Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Faschismus

Wenn Faschisten wählen lassen …

‚Stinkefinger‘ Mussolini: „Scheiß auf Wahlen!“

Ein Fundstück, das vielleicht einigen Rechten zeigt, wie das erwünschte Resultat bei Wahlen zustande kommen könnte:

„Am 6. April 1924 fanden die Wahlen in Italien statt. In seinem Machtzentrum Ferrara gab Italo Balbo, einer der Angehörigen des Quadrumvirats beim Marsch auf Rom, seinen Schwarzhemden Anweisungen. Vor jedem Wahllokal sollten sie den ersten Wähler, der herauskam, packen und mit den Worten zusammenschlagen: „Du Schwein, du hast die Sozialisten gewählt.“ Vielleicht hatte der arme Teufel ja für die Faschisten gestimmt, aber „dann hat er eben Pech gehabt“, sagte Balbo.“
(David I. Kertzer: Der erste Stellvertreter. Darmstadt 2016, S. 85)

Andersherum wird’s ein Schuh

Wer immer noch unbelehrbar von einer ‚Faschisten-Junta‘ in Kiew faselt, der möge sich doch diesen Text mal zu Gemüte führen:

‚Wlassow-Anhänger, Faschisten und Weißgardisten im Dienste der “DVR”

Man könnte auch sagen, dass die Bevölkerung der beiden Sockenpuppen-Republiken unter faschistische Herrschaft geraten ist – dank Vladimir Putin. Der sagt jetzt übrigens:

„We are strong because we are right:“

Tscha, nach diesem Gesetz des Stärkeren wären die USA dann logischerweise wohl noch ‚righter‘, weil noch ’stronger‘. Klingt irgendwie nach Gangster-Logik aus East LA: ‚Guggst du meine Muckies, Oida – also gib Handy‘. Ich glaube ja auch, er meinte das andersherum. In der Eile hat er sicherlich nur die Adverbien vertauscht … ein großer Ökonom ist er jedenfalls nicht gerade:

„But look: we earlier sold a product that was worth one dollar and got 32 rubles for it. And now we’ll get 45 rubles for the same product costing one dollar. Budget revenues have increased and not decreased.

Und wenn’s für den Dollar eine Milliarde Rubel gibt, dann kauft er sich die ganze Welt. Je länger, je mehr erinnert er mich an den Schulhof-Bully einer Vorstadtschule, nix in der Birne, aber Atomraketen  …

Das Kommentariat

Das zeigt sich jetzt flächendeckend – von SpOn bis Zeit Online – schwer verwirrt:

Lukaschenko hat auf dem Maidan nicht auf seine Bevölkerung schießen lassen, aber jetzt steht auch die USA hintern den ukrainischen Truppen, die ohne jegliche Skrupel sind. Man nennt das Völkermord.“

Jaja, dieser ‚Lukaschenko‘, der kommt tatsächlich erst ganz ‚hintern‘ … im Grunde reagiert die ukrainische Regierung jetzt so, wie von ganz anderen Kräften lange ‚erhofft‘. Wenn die Katze zu lange mit dem gefangenen Mäuschen spielt, dann stürzt sich auch dieses Tierchen irgendwann in die finale Gegenwehr, obwohl es faktisch keine Chance hat.

Eine bemerkenswerte Kehrtwende hat übrigens der Jan Fleischhauer vollzogen. Der ist inzwischen fast schon auf den ideologischen Positionen seiner einst so verteufelten Eltern angelangt:

„Der Tod ist schrecklich, nicht wahr?“, fragte Putin seine Zuschauer am Ende seines Fernsehauftritts. „Aber nein, es scheint, er kann sehr schön sein, wenn er anderen dient: der Tod für einen Freund, für ein Volk oder für das Heimatland, um ein modernes Wort zu nutzen.“ Das ist nicht nur ein wenig, das ist lupenreiner Faschismus.‘

Yep – das ist das alte ‚Dulce et decorum est pro patria mori‘, was der Putin da verkündet. Dabei ist es doch – realistisch betrachtet – nur ein blutiges Geschmadder, mit tränenseligen Kameraden später am ‚Kriegerdenkmal‘: Wat woar disse ‚Kameradschaft‘ damoals scheun! Recht sarkastisch ist dieser Kommentar:

„Wie kommt man zu Flugabwehrraketen?“ – „Hörer nehmen, Onkel Vladis Nummer wählen, weinen, wieder auflegen. Zwei Tage später klingelt dann der Paketdienst …“

Auffällig ist es überhaupt, dass den ‚Comical Alis‘ unserer Putin-Fraktion in den Foren immer mehr Spott um die langen Ohren geschlagen wird, der dann vor allem Zweifel an ihrer intellektuellen Zurechnungsfähigkeit formuliert:

„Eine Dosis Ria Novosti am Morgen und zwei Dosen Life News zu Mittag und abends vorm Einschlafen einmal Schall und Rauch… Dann sind noch die freischaffenden Blogger zu erwähnen: Ken Jebsen und Gabriele Krone-Schmalz. Jedem das seine.“

Frei.Wild ‚faschistisch‘?

