Stilstand

If your memory serves you well ...

Schrumpfmetaphorik

Sprachlich ist Hochkomik garantiert, wenn moralisierende Neoliberalinskijs ihre Verbalmacheten blankziehen, um gegen einen angeblich ausufernden Sozialstaat zu Felde zu ziehen. So auch diesmal in der ‚Welt‘, wo Andrea Seibel als stellvertretende Chefredakteurin und dazu als Flintenweib des Manchesterkapitalismus sich geradezu kabarettreif exponiert. Titel der Veranstaltung: „Am Sozialstaat muss endlich gerüttelt werden.“

Charakteristisch für derartige Machwerke ist zunächst der Tabubrecher-Gestus, der schon in dieser Headline zum Ausdruck kommt – so als würde nicht schon seit des seligen Schröder Zeiten nahezu in Permanenz am Sozialstaat gerüttelt und herumgestutzt. Im Text wird diese verquere Doppeloptik dann noch offensichtlicher. Einerseits wird das angebliche Tabu in extenso ausgebreitet:

„Die Grenzen des Sozialstaats sind kein Thema. Ist also jedes politische Reden über die Grenzen des Sozialstaates, seine eingebauten Widersprüche und seine offensichtlichen Fehler in Deutschland zum Scheitern verurteilt? Jedenfalls ist es extrem schwierig.“

Man darf darüber also nicht reden, sagt uns Kassandra. Auf der anderen Seite aber beklagt die Dame dann einen unaufhörlichen Diskurs, der in Deutschland über diese ach so tabuisierten Grenzen des Sozialstaats geführt werde – sie gibt also gleich mal zu, dass hier dieser publizistische Popanz ihres Sozialstaatstabus in der Realität nicht existiert:

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind, sondern stellt man fest, dass das Jahr eines der Sozialstaatsdebatte war.

Wer so schizophren argumentiert, dessen Thesen muss ich gar nicht mehr demontieren, sie erledigen sich durch ‚friendly fire‘ höchstselbst. Nahezu jeden Satz, den Frau Seibel schreibt, reißt sie durch logische Widersprüchlichkeit zwei Absätze später mit dem Allerwertesten wieder um.

Vollends schräg aber werden die Argumente ihrer Barmer Ersatzreligion dann, wenn die Schreiberin sich auf das schlüpfrige Terrain der bildhaften Sprache begibt:

„Wer immer den Sozialstaat kritisiert, gilt sofort als ein kalter Manchesterfisch, der den Sozialstaat dem Erdboden gleichmachen will. Wenn er schrumpft und nicht wächst, schrillen sofort alle Alarmglocken.“

Ich versuche mal, mir das stilistische Unglück vor Augen zu führen: Dort begibt sich also ein Fisch auf festes Land, wo ihm prompt die Kiemenatmung versagen dürfte, und zwar deshalb, weil er dort den Sozialstaat plattmachen will. Ja, womit täte er das denn bitte? Mit den Flossen? Und diese Untat will er begehen, obwohl der Sozialstaat doch schon regelmäßig zu „schrumpfen und nicht zu wachsen“ pflegt, was die Verfasserin unter Höchstaufwand an alarmistischer Glockenbimmelei doch soeben noch bestritt. So kraus geht’s in der ‚Welt‘ halt zu …

Was aber die ehemalige taz-Redakteurin – lang, lang ist’s her! – uns eigentlich sagen wollte, wäre in meinen Worten dann ungefähr Folgendes:

„Die bisherigen Kürzungen im Sozialetat reichen vorne und hinten nicht aus. Da müssen wir jetzt mit der Kettensäge ran – und die überfälligen radikalen Amputationen werden dann alle Schmarotzer treffen, die irgendwie von Sozialtransfers leben, ob nun Rentner, Kranke, Behinderte, Arme oder Alleinerziehende. Und mein Steuerberater sagt das auch!“

Allen meine Lesern wünsche ich frohe Weihnachten in diesen frostigen Tagen!

9 Kommentare

  1. Hab´ herzlich gelacht über Ihre „Einlassungen“!

    Dabei ist mir in den Sinn gekommen, nachdem ich bis eben klebrig-nasse Schneeklumpen „bewegt“ hatte, dass die Dame von „Welt“ eigentlich mal praktisch arbeiten sollte – so mit Schippe und Besen.

    Vielleicht würde dann ihr „geplantes P(B)lattmachen des Sozialstaates etwas anders aussehen – Bob Grenier, amerikanischer lanquage-poet hat dazu eine besonders „nette“ Einlassung verfasst:
    „Erschütterung in Gehirnen, unwillkürliche Bewegungen, Ameisen können ihren Verstand genauso verlieren wie Admiräle. Gerade jetzt, durch das Fenster fällt Schnee.“

    Bin jetzt wohltuend erschöpft und freue mich, dass morgen Ruhe ist, denn das ist „Weihnachten“ und ich kann zu Hause bleiben, und kann den neuen Schnee links liegen lassen . . .

