Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Arno Schmidt

Zwei Heidedichter – einer bleibt’s

Plumtree, GNU-Lizenz, wikimedia

Horst Klarmann (redet sich in Rage):
Das ist doch so, wie’s ist: Fällt hier, in der großen Sandbüchse Norddeutschlands, das Wort ‚Heidedichter‘, dann leuchten bei den Älteren die Äuglein auf. Vor allem bei solchen, die sich irgendwann die Scheibe des besten Schützen im Dorf an ihren Giebel nageln durften. „Ach, Hermann Löns“, flöten sie ergriffen – obwohl doch die meisten wenig mehr als den einen oder anderen Gassenhauer von ihm kennen dürften.

Dietrich Biedermann (widerspricht)
Wenn er so unbedeutend ist, wie kommt es dann, dass alljährlich eine Heerschar von Anhängern zum Findling in Walsrode pilgert, wo sie seinem Andenken rhetorischen und musikalischen Tribut zollen? Also dort – wo einem allerdings unbewiesenen Gerücht zufolge – dieser Autor seine letzte Ruhe gefunden haben soll.

Horst Klarmann (spöttelt):
Ach ja, die Lodenfraktion! Gemeinsam munkeln sie dann dort herum, ob dem Leichnam tatsächlich ein Brief ihres Führers beigegeben wurde, der ja die Echtheit des Corpus mit seiner zweifelhaften Autorität beglaubigt haben soll. Sorgsam verlötet in einer geheimnisvollen Kupferrolle.  Unbestritten aber verweste das, was von der neugegründeten Wehrmacht – so hieß die gute alte Reichswehr seit 1935 – was also an dieser ‚Weihestätte‘ einst feierlich bestattet wurde, das lag zuvor schon zwanzig Jahre auf den Schlachtfeldern Flanderns. Viel mehr als Knochen dürften da kam übrig geblieben sein. Die Erkennungsmarke passte auch so gar nicht zur Kompanie, und noch so einiges andere passte auch nicht. Die Identität ließe sich heute übrigens ganz leicht klären, jedenfalls seit in Hannover das Grab des einzigen Löns-Sohnes entdeckt wurde. Ein kleiner DNA-Test, und Echtheit oder Unechtheit wären wissenschaftlich geklärt.

Dietrich Biedermann (wiegt den Kopf):
Um den Streit ein für alle Mal zu entscheiden, wäre mir ein solches Verfahren schon recht – und sei es nur, um der Legendenbildung vorzubeugen. Vielleicht aber möchten sie nur die Totenruhe nicht stören? So aus verständlicher Pietät?

Horst Klarmann (grinst):
Tscha, zu einer Exhumierung wird’s wohl kaum kommen. Die Stadt Walsrode gefährdet ihre touristischen Einnahmen doch nicht. Wie dem auch sei – mir erscheint schon die Bezeichnung ‚Dichter‘ für Hermann Löns unangemessen. Der Mann verbrach schließlich haufenweise solche Zeilen:

In der Lüneburger Heide,
in dem wunderschönen Land,
ging ich auf und ging ich unter,
allerlei am Weg ich fand –
falleri, fallera, und juchheirassa
bester Schatz, bester Schatz,
denn du weißt es, weißt es ja!

Dietrich Biedermann (trommelt dabei, dem Rhythmus folgend, auf den Tisch):
Und was soll daran schlimm sein? Diese Verse kennt doch jedes Kind. Sie sind sozusagen Allgemeingut, zumindest hier in Nordwestdeutschland. Ein Lied, das jeder kennt …

