Stilstand

If your memory serves you well ...

Steh auf und wandle!

Ein weiterer Auszug aus meinem heranwachsenden ‚Bauernroman‘. Beim Schreiben erstaunt mich am meisten, dass die Figuren sich mehr und mehr selbstständig machen. Sie entwickeln ihren eigenen Kopf, sie tun dies und reden das, und ich als ‚erfindender Chronist‘ muss mich ihren Erlebnissen nur noch an die Hacken heften. Wollte mich jemand nach einem Exposé zu diesem Text fragen – ich hätte keins, weil ich selbst noch nicht weiß, wie und wo das alles mal endet.

„… Dann, auf der Rückfahrt, erreichte Karshüsing die Radionachricht von der explodierten Biogasanlage in Völlersode.

Jenny stand mit Kienacker und Schmoll schon fassungslos vor der Szenerie, als Karshüsing dort eintraf. Der große Fermenter war geborsten, schwere Normteile aus Fertigbeton lagen wie ein Kranz um jene gurgelnde Grube, die einmal das Rührwerk enthielt. Weißer Rauch trieb über die Felder. Überall taumelten, vom Wind getrieben, zerfetzte Stücke aus grüner Zeltplane übers Gelände. Ein meterbreiter Strom aus duftender Gülle und Fermenterbrühe floss schäumend in Richtung Hülpe, deren Bachbett einige Kilometer weiter schon in die Aller mündete. Das Massenaufgebot freiwilliger Feuerwehren aus dem Landkreis spannte geschäftig rotweiße Bänder, um das Chaos zu sichern.

„Was für eine Scheiße!“, stöhnte Karshüsing. „Das kannst du aber wörtlich nehmen“, antwortete Jenny.

„Ah, ihr habt ihn also schon! Diese Terroristen von der ‚Bäuerlichen‘ haben uns das doch eingebrockt – mit ihrer ständigen Hetze.“ Puterrot im Gesicht war der alte Riethmüller auf die Gruppe zugestürmt und zerrte Kienacker wild am Ärmel.

„Nu mal halblang. Bisher weiß keiner, was los ist. Erst einmal geht es darum, die Schweinerei hier einzudämmen. Und lassen Sie den Mann los!“ Jenny löste den Griff des alten Mannes.

Karshüsing stoppte derweil Benno Köhlmann, den Leiter des Feuerwehreinsatzes: „Könnt ihr diese Riesensauerei denn nicht aufhalten?“

„Wie denn das?“, brüllte der zurück: „Oder seht ihr hier irgendwo Auffangbehälter, wie sie eigentlich vorgesehen sind? Nu is zu spät: Wat löppt, dat löppt!“

„Was denn für Auffangbehälter?“ Riethmüller redete sich mehr und mehr in Rage: „Die ganze Anlage ist TÜV-zertifiziert. Von Auffangbehältern stand da nichts.“

„Seit acht Jahren war ja auch kein TÜV mehr da, insofern wurden neuere Auflagen schlicht nicht erfüllt, du Hütchenspieler“, Kienacker geriet allmählich selbst in Wallung: „Da unten nämlich, du Umweltsau, da bachabwärts, da liegen meine Felder. Tränke ich meine Viecher jetzt mit deiner Suppe, dann sterben die mir alle ratzfatz an Nitratvergiftung. Du bist man bloß ein Giftmischer, dass du’s weißt!“

„Woart, ik wull di glieks,“ Riethmüller stürmte erneut auf Kienacker zu. Schmoll stellte sich dazwischen: „Nu kriegt euch beide mal wieder ein. Wir warten erst mal die Untersuchung ab, und dann wird alles irgendwie schon reguliert.“

„Dat seggst du!“ – mit der Wut verschwand auch Riethmüllers mühsam antrainierte Kenntnis des Hochdeutschen: „Wat de Schlaumeiers doar seggen deit, dat weet ik jümmers. De olle Swienegel, de Riethmüller, de hett sutjemäng use schöne Gegend mit sienen Schiet vergiftet – un schall nu ok betohlen. Aber doar töw man op!“

„Hast du denn keine Versicherung?“ Kienacker goss weiteres Öl ins Feuer. Karshüsing legte ihm sachte einen Finger auf die Lippen, um für Ruhe zu sorgen. Kienacker trollte sich und stiefelte zum Rand des Geschehens, wo die blauen LKW des Technischen Hilfswerks anrollten.

