Stilstand

If your memory serves you well ...

Scheiß auf Moral!

Das schreibe jetzt nicht ich, das schreibt die Cora Stephan in ihrem Neuesten, wo sie uns den Liberalismus auf diese Position reduziert: Gerecht sei nur, was in Gesetzen von strammliberaler Geisteshaltung stehe, und wer moralisches Handeln von geborenen Unmoralisten fordere, also von den wahrhaft aufgeklärten, erfolgreichen und somit immer auch wohlhabenden Menschen, der schaffe nur ein diätetisches Zwangskorsett, das dann sogar anständige Leute wie den Depardieu nach Belgien treibe. *snief!*

Im Grunde ist diese verlogene Argumentation nicht sonderlich originell, unsere schwarzgilbe Cora wandelt ja nur auf Sloterdijks Spuren: Aller Sozialstaat müsse Wohltat und Almosen sein, sonst ruhe kein Segen und kein Reichtum darauf. Die Crux ist bloß: Ich kenne hierzulande gar keine Wohltäter, die voluntaristisch einen Sozialstaat stemmen würden, vor allem wenn sie fern jeder Moral unter Palmen wandeln dürfen, wie es dieser Liberalismus angeblich von ihnen verlangt. Und wenn schon die Prämissen nicht stimmen … nun ja, das aber fiele dann ins Gebiet der Logik, es sei daher einer Stephan fern. Vermutlich hat diese ehemalige Pflasterstrand-Autorin ihren Mors längst an der Heizung, während unter ihr die beliebte ‚Achse des Guten‘ sie sachte in den Schlummer quietscht …

Allen anderen ein frohes neues Jahr!

6 Kommentare

  1. Mich ärgert zunehmend, dass die selbst ernannten Propheten des angeblichen Liberalismus weder sonderlich liberal eingestellt sind, noch wenigstens mal die Hauptwerke des Liberalismus gelesen haben. Ich erwarte schon seit Schulzeiten nicht mehr, dass sich Menschen mit historischen Abläufen und zeitgenössischen gesellschaftlichen zuständen beschäftigen.

    Einer der Begründer des Liberalismus, Adam Smith, sah sich selbst als Moralphilosophen.; für ihn war sein wichtigstes Werk The Theory of Moral Sentiments, in dem er sich deutlich gegen eine, sagen wir ‚Kosten-Nutzen-Moral‘ aussprach [m.E. ebenso in Wealth of Nations]. Nicht einmal die Ideen der Utilitaristen späterer Generationen sind mit den groben, … Pseudokonzepten der neofeudalistischen Neo“liberalen“ in Einklang zu bringen.

    Na ja, wir leben allerdings auch in einer Welt, in der Henryk Broder als angesehener Kolumnist beleidigt werden darf .

  2. Ja, richtig, sie basteln sich einen Popanz, den malen sie lustig bunt an, und nennen ihn Löberalismos. Mit einem historischen Liberalismus hat ihr Wunschkonzert nach der Melodie ‚Es-ist-wahrhaft-liberal-wenn-ich-für-keinen-Sozialstaat-zahl‘ so gut wie nichts zu tun. Dazu muss man noch nicht einmal Adam Smith rezipiert haben, es würde auch der Fritze Naumann genügen, nach dem die FDP ja immerhin ihre Stiftung benannt hat. Aber nee, sie holen sich immer diese obskuren Österreicher namens Mises oder Hayek aus der Rappelkiste, die sogar das staatliche Bildungsystem schleifen wollten, vermutlich weil deren Namen im BWL-Studium für den ‚Radical Chic‘ sorgten, als wenn wir hierzulande an dem ersten Österreicher nicht schon genug gehabt hätten …

    Zur Illustration des ‚liberalen Charakters‘ dieser Zwergwuchsökonomen, die – wiewohl jüdischer Abstammung – den Faschisten die Stiefel leckten: „Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat.“ (Ludwig von Mises) Ein Jude, der Auschwitz gutheißt, nur damit es nicht zu Kolchosen kommt, der geht mir intellektuell auf den Senkel …

  3. Vielleicht sollte man zwei Dinge geraderücken: Erstens sagt Mises im selben Atemzug:

    „Die große Gefahr, die von Seite des Faszismus in der Innenpolitik droht, liegt in dem ihn erfüllenden Glauben an die durchschlagende Wirkung der Gewalt“ . . . „Das ist der Grundfehler, an dem der Faszismus krankt und an dem er schließlich zugrundegehen wird“ … „Daß er außenpolitisch durch das Bekenntnis zum Gewaltprinzip im Verhältnis von Volk zu Volk eine endlose Reihe von Kriegen hervorrufen muß, die die ganze moderne Gesittung vernichten müssen, bedarf keiner weiteren Ausführung“.

    Und zweitens sind beide Zitate von 1927, als die kommunistische Herrschaft schon weit ausgebaut war und Millionen Opfer gefordert hatte. Der Faschismus steckte zu diesem Zeitpunkt eher noch in den Kinderschuhen (Mussolini kam 1922 an die Macht und wurde ab 1925 zum Diktator). Hitlers »Mein Kampf« entfaltete seine Wirkung bis Ende der 1920er Jahre, die Machtergreifung war 1933. Auschwitz war jedenfalls 1927 in keiner Weise absehbar.

    Bei aller berechtigten Kritik an den Auswüchsen der Marktwirtschaft: Differenzierung ist notwendig. Es gibt genug Popanzen auf der Welt, da müsst Ihr Euch nicht auch noch eine Sockenpuppe mit dem Namen »Liberalismus« nähen, nur um besser darauf eindreschen zu können.

