Stilstand

If your memory serves you well ...

Rübenschnaps und Fisimatenten

Eine Rethemer Mordsgeschichte

Dieser Text erschien justamäng in der ‚Walsroder Zeitung‘, um das Sommerloch zu überbrücken. Die Personen sind frei erfunden, die Sachverhalte nicht.

Schlechte Wege durch die Heide

Wer sollte heute noch Interesse daran haben, einen Mord aufzuklären, der mehr als zweihundert Jahre zurückliegt? Und war es überhaupt eine solche Untat? Lange zögerte ich, ob ich mir überhaupt die Mühe machen sollte, jenes Geschehen zu Papier zu bringen, das sich im Jahr 1811 in unserer ebenso unbedeutenden wie weltabgeschiedenen Stadt Rethem zugetragen hat.

Zweihundert Jahre sind vergangen, zweihundert Jahre lang floss die Aller still an Rethem vorbei. Im Winter trat sie meilenweit über die Ufer, in so manchem Sommer konnte jedes Kleinkind sie durchwaten. Viel Schlamm hat sich dadurch an ihren Ufern abgesetzt. Und wer dort gräbt, wo er steht, der findet darin auch unerwartete Schätze, die des Erzählens wert sind.

Das Opfer – also jenes Opfer damals – hieß Jacques Turlot. Sein Mörder genoss in Rethem lange stillen Nachruhm, viele Jahre lang. Denn die Franzosen waren zu jener Zeit bei der männlichen Einwohnerschaft ungefähr so beliebt wie Zecken auf einer Sommerwiese. Trotz ihres Voltaire, trotz all der Aufklärung und der importierten Zivilisation.

Zu jener Zeit trennte die Brücke über die Aller eine Republik von einer Monarchie: Nördlich begann die République Francaise, genauer gesagt, das ‚Département des Bouches du Weser‘, das weiter im Osten wiederum mit der Böhme abschloss, von wo aus die Grenze dem Nordufer der Aller folgte, bis sie bei Rethem abzweigte und an der Weser entlang noch ein Stück südlich bis nach Nienburg verlief. Der zuständige Präfekt saß in Bremen, sofern er sich nicht gerade einen Urlaub in Paris, der Welthauptstadt der Künste, der Mode und der Liebe gönnte. Ganz Rethem war also Teil einer Republik, und wurde vom Canton Nienburg aus mitverwaltet.

Einige Meilen weit vom südöstlichen Stadtrand Rethems entfernt begann dann das Königreich Westfalen, das von Napoleons Bruder, dem König Jérome, regiert wurde, ‚Bruder Lustick‘ genannt wegen all der endlosen Bälle und Orgien, welche seine Kasseler Residenz zunehmend in ein Bordell verwandelten.

Ob nun République Francaise oder Royaume de Westphalie – für die hochnäsigen Regierenden beider Seiten war Rethem nichts als ein Stück Steinzeit, ein Ort, den jeder zivilisierte Bonvivant tunlichst mied. Trotzdem war es nicht möglich, die Stadt gar nicht erst zu ignorieren. Dummerweise nämlich gab es einen florierenden Schmuggel entlang der Aller. Am Nordufer herrschte die Kontinentalsperre, jenseits von Rethem begann der halbwegs freie Warenverkehr.

Unerzogene Barbaren und Bauerntölpel waren die Rethemer in den Augen der meisten Besatzer, andererseits waren jene auch nicht blöd. Und sie alle – ob nun Franzosen oder Heidjer – wussten blankglänzende Goldstücke zu schätzen. Die Stadt profitierte erheblich von englischen Kolonialwaren, die sich auf Schleichwegen ihren Weg gen Süden zu bahnen wussten – welterfahrene Säcke, prall gefüllt mit Pfeffer und Nelken, strohgepolsterte Kisten mit jamaikanischem Rum, Fässchen voll weißem Wal-Tran für die blakenden Lampen.

Auf all diesen Kolonialwaren lastete haushoch eine Akzise, die Napoleon unerbittlich eintrieb, um seine Kriege zu finanzieren. Das Umgehen dieser Steuer wurde zum Kern eines Geschäftes, das viele Rethemer betrieben. Unter ihnen auch Johann Steenken, der älteste Sohn einer Hutmacherfamilie, und damit eigentlich ein geborener Nachfolger für die älteste Zunft der Stadt. Denn der Sohn wurde damals in der Regel das, was auch der Vater war. Jeder Lebenslauf war prinzipiell vorsehbar, bis die Franzosen mit ihrem Code Civil daherkamen, der das Zunftwesen einfach abschaffte und durch das Prinzip der freien Berufswahl ersetzte.

