Stilstand

If your memory serves you well ...

Stilregeln und Stilregler

Dort drüben in der ‚medienlese‘, die nach dem obrigerseits verordneten Ausstieg der Mannschaft sachte in der Dünung der Blogosphäre dümpelt, muss ich mich mit Zeitgenossen herumschlagen, die Stilfragen mit Hilfe einer IKEA-Bauanleitung lösen möchten. Besonders hat es ihnen dieser Satz angetan:

„Dass dem Handelsblatt-Boss Bernd Ziesemer hier endlich mal die Hutschnur platzte, als er an die Heerscharen ahnungsloser Marketing-Fuzzies in den Verlagshäusern dachte, die mit immer mehr schlappem Allerwelts-Content immer mehr Auflage machen möchten, statt mit immer mehr Aufklärung, das verstehe ich gut.“

Der Satz ist ihnen wohl zu lang, vielleicht auch ungewohnt aufgebaut – was weiß ich? So recht rücken diese „Wortwarte“ nämlich nicht damit heraus, was ihnen eigentlich widerstrebt: Unbestimmt ist von ‚Schnörkeln‘, von ‚falsch‘ oder ‚Schwurbelstil‘ die Rede. Offensichtlich haben sie irgendwann mal ein Seminar besucht.

So viel Lärm wegen eines Satzes, bei dem mir so rein gar nichts von einem Verstoß gegen die Grammatik schwanen will, der ist mir selten vorgekommen. Es muss wohl das berüchtigte Deutschlehrer-Gen sein, was sich bei mir in den Kommentarspalten austobt. Vielleicht spielen solche Leute auch einfach gern Plastiktrompete:

Daraus schließen wir, dass Herr Jarchow sich um eine etwas klarere Sprache bemühen konnte. Schon der erste Satz ist selten verquast. Ich hab’s nicht geschafft, es alles zu lesen, obwohl mich das Thema an sich interessiert. “Auf den Punkt” hat er da sicher nichts gebracht.

Jaja, ‚konnte‘ – der Konjunktiv und das Leben, beide führen manchen Zeitgenossen unversehens aufs glatte Eis. Dafür, dass er’s wiederum nicht gelesen hat, kennt der Kommentator sich im Dachsbau meines Satzes immerhin recht gut aus.

Was aber ist dort faktisch der Fall? Im Kern finden wir ein Voranstellen aller aufgezählten Relationen im Satz, wohingegen der Schreiber mit seinem werten Subjekt-Ich samt zugehörigen Hauptsatz nach hinten tritt, hinzu kommt eine dreifache Wiederholung (‚immer mehr‘), welche die Satzstruktur leserunterstützend erläutert. Das entspricht zwar nicht den Regeln diverser Marketing-Ratgeber über ‚SPO‘ und ‚Hauptsatz vor Nebensatz‘, es ist aber auch stilistisch keine weltbewegende Sensation. Als Texteinleitung ist diese Wortumstellung sogar gang und gäbe, man legt damit die Latte gleich etwas höher, was die Konzentration des Lesers fördert und die zielgruppenferneren Schichten meist gleich zu Anfang abschüttelt, wie der Hund die Wassertropfen – nur eben leider nicht jene Herrn: ‚Denn bei dem Kampfe ist er anderer Meinung‚ (Kleist). Sie alle hatte, wie sie selbst verkünden, der erste Satz schon rettungslos überfordert. Was ihnen wiederum keine Ruhe lässt …

Drollig ist es jetzt, dass einer von ihnen, „Wortwart“ genannt, sich selbst auch noch für ein Stilorakel hält. Er führt nämlich eine etwas wirre Homepage, für die er – das vermute ich jetzt mal – auf der ‚Medienlese‘ ein wenig Rummel machen wollte. Diese bemühte, wiewohl in meinen Augen doch etwas zauselige und pflegebedürftige Linkwiese findet sich hier.

Wer es aushält, der soll sich im Wortwart’schen „Institut für Wortkombinatorik und angewandte Phraseologie“, dessen „Sammlung von gebrauchsfertig gemachten Wörtern“ „sich vor allem (aber nicht nur) aus eigenen Forschungen speist“, „die überwiegend schon länger zurückliegen“, vermutlich mitsamt des „erotischen Kulturmagazins“ – der also soll sich da gern einmal umschauen (Oh, oh, oh – was war dieser Satz bloß schon wieder für ein Gallimattias! Wenn wir nun mal nicht dieser Herr gleich wieder aufs Dach steigt …).

Ein fürsorglicher Ratschlag zum Schluss: Wenn du zum Blockwart Wortwart gehst, vergiss das Taschentuch nicht …


5 Kommentare

  1. Die Hutschnur „geplatzt“. Auch fein.

  2. Macht allerdings keinen Sinn. Kragen platz, und es geht einem über die Hutschnur. Warum sollte die Hutschnur platzen?

  3. Die Hutschnur darf ja nicht mit einem ‚Sturmriemen‘ unterm Kinn verwechselt werden. Es gab in alten Hüten ein Hilfsmittel, das dafür sorgte, dass einem der Hut nicht bis auf die Ohren rutschte. Diese Hutschnur hielt den Hut also auf dem Detz fest. Wenn dann die Stirnadern schwollen, dann platzte jemandem die Hutschnur – so ist das Bild, vermute ich jetzt mal, entstanden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