Stilstand

If your memory serves you well ...

Schnutinger geht offline

Ich muss voranschicken, dass ich die Ankündigung Schnutingers richtig traurig finde. Ich mochte sie und ich mochte ihren Blog, obwohl ich den Erstklässleraufsatz im Fach Public Relations, den sie jetzt für die Firma Vodafone schrieb, selten dämlich fand – vor allem den letzten Absatz. Als dann noch ix’ens und Jakubetz‘ Kommentare eintrafen, da hat sie, glaube ich, die bereits blank liegenden Nerven vollends verloren.

Sie muss sich vorgekommen sein, als hätte sie den Finger in ein Piranha-Becken gesteckt, weil in Blogville derzeit alles so sehr gegen Vodafone gebürstet ist, dass die versammelten Telebabbler von der Firma Communication Breakdown Creatives in absehbarer Zeit und im Raum der ‚Social Media‘ wohl keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen werden. Frau Schnutinger muss das jetzt leider ausbaden. Hoffentlich legt sich die Migräne wieder … und wenn die bekloppte Vodafone-Aktion zu irgendetwas führen könnte, dann wohl dazu, dass in Zukunft jeder Blogger es sich tausendmal überlegen wird, ob er nochmals einen Vertrag mit der Industrie macht, jedenfalls dann, wenn dort erneut solch ahnungslose Werber und Öchsperten die Zügel führen dürfen.

Viel interessanter als diesen Abgang finde ich allerdings die Treffsicherheit, mit der jene Leute, die im Vodafone-Blog den Beitrag in Grund und Boden kommentierten, herauszuhören vermochten, welche Beiträge dort ‚Dienstleistungen‘ oder ‚Fakes‘ waren. Das war ‚Cluetrain‘ live. Echte Supporter der Frau Schnutinger gab es dagegen kaum – ein Faktum, das zu Schnutingers Verzweiflung mit beigetragen haben dürfte. Mit untrüglicher Sicherheit jedenfalls erkannten die Leser des Vodafone-Blogs den typischen ‚Public-Relations-Sound‘, eine Übung, die manchen Etat-Verantwortlichen in den Agenturen verzweifeln lassen dürfte, weil er das eben nicht hört, und weil er auch nicht versteht, wieso das jemand hört. Vor allem, wenn er über der Möglichkeit grübelt, im Sozialraum des Web 2.0 künftig profitable Kampagnen zu fahren, während seine rundgelutschten ‚Messages‘ immer nur blanke Aggressionen auslösen.

Die ganze Blogosphäre ist für Hellhörige – und solche die dies werden wollen – eine einzige große Sprachschule. Und die neue Regel für das Himbeertoni-Gewerbe – hier als Litotes gefasst – scheint je länger, je mehr zu lauten: ‚Public Relations können einfach nicht so formulieren, dass sie nicht wie Public Relations klingen‚. Positiv formuliert: ‚Und ewig sülzt uns das Gesülze‚. Hier einige Beispiele für dieses Faktum aus den Euphemismus-Kommentaren im genannten Beitrag des Vodafone-Blogs:

1. „Das Internet ermöglicht mir, mich selbst zu verwirklichen und meine Wünsche in realisierbare Konzepte zu übersetzen – gemeinsam mit anderen. So bilden wir eine starke Gemeinschaft. Wir sind sympathisch und doch intelligent. Das HTC Magic mit Internetanschluss werde ich sicher einmal ausprobieren. Es ist sehr praktisch und genau auf meine Bedürfnisse zugeschnitten.“ (Prinzip Etiketten-Schwindel: Ich klebe auf die soziale Botschaft einfach das gewünschte und vorformulierte Produkt-Label drauf, das die Marketing-Abteilung in 30 Meetings maßgeschneidert hat. Dazu dies Erstaunen, dass man ’sympathisch und doch intelligent‘ sein kann, das kennt man in der Szene, wo diese Sprachwurst herkommt, wohl gar nicht. Weitere No-Go-Keywords: ’sich selbst verwirklichen‘ (mit einem Handy?), ‚Wünsche in realisierbare Konzepte umsetzen‘ (kommt in der Realität doch nur in ‚Meetings‘ vor, der Rest ‚will das jetzt haben‘), ‚genau zugeschnitten‘ (oh du plumpes Marketing, ich höre deine Schneiderschere klappern)) …

2. „Mit großem Interesse habe ich Deinen starken Blogartikel gelesen. Das erwähnte Telefon könnte mir gefallen! Es ist gut, wenn Telefone nur eine Taste haben. Zusammen mit den attraktiven Datentarifen der Firma Vodafone könnte ich so auch mobil Internetauftritte ansurfen. Bilder von meiner Lebensgefährtin und mir zu dem Dienstleister Flickr uploaden zum Beispiel. Ich finde Vodafone richtig super und viel besser als die Deutsche Telekom. Hab mal online die Preise und das Leistungsspektrum verglichen.“ (Prinzip ‚Mit der Tür ins Haus – oder: Mama, hilf, der Vorwerck-Vertreter packt die Prospekte aus!) … So ironisch kann ich jedenfalls gar nicht sein, wie dieser Text ganz naturwüchsig und unbeabsichtigt schon daherkommt.

