Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Desinformation

Fake-News?

A. Paul Weber: Das Gerücht

Der Journalismus war seit Olims Zeiten stets ‚biased‘ – und er wird dies auch immer sein. Hierzu erinnere ich nur an die endlosen Tiraden in allen selbsternannten Leitmedien, dass ‚privat‘ immer besser sei als ‚gesetzlich‘, bis dann die Riester-Rente, die private Krankenversicherung, wie auch die Lebensversicherungen erbärmlich Schiffbruch erlitten. Mit wenigen Ausnahmen standen die großen Medien immer auf der Seite ihrer Herrn, also der werten Anzeigenkunden – und letztlich bestimmte die Verlegerfamilie, was in den Redaktionen täglich Ambach zu sein hatte. Die Tagebücher des Fritz J. Raddatz bieten hierzu einiges an Anschauungsmaterial.

Die Geschichte des Journalismus liest sich also allenfalls bei Preisverleihungen als ein Ruhmesblättchen, faktisch wäre es eher eine Anklageschrift, vom ‚Fleet-Street-War‘ des ersten Krim-Krieges bis hin zum Goebbels’schen Unisono in allen Printerzeugnissen und Volksempfängern, woran schließlich auch Heerscharen von Journalisten dienstfertig mitwirkten, die dann ungebrochen auch in der jungen Bundesrepublik weiter ‚Meinung‘ produzieren durften. Ein Tucholsky, ein Constantin Seibt oder ein H.L. Mencken, das waren und sind immer nur Solitäre in einem ideologisch höchst korrupten Umfeld. Was allerdings ausblieb, war lange Zeit der ‚Untergang der Welt durch schwarze Magie‘, wie Karl Kraus das uneingestandene Bestreben des real existierenden Journalismus nannte.

Insofern hat das Gequake der AfD- und Pegida-Jünger über die ‚Lügenpresse‘ durchaus historische Wurzeln, die aber sehr viel weiter zurückreichen als deren Horizont reicht. Das Problem ist, dass diese Bräunlinge exakt das gleiche Spiel betreiben – nur mit moderneren Mitteln.

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Endlich mal was Angemessenes

Den Propaganda-Preis, den Vladimir Putin diesen Helden der Desinformation im Kreml verlieh, den haben sie sich wirklich redlich verdient. Jetzt, wo die Namen bekannt geworden sind, würde ich diese Figuren umstandslos gleich mal auf die westliche Sanktionsliste setzen, sonst gehen die mit ihrem Preisgeld noch in Paris oder London shoppen:

„Putin verleiht Preise für Propaganda.“

Warum wollte die russische Regierung bloß nicht, dass diese verdiente Ehrung bekannt wird?

Apropos – es gibt jetzt eine englischsprachige Website ukrainischer Journalisten, die das Astroturfing russischer Medien systematisch auseinandernimmt, es ist eine Art BildBlog, nur diesmal für Russia Today und all den anderen Quark. Wer sich durch den ständigen Strahl an Dünnpfiff quälen will, den Russlands Medien derzeit unaufhörlich ausscheiden, der möge dies tun. Aha-Erlebnisse sind garantiert, auch wenn sie streng duften, und mancher Fake ist manchem unübersehbar auch schon in deutschen Medien im Gewand journalistischer Wahrheit über den Weg gelaufen …

Irreführende Schlagzeilen

Steuerzahler soll nicht mehr für Banken bluten.“

Na, das ist doch mal eine gute Nachricht, denkt sich der arglose Leser. Vor allem so mitten im Wahlkampf. Ganz am Schluss des Artikels, sofern er’s überhaupt so weit schaffte, erfährt er dann, dass die Eigentümer, die Gläubiger und die Anleger zusammen nur einen Eigenanteil von sagenhaften acht Prozent zu erbringen haben. Und wer steht für den Rest mal wieder gerade? Genau! …

Die anderen sind übrigens nicht besser. Im ‚Spiegel‘ erfährt man so rein gar nichts mehr von diesen acht Prozent:

„Aktionäre müssen Banken jetzt selber retten.“

Ach – is nich wahr …

Recht hast du, Jan Fleischhauer!