Die männliche Jugend Rethems lebte im Jahr 1811 in ständiger Angst. Wie Geier zogen erneut Requirierungstrupps der Franzosen durch alle Dörfer und Weiler, um kräftige Männer für den bevorstehenden Russlandfeldzug des Kaisers zu ‚werben‘. Freiwillige waren naturgemäß dünn gesät. Die Opfer wurden daher erst betrunken gemacht, oder schlicht ohnmächtig geprügelt, um ihnen dann ein Goldstück in die Tasche zu schieben, zum Zeichen einer ‚eingegangenen Verpflichtung‘. Schwer bewacht ging’s danach ab in ein Sammellager, wo diesen Dorftrotteln – „ces crétins du village“ – erst einmal ‚Discipline‘ beigebimst wurde. Auch das Wort Disziplin war für Rethem eine neue Vokabel, eng verbunden mit dieser Franzosenzeit.

Als das Gerücht von einem französischen Menschenfängertrupp sich verbreitete, der aus Nienburg über Eystrup heranrücke, floh Jan Steenken mit seiner kleinen Schmugglerbande tief hinein in die Wälder, die sich noch ohne Weg und Steg an den Rändern der Allermarsch meilenweit erstreckten.

Diese Flucht war durchaus verständlich. Niemand hatte Lust, sich für den verhassten Empéreur zum Krüppel schießen zu lassen. In den Augen des welschen Herrschers aber wurden sie damit zu einer jener ‚Räuberbanden‘, von denen alle deutschen Distrikte und Kantone damals wimmelten. ‚Sans pitié‘ – ‚ohne Erbarmen‘ – galt es, diese Rotten aus Deserteuren zu vernichten.

Jacques Turlot war jener Mann, der einheimische Flüchtlinge an der Aller aufspürte. Er war Sergeant der französischen Linienkavallerie und wurde als Veteran – noch so ein Wort aus der Franzosenzeit – zur Gendarmerie abkommandiert. In Reims ließ er eine Frau und zwei Kinder zurück. Über deren Abwesenheit tröstete er sich mit viel ‚visite ma tente‘ hinweg – oder niederdeutsch mit ‚Fisimatenten‘. Kurzum, er war ein Schwerenöter mit einem beeindruckenden Moustache, der damals zur ‚Umvolkung‘ der deutschen Nation erheblich beitrug.

Wir dürfen nicht vergessen, dass das ‚Parlewuh‘ und der zivilisierte Charme der französischen Besatzer manchen deutschen Maiden ausnehmend gut gefiel, vor allem dann, wenn der eigentliche Ernährer tief versteckt in den germanischen Wäldern hauste, während es abends unter dem Federbett doch arg kalt und einsam wurde.

„Wo iescht ihrä Sohn?“ Der kleine Trupp war jetzt vor dem reetgedeckten Haus an der Hainholzer Straße abgesessen. Jacques Turlot hatte sich den alten Wilhelm Steenken zur Brust genommen. „Tscha, dat weet ik doch ook nüch!“ An seiner langen Schürze wischte sich der Hutmachermeister die schwarzen Filzreste von den Händen.

„Comment?“ Turlot sprach zwar einigermaßen Deutsch, hatte aber mit dem einheimischen Dialekt große Schwierigkeiten.

Hinter dem Haus ertönte derweil wildes Geschnatter und grelles Frauengeschrei. Drei der Dragoner kehrten aus der dunklen Einfahrt zurück, mit zwei Gänsen unter dem Arm und einer Mettwurst in der Hand. „Saubande!“, murmelte Steenken. Als vorsichtiger Mensch blickte er aber dabei auf die drei Schweine, die sich grunzend im Schlamm von Rethems Straßen suhlten. „Abben Sie was gesagt?“, fragte Turlot.

„Wohl bekomm’s – und lang lebe der Kaiser“, antwortete Steenken, der aus trauriger Erfahrung wusste, dass jede Widerrede gegen das selbstherrliche Auftreten und das ewige Plündern der Franzosen zwecklos war. Wer aufmuckte, lief Gefahr, vor einer Hauswand in einer Füsilade zu enden.

