Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlechtes Handwerk

Alle Feuilletons rühmen die Donna Tartt und ihr neues Buch ‚Der Distelfink‘ – als „ein Meisterwerk“ (FAZ) oder als „grandiosen Roman“ (SZ). Auch ich fiel mal wieder auf das allgemeine Ballyhoo herein, kaufte mir den Wälzer und steckte meine Nase erwartungsfroh hinein – wegen ‚Nachfolge Dickens‘ und all der anderen Versprechungen, die man mir machte. Auf der Seite 16 las ich dann:

„Es passierte in New York, am zehnten April, vor vierzehn Jahren. (Sogar meine Hand sperrt sich gegen das Datum. Beim Schreiben musste ich Druck ausüben, nur damit der Stift sich weiter über das Papier bewegte. Es war immer ein völlig normaler Tag, aber jetzt ragte er aus dem Kalender wie ein rostiger Nagel.)“

Nun ja, dachte ich zunächst, das Buch spiele vermutlich zu einer Zeit, wo der Mensch seine Gedanken noch mit der Hand aufs Papier zu kritzeln pflegte. Frühes 19. Jahrhundert vielleicht. Doch weit gefehlt – drei Seiten weiter hieß es, bezugnehmend auf jene Zeit ‚vor vierzehn Jahren‘:

„In der Nacht zuvor war [meine Mutter] bis halb drei auf gewesen; sie hatte mit angespanntem Gesicht im Schein des Computerbildschirms gesessen, E-Mails geschrieben und versucht, für ihren arbeitsfreien Vormittag im Büro Klarschiff zu machen.“

Was ist jetzt das? Mitten im Online-Zeitalter versucht mir eine Autorin weis zu machen, dass ihr Held, der irgendwie ja seine fünf Sinne noch auf der Reihe haben soll, dass der 1.022 Seiten mit dem Stift „aufs Papier bringt“ (S. 22). An der Übersetzung kann’s ja wohl kaum gelegen haben, auch der preiswerteste Übersetzer sollte zwischen ‚pen‘, ‚keyboard‘ oder ‚typewriter‘ unterscheiden können.

Dieses erste Stutzen meinerseits schärfte meine Aufmerksamkeit für weitere Stolpersteine. Prompt erschien mir der Folgetext zunehmend unwahrscheinlich. Zum Beispiel, dass dem Erzähler ausgerechnet jenes kleine Bild im Chaos einer Explosion unversehrt in die Finger fällt, über das er zuletzt mit seiner Mutter noch so gelehrt philosophiert hatte (im holden Alter von dreizehn Jahren immerhin). Während derweil schon das ‚kleine rothaarige Mädchen‘ um ihn herum hoppelte, vermutlich ja eine Reminiszenz an Snoopy und seine Gesellen.

Danach kam mir alles nur noch blöd vor, bildungsverkitscht und zahnwaltsgattinnenhaft. Was bspw. ist das denn für eine Beschreibung, die mir ein frisch explodiertes Chaos illustrieren soll:

„Die Neigung des Raumes, in dem ich mich befand, fühlte sich zutiefst und von Grund auf falsch an. Auf einer Seite hingen Staub und Rauch wie ein stiller, undurchsichtiger Schleier. Auf der anderen kam ein Haufen von zerbrochenem Material in steilem Durcheinander von oben herab, wo das Dach oder die Decke hätte sein müssen.“ (S. 48)

Vorstellungskraft hilf! Ich mag bei solchen Passagen nicht immer alles auf die Übersetzer schieben. Das ist von Seiten der Autorin einfach unfähig – wo ‚Haufen von Material von oben auf mich herab‘ rutschen, fallen, stürzen – nein, ‚kommen‘ – da springe ich – also mein Alter Ego, der ‚Held‘ – doch subito in Deckung. Bei Donna Tartt aber beschäftigt der träge Fant sich mit seinem Kiefer, der ihm ‚weh tut‘. Woher ferner will er da schon wissen, dass er ‚Platzwunden im Gesicht‘ hat, wo doch weit und breit kein heiler Spiegel mehr übrig ist?

Kurzum: Man fragt sich, was Donna Tartt diese zehn Jahre getrieben hat … ich jedenfalls zurrte mein Lesebändchen auf der Seite 50 fest, und gab diese ärgerliche Lektüre als vollkommen entbehrlich auf.

2 Kommentare

  1. Öhhmm… das ist dann wohl das, was man einen Verriß nennt. Ich selber falle ja auch gerne herein, nur hätte mich der Satz »… als er seine Mutter bei einem Bombenanschlag im New Yorker Metropolitan Museum verliert.« in der FAZ-Besprechung abgeschreckt. Irgendwie ist das keine standesgemäße Todesart für einen Roman.

  2. an der stelle ist es natürlich praktisch, weil zeitsparend, wenn man sich erst gar nicht der „bildung“ hingibt und das vergnügen vorzieht – matt ruff’s „mirage“ (mit einem israel, daß an die nordsee, an den main und rhein grenzt, dem terroranschlag christlicher fundamentalisten auf das welthandelszentrum in bagdad am 11.9.2001 und der „christian intelligence agency“ die versucht, die arabischen invasoren aus den rocky mountains zu vertreiben) jedenfalls ist ein solches.

    aber auf mich hört ja keiner 😉

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