Eine Rethemer Mordsgeschichte

Dieser Text erschien justamäng in der ‚Walsroder Zeitung‘, um das Sommerloch zu überbrücken. Die Personen sind frei erfunden, die Sachverhalte nicht.

Schlechte Wege durch die Heide

Wer sollte heute noch Interesse daran haben, einen Mord aufzuklären, der mehr als zweihundert Jahre zurückliegt? Und war es überhaupt eine solche Untat? Lange zögerte ich, ob ich mir überhaupt die Mühe machen sollte, jenes Geschehen zu Papier zu bringen, das sich im Jahr 1811 in unserer ebenso unbedeutenden wie weltabgeschiedenen Stadt Rethem zugetragen hat.

Zweihundert Jahre sind vergangen, zweihundert Jahre lang floss die Aller still an Rethem vorbei. Im Winter trat sie meilenweit über die Ufer, in so manchem Sommer konnte jedes Kleinkind sie durchwaten. Viel Schlamm hat sich dadurch an ihren Ufern abgesetzt. Und wer dort gräbt, wo er steht, der findet darin auch unerwartete Schätze, die des Erzählens wert sind.

Das Opfer – also jenes Opfer damals – hieß Jacques Turlot. Sein Mörder genoss in Rethem lange stillen Nachruhm, viele Jahre lang. Denn die Franzosen waren zu jener Zeit bei der männlichen Einwohnerschaft ungefähr so beliebt wie Zecken auf einer Sommerwiese. Trotz ihres Voltaire, trotz all der Aufklärung und der importierten Zivilisation.

Zu jener Zeit trennte die Brücke über die Aller eine Republik von einer Monarchie: Nördlich begann die République Francaise, genauer gesagt, das ‚Département des Bouches du Weser‘, das weiter im Osten wiederum mit der Böhme abschloss, von wo aus die Grenze dem Nordufer der Aller folgte, bis sie bei Rethem abzweigte und an der Weser entlang noch ein Stück südlich bis nach Nienburg verlief. Der zuständige Präfekt saß in Bremen, sofern er sich nicht gerade einen Urlaub in Paris, der Welthauptstadt der Künste, der Mode und der Liebe gönnte. Ganz Rethem war also Teil einer Republik, und wurde vom Canton Nienburg aus mitverwaltet.

Einige Meilen weit vom südöstlichen Stadtrand Rethems entfernt begann dann das Königreich Westfalen, das von Napoleons Bruder, dem König Jérome, regiert wurde, ‚Bruder Lustick‘ genannt wegen all der endlosen Bälle und Orgien, welche seine Kasseler Residenz zunehmend in ein Bordell verwandelten.

Ob nun République Francaise oder Royaume de Westphalie – für die hochnäsigen Regierenden beider Seiten war Rethem nichts als ein Stück Steinzeit, ein Ort, den jeder zivilisierte Bonvivant tunlichst mied. Trotzdem war es nicht möglich, die Stadt gar nicht erst zu ignorieren. Dummerweise nämlich gab es einen florierenden Schmuggel entlang der Aller. Am Nordufer herrschte die Kontinentalsperre, jenseits von Rethem begann der halbwegs freie Warenverkehr.

Unerzogene Barbaren und Bauerntölpel waren die Rethemer in den Augen der meisten Besatzer, andererseits waren jene auch nicht blöd. Und sie alle – ob nun Franzosen oder Heidjer – wussten blankglänzende Goldstücke zu schätzen. Die Stadt profitierte erheblich von englischen Kolonialwaren, die sich auf Schleichwegen ihren Weg gen Süden zu bahnen wussten – welterfahrene Säcke, prall gefüllt mit Pfeffer und Nelken, strohgepolsterte Kisten mit jamaikanischem Rum, Fässchen voll weißem Wal-Tran für die blakenden Lampen.

Auf all diesen Kolonialwaren lastete haushoch eine Akzise, die Napoleon unerbittlich eintrieb, um seine Kriege zu finanzieren. Das Umgehen dieser Steuer wurde zum Kern eines Geschäftes, das viele Rethemer betrieben. Unter ihnen auch Johann Steenken, der älteste Sohn einer Hutmacherfamilie, und damit eigentlich ein geborener Nachfolger für die älteste Zunft der Stadt. Denn der Sohn wurde damals in der Regel das, was auch der Vater war. Jeder Lebenslauf war prinzipiell vorsehbar, bis die Franzosen mit ihrem Code Civil daherkamen, der das Zunftwesen einfach abschaffte und durch das Prinzip der freien Berufswahl ersetzte.

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