Das sind ja wirklich schreckliche Zustände – da unten in Nordrhein Westfalen, dem ‚Griechenland‘ Deutschlands, Und gewählt wie die Griechen haben diese blöden Rheinländer und Westfalen auch noch, obwohl du sie doch ausgiebig vor dem nachfolgenden rotgrünen Chaos gewarnt hast: „Es wäre also an der Zeit gewesen, dass sich die Bürger besinnen und einer Politik den Vorrang geben, die Ausgaben und Einnahmen wieder in die Balance bringt.“ Tscha, jetzt haben wir natürlich den Salat – und selbst dein Herzens-Buddy, der Christian Lindner, der robbt nach Leibeskräften in Richtung SPD – und bauchpinselt seiner Partei die rotgelben Kulissen. Schlimm ist das!

Ich gebe dir hier sogar noch ein Zitat obendrauf: „Kein anderes Bundesland hat mehr Miese als das einwohnerstärkste Flächenland. Inklusive der Schulden der Gemeinden und Gemeindeverbände belaufen sich die Verbindlichkeiten auf knapp 172 Milliarden Euro.“ Während gleichzeitig die Neuschulden durch die Decke gehen …

Ach so, das Zitat stammt übrigens vom Bund der Steuerzahler – und es ist aus dem Jahr 2010. Damals regierte noch Jürgen Rüttgers und mit ihm die so ungemein solide CDU, Arm in Arm mit deiner hochverehrten FDP. Die hatten damals gerade wieder frisch die „Ausnahmen und Einnahmen in Balance gebracht“. Manchmal denke ich ja, du schließt unwillkürlich vom eigenen Intellekt permanent auf den Geisteshorizont anderer Menschen – dass beispielsweise Lieschen Müller auch nur so weit zurückdenken könne wie du. So blöd ist die aber gar nicht …

Wortlügen

Auch einzelne Wörter können uns dauerhaft und tiefgreifend desinformieren. Zu ihnen zähle ich bspw. die geläufige Journalistenstanze von der „Machtergreifung“ Hitlers. Das Wort setzt ein Bild in Szene, dass nämlich damals ein Mann oder eine Partei aktiv nach der Macht ‚gegriffen‘ hätte. Historisch gesehen ist das höherer Blödsinn, eine Worthülse, die vor allem dazu dient, den Blick von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Denn in Wahrheit wurden die Nazis von ganz anderen Gruppen ‚installiert‘, es handelt sich um eine ‚Machtübergabe‘ gesellschaftlicher Eliten an einen politischen Desperado, der als Handpupppe eben jener Eliten dienen sollte. Dass dieser Plan gewaltig in die Hose ging, ist wiederum eine andere Geschichte.

Die NSDAP war zum Jahreswechsel 1932/33 jedenfalls gar nicht handlungsfähig oder zu einer ‚Machtergreifung‘ in der Lage. Sie war im ‚inneren Kameradenkrieg‘ versunken, zutiefst gespalten in einen ’sozialistischen‘ Parteiflügel unter den Gebrüdern Strasser und in eine ‚realpolitische‘ Fraktion unter Hitler, Goebbels und Göring. Im November 1932 war sie bei den Wahlen überdies krachend eingebrochen (- 4,3 %), die Parteifinanzen waren mehr als nicht mehr vorhanden, die Bräunlinge waren bei allen Banken bis über beide Ohren verschuldet.