„Vive l’Empereur“, antwortete pflichtschuldigst Turlot und legte dabei die Hand an den Tschako: „Abbär wo iescht nu ihre Sohn?“

„Vielleicht angelt er, vielleicht besucht er seine Oma in Walsrode – ik weet dat doch ooch nüch. Dej dschungen Kierls seggt eenem joa rein goar nüscht mehr!“ Steenken breitete seufzend und gottergeben die Hände aus.

Auf einen Wink Turlots hin stürmten jetzt zwei der Kavalleristen das Haus. Sie rissen die Schranktüren auf, stachen mit Bajonetten in die Matratzen, alles untermalt vom Gezeter und Gekreisch von Herta Steenken, deren derbe Wortwahl sich weiter und weiter von jeder zivilisierten Ausdrucksweise entfernte. Mit leeren Händen kehrte der Suchtrupp nach zwanzig Minuten zurück. „Rien du tout“, meldete der Ältere von beiden.

„Alors, cherchons là bas!“ Jacques Turlot zeigte in Richtung der Straße nach Ahlden. Er beugte sich aus dem Sattel zu Steenken hinab: „Ihr Sohn soll siesch stellen, odär …“. Vielsagend malte der Zeigefinger des Sergeanten eine Schlinge um seinen gebräunten Hals. Dann setzte sich der Trupp nach Osten in Trab.

Die Straßen in der Heide zu jener Zeit darf man sich nicht als gepflasterte Chausseen vorstellen, ja, es waren nicht einmal Feldwege. Allenfalls vor den besseren Hauseingängen gab es eine Pflasterung aus rotem Backstein, was die Hausfrau erfreute, weil der Dreck dann nicht mehr fingerdick in die Stuben getragen wurde.

Die gesamte Heide aber war eine Landschaft ohne größere Steinvorkommen, also gab es auch kaum befestigte Wege. Bereits vor der Franzosenzeit hatte der Kurfürst von Lüneburg und Hannover sogar ein Gesetz erlassen: Auf allen Wegen durften Reisende die Fahrspur des Vorgängers nicht noch tiefer auswalzen, mit dem Effekt, dass die Wege immer breiter wurden. Trotzdem versanken die Pfade ständig im Morast oder im weichen Sand, woraufhin die Bauern endlose Ketten von Beschwerden einreichten, da der Verkehr ersatzweise einfach den Weg über ihre Wiesen und Äcker wählte. Noch im Jahr 1812 gab es zwischen Hannover, Celle und Hamburg nicht eine einzige befestigte Straße.

Deshalb galt im ganzen Land auch ein Verbot, Findlinge auszuführen. Was auf uns im Nachhinein ein wenig lächerlich wirkt, weil jeder mit einem Findling beladene Wagen sofort bis über die Achsen im Treibsand versunken wäre. Per Dekret zog die Obrigkeit die Landbevölkerung zum vaterländischen Steineklopfen heran. Sie musste im Frondienst überall Findlinge in straßentaugliche Brocken verwandeln. Diese Steine wurden in besonders morastige Fahrspuren geworfen und mit Sand überschüttet. An einigen Orten kam auch Kies und Schotter aus den Flussbetten zum Einsatz.

Bezeichnenderweise waren es die französischen Besatzer, die als erste den Damm hinter der Allerbrücke bis zur Höhe der heutigen Rethemer Fähre pflasterten. Eben deshalb, weil für sie dieser Flussübergang strategisch so bedeutsam war. Die Zahl der Unfälle auf dem ‚Düwelsdamm‘ sank in der Folge erheblich.

Der kleine Trupp des Sergeant Jacques Turlot kroch also im Schritttempo und im Gänsemarsch an den Rändern unbefestigter Fahrspuren entlang. Immerhin war es inzwischen Mai geworden, der Weg war halbwegs trocken. Linkerhand lag grün die Allermarsch, von gelben Reetstreifen unterteilt, rechts begann der große Bruch, eine nahezu undurchdringliche Wald- und Moorlandschaft, die sich über Meilen und Meilen unbewohnt erstreckte.