Horst Klarmann (schaut entnervt):
Eben! Solch trällerndem Silbengeklimper kann doch kein sprachbewusster Mensch das Zeugnis einer Dichtung ausstellen. ‚Wunderschön‘, ‚aufgehen‘, ‚untergehen‘ – wo passiert das denn bitte, etwa im Sandmeer? – dazu ‚allerlei‘ und ‚juchheirassa‘. Das ist bloßes Wortgeklingel um des Reimes willen. Kein anschauliches Bild der Lüneburger Heide wagt sich da noch vors innere Auge. Dem Hermann Löns fehlte schlicht die wichtigste dichterische Zutat, die Gabe der Bildhaftigkeit, oder der Evokation, um mich mal wissenschaftlich auszudrücken. Ein Reim macht noch kein Gedicht! Dazu gehört schon ein bisschen mehr. Wohin man fasst, ist der Befund derselbe. Der Mann hätte besser Schlagertexter werden sollen:
„Rose-Marie, Rose-Marie,
Sieben Jahre mein Herz nach dir schrie,
Rose-Marie, Rose-Marie,
Aber du hörtest es nie“

Hermann Löns, der Schürzenjäger, wie er mal wieder sein Herz mit seinem Schniedelwutz verwechselt – im ‚Musikantenstadl‘ könnte er damit heute Erfolg haben. Vom Parnass der Dichtung aber würde ihn der Götterrat schlicht hinabschubsen.

Dietrich Biedermann (rollt die Augen):
Du sprichst dem Hermann Löns also jedes Verdienst ab? Was ist mit dem ‚Mümmelmann‘ und den großen Tiergeschichten? All jenen Texten, wo er Partei für die Natur nimmt?

Horst Klarmann (winkt ab):
Ich will ja gar nicht bestreiten, dass der Hannoversche Saufaus und Schickimicki-Dandy sich als Journalist und Prosaiker verdient gemacht hat – zum Beispiel um Beschreibungen des Tierverhaltens und sogar um den frühen Naturschutz. Aber selbst hier ging es ihm letztlich mehr um zivilisatorische Einschränkungen seines Jagdreviers. Die Kiefernwälder und Ackerraine waren sein Dschungel, der Ort, wo er sich als Urmensch fühlte. Er hasste vor allem die Zersiedelung des Landes, den Straßenbau, noch mehr aber die Treib- und Drückjagden, wo bequemen Herren aus der Stadt die Zwölfender unverfehlbar vor die Flinte getrieben wurden. Das ist ja das große Missverständnis: So wie die Jagd heute betrieben wird, mit Treibergeschrei oder vom Hochsitz herab,  da war sie dem Hermann Löns schlicht ein Graus. Trotzdem versammeln sich alle deutschen Jagdvereine an seinem Grab und tuten unverdrossen ins Waldhorn. Apropos – vor seiner Satire auf das Hofschranzentum im Duodez-Fürstentum Bückeburg ziehe ich sogar meinen Hut. Der Text fehlt bezeichnenderweise in allen staats- und adelstreuen Werkausgaben. Aber der ‚Wehrwolf‘ ist ein brutaler Mist – das ist bloß ein Sado-Maso-Roman im bäuerlichen Milieu. Die Helden dort gleichen eher heutigen Reichsbürgern, mit dicken Knütteln in der Hand  … Anarchie auf dem flachen Land.

Dietrich Biedermann (grinst ironisch):
Gut, ich verstehe: Wir hätten also gar keinen Heidedichter vor uns, sondern einen Reimeschmied, dem gelegentlich in Prosa etwas glückte …

Horst Klarmann (lächelt überlegen zurück):
Klar haben wir einen Heidedichter. Der heißt bloß nicht Hermann Löns. Wenn ich das Wort ‚Heidedichter‘ höre, dann fällt mir eben nicht dieser Großstadt-Dandy ein, sondern Arno Schmidt, der Eremit von Bargfeld. Allenfalls ein gewisser Alkoholismus verband die beiden. Auch, dass sie beide fern von Niedersachsen, tief im Osten, aufgewachsen sind …

