Zuckerschlecken – aus jeder Ritze quillt aufdringliches Gebimmel und Gesabbel, jeder will ständig etwas von uns – und die Leute sind dabei auch noch blöd genug, eine Erfindung wie das Mobiltelefon als ‚Befreiung‘ zu erleben, obwohl es sie doch nur in den bisher noch ungestörten Winkeln ihrer Lebenswelt ‚erreichbar‘ macht: „Du, wo bist’n du jetzt?“ …

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Der Journalismus ist kein Stilideal

Die Printlandschaft ist längst kein ‚Pull-Medium’ mehr, das sein Publikum mit brandaktuellen Nachrichten, mit unwiderstehlichen Erzählungen oder überraschenden Einsichten anlocken würde, so wie die Blüte die Bienen. Das Publikum und sein Interesse an ‚Welterläuterung‘ bestimmen über das Geschäft mit der Information nur am Rande noch mit. Im Gegenteil – das Interesse des Publikums für Dieter Bohlens Schandmaul oder das fehlende Höschen von Britney Spears ist zunächst noch gar nicht vorhanden. Es muss regelmäßig erst geweckt werden durch einen Kollektivjournalismus, der für mediokre Themen Relevanz suggeriert – ein Nichts wird journalistisch hochgeschäumt.

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