Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Aufklärung

Aufklärung und Aberglaube

Adolf Stademann

Zu Nutz und Frommen interessierter Menschen – und weil sich doch kein Verlag dafür fände – stelle ich meinen Text zur Volksaufklärung hier ins Netz. Er behandelt die Schlacht der Städter gegen den Aberglauben der Landbevölkerung, ihre Pläne, die Dörfer in durchrationalisierte Arbeitslager zu verwandeln (wie bei Johann Heinrich Pestalozzi), und zum Schluss die gescheiterte Praxis der Volksaufklärung in der Schweiz.

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Dark Side of the Light

Arkhip Kuindzhi (1842 - 1910), Public Domain

Arkhip Kuindzhi (1842 – 1910), Public Domain

Ich habe unter Verwendung alter Materialsammlungen ein Buch über ‚Die dunkle Seite der Aufklärung‘ geschrieben. Es illustriert aus zahllosen, heute weitgehend verschollenen Quellen den Kampf der Aufklärer gegen den ‚Aberglauben‘ der Landbevölkerung, womit doch nur zumeist die Volkskultur wie auch das Sozialsystem der Dorfbevölkerung gemeint war. Ferner zeigt der Text am Beispiel von Pestazzozis geradezu prä-faschistischem Volksroman ‚Lienhard und Gertrud‘ die pekuniären Interessen der Aufklärung an einer ‚Zivilisierung‘ der Dorfkultur auf. Und das Buch rekonstruiert am Beispiel der Frühindustrialisierung im Kanton Zürich wie reale Umsetzungen solcher Projekte der Volksaufklärer verliefen. Hier die Einleitung:

„Vorwort

Denken wir an die Aufklärung, dann fallen uns Namen ein wie Kant, Lichtenberg, Voltaire, Lessing, Nicolai usw. Ihre Schriften haben uns Nachfahren ein Monument intellektueller Redlichkeit und luziden Denkens errichtet. Dessen Strahlkraft weckt heute noch die Erinnerung an unsere Befreiung aus der Nacht der religiösen Mythen und des despotischen Absolutismus.

Wie bei einem Eisberg sehen wir aber auch nur den leuchtenden Gipfel der Hochaufklärung, der zaubergleich über den Wassern schwebt. Neun Zehntel aller aufklärerischen Bestrebungen bleiben dabei unter der Wasserlinie verborgen. Die europäische Aufklärung richtete sich regelhaft nicht nur gegen ein Oben, sondern – und zwar in der Mehrheit – immer auch gegen ein Unten.

Hier war der Feind eine ländliche Volkskultur, deren Widerständigkeit es zu schleifen galt. Die feudale Sklaverei sollte durch eine rationale Sklaverei ersetzt werden. Von diesem vergessenen Schauplatz der Geschichte erzählt dieses Buch.“

Wer Interesse an dem Text hat, wende sich an mich.

Unabhängig? – Überparteilich?

Nun ja, so sehen sie sich halt gern. Was hingegen das Publikum sieht, das sind bspw. die Headlines auf der heutigen Startseite beim ‚Cicero Online‘. Diese repräsentative Seite des deutschen Qualitätsjournalismus sieht derzeit nun mal so aus:

„Der FDP steht ein triumphaler Wiederaufstieg bevor.“
„Die grüne Journaille hat versagt.“
„Generation Grün: Das Ende der Moralapostel.“
„Die Niederlage der FDP ist ein Sieg des Liberalismus!“

In geballter Form wirkt es schon ein wenig kampagnenmäßig, und bei Neuwahlen – sagen die Umfragen – stürze die FDP ja nur noch weiter ab. Aber sei’s drum. Irgendwer aber hat diese Texte ja wohl bestellt … auch wenn sie inhaltlich allen unverbildeten Gemütern allzufern der Realität daherzudichteln scheinen. Und wenn’s uns so knüppeldick aufs Brot gestrichen wird, klingt selbst der neoliberale Tabubrecher-Gestus hohl, er wirkt nur noch wie Mainstream-Ballett im Affenkäfig. Das aber ist ja eben die kindliche Natur dieses unipolaren Widdewiddewitt-Journalismus: ‚Komm mit uns nach Leckerland … statt harter Fakten gibt’s dort Schmand‘. Aber immer erst nach der Rente mit 67 …

Aufklärung sah irgendwie mal anders aus.

Meta Physik lehren …

Es gibt einen unglaublichen Berg von Interviews, Artikeln und Traktaten, in denen pseudo-mutige A-, B- und C-Promis in der Nachfolge Bertrand Russells und in Maximaldistanz zu jeder publizistischen Sensation bekennen, dass sie nicht mehr an Gott glauben würden oder aber aus der Kirche ausgetreten seien: „Zum Atheisten bin ich aber erst auf der Uni geworden. Jaja, diese Aufklärung, diese zersetzende akademische Kritik in Verbindung mit dem sexualisierten 68er-Zeitgeist, stöhnen da verzweifelt, weihrauchumdampft und weibisch gekleidet der Großphysiker Mixa und sein treuestes Schäfchen, die Meta, da könne man’s mal wieder sehen …

Müssten wir – angesichts der unentwegt fortlaufenden Ereignisse – nicht im Gegenteil all die Vernunftfaulen, Konsequenzarmen und Denkparalytiker in ihrem Käfig, einem vor den Augen der Öffentlichkeit dahinbröckelnden System unbewiesener metaphysischer Annahmen, endlich mal fragen, warum denn sie noch immer in einer offenbar höchst mittelalterlich-kränklich sexualisierten Kirche verblieben seien? Um dann ihren schicksalsträchtigen Wirrsalen und Auserwähltheits-Rodomontaden über imaginierte Gott-Erlebnisse und mögliche Reformen von innen anschließend sprachkritisch den Prozess und aus ihren Argumenten göttliches Konfetti zu machen? Ein buchhändlerischer Erfolg wäre ein solches Vorhaben überdies …

Liebe Muslime!

Um euch mal den Unterschied zwischen aufgeklärten und unaufgeklärten (resp. kreationistischen) Gesellschaften klar zu machen, zitiere ich an dieser Stelle einen unserer deutschen Chefaufklärer, den Georg Christoph Lichtenberg. Der sagte zu einer Zeit, im fernen 18. Jahrhundert, als auch bei uns die ‚Ehelichkeit‘ der Geburt noch eines der höchsten Güter war: „Es ist eine schöne Ehre, die die Frauen haben, die einen halben Zoll vom Arsch abliegt.

Und genau so denkt ihr eben auch, wenn ihr eure Töchter gegen deren Willen vor euch Männern ‚beschützt‘, nur um den Popanz eurer Familienehre zu wahren. Auch ihr vermutet Sitte und Anstand zwischen den Beinen eurer Frauen. Ich finde das einfach nur drollig  – oder auch unaufgeklärt …

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