Ich habe mich mit dieser Band beschäftigt, weil ein Nachbarsjunge, den ich ansonsten sehr schätze, diese Tiroler Heimatjodler rauf und runter hört. Ansonsten ginge mir diese – sagen wir mal – ‚durchschnittliche Band‘ wohl am Mors vorbei. Zu den kurrenten Vorwürfen von links wiederum gehört es, diese Truppe gleich als ‚faschistisch‘, ‚kryptofaschistisch‘ oder doch zumindest als ‚völkisch‘ oder ‚rechtsextrem‘ abzutun. Das wiederum ist ähnlich geschichtsblind, wie das Selbstbild dieser klampfenden Ständestaatler auch.

Zu den festen Denkfiguren dort im rechten toitschtümelnden Milieu der Südtiroler gehört es, dass sie einst vom Faschismus verraten wurden, und zwar gleich von beiden Diktatoren, von Mussolini wie von Hitler: Im Jahr 1919 wurde die österreichische Provinz Südtirol von den Siegermächten im Zuge der ‚Neuordnung Europas‘ dem Staat Italien zugeschlagen. Nachdem dann im Jahr 1921 Mussolini die Macht ergriff, kam es zu einer rabiaten ‚Italianita‘, zur massenhaften Zuwanderung italienischer Arbeiter- und Beamtenfamilien, um das Land italienischsprachig zu ’nationalisieren‘. Das, was die nationalistischen Südtiroler beklagen, das haben sie also dem Duce zu verdanken, und die vielen Mussolini-Statuen in ‚Bella Italia‘ erinnern sie auch täglich daran.

Faschisten streiten sich bekanntlich untereinander nicht. Als Hitler nach dem Anschluss Österreichs die Brennergrenze als ewiges Unterpfand des Achsenpaktes anerkannte, propagierte er für die deutschstämmigen Südtiroler nur ein schlichtes ‚Heim ins Reich‘. Man klemmte sich also hinter den ‚Völkischen Kampfring Südtirols‘, der mit quietschenden Reifen eine bemerkenswerte Kehrtwendung vollzog. 86 Prozent der Südtiroler (210.000 Menschen) stimmten daraufhin der Auswanderung zu, etwa 75.000 Südtiroler verließen das Land tatsächlich auf immer und ewig.

Die Heimattümelei von Frei.Wild knüpft daher nicht an den Faschismus an, der zerstörte eher den Traum von einem ‚freien Südtirol‘. Diese Musikusse vergessen dabei allerdings gern, dass ihre eigene Volksgruppe mal mit überwiegender Mehrheit einer Selbstauflösung zustimmte. Wenn es heute also historische Anknüpfungspunkte gibt, dann an den Kaiser Franz Josef, an die österreichischen Heimwehren unter Dollfuß und Schuschnigg, oder an den ‚Österreichischen Bürgerkrieg‘ in deren Gefolge. Dass es sich bei diesen Riesenstaatsmännern allerdings um ehrenwerte Figuren gehandelt habe, das wird auch kein vernünftiger Mensch behaupten.

Trotzdem – die rechte Szene ist allemal komplexer, als es sich ein autonomes Spatzenhirn mit seinem allfertigen Faschismusvorwurf ausmalt. Mit ihren Überfremdungsängsten, ihrer Heimattümelei und dem völkisch-kraftmeiernden Getöse möchten Frei.Wild eigentlich nur die Uhr zurückdrehen, zurück hinter jenen Punkt, wo ihr eigenes ‚Volk‘ mal höchstselbst die Selbstauflösung beschloss. Politromantik, chancenlos wie immer. Aber es findet Resonanz bei einer europäischen Jugend, die sich immer mehr im eigenen Land ‚unheimisch‘ fühlt. Was allerdings dann nicht an den Ausländern liegt, sondern an den Bedingungen, unter denen sie dort heute leben muss. In dem Punkt sind die Frei.Wildler denkblockiert …

Maßstäbe auf halb acht …

Gegen berechtigte Auseinandersetzungen, die jeder Seite eine Aussicht auf Erfolg zu bieten scheinen, ist nichts einzuwenden, vor allem, wenn statt des Bluts nur die Tinte fließt. Doch haben die umstrittenen Anliegen der Gentrifizierungsgegner nun mal in Berlin so gut wie keine Chance: Berlin wird Schritt für Schritt eine echte Hauptstadt werden, mit allem Chichi und Chanel – und in der Pariser oder in der Londoner Innenstadt wehrt sich schließlich auch keine Sau gegen steigende Mieten. Im Zentrum lebt, wer sich die große Langeweile leisten kann. Punkt. Die Lösung für die Berliner Bohème muss daher lauten: Mehr Geld für die eigene Ware verlangen. Oder als Bohème weiter nach Wanne-Eickel ziehen. Es gibt Schlimmeres – auch für das Ruhrgebiet. So viel zur Soziologie.