Hans Wohlers von der Polizeiwache ging an der Gruppe vorbei. Karshüsing winkte ihm zu: „Bring doch mal den Herrn Riethmüller zu den Sanitätern dort. Der Mann braucht jetzt ein wenig Ruhe.“

„Ik bruuk keene Ruhe, du Torfkopp. Ik bruuk Ergebnisse!“ Fritz Riethmüller zeterte lauthals weiter, ging aber mit dem Beamten mit.

„Puh, nur fürs Protokoll: Streithähne erfolgreich getrennt. Ein großer Erfolg professioneller Polizeiarbeit. Was nun?“ Jenny zeigte den gewohnten Galgenhumor.

„Naja, erst einmal gilt es wohl, die große Schweinerei hier in Grenzen zu halten, was aber kaum unsere Aufgabe ist. Als nächstes kommt dann die Spurensicherung. Und, je nachdem, haben wir die Versicherungen oder das LKA hier vor Ort.“

„Das LKA?“

„Klar, es könnte ja auch ein Anschlag sein …“

„Hältst du das für möglich?“

„Ich halte allmählich alles für möglich. Heute aber habe ich genug gesehen, für heute habe ich einfach nur die Schnauze voll. Das ist jetzt auch nicht mehr unser Beritt. Da müssen erst einmal die anderen ran. Komm, lass uns fahren …“

Unterwegs, nicht weit von der Allerbrücke bei Hinterrode, legten sie eine Pause ein und setzten sich auf den Deich. Der Fluss strömte schnell und silbern glänzend, einige der alten Weiden steckten ihre Füße ins wirblige Wasser, an den hängenden Zweigen zeigte sich erstes Grün. …“

Ganz nebenbei wurde ich inzwischen zum Experten für Ammoniumnitrat, resp. Blaukorn. Aus dem Nichts meines Hirns tauchte ein Bürgermeister auf, der Wirtschaftsenglisch schlimmer parliert wie einst Baden-Württembergs Oettinger usw. Eine LKA-Beamtin versucht’s derweil mit ‚weiblichem Charme‘. Alles dies aber entsteht nicht, weil ich es so will, sondern weil es mein Zoo von mir fordert. Ganz schön pfanni … und auch unheimlich.

5 Kommentare

  1. WiederMalKritiker

    31. Juli 2013 at 17:23

    Das Werk entwickelt ein Eigenleben? Willkommen bei den Künstlern.
    Stephen King schrieb seine nicht gerade kurzen Romane drauflos, ohne vorher zu wissen was in ihnen passieren würde.
    Bin weiterhin gespannt.

  2. Stephen King sagt an anderer Stelle, dass seine Romane sogar alle an ein und dem gleichen Ort spielen, ein verwildertes Stück Brachland hinter dem Haus seiner Eltern, das damals ‚die Barrens‘ genannt wurde. Alle seine Orte des Schreckens wären damit nur Kopien jener einen verwunschenen Gegend aus seiner Kindheit.

  3. WiederMalKritiker

    1. August 2013 at 19:19

    Was mußt Du bloß für Leuten begegnet sein als Du noch klein warst… *sorgenvoll kopfschüttel*

  4. Wieso ich? Ich habe immer brav in der Sandkiste gespielt!

    😉

  5. Das kommt mir aus meiner Amateur-Schreiberei doch sehr bekannt vor: Man erfindet einen Namen, und der lebt dann frech vor sich hin, kein Plan, kein Konzept hält ihn auf. Das ganze Figuren-Geschwerl summt und brummt wie ein Wespennest im Kopf herum, der (längst auf Autopilot) nur noch damit beschäftigt ist, die Bagage halbwegs im Zaum zu halten. Unheimlich, fürwahr!
    (Unter uns: die 68 Songs haben den Galeristen gar nicht geärgert, wie ich in der Mail prophezeit hatte, im Gegenteil, Spass war angesagt).
    Am besten gefallen mir die Dialekt-Dialoge, das ist so ein Steckenpferd von mir. Schon mal Frank Schulz gelesen? Da geht das richtig schön ab!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