In ihr hatten sich Johann Steenken, Fritz Sonneborn, Karsten Ubbelohde und Willem Wagner Erdhütten errichtet, tiefe Löcher im sandigen Waldboden, abgedeckt mit zusammengebundenen Fichtenzweigen. An jedem zweiten Tag stakte ein Floß aus Rethem den kleinen Bach namens Alpe hinauf, um dem Quartett Essen, Tabak, Rübenschnaps und natürlich die neuesten Nachrichten zu überbringen. In Rethem hielt man schließlich gegen die ‚Franzosenpest‘ zusammen.

An der Flößerstange stand Marie Beseken, die Tochter des Bürgermeisters, der jetzt ‚Maire‘ hieß und auch einer ‚Mairie‘ vorstand. Zugleich war das Mädchen auf dem Floß Johann Steenkens Herzensschatz. Unverdrossen leistete sie den geflüchteten Schmugglern nahrhafte Liebesdienste.

Übrigens hatte auch Jacques Turlot mehr als nur ein Auge auf diese dralle Deern geworfen. Wo er sie in den Straßen des Städtchens sah, wanderten seine feurigen Blicke an ihrer kurvenreichen Gestalt hinab und genüsslich wieder hinauf. Unternehmenslustig zwirbelte er dabei seinen gewaltigen Schnurrbart. Bisher war er aber mit seinem Pfauengehabe immer abgeblitzt.

Dies war also die Lage an jenem Vormittag im Mai des Jahres 1811: Jacques Turlot mit seiner Truppe bog soeben im Gänsemarsch auf der Höhe von Hedern in einen schmalen und dunklen Pascherpfad ein, der tief hinein in den Sumpf und in die Wälder rings um das Lichtenmoor führte. Zwei, allenfalls drei Meilen entfernt, etwas seitab von der Alpe, saßen die Rethemer ‚Kriegsdienstverweigerer‘ mit Marie Beseken im dichten Wald um ein kleines Lagerfeuer herum. Über den Flammen dampfte in einem berußten Topf die frisch gelieferte Erbsensuppe.

„Bei deinen Eltern, Jan, da haben sie heute, natürlich unter großem Krakeel von Herta, alles durchwühlt. Danach sind die Franzmänner mit zwei Gänsen und einer Mettwurst abgezogen, um dich zu suchen.“ Marie überbrachte neueste Nachrichten aus der Heimat.

„Zwischen Suchen und Finden gibt‘s ja wohl einen Unterschied“, brummte Johann Steenken. Mit seinen derben Händen zerbrach er kleine Äste und warf sie ins Feuer. „Wenn doch diese Franzosenpest endlich vorüber wäre. Wo ist denn unser Zusammenhalt, wenn man ihn mal braucht?“

„Wat willste machen? Mit Heugabeln gegen die Gendarmerie mit ihren Karabinern?“ Karsten Ubbelohde lachte abfällig. Der muskelbepackte Flößersohn vertrat in der Bande gewissermaßen das Proletariat. Seine Nachfahren sollten folgerichtig später zu den ersten Wählern der Sozialdemokratie in Rethem zählen. Ubbelohde seufzte und hob resigniert seine breiten Schultern: „Da kannste nur geduldig warten, bis der Napoleon sich totgesiegt hat, was ja wohl hoffentlich bald der Fall ist.“ Er setzte den Lederbecher mit dem Rübenschnaps an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck.

„Auch das Schlachtenglück ist eine Hure“, brummte Fritz Sonneborn zustimmend. Der Pfarrerssohn hatte von seinem Vater den Hang zum Philosophischen geerbt: „Wer lange genug lebt, wird das noch erleben.“ Den angebotenen Rübenschnaps, den ihm Ubbelohde vors Gesicht hielt, lehnte er naserümpfend ab und reichte den Becher an Willem Wagner weiter.

Der klobige Großbauernsohn setzte das Gesöff umstandslos an den Hals, und ließ den mächtigen Kehlkopf hüpfen. „Mir sollte so’n Welscher mal auf den Hof kommen. Dem würde ich‘s aber zeigen“, sagte er, und wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab: „Wo ich was zu sagen hab, geschieht, was ich will!“

„So wie neulich? Als du vor der Raubrittertruppe der Franzosen katzbuckeltest? Bitte, Musjöh Lüötenang, dürfen es noch ein paar Eier mehr sein? Vielleicht eine Speckseite vom Feinsten?“ Karsten Ubbelohde feixte ihm ins Gesicht.