Den militanten Gentrifizierungsgegnern lässt sich deshalb alles Mögliche vorwerfen, gern auch Dummheit, Verbohrtheit, Starrsinn oder die Infantilität eines Denkens, das auf Räuber-Hotzenplotz- oder Pippi-Langstrumpf-Niveau eine zwangsläufige Entwicklung verhindern möchte. Aber ihnen gegenüber gleich die Faschismus-Keule auszupacken, nur weil das Guggenheim-Museum im Verbund mit BMW ein Projekt des kulturellen Product-Placement am Spreeufer nicht mehr umsetzen wollte, das zeugt von der Ebenbürtigkeit eines Schreibers mit seinen Gegnern. Außer Gebölke und Spesen war da nämlich bisher gar nichts gewesen ..

Trotzdem keilt nazistisch unreflektiert der Alexander Marguier im ‚Cicero‘ hinterrücks aus, weil er sich wegen entgangener Kulturfreuden von „Kiez-Faschisten“ umgeben wähnt, oder von „Linksfaschisten“, worunter er vor allem „mäßig erfolgreiche Künstler“ versteht. Vielleicht spukt ihm bei solch gewagten Vergleichen ja die missglückte Karriere des österreichischen GröSchwaZ als Postkartenmaler im Kopf herum. Sich selbst kam der ‚Luxusexperte‘ und vormalige Welt-Schreiber sicherlich nie in den Sinn, obwohl auch sein Oeuvre inzwischen bei Amazon für discounthafte 2,47 Euro über den Ladentisch geht.

Kurzum – es mag ja sein, dass einem irgend ein anderer gnadenlos auf den Geist geht: Der Olsen-Bande aus Gentrifizierungsgegnern zum Beispiel die verschnarchte Kunst der Haute Volée statt der einzig wahren revolutionären Volx-Straßenkunst. Dem Feminismusfeind Marguier, demzufolge die Frauen vor allem ‚treu‘ zu sein haben (Vorsicht – auch hier liegen ‚troitoitsche Maiden‘ und der Faschismus-Vorwurf so manch selbstbewusster Frau sicherlich schon auf der Zunge!), diesem Frauenflüsterer widerstrebt dagegen das Gehabe einer Alice Schwarzer. Sich aber wechselseitig deshalb die Faschismus-Keule über die Rübe zu hauen, das wirkt so angemessen, wie meinethalben der Begriff ‚Eleganz‘ zur Beschreibung einer Tierkörperbeseitigungsanlage.

Weniger Faschismusvorwürfe wären in dieser Gesellschaft schlicht ein Mehr an Präzision. Auch trifft der Begriff ‚Faschismus‘ außerhalb der historischen Zunft kaum noch die Sachverhalte, sondern allenfalls jene Personen, die ihn verwenden. Die Anwendung – auch dieses Textes – erfolgt daher auf eigene Gefahr; Eltern haften für ihre Kinder.

Nachtrag – als Anmerkung zum Kulturbegriff des Alex Marguire: ‚Schließlich hat BMW-Marketingchef Ellinghaus das Ziel des Lab-Sponsering eindeutig formuliert: „Es geht mitnichten darum, möglichst viel für kulturelles Engagement auszugeben, sondern um eine langfristige, positive Wahrnehmung des Unternehmens als auch der Reputation der Marke BMW – auch in der Presse.“ Der Stadtteil Kreuzberg – das dürfen wir daraus mit Fug schlussfolgern – verliert also ohne das abgesagte Marken-Bohei mitnichten Kultur, der Spritschluckerproduzent BMW gewinnt nur kein ‚Ihmetsch‘ hinzu. Was wiederum blankem Faschismus gleichkäme, behauptet jedenfalls unser logikverlassenes Mausi vom Föjetong, das nicht den Hauch einer Ahnung besitzt, wie Faschismus zu definieren sei. Jedenfalls hält das putzige Wesen schon jede Form von Anwohnerbeteiligung für hakenkreuzverdächtig – und jede bunt beklebte Litfass-Säule für ein kulturelles Weltwunder.

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