    Ihnen wünsche ich erholsame Tage und gute Gedanken, die wir vielleicht dann nach Weihnachten „nachlesen“ dürfen.

  2. Stammt der letzte zitierte Absatz tatsächlich aus der Feder von Frau Sabbel, und hat sie vorher Don Alphonso um Erlaubnis gebeten, seinen Stil zu übernehmen?

    Vermutlich gibt es im Hause Springer im Moment einen Wettlauf, welches Klopapier als erstes den Stürmer [nicht Michael, die Nazipostille] unterbietet. Ich bin schon eine Weile der Ansicht, die Welt hätte den Wettlauf gegen die BILD gewonnen – schon wegen des andern Anspruchs …

  3. Nö – ich habe ihr dort in den Mund gelegt, was sie ‚eigentlich‘ meint, aber sich nicht klar zu sagen traut. Der Don Alphonso stammt auch eher aus der Schule von Rabelais, das wäre ihr wiederum zu hoch – und wohl auch zu dégoutant, weil ihr dafür schlicht das Vokabular fehlt.

    Zur ‚Welt‘: Ja – das ist jetzt oft eine ‚Kloake mit Anspruch‘. Die alten Haudegen dort waren mir lieber, da lebte noch der Ungeist der Ostfront. Heute ist es nur noch eine Marketing-Unbarmherzigkeit sans phrase, in allzu durchsichtiges BWL-Vokabular gewickelt …

  4. Man muss auch mal ein paar Sachen endlich sagen dürfen (dies hier ist Deutschland), das muss mal in aller Deutlichkeit zur Sprache kommen – wobei ich diese verbale Schnappatmung nur in weihnachtlichem Leichtsinn als Mutterlaut anerkenne. Es müsste beispielsweise mal zur Sprache kommen, dass der Sozialhaushalt nicht nur durch Renten, sondern auch und vor allem durch Pensionen zum Schwergewichtsposten wird. Dass hier auch jeder ehedem Leitende Oberstaatsanwalt und jede Stabsärztin a. D. mitgerechnet wird, scheint keinen kalten Fisch mehr zu kümmern; dass die exorbitanten Ruhestandsbezüge von politischen Beamten einschließlich der Mitglieder des Bundestags dazu zählen, dass sich der nebenerwerbliche Bundesaußenpinscher fiskalisch auf einer Stufe mit den von ihm so geschätzten Arbeitslosen befindet, darüber spricht man bei Tisch nicht. Auch nicht von der Masse der Subventionen, die es dem Haushaltsführer schwer machen, gesetzlich verbürgte Posten auszuzahlen, und das sind, egal, ob nun „Förderung“ oder „Beihilfe“ auf dem Etikett prangt, Transferleistungen für finanziell Fußlahme. Wenn also der Wirtschaftsführer sich zur Entspannung einen Klappsessel in der Deutschen Oper mietet und nicht wie betriebswirtschaftlich vorgesehen 750 Euro für eine Portion Verdi bezahlt, kassiert er genau das, was der Spasti in der betreuten Wohneinrichtung den Leistungsträgern angeblich wegschmarotzt: Stütze. Nur, dass in diesem Falle die Gewährung von Sachmitteln durchaus Vorteile birgt – gäbe man dem beschlipsten Hansel die Kohle einfach so in die Hand, er würde davon wohl wieder nur Schnaps und Zigaretten…

  5. @ bee: Hinzu kommt ja noch, dass die Sozialausgaben zwar absolut gestiegen sind, wie bspw. der Lebensstandard auch. Dass sie aber, sobald man den Sondermalus der deutschen Einheit mal herausrechnet und diese Ausgaben dann auf ihren prozentualen Anteil am Bruttoinlandsprodukt bezieht, also auf den erwirtschafteten Reichtum der Nation, dass sie dann seit Dezennien in etwa konstant sind. Es ist also nicht wahr, dass die Sozialleistungen den Wohlstand auffressen, wie es uns die interessierten Statistik-Rastellis ständig weismachen möchten.

  6. Wieso so verwundert über dieser Dame verschwurbelte Text und die Widersprüche darin? Sie ist doch Journalistin. Oder wie der Don schreiben würde: Johurnalistin.

  7. n = verschwurbelteN Text.
    Sorry.

  8. ich bin sprachlos. Wobei dummdreist würde dieses Geseibel wohl am ehesten charakterisieren. Trotzdem unfassbar dass dafür Bäume sterben mussten.

  9. „Der Staat muss endlich schlanker werden. Denn das Dauergebet von der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich schürt nur Neid.“

    Das ist ein Untertitel eines neuen Artikel von Frau Seibel in der Welt. Wer sich das antun möchte: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article13576914/Reichensteuer-Dieser-Staat-hat-kein-Mitleid-verdient.html

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