    Zwischen den lächerlichen Steuern, die Facebook, Google & Co. in Europa bezahlen, und dem Spitzensteuersatz von 75 Prozent, den die Linken in Frankreich durchgesetzt haben, liegen Welten. Ein gesundes Maß der Vernunft ist notwendig.

    Die beiden Extreme (Gewinnmaximierung um jeden Preis auf der einen Seite, faktische Enteignung auf der anderen Seite) werden immer direkt ins Elend führen.

  4. Ich unterscheide ja auch zwischen ‚Liberalismus‘ und dem, was ich hier ‚Löberalismos‘ nannte, manchmal nenne ich’s sogar ‚Laberalismus‘. Eine durchaus existente Form einer historisch unbeleckten Ideologie, wie sie bei uns besonders in der ‚Welt‘ gedeiht …

    Konsequent antisemitisch war Hitlers Bürgerwehr übrigens auch schon zu Zeiten des Bürgerbräuputsches (1923). Als Jude muss man dem GröFaZ als damaligem Jung-Siegfried der Völkischen da doch nicht zwingend so zujubeln? Selbst wenn man nur einen ‚Faschismus minus Gewalt‘ für erstrebenswert hält, dann akzeptiert man schließlich trotzdem und immer noch das ganze faschistische Brimborium vom Ein-Parteien-Staat über das Führerprinzip bis hin zur gelenkten Wirtschaft. Was daran auch nur ansatzweise ‚liberal‘ sein sollte, erschließt sich mir nicht. 1927 übrigens hatten die ’stalinistischen Säuberungen‘ (ab Beginn der 30er Jahre) – wie auch der Massenmord an den Kulaken (ab 1929) – noch nicht eingesetzt. Zu dem Zeitpunkt konnten sich ‚Rote‘ und ‚Weiße‘ (also die Truppen ‚beauftragt vom Liberalismus‘) im russischen Bürgerkrieg beim Abschlachten wechselseitig noch nichts vorwerfen, Schweine hier, Schweine da, beides schwere Gewalttäter (lies mal ‚weißerseits‘ E.V.Salomon: ‚Die Geächteten‘ oder Arnolt Bronnen: ‚O.S.‘). Mises jedenfalls und Liberalismus in einem Atemzug zu nennen, das scheint mir nichts als ein großes Missverständnis zu sein. Den Mann als ökonomischen Genius zu verehren, auch … da bin ich eher bereit, einem Ezra Pound zu verzeihen.

    Facebook bezahlt übrigens auch in den USA nur ‚lächerliche Steuern‘. Steuersitz sollte prinzipiell immer der Ort sein, wo die Produktivität erfolgt, bilanztechnisch muss deshalb massive ’staatliche Regulation‘ her mit deftigen Strafen bei Zuwiderhandlung – bis hin zum Ausschluss vom Markt, der ökonomischen Höchststrafe. Das widerspricht allerdings der ‚Freiheit‘, so wie sie Niebel & Co. verstehen …

  5. Zur Verdeutlichung dessen, was hier oben nur angeschnitten wird: Facebook hat dieses Jahr 0.3% Steuern bezahlt. (bei fefe findet man den Link)

  6. Wie schon mal gesagt (nämlich hier http://www.stilstand.de/das-gegenteil-von-links/comment-page-1/#comment-5162) Liberalismus ist ein relativ schwammiger Begriff. Es gibt da ein lustiges Buch „Freiheit als Privileg – Eine Gegengeschichte des Liberalismus“ von Domenico Losurdo. Da steht so grob vereinfacht drin, dass Liberalismus nicht Anti-Etatismus ist sondern eine Herrenmenschen-Eigentümer-Ideologie.
    Und wie jede gute Herrschaftsideologie unterscheidet die je nach Opportunität, d.h. liberale Positionen alternieren zwischen „freiem Markt“ und offenem Fachismus je nach Sachlage. Fachismus jetzt im Sinne von Krieg gegen die Armen und Freiheit, wenn es darum geht was Eigentümer so mit ihrem Eigentum dürfen.
    In der liberalen Tradition hat man sowohl einen Locke, der die Sklaverei legitimiert als auch einen Smith, der gegen die Sklaverei ist.
    Verwirrung über den Begriff stellt sich, glaub ich, nur ein, wenn man Liberalismus mit Anti-Etatismus verwechselt oder die Liberale Freiheit irgendwie falsch versteht z.B. dass es im Liberalismus darum geht die Möglichkeiten möglichst vieler zu steigern.
    Da ist kein Widerspruch zum traditionellen Liberalismus, wenn die Chicagoer Boys in Chile Terror gegen die Subalternen veranstalten, in den Kolonien der „Länder der Freiheit“ lief das 100 Jahre früher nicht anders.
    Als dann zur Französischen Revolution irgendwelche Typen Gleichheit forderten also mit am Wohlstand beteiligt zu werden im grossen Stil, das war dann falsch verstandene Freiheit.
    Von daher Liberalismus ist nicht Anti-Etatismus sondern Ordnungsstaat ist schon okay. Irgendwer muss ja die Eigentumsordnung stabilisieren und durchsetzten. Aber Sozialstaat ist die Hölle. Der etatistische Antagonist des Liberalismus ist halt Sozialdemokratie (bzw. Sozialismus).
    Es gibt zwar Unterschiede von damals und heute, aber das Spiel ist immer noch dasselbe, soll heissen den Liberalismus heute kann man immer noch Liberalismus nennen.

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