Vorbereitet wurde die Kanzlerschaft Hitlers folglich auch gar nicht in der NSDAP, die Parteispitzen verzweifelten damals an jeder realen Machtperspektive – von einem beherzten ‚Zugreifen‘ also keine Spur. Hitlers Kanzlerschaft wurde in Geheimgesprächen – ganz ohne Hitler – zwischen Hugenberg, von Papen und Hindenburg verabredet, unter Einbezug der Reichswehrspitzen. Hitler sollte als populistischer Kanzler einer bürgerlich-konservativen Regierung ‚entzaubert‘ und ‚eingebunden‘ werden. Seine Kanzlerschaft war daher nichts, was die Nazis aktiv erreicht hätten. Ihnen war vielmehr die Rolle zugedacht, populäre Pappnasen, Trickfiguren und Handlanger abgewirtschafteter gesellschaftlicher Eliten zu werden – im Klartext sollten sie bloß die nützlichen Idioten von industrieller Bourgeoisie, Großgrundbesitz und Militär sein. Fakt ist: Hitler wurde ins Amt ‚gehievt‘, weshalb „Machtübergabe“ jenes Wort wäre, das dem wirklichen Sachverhalt am nächsten kommt. Geplant war im Kern sogar eine „Ohnmachtsübergabe“, wobei der braune Kanzler sich vor dem Parlament müde hampeln und im Falle eines Falles vom Reichspräsidenten gefeuert werden sollte. So ähnlich sieht es übrigens die seriöse Geschichtsschreibung durch die Bank.

Natürlich wäre andererseits die wahre Geschichte bestimmten gesellschaftlichen Gruppen bis heute denkbar unangenehm. Nur so erklärt sich aus meiner Sicht die fortdauernde Karriere des allzu bequemen Wörtchens „Machtergreifung“ – bis tief in die aktuelle Presselandschaft hinein:

„Denn die Machtergreifung Hitlers war der Anfang der Katastrophe …“ (Tagesspiegel)
„Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30.Januar 1933 war für die Juden ein Schicksalsschlag …“ (Fürther Nachrichten)
„Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er aus seiner Dresdner Bank gedrängt …“ (Die Welt)
„Einen ersten Eindruck dessen, was nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgen sollte, mussten die jüdischen Geschäftsleute bereits am 1. April 1933 erfahren … (Märkische Allgemeine)
„Wir erleben wie an der eigenen Haut, welche konkreten Konsequenzen die Machtergreifung Hitlers in ganz anderen Ländern hatte …“ (MDR)
„Nach der „Machtergreifung“ kam er im NS-Terrorapparat unter …“ (FAZ)

Die genannten Beispiele stehen für buchstäblich tausende weitere in der Tagespresse. Bewusstere Redakteure setzen immerhin den Begriff in Anführungsstriche oder sie sprechen ohne nähere Begründung von der „sogenannten Machtergreifung“. Die einzig historisch wahre Formulierung, eine „Machtübergabe an Hitler“, kommt hingegen nirgends vor, weil sie damit Hitler vom ‚Subjekt‘ in ein ‚Objekt‘ verwandeln würden, grammatisch gesehen in ein Akkusativobjekt. So verzerrt ein einziges verlogenes Wort, das Reden in kurrenten Stanzen, permanent die Wahrnehmung der Menschen, insbesondere derjenigen, die nie ein dickleibigeres Geschichtswerk in die Hand nehmen dürften.

Klaus Kocks – der Mythenmetz

Klaus Kocks ist Meinungsforscher, er tritt also mit einem wissenschaftlichen Anspruch auf. Die Fakten, die er anführt, sollten daher also u.a. ‚verifizierbar‘ und auch ‚relevant‘ für ein Thema sein. In der Frankfurter Rundschau beschäftigt er sich mit dem ‚Aufstieg‘ der Piratenpartei, indem er diese kleine Zwei-Prozentler-Partei zur fundamentalen Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft emporjazzt. Sprachlich ist es recht interessant, was er (sich) dort leistet, wobei ich natürlich verstehen kann, dass auch der eigene Beruf des Meinungsforschers im Kern bedroht ist, wenn die assistierende Industrie der Meinungsmacher zunehmend an Relevanz verliert. Mit anderen Worten: Kocks argumentiert pro domo, was ja völlig legitim ist, sofern er dabei nicht auf höheren Blödsinn verfällt.

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