Willem wollte aufspringen, aber Marie hielt ihn am Ärmel zurück: „Hört auf euch zu streiten. Sonst muss ich morgen vier Feuerstellen beliefern. Wir müssen doch alle vor den schnauzbärtigen Blauröcken einen tiefen Diener machen. Übrigens, so lange dauert euer Buschleben vielleicht auch gar nicht mehr. In Hannover und Celle marschierten etliche Regimenter schon nach Osten ab, Richtung Berlin und Leipzig. Das jedenfalls hat Karl, der Buchhöker, erzählt, als er gestern mit seinem Hundewagen in Rethem einrollte.“

„Der wird doch nicht …?“ Fritz Sonneborn schürte rabiat das Lagerfeuer, so dass  die Funken flogen, und warf den Ast dann ins Gebüsch.

„Was wird der nicht?“ Marie löffelte Erbsensuppe aus dem Topf in fünf Tonschalen und guckte ihn verwundert an.

„Na, was gibt’s denn da im Osten, außer dem endlosen Zarenreich? China wird ja wohl kaum der nächste Gegner des Wahnsinnigen sein.“

„Bis Moskau müsste ein müder Soldat aber verdammt lange latschen.“ Willem Wagner war aufgestanden und erleichterte sich an einer der umstehenden Fichten.

„So viel Stiebel kann deren Fourage doch gar nicht transportieren, wie sie in den russischen Sümpfen dann am Fuß verschimmeln würden.“ Karsten Ubbelohde kicherte spöttisch und griff erneut zum Rübenschnaps.

„Besauf dich nicht! Das schadet dem Denken“, brummte Fritz Sonneborn.

„Ach wat! Heute duhn, morgen duhn, und übermorgen auch! Wozu sollte ich hier denn wohl denken?“ Ubbelohde zeigte lachend auf die Wildnis ringsum.

Fritz Sonneborn hatte sich Marie zugewandt: „Sag mal, hat Buchhöker Karl mir mein bestelltes Buch mitgebracht?“

„Ja, das hat er!“ Marie kramte in ihrer Basttasche: „Mächtig geheimnisvoll tat er, als würde er mir Diebesgut verkaufen. Er hat sich mindestens dreimal umgeguckt, bevor er mir das hier gab. ‚Till Uhlenspiegel‘ – das stehe nur auf dem Umschlag, soll ich dir sagen, innen wäre das Richtige schon drin.“

„Was ist denn das für eine Scharteke?“ Johann Steenken griff nach dem Buch, schlug es auf und las den Titel laut vor: „Geist der Zeit. Zweiter Theil. Von Ernst Moritz Arndt. Berlin 1809. Im Verlage der Realschulbuchhandlung.“ Lachend klappte er das kleinformatige Buch wieder zu: „Hat die Zeit jetzt auch schon Geist? Bei mir jedenfalls nicht. Geht die Sonne auf, muss ich ran, und wenn sie untergeht, leg ich mich hin. Wenn’s ‘n büschen genauer sein soll, horche ich aufs Bimbam der Kirche. Viel Geist brauchst du für so’n Leben nicht.“

„Der Arndt meint doch ganz was anderes!“ Sonneborn ereiferte sich: „Worüber reden wir denn hier seit zwei Tagen? Über die Franzosenpest! Die Franzmänner wünschen wir doch alle in den Sumpf, dorthin, wo er am tiefsten ist. Stimmt’s nicht?“

„Doch, schon“, Johann Steenken nickte ihm zu, „aber was hat denn das mit Geist zu tun? Die plündern und requirieren, pimpern unsere Frauen, und wir regen uns darüber auf.“

„Eben! Der Geist der Zeit ist das, was alle fühlen und denken. Das sind die Ansichten, die wir gemeinsam haben, die uns alle verbinden. Wie eben jene über die welsche Pest.“

„Na, und was soll das bringen, wenn man sich seine Wut von der Seele schreibt?“ Willem Wagner hatte den Hosenlatz wieder zugeknöpft und setzte sich zurück ans Feuer.

„Naja, so ein Buch vom Arndt bläst wie ein Blasebalg Luft in die Glut, um den Widerstand gegen den Kaiser zu auflodern zu lassen. Ein Gefühl erhält damit Worte. Aus dem Geist, aus einer allgemeinen Stimmung, aus gemeinsamen Ansichten, soll die Tat wachsen, ein großer Volksaufstand.“

„Dat klappte schon unter den Lüneburgern nicht. Die haben auch nur abgegriffen, und nichts für uns getan. Alle regten sich das Herrengesocks auf, nannten die Obrigkeit, wenn’s abends dunkel war, Morsloch und Leuteschinder, und ließen weiter alles brav geschehen.“ Ubbelohde winkte resigniert ab.

