Dem Welterklärbären vom ‚Tagespiegel‘ hat’s die Petersilie verhagelt. Prompt entdeckt Malte Lehming für die Meinungsspalten der Qualitätspresse den Rant, eine doch eher piratentypische Stilform aus dem Internet:

„Das Kennzeichen dieser Wahl war die Lust an der Realitätsflucht. Was Alfred Polgar einmal das „schlichte Rülpsen des Gehirns“ genannt hat, … wird langsam zur Grundstimmung in der Stadt.“

Langsames Rülpsen allerdings wäre schon eine Kunst für sich – den virtuosen Beweis dafür tritt Malte Lehming im Folgenden an, als unfreiwilligster Humorist unter Deutschlands Kolumnisten: Statt dass diese unreifen Jünglinge, die jetzt das Berliner Parlament zu kapern wagten, sich für die übliche Agenda der Vernunft und der politischen Sachkunde einsetzen, also für Hoteliersentlastungen, Privatisierung der Lebensrisiken, Pharma-Lobbyismus oder ‚geordnete‘ Griecheninsolvenzen, da postulieren diese selbsternannten Likedeeler doch glatt „ein existenzsicherndes Grundeinkommen, ein striktes Nachtflugverbot, ein Unterrichtsfach Rauschkunde, die kostenlose Nutzung von Bus, U- und S-Bahn und ein kostenloses Freifunknetz“. Ja, so etwas haut auch einem hartgesottenen Kolumnisten glatt die Dauben vom Restverstand!

Für mein bürgerliches Näschen riecht der leicht angetrocknete Bullshit von rechts zumindest ähnlich bescheuert oder vernünftig wie der Bullshit von links, überdies hätte letzterer noch das Argument der Frische für sich. Und nur, weil in Lehmings eindeutig favorisierter 1,9-Prozent-Partei die aufs lilliputale Normalmaß geschrumpften Granden von solchen Dingen noch nie etwas gehört haben, müssen derartige Forderungen ja noch nicht falsch sein. Was bspw. den Umgang mit Drogen betrifft, befinden sich die Piraten sogar stramm auf WHO-Linie. Und immerhin, das werden sogar in der Wolle gefärbte Hayek-Jünger zugeben müssen, bringen solche Positionen doch mehr Farbe ins Geschehen als das monotone Polit-Gebrabbel von der Alternativlosigkeit geplanter Schrecken, so wie es aus den modrigen Thinktanks der Altparteien uns ohrwurmartig und bis zum Überdruss entgegenschallt.

Unser Malte aber bleibt konsequent eindimensional, fassungslos flüchtet er abschließend in das Genre der Wählerbeschimpfung – nur Trottel würden Trottel wählen (siehe zum Exempel das Beispiel der erfolgreichen FDP im Jahr 2009, wo ja auch niemand gedacht hätte, dass ein solcher Dilettantenstadl daraus resultieren könnte). Vernunft ist bekanntlich immer das, was sich der eigene Kopf zusammenfaselt – und wenn der Wähler dem Lockruf des Bewährten nicht folgt, dann schallt ihm vom Dreifuß des ‚Tagesspiegel‘ blankes Keifen entgegen:

„Der Erfolg der Piraten stellt den Berlinern ein Unreifezeugnis aus. Versetzung gefährdet. Und mindestens ebenso peinlich ist die verständnisinnige Beflissenheit, mit der der Quatsch schöngeredet wird.“

Tscha, was hieße das denn konkret, wenn die Versetzung der Berliner gefährdet wäre? Nachsitzen und nachwählen, bis das Ergebnis dem Herrn vom ‚Tagesspiegel‘ endlich genehm ist? Gelegentlich will’s mir vorkommen, als brächten unserem Malte manchmal Anwandlungen aus autoritäreren Zeiten den Hormonhaushalt durcheinander.

Nachtrag: Ähnlich logikkonträr wie der Mann vom Tagesspiegel argumentiert übrigens sein kongenialer Bruder im Geiste, der Jan Fleischhauer, der eine Partei, die gerade 4,5 % an Wählerstimmen hinzugewann, folgendermaßen betitelt: „Die Revolution frisst die Grünen.“ Ja – zu diesen Konditionen würde vermutlich jede Partei gern ein wenig weiter unten in der Fleischhauerschen Nahrungskette stehen …