Stilstand

If your memory serves you well ...

Sprachwandel

Wenn die großen Metaphern sterben, ändern sich die Gesellschaften: Seit dreißig Jahren, im Prinzip seit dem Beginn der Reagan-Ära, wurden wir alle mit den Bildwelten und dem Vokabular einer völligen Selbstregulation überschwemmt, die sich omnipotent gab und im Prinzip an die (Leer-)Stelle Gottes getreten war. Lohnfragen, Strompreise, Umweltbelange, Wohnungsnot … alles sollte sich quasi naturwüchsig und autonom wie von selbst in einen Gleichgewichtszustand bringen, vermittelt über den ‚großen Regulator‘ des Marktes, der dann zugleich auch wiederum ‚von selbst‘ gerecht sein würde. ‚Lasst doch der Jugend ihren Lauf‘ hieß es einst, daraus wurde unter den Iden des Merz und zwischen den Kreuzen der daran Verstorbenen auf dem Kirchhof: ‚Lasst doch den Märkten ihren Lauf‘.

Theoretisch begleitet und untermauert wurde dies alles von einer wildwuchernden kybernetischen Gesellschaftstheorie, die ihre zunehmend undurchschaubaren Begriffe so entwickelte, wie eine Hasenkolonie die Jungen wirft, die dabei nur eines vergaß, den ‚Steuermann‘, der doch mit der Kybernetik untrennbar verbunden ist, ja, der ihr erst ihren Namen gab. Aus einer systemischen Steuerungstheorie wurde eine systemische Nichtsteuerungstheorie – was im völligen Widerspruch steht bspw. zu einem Ahnvater und Moralapostel wie v. Foerster. Aber auch – mit Verlaub – zu einem Niklas Luhmann. Denn der wusste auch noch, wie sehr die Metaphern das Geschehen in jedem gesellschaftlichen Subsystem prägen, ja, auf sprachlichem Weg seine Realitäten erst schaffen. Luhmann nannte diese gesellschaftsbildenden Metaphern allerdings ’symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien‘, weil er in seinem sprachlichen Drahtverhau das Aparte bis hin zur Unverständlichkeit schätzte.

Mit der Krise ist diese alte Bildwelt der naiven Selbstregulation völlig zerdeppert. Kein Mensch glaubt mehr, dass eine unsichtbare Hand irgendein Subsystem – ob Markt, ob Wissenschaft – am Patschehändchen nähme und ins Himmelreich führe, dass sich irgendeines von ihnen ‚wie von selbst‘ regulieren könne, schon gar nicht auf wirtschaftlichem Gebiet. Selbstregulation gilt dem neuen gesellschaftlichen Bewusstsein fast schon als todsichere Methode, ökonomische Luftblasen zu erzeugen. An der Differenz beim Wortgebrauch unterscheiden wir inzwischen die marktradikal beharrenden Konservativen und die neuen Progressiven, vor allem daran, ob sie noch unverbesserlich die ‚freien Märkte‘ preisen – oder eben nicht.

In diesem beginnenden Sprachwandel liegt in meinen Augen der wahre Gewinn der Krise: Wir werden endlich von den Blackberry-Jüngelchen und von ihrem dahergeschwätzten Unverantwortungsvokabular befreit, von den monosynaptischen Gelfrisuren, die alle erreichbaren Medien mit ihrem Deregulierungs-Kisuaheli vollzuschlabbern pflegten. Es entsteht gerade eine neue Sprache und eine neue Bildlichkeit der Weltbeschreibung. Darauf, dies beobachten zu dürfen, freue ich mich wie Bolle.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes Fest!

3 Kommentare

  1. An der Differenz beim Wortgebrauch unterscheiden wir inzwischen die marktradikal beharrenden Konservativen und die neuen Progressiven, vor allem daran, ob sie noch unverbesserlich die ‘freien Märkte’ preisen – oder eben nicht.

    Ach, so einfach ist es jetzt tatsächlich? Das ist ja nicht nur gut, sondern auch ungemein praktisch, denn die Einstufung läßt sich jetzt wahrscheinlich sogar automatisieren, oder nicht?

  2. In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes Fest!

    Dem schließe ich mich allerdings an.

  3. Njet! Automatisieren lässt es sich eben nicht – denn die selbstvergessene Systemtheorie hatte eben die ‚Rolle des Beobachters‘ vergessen, den zum Beispiel v. Foerster so sehr hervorhob.

    Der in diesem Fall hier wiederum derjenige ist, der seine Beobachtungen auf den Monitor bringt …

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