Stilstand

If your memory serves you well ...

Schreiben und Drogen

Zunächst einmal muss niemand saufen oder kiffen, um gut schreiben zu können. Es ist schlicht ein Pop-Mythos, dass Drogen ‚kreativ‘ machen: Niemand ist durch den Suff zu einem guten Schreiber geworden. Erstaunlich viele Alkoholiker aber flüchten sich irgendwann in die Schriftstellerei. Die Kehrseite ist also richtig.

Verantwortlich für das Märchen vom Zusammenhang guter Texte mit dem exzessiven Boozen sind vor allem eine Reihe amerikanischer Großschriftsteller wie Ernest Hemingway, Sinclair Lewis, Dylan Thomas, John Cheever, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner usw. Sie alle soffen wie schwarze Löcher, sie tranken sich aber nicht um Sinn und Verstand. In ihrem Fall entstanden großartige Texte trotz eines massiven Drogenproblems.

Was aber regelhaft folgt, sind bestimmte fiktionale Landschaften, die der Wirkung der Droge entsprechen: Erscheint mir eine Romanwelt als entfremdet, als ausbeuterisch selbst auf der Freundschaftsebene, voller Einsamkeit und bevölkert mit ausschließlich gescheiterten Ehen und verkrachten Biographien, dann vermute ich mit Recht, dass hier wohl ein Alkoholiker am Werk gewesen sein muss. Die eigenen Erfahrungen als Drogenabhängiger werden mir als ‚Weltzustand‘ aufgetischt.

Etwas anderes ist es mit den ‚Märchenwelten‘. Hier sind zumeist die ‚bewusstseinserweiternden Drogen‘ am Werk. Die Affinität der deutschen Romantiker zum Schlafmohn ist ein offenes Geheimnis. Die Folge war eine mittelalterliche Welt voller Zauber, Elfen, Posthörner und edler Ritter. Kurzum: Kiff und Mohn – ick hör‘ euch trappsen! Immer wenn mir ein wild im Vergangenen schwelgender Fantasy-Roman in die Hand fällt, dann denke ich mir über den Autor oder die Autorin mein Teil.

Schließlich gibt es noch die Pop-Literatur: Jeder Pups wird von diesen Schreibern als Stilrevolution und als literaturfähig ausgeschrieen: Ihre oft gnadenlos banale Musik, die sie anpreisen; die ach so wichtigen Leute, die sie trafen; das witzig-sarkastische Bonmot, das jemandem entschlüpft sein soll. Allem ‚Fiktionalen‘ gehen diese Schreiber aus dem Weg, das große Thema lautet Ich-Ich-Ich, als Sensation verbacken wird alles, was diesen Ego-Pumpen zufällig irgendwo über den Weg lief. Schon sehe ich unverbesserlicher Pessimist diese Olympischen Ringe unter den Nasenlöchern des Schreibers …

9 Kommentare

  1. Aus eigener Erfahrung habe ich eine weitere Erklärung, wie der “ Pop-Mythos“, dass Drogen ‘kreativ’ machen, entstanden sein könnte: Alkohol enthemmt – und beseitigt damit „Schreibhemmungen“, die auf einem ausgeprägten „inneren Zensor“ und permanenten Selbstzweifeln beruhen. Allerdings: bei Menschen, die nicht auch ohne Alkohol kreativ wären, führt die Enthemmung regelmäßig zu Texten, die die Welt nicht braucht.
    Bei anderen Drogen dürfte das ähnlich sein: wer keine ausgeprägte Phantasie hat, schreibt auch unter dem Einfluss einer „Tüte“, von „Zauberpilzen“ oder Stärkerem, keine gute Fantasy. Wo nichts ist, kann auch nichts „freigesetzt“ werden. (Übrigens ist die Auswirkung von Opiaten und Halluzinogenen auf die Psycho so unterschiedlich, dass ich bei den Romantikern vielleicht den Einfluss von „starkem Tobak“, nicht aber den von Opium aus ihren Werken lesen könnte. Da ich aber weiß, dass viele von ihnen dem Opium zusprachen, nehme ich an, dass das „Wohlgefühl“ des Opiatrausches ähnlich indirekt auf ihr Schreiben wirkte, wie der den inneren Zensor betäubende Alkohol bei andere Autoren.)

