Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Günter Grass

Spekulatius gefällig?

Wann der Günter Grass, nach den jüngsten Erfahrungen, sein nächstes Gedicht schreiben wird, das weiß ich nicht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es dann ‚Journalisten und Medien‘ zum Thema haben wird. Zur Einstimmung empfehle ich dem Danziger hierzu Walter Mehrings ‚Arie der großen Hure Presse‘, damit er zukünftig ein wenig urbaner und schmissiger klingt, und nicht erneut so monoton und überpathetisch mit den Stricknadeln altväterlicher Distichen sich durchs Feuilleton klappern muss:

Tucholsky irrt!

Seinen Artikel im ‚Berliner Tageblatt‘ mit der rhetorischen Frage ‚Was darf die Satire?‘ beendete Deutschlands größter Journalist 1919 mit der bekannten Antwort „Alles“. Das aber ist völliger Quatsch!

So darf uns Satire beispielsweise nicht langweilen. Sie soll auch nicht so lange mit allen Textsorten dieser Welt verstecken spielen, bis die Mitspieler es aufgeben, nach ihr zu suchen. Völlig humorbefreit darf sie natürlich auch nicht sein. Und, und, und …

Genau diese Fehler aber beging die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die einen fälschlich als ‚Satire‘ deklarierten Zeilenfall, verfasst vom Volker Weidermann, als Knallfrosch in ihrem siebenjährigen redaktionellen Stellungskrieg nutzen wollte, weil sie mit einem alten Mann seit Radetzkis Zeiten noch ein paar Rechnungen offen hat.

Wir lernen daraus – die Gabe zur Ironie wird nicht jedem in die Wiege gelegt. Möchte trotzdem jemand in satirischer Absicht dieses problematische Stilmittel verwenden, dann trage er fürs harthörige Publikum immer etwas dicker auf, er verwische auch nie die Konturen zu anderen Genres, vor allem aber stelle er keine ganz und gar wahrheitswidrigen Behauptungen auf:

Dem Satiremagazin „Titanic“ ist es gelungen, ein Gedicht unter dem Namen „Günter Grass“ im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ zu platzieren.

An diesem Punkt wird wegen mangelnder Stilkunst aus der Ironie nämlich ironischerweise eine faustdicke Lüge – eine kleine rhetorische Frage dagegen wäre schon die rettende Sandbank gewesen. Derartige Faktizitätsverdrehungen wiederum ist das Publikum von seinem ‚Qualitätsjournalismus‘ nun doch noch nicht gewohnt. Vor allem dann nicht, wenn der Text unübersehbar nicht in der Glossenspalte steht, sondern mittenmang im Nachrichtenteil.

„Ob sich das jetzt die „Titanic“ oder Günter Grass ausdenkt, ist für mich kein großer Unterschied“, sagt patzig – und literaturgeschichtlich rundbesohlt – der Volker Weidermann zu seiner Rechtfertigung jetzt. Vermutlich war ja auch das Publikum zu doof, seine raffinierte Satire zu verstehen. Nun, da liegt es doch nahe, zu konstatieren, dass es für uns ebenfalls keinen großen Unterschied macht, ob sich einen solchen Text nun das Lieschen Müller oder der Volker Weidermann ausgedacht hat. So ist das eben mit den satirischen Wirkungen: Bist du nicht besser, fliegt der Dünnpfiff nur in deinen Ventilator.

Grasses Versmaß

Mal ehrlich, trotz meiner gelegentlichen Sympathien für die Inhalte, von der Metrik versteht der Günter Grass nicht allzu viel. Das klappert und klöppelt durch die Bottnik, bis man das intendierte Gedicht nur am Zeilenumbruch noch erkennt:

Als Schúldner náckt an den Pránger gestéllt,
léidet ein Lánd, dem Dánk zu schúlden Dír Rédensárt wár. …

Sáuf endlich, sáuf! schréien der Kómmissáre Claquéure,
doch zórnig gíbt Sókrates Dír den Bécher rándvoll zurúeck.