Wir lassen an dieser Stelle unsere vier Deserteure und ihre Lieferantin weiter über Politik schwadronieren, in einer Diskussion, die der Rübenschnaps zunehmend befeuerte – mit der löblichen Ausnahme von Fritz Sonneborn und Marie Beseken.

Dieser Rübenschnaps, der ihnen dort durch die Kehlen rann, der war übrigens gleichfalls eine französische Erfindung. Wegen der napoleonischen Kontinentalsperre blieb seit 1806 der Zucker aus Westindien aus, zumindest wurde er als Schmuggelgut immer rarer und teurer. Um mit Hilfe von Hefe eine Maische in Gärung zu versetzen, ist aber Zucker unentbehrlich.

Da der Heidjer wiederum ein pfiffiger Mensch ist, der zudem auf alte Gewohnheiten nicht gern verzichtet, begannen die Bauern und Kätner damals, mit der Runkelrübe zu experimentieren. Durch gezielte Kreuzung wurde diese Erdfrucht süßer und süßer, am Ende wurde aus ihr gar unsere heutige Zuckerrübe. Und der Rübenschnaps verdrängte damals den überteuerten Kartoffelschnaps.

Eine wahre Branntwein-Epidemie schwappte wie eine Welle über das Land, Gründe zum Saufen gab es ja genug. Die Obrigkeit geriet beim Gedanken an ihre torkelnden Bauern, die immer krummere Furchen in gerade Äcker pflügten, zunehmend in Schnappatmung. In ihren Erlassen wüteten sie gegen die „Völlerei“ und die „Schnapsseuche“. Der Rethemer Drost Friedrich von Ompteda hinterließ uns eine bildhafte Schilderung des unaufhörlichen Alkoholkreislaufes an der mittleren Aller:

„Die Rethemer geben sich gegen das elende Bier durch Branntewein die Hülfe, dieser erwecket Durst und erfordert Bier zur Löschung, welche Löschung wiederum das Verlangen nach Branntewein anregt, wodurch es dann geschieht, dass viele der Rethemer Einwohner in dem Circul von Branntwein und Bier in einer fast ständigen halben Besoffenheit dahinleben.“

Das berüchtigte ‚Rethemer Rotbier‘, von dem hier die Rede ist, trug auch nicht gerade zur Ausnüchterung bei. Gebraut aus dem braungelben Oberflächenwasser der Alpe, mischte man dem Malz wilden Hopfen als Bitterstoff bei, aus Mangel an echtem Hopfen. Was gewisse psychedelische Wirkungen nicht ausschloss. Schließlich zählt der wilde Hopfen zu den Cannaboiden oder Hanfgewächsen.

Kurzum – die Rethemer lebten damals in einem ständigen Dusel, die Branntweinbrenner allen voran. Allein in Stöcken ertranken zwei Produzenten jämmerlich in ihren eigenen Braukesseln. In einem einzigen Gasthaus – von denen es damals viele gab – flutschten jährlich zwanzig ‚Oxhöft‘ Branntwein durch erwartungsfrohe Kehlen. Was umgerechnet heute einer Menge von 4.870 Litern entspricht.

Jacques Turlot allerdings war eher auf guten Wein und Cognac erpicht. Daher lebte er in einem beständigen Mangelzustand, was seine Übellaunigkeit nur vermehrte. Mit der Zahl der gefluchten „Merde!“, „Sacrément!“ und „Ah, la vache!“, die er ausstieß, sobald ihm wieder eine Brombeerranke die Hose zauste, hätte man die gesamte Straße zwischen Rethem und Frankenfeld pflastern können.

