Stilstand

If your memory serves you well ...

Soziale Raubtiere

Woran erkennen wir diese Wesen eigentlich sprachlich? Nehmen wir das folgende informative Beispiel, verfasst – vermute ich jetzt mal – von einem jüngeren und heutzutage sicherlich nicht sonderlich atypischen Mitglied privater Krankenversicherungen, der altersbedingt noch nicht in die immer lauter klappernde Mühle der steigenden Beiträge im privaten Bereich geraten ist. Diese Mühle nimmt ihre Arbeit bekanntlich erst dann auf, wenn ‚in den besten Jahren‘ die chronischen Zipperlein immer massierter auftreten:

„Ich kann immerhin bei der PKV noch selber bestimmen, was ich haben will und was nicht und muss nicht mit meiner Zwangsabgabe jeden Hartzie und Rentner, der jede Woche bei quersitzendem Furz, aus Langeweile und den Genuß, ein kostenloses „Bunte“-Abo zu nutzen, im Arztzimmer hockt.“

Zunächst einmal kann diese Nase, die sich selbst mit dem Pseudo ‚Besserverdiener‘ unübersehbar sozial charakterisiert, noch „selbst bestimmen“, ob sie überhaupt Solidarität praktizieren will. Bei solchen Leuten ist zehn zu eins zu wetten, dass sie eben das dann nicht wollen. Das Hippie-Ideal des selbstbestimmten Lebens wurde hier, am neoliberalen Ufer der Gesellschaft, längst ins Ökonomische gewendet und es wird mit dem Portemonnaie begründet.

Ein Hauch von Klassenkampf durchweht im Folgenden die Zeilen: Eingebildete Kranke seien diese „Rentner“ und „die Hartzies“, die stets doch nur unter imaginierten Beschwerden leiden, obwohl jede seriöse Statistik unserem Denkdussel zeigen könnte, dass soziales Ausgegrenztsein ernsthaft krank macht und dass im Alter die Morbidität ansteigt. Ein Skandal, so unser Intellektualzwerg weiter, sei es angesichts von „quersitzenden Fürzen“ beim Pöbel schon, wenn diese Figuren sich überhaupt noch zum Arzt trauen, bloß um dort die „Bunte“ kostenlos schnorrend zu lesen. Und das gelte ausnahmslos für „jeden Hartzie“ und „jeden Rentner“ in „jeder Woche“. Differenzbildung wurde diesem Mann wahrlich nicht in die Wiege gelegt – und seither ist mental auch nichts hinzugekommen.

Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder kann ich diese Figur für vollkommen verblödet halten und von aller Vernunft unbeleckt. Was aber unwahrscheinlich ist, sofern er wirklich ein Besserverdiener ist. Was bekanntlich nicht vor der ungewollten Mitgliedschaft in den eher ‚bildungsfernen Schichten‘ schützt. Auch das Herabsehen auf ‚grüne Blättchen‘ wie die „Bunte“ spricht für einen gewissen Elitarismus, der sich nicht auf Synapsen, sondern auf den Kontostand und Statussymbolik gründet. Oder aber, der Mann redet konsequent wider sein besseres Wissen – wiewohl konform mit seinen Interessen. Das dürfte die wahrscheinlichere Variante sein. Was mir aber an all diesen westerwallenden Zynikern und Realitätsverleugnern mit den eiskalten Herzen am meisten aufstößt, ist ihr bemühter Versuch, mit untauglichen sprachlichen Mitteln selbst bei einem Thema noch witzig zu sein, das überhaupt nicht witzig ist. Mich ekelt’s nur noch vor ihnen …

7 Kommentare

  1. Wie wahr. Heute sind es eben die Egoisten, die „das System ficken“… Unterstützt von Phrasen wie „Zwangsabgabe“. Die stossen einem in dieser Häufung doch auf! Anscheinend ist es Mode geworden, selbstgerechtes Blabla in zynischen Witz einzupacken, aber kein Wunder, gibt es doch Parteien, die genau das kultivieren. Tut gut, wenn das mal wieder jemand durchleuchtet.

  2. Nach inzwischen vier Jahrzehnten Lebenserfahrung, davon die letzten 20 auch im Internet, bin ich zu einer wesentlichen Erkenntnis gekommen: Die Menschen sind doof. Zumindest die, die sich doof äußern.

    Liegt es an mir selbst oder an unserer Generation, ich weiß es nicht, aber mir fällt doch auf, dass in den letzten Jahren immer weniger Menschen, noch wissen und erfahren. Sie wollen auch nicht lernen, Fakten interessieren sie nicht, ‚Logik‘ ist für sie ein Kampfwort, ‚rational‘ all das, was sie selbst für gut befinden, der Rest ist ‚Gutmensch‘. Diese Kasper denken nur dann über den Staat und seine Verfassung nach, wenn es um ihr eigenes Bankkonto geht. Sie plärren ’spätrömische Dekadenz‘ ohne im Ansatz zu wissen wo dieses Spätrom liegt.

    Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit noch die Hoffnung, Menschlichkeit und Rationalität [bzw. aufgeklärter Egoismus, wie Russell mal sagte] würden noch zu meinen Lebzeiten die Welt bestimmen. Tja, getäuscht, in Afrika gewinnen Militärdiktaturen wieder die Oberhand, in Asien bekämpfen sich marodierende Minderheiten religiöser Eiferer, in den USA hat Glenn Beck eine „politische“ News/Kommentar-Show. In Europa dürfen antisoziale Hetzer wie Roger Köppel ihren Schmutz im deutschen Fernsehen verbreiten. Dafür werden hohlraumversiegelte Blender offizielle Vertreter des gesamten deutschen Volkes nach außen.

    Die griechischen Cyniker wollten der dekadenten Polis zeigen, wie leer ihre moralischen Werte waren. Die „selbstironischen“ Zyniker von heute sind allerdings nur menschenverachtend, sie legen sich zu den Hunden und wundern sich, dass diese sie meiden.

    Mal weg von Abscheu … Müsste nach der ihnen eigenen Logik der rechtskonservativen LeoNiberalen nicht jedes Gesetz abgeschafft werden, dass die freie wirtschaftliche Entfaltung einschränkt? Wieso dürfen kräftig gebaute Schläger die Lehrertaschenhinterherträger nicht im Park ausrauben? Warum ist das vermutlich lohnende Geschäft des Lohnkillers in staatlicher [noch dazu massiv kontrollierter] Hand? Statt bei Betrug Ausnahmeregelungen für Banken zu schaffen, sollten sämtliche einschlägigen Paragraphen abgeschafft werden.

    … und außerdem bin ich dafür, dass Karthago von Zombies überrannt wird …

  3. Ui. Hiermit entschuldige ich mich bei Klaus Jarchow und allen Lesern für den schon wieder sehr lang gewordenen Redebeitrag. Ich reiß mich demnächst zusammen.

  4. Macht nichts – du schreibst ja gut.

  5. Wenn es um sprachliche Erkennungszeichen geht: Am besten finde ich eigentlich den Einstieg. „Ich kann da immerhin noch“ — dieser dunkle Verweis auf ein immer eingeengteres Leben und den einzigen Lichtblick.

    Vermutlich ein Verwandter des „man muss doch wenigstens sagen dürfen“…

  6. Ja, klingt ein wenig nach dem Gefangenen, der sich damit tröstet, dass ihm der nette Wärter die Handschellen nicht ganz so fest anzog …

    😉

  7. Ihr seit dof habt ihr keine hobbis

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