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Mit Verlaub – ein Gedicht weist sich nicht dadurch aus, dass keine Strophe der nächsten gleicht. Anders ausgedrückt: Die Prosa bleibe dein Revier. Doppelhebungen jedenfalls waren weder im 18. noch im 21. Jahrhundert erlaubt, weil sie nachweislich zur Schnappatmung führen. Oder man landet ersatzweise mit der Hebung auf eher sinnentleerten Silben wie z.B. hier dem ‚war‘. Dann klingt’s wie ‚Erstklässler lesen den Erlkönig‘ …

Verqueres Denken

Günter Grass hat es auf sich genommen und wurde dafür ans Kreuz genagelt. Jetzt lasst uns alle zu ihm beten.“

Mal abgesehen vom massiven Missbrauch religiöser Metaphorik – warum sollten ausgerechnet diejenigen zum Nobelpreisträger beten, die ihn erbarmungslos ans Kreuz genagelt haben? Die römischen Soldaten haben das doch damals auch nicht getan – und Alexander Marguier inszeniert sich hier in ‚Cicero‘-Pose als deren Widergänger. Am Ende seines länglichen Riemens macht er aus dem Jakob Augstein gar einen Ein-Personen-Kreuzzug. Denn mehr „Jünger“ des Heiligen Günter hat er beim Buddeln in seiner Sandkiste (und wohl auch bei Google) einfach nicht gefunden. Un dat is nu ma ’n büschen mau för so’n groten Artikel … blot man bannig Stunk ut dicke Backens!

Unsere Föjetonnisten!

Jeden Tag ’ne neue Meinung. Erst verurteilen sie den Grass nahezu einstimmig als ‚Antisemiten‘, mal als ‚offenen‘, mal als ‚kryptischen‘. Und jetzt, wo die Israelis ihn tatsächlich nicht mehr einreisen lassen, beschreiben sie diese Maßnahme als völlig überzogen, ja als „mittelalterlich“ einem schrulligen Greis gegenüber. Am Drehbuch derartiger Stunts beteiligt aber waren sie nie nich im Leben …

Platz da, Zola! Hier ist Schmid!

Wenn Grass schon kein Gespür für Sprache mehr zu haben hat, wie sollen wir erst diesen Thomas Schmid titulieren, der uns beim Schänden der Grammatik ganz nebenbei den Revisionismus-Vorwurf aus dem Altpapier kramt? Ein Begriff, den ich längst in Grufthausen wähnte – dritte Grabreihe altlinks:

„Wie einst bei den Poeten, die Stalin und den Schauprozessen lyrisch umrankten, hat auch bei Grass die vorgefasste Meinung die Sprache schwer beschädigt: Es holpert, es wabert, es kommt in jenem hohen Ton des j’accuse daher, der lange schon hohl, angemaßt und peinlich ist.“

Jaja, diese Dichter, die dort ‚den Schauprozessen umrankten‘! Wen mag er da nur wie vor Augen gehabt haben? Und nicht Günter Grass hätte die Sprache geschädigt, sondern die Meinung, die sich dort „bei Grass“ mietnomadisch einquartiert hätte. Verdächtiges Volk mit seltsamen Gästen jedenfalls, dieses Poetengesocks! Überhaupt der Zola, der konnte ja gar nicht schreiben – so entpiepst es hier einer Maus beim Anblick des Tigers – – – äh, so verkündet es uns dieser Thomas Schmid in seliger Ahnungslosigkeit, um derart eingestimmt dann über einen „Frevel an der Poesie“ zu zetern, die er wiederum gar nicht kennt. Sonst wüsste er, dass der Zola mit ‚Poesie‘ wenig am Hut hatte. Aber egal, ob Prosa oder Epopoe – hier schreibt ein deutscher Feuilletonist, dem jeder ‚hohe Ton‘ gewaltig an den Nerven zerrt!

Allein schon Zolas Sätze in ihrer moralischen Anmaßung – viel zu lang für den heutigen Ratzfatz-Flitzkack-Journalismus. Und diese Stalin-Apologeten, die konnten natürlich auch nicht schreiben. Einmal richtig Gas geben, wie beim täglichen Merkel-Lob in der ‚Welt‘ – und schon läge deren Sprache gleich hinter der ersten Kurve zerbeult im Graben. All diese Heinrich Mann, Jewgeni Jewtuschenko, Maxim Gorki, Johannes R. Becher, Ilja Ehrenburg, Bertolt Brecht, usw. – ha, die dürften bei der ‚Welt‘ heutzutage nicht einmal mehr ein Praktikum machen! Im modernen deutschen Qualitätsjournalismus wären die sachlich geforderten Standards der Jetztzeit für solche Figuren längst unerreichbar. So tief könnten die sich gar nicht bücken:

„Monsieur le Président, me permettez-vous, dans ma gratitude pour le bienveillant accueil que vous m’avez fait un jour, d’avoir le souci de votre juste gloire et de vous dire que votre étoile, si heureuse jusqu’ici, est menacée de la plus honteuse, de la plus ineffaçable des taches? …“

Oh, Manno, nee … Sterne mit Flecken! Wo gibt’s denn sowas?