Unsere fünf Gendarmen waren übrigens allesamt schwer kriegsgeschädigt. Einer von ihnen hatte schon in Solferino mitgekämpft, die anderen drei waren seit Austerlitz dabei, Turlot erhielt in Jena und Auerstädt seine Feuertaufe. Während die Heerführer ihre grandiosen Siege feierten, brannten sich den einfachen Überlebenden solcher Schlachten ganz andere Bilder ein – und zwar auf beiden Seiten der Front, bei Gewinnern wie bei Verlierern: Herumfliegende Gliedmaßen im Rauch und Donner der Schlacht, die Hilfeschreie der Verwundeten, während die wilde Jagd über sie hinwegsetzte, graue, herausquellende Pferdegedärme und das jämmerliche Wiehern der sterbenden Kreaturen. Später ertönte dann tierisches Klagen aus den Feldscher-Zelten, wo armen Kerlen bei vollem Bewusstsein ihre einstmals gesunden Gliedmaßen abgesägt wurden. Oder das, was von denen noch übrig war. Mehr als die Hälfte seiner glorreichen Armee hatte Napoleon im Jahre 1811 bereits verloren.

Mit einem Wort: Nach heutigem Sprachgebrauch litten Jacques Turlots Leute allesamt an einer ‚posttraumatischen Belastungsstörung‘, mit den üblichen Symptomen: Schlaflosigkeit, Alpträume, Misstrauen, manchmal unbegründete Grausamkeiten, nebst der Unfähigkeit, noch Freude zu empfinden oder Freunde zu haben. Es waren menschliche Wracks, die in den Wäldern andere Leute einfangen sollten, damit aus denen gleichfalls Wracks würden – zum Ruhme der Grande Nation.

Bekanntlich orientiert der Mensch sich gern. Folglich hatten auch die Schmuggler, die dem Pascherpfad folgten, nach Anhaltspunkten gesucht. So kam es, dass der Weg, der sich durch die alten Buchen, durch Blaubeersträucher, durch Eichen und Fichten schlängelte, allmählich der Alpe wieder näher rückte. Dieser kleine Bach mündet in Rethem in die Aller, seine Quelle liegt davon weit entfernt, in der Nähe von Dudensens alter Bockwindmühle, von wo aus es nicht mehr weit zu den Schwarzmärkten in Hannover und Celle war. Dieses Bächlein war also ein untrüglicher Wegweiser.

Nicht weit von der richtungweisenden Alpe entfernt erfasste Turlot ein menschliches Bedürfnis. Er befahl seinen Leuten, weiter zu reiten und einen Lagerplatz zu suchen. Dann band er sein Pferd an den Stamm einer jungen Kiefer, bevor er durchs Reisig tiefer ins Gebüsch stapfte.

Wenige Meter von ihm entfernt hatten sich Johann Steenken und Marie gleichfalls in die Büsche verzogen, auch sie aus einem durchaus menschlichen Bedürfnis heraus. Immerhin blieb Johann wachsam genug, die näher kommenden Schritte zu hören. Er legte Marie rasch einen Finger auf die kussfertig gespitzten Lippen und hob witternd den Kopf. Ein weißes Blitzen hinter einem Stechginsterstrauch verriet ihm den Urheber des Geräuschs und damit die drohende Gefahr.

Frisch gewaschene helle Pantalons trug Jaques Turlot unter der Uniformhose, die ihm jetzt, als er blank zog, zum Verderben wurden. Denn Johann Steenken hatte bereits die Schuhe abgestreift und schlich tief gebeugt auf den Franzmann zu, von der weißen Wäsche wie von einem Seil gezogen, dazu befeuert vom Rübenschnaps, und beseelt von einer diffusen Furcht vor künftigen Gewaltmärschen durch die endlose russische Taiga.

Die letzten Meter überbrückte er mit zwei großen Sprüngen. Er packte Turlot von hinten am Hals und zog ihn wie einen Sack empor. „Dabei hat es einfach diesen Knacks gegeben“, erzählte Steenken später den anderen: „Ich wollte ihn doch überhaupt nicht umbringen“. Wie immer das in Wahrheit auch gewesen sein mag – Fakt ist, dass der Sergeant Jacques Turlot in Johanns muskelbepacktem Arm plötzlich bleischwer wurde. Etwas weiter unten verabschiedete sich sein Körper mit einem letzten Würstchen von dieser Welt.

