Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Aller

„Rethem brennt!“

Briten im eroberten Rethem / Imperial War museum

„Plötzlich war hier alles blau!“ Oma Jörges trug vorsichtig die Schale mit ihren berühmten Schokoladekeksen zu uns an den Tisch. „Kondensmilch?“, fragte sie.

„Danke, wir trinken schwarz. Aber wieso bitte ‚blau‘, die Wehrmacht trug doch grau?“

„Naja, das waren ja fast alles Mariner“, antwortete sie, und sank erleichtert auf ihre Eckbank: „Am siebten und achten April 1945 stiegen diese Truppen, von Verden kommend, am Bahnhof Rethem aus ihren Zügen. Eine Geschützstellung mitsamt fünf Geschützen einer Eisenbahnflak wurde dort dann auch aufgefahren und verschanzt. Die See-Offiziere trugen alle diese Schirmmützen. In unseren Häusern richteten sie unterm Dach MG-Nester ein, die ganze Stadt schwamm plötzlich in Panzerfäusten.“

„Hier ist doch tiefes Binnenland, weit und breit kein Kriegsschiff. Was führte die Marine denn hierher?“

„Naja, sie waren das letzte Aufgebot, nehme ich mal an. Sie nannten sich die Zweite Marine-Infanterie-Division, was auf ihre neue Aufgabe hindeutet. Nachdem die deutsche U-Boot-Flotte hinüber war, standen all diese Deckschrubber doch aufgabenlos in Schleswig-Holstein herum. Also wurden ab Februar 1945 ehemalige U-Boot-Leute in Eckernförde zu Infanteristen ernannt. Ohne jede infanteristische Ausbildung übrigens. Mag sein, dass sie deswegen so verwegen gekämpft haben. Fakt ist, dass hier an unserer kleinen Allerbrücke nun die letzte große Schlacht des zweiten Weltkrieges ausgekämpft wurde. Abgesehen vom ‚Kampf um Berlin‘ natürlich.“

„Und das alles wegen einer kleinen Brücke?“

„Klein, aber oho! Nach dem grandiosen Fehlschlag an der Weser war die Allerlinie gewissermaßen das letzte Hindernis, das zwischen den Briten und Hamburg stand. Wir waren also militärstrategisch schon sehr bedeutend. Außerdem gab es in Rethemer Wäldern eine V1-Stellung, wie sie übrigens auch vorher schon bei Stolzenau erobert worden war. Das durfte zwar niemand wissen, aber darüber geredet wurde schon. Es war ja nicht zu übersehen, wenn so’n Ding auf seinem Feuerstrahl davon schwebte. Die deutschen Munitionslager in den Kalischächten von Hülsen und Häuslingen waren auch noch immer randvoll, und damit eine lohnende Kriegsbeute.“

Objekt der Begierde: Die Allerbrücke, als sie noch stand …

„War das die erste Kriegserfahrung für die Rethemer?“

„Nun ja, für die wehrfähigen Männer sicherlich nicht. Die lagen längst anderswo im Schlick. In Rethem gab es überwiegend nur noch Frauen, Kinder und Alte. Zunehmend auch Brandopfer aus den zerbombten Großstädten und später dann Vertriebene aus den Flüchtlingstrecks. An der Rethemer Fähre wurde früh, im Sommer 1942, mal ein australischer Pilot abgeschossen. Es gab auch eine Anordnung zur Verdunkelung, die allerdings nur höchst schludrig befolgt wurde. Das Lager des Reichsarbeitsdienstes war früh aufgelöst worden, als die Männer zum Schanzen am Westwall abzogen. Gelegentlich rieselten Flugblätter der Alliierten vom Himmel.“

„Was stand denn da Weltbewegendes drin?“

„Naja, es war ja lebensgefährlich, so etwas zu lesen oder zu besitzen. Andererseits ist die Gegend hier einsam, und so‘n Abwurf trifft ja auch nie zielgenau. Die Blättchen flatterten dann an den Zäunen weit draußen vor der Stadt, so dass viele es trotz aller Gefahren lasen. ‚Deutschland hat den Krieg verloren‘, ‚Hitler betrügt euch‘ – so etwas stand da drin.“

„Und – habt ihr den Blättern geglaubt?“

„Viele ja, einige nein. Dass der Krieg zu Ende ging, war dem letzten Dussel spätestens nach den Rhein- und Oder-Übergängen klar. Man mochte es sich nur nicht eingestehen. Etliche besonders Einsichtige glaubten sogar schon seit Stalingrad an die unausweichliche Niederlage. Sagen durfte man das aber nie, das hätte ja zum sofortigen Tod wegen des Verbreitens von  ‚Feindpropaganda‘ geführt. Wir redeten also nicht darüber, und dachten uns nur unseren Teil. Einige wenige von den ganz Linientreuen klammerten sich allerdings auch an das Märchen von den Wunderwaffen. Außerdem spielte die Furcht vor den ‚bolschewistischen Horden‘ damals eine große Rolle. Andererseits sahen wir dann wieder den endlosen Zug silbern glänzender Bomberflotten fast täglich über uns hinwegziehen. Am Horizont flackerte abends der Himmel über Hannover und Hamburg tiefrot. Wir blickten auf den Widerschein der verheerenden Feuer, die unaufhörlichen Einschläge aber hörten wir nicht.“

„Wann und wie kam denn der Krieg ins beschauliche Rethem?“

„Vor der Ankunft der Marine waren einige Tage zuvor schon SS-Truppen mit Tiger- und Panther-Panzern durch Rethem in Richtung Petershagen gerasselt, wohl um die Weserlinie zu verteidigen. Das war für uns die erste Vorwarnung, buchstäblich aus blauem Himmel. Wir hatten ein wunderbares Frühjahr, die Kirschbäume blühten, die Vögel sangen – der nun folgende Aufmarsch hatte etwas geradezu Unwirkliches. Formal war wohl ein Vizeadmiral Ernst Scheurlen für die Verteidigung der Aller zuständig, der eigentliche Kopf wurde aber ein Kapitän zur See namens Hermann Jordan. Er organisierte die gesamte Verteidigung unserer Allerbrücke. Ein schlanker Mann in den Vierzigern mit einem herrischen Gesichtsausdruck, dessen Wort in der ganzen Stadt jetzt Befehl war.“

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Alles im Fluss

Hat der Fluss genügend Auen, darf er noch unkanalisiert durch die Landschaft mäandern, dann ist das große Hochwassser, wie hier an der Aller, kein Problem, sondern nur eine Seenplatte:

Aller bei Frankenfeld

Betroffen sind allerdings jene Energiebauern, die zusammengekaufte Wiesen unter den Pflug nahmen, um im Überschwemmungsbereich Mais zu pflanzen. Das ist zwar verboten, aber wer kontrolliert das schon? Die Behörden sind wie das Land so weit. Die Maisernte dieser ‚Schlaumeier‘ ist dahin, Entschädigung nicht zu erwarten – ihr Verlust sei ihnen gegönnt.

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