Den anderen allen frohe Ostern!

Alle Achtung, alter Mann!

Wann hat ein schlichtes, nicht übermäßig gelungenes Gedicht – ein Gedicht! – in unserem harthörigen Deutschland zuletzt ein solches Ballyhoo ausgelöst? Unsere Hierophanten und Berufsinterpreten eiern jetzt wie angestochen durchs Föjetong und werfen dem aufgekündigten politischen Konsens Rettungsringe zu – allen voran der Großdenker Malte Lehming: „Ist Günter Grass ein Antisemit? Ja, das ist er.“ Süsswoll – das haste jetzt davon! So braun, wie der Sarrazin – ‚weil SPD‘ – nie sein durfte, so braun wirst du – ‚weil SPD‘ – jetzt angestrichen. Malte locuta, causa finita

Israels Botschafter verstieg sich sogar in jene bräunlichen Regionen, wo der ‚Ritualmordvorwurf‘ noch immer aus den ‚Protokollen‘ der zaristischen Geheimpolizei duftet. Das war in meinen Augen die bisher dulligste Interpretation des Vorgefallenen, weil sie völlig auf Fakten verzichtet. Denn woher sollte dieser eilfertige diplomatische Westerwellist die Zeit auch nehmen, das Gedicht zu lesen? Hätte er’s getan, wüsste er, dass Grass darin im Kern nur den Besitz von unkontrollierten und unkontrollierbaren Atomwaffen in Israel kritisiert.

Natürlich gibt’s auch Anlässe zur Kritik am Gedicht. So kokettiert Grass doch arg und stark mit dem Vorwurf, dass er nur deshalb solange geschwiegen hätte, weil er Deutscher sei. Zweitens würde Israel – im Falle eines Falles – ja nicht gleich Atomwaffen gen Iran schicken, nach allem, was wir aus den unentwegten Drohungen des Zion-Staates heraushören können. Hier liegt Grass also sachlich-militärisch neben der Spur. Anlass, ihn einen Antisemiten zu schimpfen, gibt es deshalb trotzdem nicht. Da könnten wir Henryk M. Broder schon eher als Islamophoben outen.

Bevor mich jemand um meine Meinung anquakt: Für mich können talmudwälzende Schläfenlöckchenträger genauso leicht irrational handeln wie kismetgläubige Mullahbartträger: Beide Seiten sind antirational, frauenfeindlich, unzurechnungsfähig und in jeder Hinsicht auf dem Weg ins Mittelalter. Zugleich glauben sie, in ihrer Verranntheit wären sie ganz was Besonderes. In der Regierung sitzen sie sowohl bei Benjamin ‚Graut-vor-nix‘ Netanjahu wie bei Mahmud ‚Ich bölke, also bin ich‘ Ahmehdinedschad.

Weshalb es aber in einem demokratischen Land wie Israel soweit kommen konnte, und nicht nur in amtlichen Diktaturen wie dem Iran, das sollten die Israelis mal untereinander klären. Und zwar, solange sie darüber noch diskutieren dürfen. Denn das eigentliche Problem für mich sind stets die Knallreligiösen, die wollen immer die Diktatur sans phrase, also in ihrer Sprache einen ‚Gottesstaat‘. Für dieses große Ziel nehmen sie gern auch ein feuriges Armageddon in Kauf, weil danach die Party angeblich noch exklusiver weiterginge. Das Problem – so sehe ich das – ist also gar nicht diese oder jene Religion, das Problem sind Leute, die grundlos völlig unbewiesene Dinge glauben und als Beweis ihres Machtanspruchs und ihrer krausen Weltsicht nur schimmlige Dokumente aus der Vorzeit anführen können. Ob sie nun Hindus, Christen, Juden oder Muslime heißen, ist völlig egal … nur sitzen diese Figuren im Iran wie in Israel in der Regierung. Das ängstigt dann nicht nur mich.

Nachtrag: Das Nirgendwo beginnt gleich außerhalb der Presse, das schreibt uns jedenfalls die FTD: „Nirgendwo fanden sich Unterstützer für den alten Dichter. Soso … – so sieht’s jedenfalls in der Wirklichkeit aus, andernorts, wo Journalisten sich nicht für ‚Die Welt‘ halten: „In Deutschland kam es gestern zu regelrechten Protestmärschen, bei denen Grass die Unterstützung zugesprochen wurde.“

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