Den Rest möge sich jeder selbst durchlesen. Es ist gerade dieser Schlips-Geraderücker-Stil, das Betont-Freundliche, dieses Seriositätsgesäusel samt bemühtem Herabneigen zum Leser, was solche Leute im Netz so lächerlich macht. Hej, schreibt doch lieber, dass ihr es saumäßig unfair findet, wie die Schnutinger, euer kommerzieller Werbeträger, hier angegangen wird, bloß wegen solch ein bisschen Product Placement. Damit könnte man sich dann auseinandersetzen. Erste Selbstkritik gibt es auch in der Hardcore-Blogger-Szene schon – denn dass die Schnutinger ‚black‘ geht, das hat wohl niemand so recht gewollt. Auch wenn einige cool tun.

Schreibt also so, dass eure wahren Gefühle durchscheinen, die dann allerdings auch nicht aus Plastik sein dürfen. Sonst kriegt ihr wieder was vor den Koffer. Ach so – so etwas habt ihr in der Werbung gar nicht mehr? Ja, denn. Entschuldigung: Das wusste ich gar nicht …


8 Kommentare

  1. Eigentlich ist es sehr beruhigend, wie deutlich die Sprache stets die wahre Absicht offenbart. Wenn der einzige Antrieb ist, irgendwas anzupreisen, weil irgendjemand das so wollte, klingt es eben auch so.

  2. Die Sprache ist eine Festung, die ’sie‘ nur erobern können, um den Preis, notgedrungen dabei ehrlich werden zu müssen … Dann wäre alles wiederum völlig okay. Ihr Verbrechen ist die Lüge, nicht das Verkaufenwollen …

  3. internetcommunitybenutzer

    22. Juli 2009 at 1:26

    Also ich finde Ihren Blogartikel sehr interssant, hervorragend geschrieben und fundiert recherchiert. Mit Ihrer Meinung kann ich mich überaus gut identifizieren, was zeigt wie individuell man sein kann – und dabei mit Spass erfolgreich!
    Um wirklich ganz vorn mitreden zu können bedarf es unbedingt des stilstand, das zeigen Sie mir immer wieder aufs Neue.

    Herzlichen Dank dafür!

  4. Wenn „sie“ etwas hätten, das zu kaufen sich lohnte, bedürfte es der Lüge nicht.

  5. Marketingsprech entzaubert sich deshalb, weil das Produkt spricht und nicht der Sprechende. Emotionsfrei und blutarm.

  6. Für mich wäre nur eine Frage zu klären: Hat Frau Schnutinger tatsächlich diesen Blogeintrag bei Vodafone geschrieben, in dem dieses Vodafone/HTC Telefon so subtil viral-reklamig gelobt wird? Wenn ja, finde ich es gut, wenn sie Kloppe bekommt.

    Aber sollte nicht erstmal die Unschuldsvermutung gelten?

    Andererseits hat sie ja nun genug Zeit gehabt, die Dinge gegebenenfalls richtig zu stellen und sich entschieden, lieber die beleidigte Leberwurst zu spielen.

  7. Welche Unschuldsvermutung? Zum einen ist die ein juristischer Begriff, keiner der Moraltheologie oder Ethik, noch weniger des täglichen Umgangs. Außerdem steht ganz klar ihr Name als Verfasserin am Eintrag – Klarname, bekanntes Pseudonym. Sogar ein Bild ist da.

    Der eigentliche Flop aber nicht, dass einige mehr oder weniger bekannte Autoren aus dem Indernett ihre eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt haben, sondern wie Wodavon jetzt ein prominentes Gesicht des Web 2.x verliert. Ausgerechnet eines jener Gesichter, das dafür werben sollte jetzt in eben dieses Mitmach-Web einzusteigen.

    Herzlichen Glückwunsch!

  8. Als ich vor Jahren bei so einer Werbebutze anfing, musste ich mir sehr schnell eine „Überlebensphilosophie“ zurecht legen, sonst hätte ich schon nach zwei Monaten den Dienst quittiert.

    Ich habe mir also tatsächlich eingeredet, dass ich den Schwachsinn, den es täglich in PM und PR-Artikelchen zu verbreiten galt, mit meinem eigenen Erleben verbinden kann – so in etwa wie:
    „Die Sprache ist eine Festung, die ’sie’ nur erobern können, um den Preis, notgedrungen dabei ehrlich werden zu müssen … Dann wäre alles wiederum völlig okay. Ihr Verbrechen ist die Lüge, nicht das Verkaufenwollen …“

    Es hat bei mir nicht funktioniert! Warum?

    Weil verkaufen müssen (!) immer mit Lügen (zumindest sich selbst belügen) einhergeht.

    Die Zeiten haben sich geändert, scheint es, heut ist bei Werbern und Konsumenten schlichtweg alles scheißegal.

1 Pingback

  1. AxeAge

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