Als ich gestern Frank Schulzs Hagener Trilogie mal wieder in den Händen hielt, überlegte ich, ob gute Schreiber eigentlich überdurchschnittlich häufig vom Dorf oder aus Kleinstädten kämen? Als generelle These ist das vermutlich grandioser Blödsinn – einige gute Gründe dafür aber gäbe es allemal: Als Kind und Jugendlicher erlebt man tief in der Provinz eine überschaubare Welt, alle sozialen Verhältnisse liegen offen zu Tage, der Mensch ‚an und für sich‘ wird überschaubar, die ganze Menschenwelt gleicht dem späteren Personalbedarf eines Romans noch viel eher, als später der Ameisenhaufen einer beliebigen Großstadt.

Ohne dass ich hier jetzt beabsichtige, eine Statistik zu führen, so ist doch die Zahl der ‚Provinzschriftsteller‘ unter den großen ihrer Zunft erstaunlich hoch: Storm (Husum), Raabe (Eschershausen), Jean Paul (Hof), Fontane (Neuruppin), Döblin (Stettin), die Reihe ließe sich endlos fortsetzen – und selbst diejenigen, deren Geburtsort gegen diese These spricht, wuchsen gleich nach der Geburt oft eher kleinstädtisch auf, so Tucholsky, der zwar in Moabit zur Welt kam, der aber seine Kindheit im beschaulichen Stettin verlebte.

Unter den Neueren – außer dem erwähnten Schulz – kommt der Sven Regener zwar aus Bremen, bekanntlich aber ist diese Stadt eher das sprichwörtliche „Dorf mit Straßenbahn“. Auch Heinz Strunk kommt ‚vons Land wech‘, was schon wegen der Thematik seiner Bücher unübersehbar ist, selbst für eine Charlotte Roche ist doch das Aufwachsen am Niederrhein prägender gewesen als die großstädtische Geburt in London – so wie auch für einen Benjamin Stuckrad-Barré die Kindheit an den moorigen Wassern von Rotenburg-Wümme bestimmend war, da mag er nachher noch so sehr den weltmännischen City-Slicker mimen.

Gegenbeispiele? Nun da wäre natürlich Goethe, der aus Frankfurt stammt, ebenso wie die Brentanos – damals aber war das großmächtige Frankfurt von der Größe her noch ein Delmenhorst mit angeschlossener Judengasse, das kaum über die Stadtmauern hinausragte. Auch ein Karl Gutzkow wurde in Berlin geboren, als Kind verließ er aber kaum jemals den engen Bezirk der königlichen Reitschule am Kastanienwäldchen.  Ein wirkliches Gegenbeispiel ist wohl eher Heimito von Doderer, geboren in einer Wiener Vorstadt, dem es allerdings gelang, seine Heimat Wien literarisch wieder in ein Dorf zurückzuverwandeln. Kurzum: Großstädtische Schriftsteller, so kommt es mir vor, sind in Deutschland deutlich Mangelware.

Zugespitzt und auf die Spitze meiner dürren These gestellt: Die provinzielle Herkunft ist für jeden Schreibwilligen ein Privileg, ja fast ein Muss. Wer dagegen unglücklicherweise aus München, aus Hamburg oder aus Köln stammt, der hat doch schriftstellerisch eigentlich gleich und in der Literatur nichts verloren. Oder?