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Blumento Pferde

Wer’s denn kann, darf ruhig die Orthographie verbiegen. Große Meister in dieser Disziplin hießen bzw. heißen Arno Schmidt oder Reinhard Jirgl. Wenn’s aber jedes Mausi treibt, fern von Sinn und Verstand, dann wird’s eine bloße Marotte oder Unsitte. Es sind orthografische ‚Legwarmers‘ fürs sprachgestalterische Aerobic. Das Gesetz hingegen lautet anders: Aus jeder Verfremdung muss Gehirnnahrung entstehen. Oder, um mich für Ökonomen verständlich auszudrücken, ein Zusatznutzen muss her. Zum Beispiel könnten plötzlich Nebenbedeutungen jenseits des Gewohnten frischlingshaft durchs Schriftbild flitzen. L’art pour l’art aber ist nicht erlaubt. Andererseits hielten Verbote noch keinen Schreibtrottel auf, genausowenig wie die rote Ampel den Rowdy.

Eine unübersehbare Lächerlichkeit besteht zum Beispiel darin, mitten ins Wort ein Kapitälchen zu klotzen: WerbeAgentur, VersicherungsBüro oder LandBäckerei … um gleich jene Felder zu nennen, wo dieser Blödsinn am wildesten wuchert. Ein anderer Irrsinn besteht darin, feste orthographische Ehen bewusst zu trennen. So hat jetzt der Großschriftsteller Carsten Maschmeyer ganz ohne Sinn und Verstand sein neuestes Oeuvre höchst gedankenfrei tituliert – oder aber, sein Ghostwriter delirierte sich da was zusammen: „Selfmade: erfolg reich leben“.

Nein, nein, das ist kein Tippfehler, keine vom Himmel gefallene Leerstelle. Anscheinend sollen wir uns bei diesem guillotinierten Adverb was denken. Ich wüsste nur ums Verrecken gern, was. Selbst dann, wenn ich zu Maschmeyers Gunsten annehme, dass ihm irgendein ‚trendgockel‘ modisch kleingeschriebene Substantive angedreht haben sollte, dann ist eins davon bloß keins. Schon ergibt die ganze Reihung keinen Sinn, geschweige denn Verstand. Wie ich’s auch betrachte, es ist und bleibt schlicht Murks …

Im Auge des Beobachters

Von jemandem, der persönlich vor Ort gewesen ist und alles in Augenschein nahm, glauben wir allzu gern, dass er uns auch mit absolut objektiven Beobachtungen verwöhnt. Dabei sollten wir, die wir inzwischen alle durch die harte Schule der Gehirnforscher und der radikalen Konstruktivisten gingen, doch wissen, dass alle Beobachtung bis über beide Ohren subjektiv kontaminiert ist. So auch in diesen Fällen, auf die ich bei der Lektüre von Arno Schmidt stieß (BA, III.3., 154). Im Abstand weniger Tage besuchten in den 1820er Jahren zwei Menschen den alternden Weimarer Dichterfürsten Goethe. Hier zunächst Wilhelm Hauff mit seinen ‚Beobachtungen‘:

„Die Tür ging auf – er kam! Dreimal bückten wir uns tief – und wagten es dann, an ihm hinauf zu blinzeln: ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie die eines Jünglings; die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut. Er war angetan mit einem langen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern … mit der feinen Wendung eines Weltmannes lud er uns zum Sitzen ein.“

Kurz darauf traf der Ritter von Lang beim Dichterfürsten ein, auch er kein ganz kleiner Stern am Himmel der Literatur:

„Ein langer, alter, eiskalter, steifer Reichtstagssyndicus trat mir entgegen in einem Schlafrock, winkte mir, wie der steinerne Gast, mich niederzusetzen, blieb tonlos nach allen Seiten, die ich anschlagen wollte … es war mir, als wenn ich mich beim beim Feuerlöschen erkältet hätte.“