    Im Falle der Pop-Literatur habe ich manchmal allerdings den Eindruck, dass es garn nichts macht, dass da „nichts ist“ – keine Phantasie, keine originellen Gedanken, kein tiefes Wissen – außer einigen eingeübten Fähigkeiten, wie flottem Schreibstil.

  2. Vor einigen Monaten hatte WELT Online die Schnapsidee, einen öden Kulturressortartikel mit einer dieser sinnfreien Abstimmungen aufzupeppen. Da wurde nach dem spannendsten oder wichtigsten oder was auch immersten lebenden US-Schriftsteller gefragt. Unter den Antwortmöglichkeiten fand sich Ken Follet.

    Eigentlich sollte ich das so stehen lassen, aber da mir nicht immer jeder folgen kann … Dylan Thomas war Waliser, durch und durch. Der Mann, der sich seinen Vornamen als Nachnahmen entlieh, der ist US Amerikaner, Robert Zimmermann.

  3. Oops, mein Fehler – nur weil jemand in New York am Suff starb, soll man ihm nicht gleich die amerikanische Staatsbürgerschaft zuschreiben.

  4. Schön wärs, wenn die so genannte ›Fantasy‹-Literatur (oder sagen wir gleich: die verschiedenen Phantastik-Großsparten) öfter als nun mal der Fall ist, von der Wüst- und Buntheit drogenverursachter Trips und Gedankenflüge geziert würde. Aber nein: erstaunlich bieder und ideen- und visionsscheu ist sie, die Genre-Phantastik, zumindest die, welche die Auslagen und Büchertische der großen Büchermetzger, die Werbeseiten der Verlagsproskepte dominiert.

  5. Ich kenne das Genre nicht so gut wie du – aber vielleicht nehmen die Kamillentee? Oder ein Copy-and-Paste-Programm?

  6. Obwohl ich einen möglichst weiten Bogen um phantasielose Phantastik macht (die in der Tat die Buchkaufhaus-Auslagen und Verlagsprospekte der Großverlage beherrscht), ist sie das (in Kenntnis des Lebensstils einiger Fantasy-Schreiber) der beste mir bekannte Beleg für die These, dass Drogenkonsum niemanden, der nicht auch ohne Drogen originell schreiben könnte, zu einem originellen Schreiber macht.

    Noch zwei fiktionale Landschaften, die der Wirkung der Droge entsprichen: Speedland, das Land der Aufputschmittel. Oberflächlich, gehetzt, atemlos, dabei enorm ergebnisfixiert. Diese öde Gegend prägt die Schnellschuss-Sachbücher, und weite Teile der Büchkaufhausauslagen-Unhaltungsliteratur.
    Dann gibt es noch eine Gegend, die ich, nach einem prominenten Vertreter dieser Pharmazeutika Prozac-Land nennen würde, womit ich nicht die innere Landschaft eines Depressiven (der vielleicht Antidepressiva nimmt) meine, sondern die jener, die solche Mittel als rosa Brille für die Seele, als Optimismusverstärker und Gedankenwatte nehmen. Die beste Grundlage, um garantiert harmlose, visionsscheue und unoriginelle Literatur zu produzieren.

  7. Redest du von Rosamunde Pilcher?

  8. An sie speziell weniger, weil das im Falle Rosamunde Pilchers wohl in ihrer („ungedopten“) Persönlichkeit liegt. Sie wird als nüchterne Person beschrieben, und bezeichnete sich selbst als „wirklich nicht emotional“: Distanz zur eigenen Gefühlswelt erleichtert es meines Erachtens sehr, Gefühle zu konstruieren.
    Aber die Richtung stimmt schon.

  9. „Kalkuliert“ ist dann vielleicht das richtige Wort – sie weiß, was Frauenherzen wünschen, eiskalt …

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