Stilstand

If your memory serves you well ...

Schreib oder stirb!

Vor zehn oder zwanzig Jahren, als Holzhausen noch boomte, da war für den Medienkonsumenten alles viel einfacher: Die eigene Meinung wurde ihm von seinem Leib- und Magenblatt frühmorgens frei Haus geliefert. Er traf im Laufe des Tages auf Mitbürger, die ähnlich konditioniert worden waren. Denn ein ‚Massenmedium‘ ist – nach Habermas – natürlich immer auch eine Veranstaltung, die Konformität und Gleichförmigkeit von Ansichten bewirkt. Das Phänomen heißt unter Soziologen – positiv gewendet – „gesellschaftlicher Konsens“. Geteilte Grundüberzeugungen wiederum schweißen die Parteien zusammen, sie formen unsere Ideologien und deren Vokabular, sie sind der kommunikative Kitt, an dem sich die soziologischen Gruppen erkennen.

Ohne Nutzung von Massenmedien aber fragmentiert sich die Welt: Abertausende von unterschiedlichen Ansichten sind im Netz zu finden, jeder Paranoiker findet sein Echo, Themen werden nicht länger von anderen vorgekaut, der eine schreibt eben gern dies, der andere über das – und wenn einer aus dieser Myriade von Selbstverlegern tausend Leser und Leserinnen am Tag findet, dann ist das für Web-2.0-Verhältnisse schon viel. Die alte Welt der Publizistik zerfällt in Milliarden Teile, wie ein Spiegel, der auf die Fliesen einer neuen medialen Wirklichkeit gekracht ist.

Schlimmer noch – jeder Leser, dies ist eine weitere gesellschaftliche Forderung der neuen mikromedialen Welt, der muss jetzt zugleich Texter werden. Ob er will oder nicht! Wie anders soll er sonst seine ‚fellow citizens‘ im Netz finden? Wie sonst soll er Teil einer ‚Community‘ werden? Ob Chatten, Simsen oder Twittern, ob Identica oder Facebook – das Gesetz der neuen Medienwelt lautet: Wer schweigt, wer nur liest, der spielt auch keine Rolle mehr. Literarizität – die Fähigkeit sich auch schreibend artikulieren zu können – diese Kunst wird künftig die Eintrittskarte zu lohnenden Netzwerken, damit zu attraktiven Jobangeboten und generell zu den Kommunikationsfeldern der Zukunft. Den anderen, den kommunikativen ‚Minderleistern‘ (Copyright Gruner & Jahr), denen bleibt das Privatfernsehen und eine Existenz als ‚Couch Potato‘ …

Das aber ist noch nicht alles: Es genügt keinesfalls, notdürftig oder ‚irgendwie‘ schreiben zu können – am Ende gar wie ein Journalist, wie ein Beamter, wie ein empörter Lesebriefschreiber oder wie ein Lehrer. Auch sind alle Versuche von Unternehmen sich ‚firmensprachlich‘ und mit ihrem schönsten PR-Schmelz im neuen Netz zu etablieren, an der Hürde der Sprachlichkeit kläglich gescheitert.

Authentizität‘ – so lautet eine weitere Forderung, welche die Öffentlichkeit im neuen Netz gebieterisch stellt: Du sollst unverkennbar und ‚echt‘ sein, du sollst ehrlich und unverstellt reden, so wie der Mensch idealerweise zum Menschen spricht. Zeige dein Ich und finde deinen Stil! Erst wenn du im Netz existiert ‚so bist wie du bist‘, dann akzeptieren dich die Leute, erst dann wirst du ‚Traffic‘ und ‚Fellowship‘ finden. Dummerweise heißt Authentizität wiederum nicht, bloß so daherzuschreiben, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Eher im Gegenteil – Authentizität ist eine Kunst, welche die Fähigkeit erfordert, den Eindruck der Echtheit und Ursprünglichkeit zu vermitteln. Sein und Anspruch klaffen hier weit auseinander.

Das Netz stellt damit höhere Ansprüche an die Schreibkunst, es verlangt Fähigkeiten, die weder in Journalistenschulen noch auf PR-Schmieden gelehrt werden – oder allenfalls in Ansätzen, die sich dann hinter Begriffen wie ‚narrativer Journalismus‘ oder ‚Autorenjournalismus‘ verbergen. Ansprüche, die eigentlich nur dann erfüllt werden, wenn ein Schreiber auch ‚Stil‘ in einem literarischen Sinne besitzt. Er beherrsche die Kunst, so ‚merk-würdig‘ und ‚eigen‘ zu klingen, dass wir ihn uns einprägen …

3 Kommentare

  1. Meine Gedanken dazu wurden dann doch etwas umfänglicher

  2. Donnerwetter! – das nenne ich weit ausgeholt. Ich glaube trotzdem, dass sich durch den Wechsel von den Massenmedien auf die Mikromedien auch an der Kommunikation zwischen den Menschen etwas Einschneidendes ändern wird. Vor allem dürften unseren Führungseliten die Steuerungsprozesse aus dem Ruder laufen. Aber lassen wir uns überraschen …

  3. Ausgangspunkt der Twitter- Diskussion war dieser Tweet. Ich hatte mich an der sehr üblichen Formulierung: ‚relaes‘ Leben gestoßen. Aussage meines Gegenübers war, daß er mit Twitter sozusagen ‚fürs Leben‘ lernt. Ein interessantes Beispiel dafür, daß sich tatsächlich kommunikative Übungsfelder in den digitalen Bereich verlagert haben. An die Stelle der Peer- Group, die früher das Maß der kommunikativen und interaktiven Dinge war, tritt inzwischen zu großen Teilen die sehr heterogene digitale Zone des Web. Eine Entwicklung, die ich als Psychologe nur begrüßen kann.

    Natürlich gibt es im Mikroblogging, wie überall in der Welt, viel weisses Rauschen. Auch Goethe hat mit Sicherheit nicht ausschließlich Druckreifes von sich gegeben.

    Wie sich auch die anarchischen Potentiale über digitale Medien aktivieren, zeigen zwei Dinge: Flash- Mobs (wie z.B. das ‚Erstarren‘ des Alexanderplatzes in Berlin vor einigen Tagen) organisieren sich über Dienste, wie Twitter. Aber auch anderer ziviler Ungehorsam, wie heute Morgen die Warnung vor Zivilkontrolleuren in der Hamburger U- Bahn, laufen über diesen Dienst.

    Da ist also schon eine Bestätigung dafür, daß sich Änderungen etabliert haben, die den Menschen mehr Macht geben. Weiter das Einknicken verschiedener Firmen in letzter Zeit, wenn sich Blogs oder Twitterer zusammentun, um Missstände anzuprangern (Facebook hat seine Bedingungen geändert…).

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