Kurzum: Die Vorerwartungen – die ‚Frames‘ – der Besucher prägen das Beobachtete auf jeder Ebene. Hier das junge Haupt der schwäbischen Dichterschule, das sich seinem Vorbild Goethe nähert wie heutzutage ein Teenager dem Justin Bieber, dort der abgebrühte und desillusionierte Spätaufklärer und Zyniker, der sich in jeder Lebenssituation kein X mehr für ein U vormachen lassen will. Dementsprechend konträr fällt die beobachtende Beschreibung dann auch aus. Die Wahrnehmung des alten Sacks gefällt mir übrigens besser als der demutsvolle Jugendschwulst des schwäbischen Pathetikers. Der Witz stellt sich eben erst mit fortschreitendem Alter ein …

Allen Sektierern

Wer sich einbildet,  im Besitz der Wahrheit zu sein, der hat sie in eben dem Augenblick verloren.“
Arno Schmidt

Wirklichkeit ist eine Konvention

Wikimedia / Creative Commons

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Das Wort ‚Pferd‘ hat mit dem Abgebildeten dort wenig zu tun – zwischen ihm und dem Wort besteht eine konventionelle Beziehung: Wir sind geneigt, sobald wir das Wort ‚Pferd‘ hören, uns eine Tiergestalt in dieser Art vorzustellen. Je enger wir solche Konventionen befolgen, je näher wir uns am üblichen Wortgebrauch entlanghangeln, desto ‚wirklicher‘ und ‚verständlicher‘ erscheint dem werten Leser auch unser Text. Hier liegt zugleich die überragende Bedeutung des ‚gewöhnlichen Sprachgebrauchs‘. Burghard Damerau schrieb:

„Der Eindruck, daß ein Text der Wirklichkeit nahe ist, beruht genau besehen darauf, daß er einer Konvention gewordenen Art ihrer Darstellung nahe ist“.

Konventionen sind damit nichts Negatives, es kommt beim Schreiben überhaupt nicht darauf an, möglichst unkonventionell und ‚außergewöhnlich‘ zu schreiben. Es sei denn, wir wollten einen eigenen Esoterik-Zirkel auf sprachlichem Beritt gründen, wie einst ein Stefan George oder auch die Swamis in ihren Bhagwan-Centern, die zum Schluss auch nur noch sich selbst verständlich waren. Mit anderen Worten: Das Einhalten von Konventionen verschafft uns Leser und Zuhörer – und die Kunst des Schreibens ist immer ein Va-Banque-Spiel mit den Erfordernissen des Gewöhnlichen und dem Wagnis des Außerordentlichen.

Das heißt noch nicht, dass ich sklavisch am Wortlaut der Konvention kleben muss, am statistischen Peak beim Wortgebrauch. Solange ich den allgemeinen Wortschatz nicht verlasse, könnte ich den Vierbeiner dort oben auch ‚Zossen‘ nennen, ‚Gaul‘ oder ‚Mähre‘. Der Leser würde sich vielleicht fragen, was mir das arme Pferd getan hat, dass ich es so abwertend bezeichne, hierfür müsste ich jetzt eine Begründung nachliefern, die Ebene einer gemeinsamen Wirklichkeit, einer ’shared reality‘ hätte ich noch nicht verlassen. Würde ich diesen niedergeborenen Kaltblüter allerdings hochtrabend einen ‚Zelter‘ nennen, dann würde sich der Leser schon fragen, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe.

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Ordograffie?

Wer fehlerhaft schreibt, wer den Leser bei fast jedem Wort zwingt, zu erraten, was der Schreiber mit diesem Buchstabenhäufchen ‚eigentlich‘ mal gemeint haben könnte, der findet nicht viele Leser. Deswegen erlernt auch das anarchistischste Plappermäulchen aus der regelarmen Teenie-Community irgendwann die ‚richtige‘ Schreibweise. Das Medium erzieht sich seine Schreiber.

Damit haben sich dann nicht die ‚bürgerliche Repression‚ und die ‚kapitalistische Dressur‘ durchgesetzt, wie dies einige linke Regelallergiker gelegentlich noch meinen, sondern schlicht der gesunde Menschenverstand: „Wenn ich schreibe, will ich gelesen werden. Folglich schreibe ich am besten so, dass ich gelesen werde„.

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