Marie war beim Anblick des nahezu kampflosen Kampfes aufgesprungen und stand auch schon neben ihrem Galan. Wie es so oft der Fall ist, zeigte eine Frau hier die besseren Nerven. Ohne Vorwurf im Gesicht fragte sie bloß: „Musste das sein?“. „Weiß auch nicht“, antwortete Johann und breitete gottergeben die Hände aus: „Das kam einfach so über mich.“

„Jetzt komm, du Suupsack, reiß dich zusammen! Dort hinten steht sein Pferd“, flüsterte Marie: „Hol du’s. Ich kümmere mich um die Hufspuren“. In aller Eile warfen die beiden den Leichnam über den Sattel, hängten auch den Karabiner an den Knauf, und verwischten ihre Spuren, so gut es ging. Dann kehrten sie zum Lagerplatz zurück, wo Ubbelohde, Sonneborn und Wagner ungläubig auf den Toten starrten. „Ich wollte das nicht. Bevor der uns hier auffliegen lässt, hab ich ihn mir gepackt, und dann war’s auch schon passiert“, sagte Steenken mit fast schon weinerlicher Stimme.

„Schon klar, du Unschuldslamm! Heul doch! Du hast ihn nun mal abgemackelt. Aber wat mook wi nu?“ fragte Karsten Ubbelohde. – Tscha, was nun?

„Der Kerl muss hier weg“. Fritz Sonneborn, nüchtern wie er war, gewann als Erster die Fassung zurück: „Am besten schieben wir ihn die Alpe hoch, und dann dort oben ab mit ihm ins Moor.“

So kam es, dass sich den Krähen und Hähern an diesem Tag ein denkwürdiges Bild bot. Vorn im Wasser schwamm Maries kleines Bretterfloss mit Jacques Turlots Leichnam darauf, der aus toten Augen unverwandt in die Sonne starrte. Dahinter stapften vier junge Kerle, die fluchend und schimpfend das Gefährt durch Algen und Schlamm stromaufwärts durch den Bach schoben. Die Arrièregarde bildete Marie Beseken, die das Pferd des Toten durchs Wasser führte, um verräterische Spuren zu vermeiden.

Meile um Meile ging es bachaufwärts, an Lichtenhorst vorbei und tief ins Rodewalder Gebiet hinein, bis sie nördlich von Wendenborstel, in den Steimker Kuhlen, einen einsamen Moortümpel fanden, der ihnen tief und schlammig genug schien, um Jacques Turlot unter bunten Libellen und mitten im duftenden Torf zur letzten Ruhe zu betten.

Still und sacht versank der kleine Franzose fern seiner Heimat im grünlichen Algenteppich. Die fünf Rethemer gaben dem Pferd dann noch einen energischen Klaps auf die Hinterbacken, damit es sich einen neuen Herrn und eine Futterkrippe suche. Was wenig später dazu führte, dass Karl Lebensen aus Rodewald unter der fahrbaren Guillotine der Nienburger Besatzung sein Leben aushauchen musste. Wegen erwiesenen Pferdediebstahls. Der Rethemer Trupp aber folgte dem Bachlauf zurück zu Rübenschnaps und Lagerfeuer.

Zum Glück hatten im ganzen Département bereits die Vorbereitungen für den neuen Feldzug des Imperators begonnen. Das Verschwinden Turlots führte zwar noch zu einigem Alarm, halb Rethem wurde hochnotpeinlich verhört, dann aber rückten die Franzosen bis auf eine Rumpfbesatzung gen Osten ab. Stiekum schlichen sich auch unsere ‚Deserteure‘ in die kleine Stadt zurück, zunächst nur nachts.

Als aber die geschlagenen und halberfrorenen Grenadiere des Kaisers in den Jahren 1812 und 1813 quer durch Deutschland in ihre Heimat wankten, mehr tot als lebendig, da wagte sich auch die Steenken-Bande wieder öffentlich hervor. Der ‚welsche Spuk‘ schien endgültig vorüber.

Als der Kaiser sich noch einmal muckte, schloss sich dann Fritz Sonneborn einem der vielen Freikorps an, natürlich unter großem Gezeter seiner Mutter. Er kämpfte mit in der großen Schlacht bei Belle Alliance oder Waterloo – und kehrte danach ruhmbedeckt und leichtverwundet in unser Allerstädtchen zurück. Dort spielte er von nun an die großmäulige Rolle eines Weltmanns und erfahrenen Kriegers.

In Rethem aber hielt die altgewohnte Ordnung wieder Einzug, mit Zünften, Zehnten, Adelsarroganz und Brauchtum. Es wurden auch keine Fisimatenten mehr gemacht, sondern Jungs und Mädchen fanden wieder in Scheunen und Schonungen zusammen, so wie es recht und billig ist. Zwar saß der neue König jetzt in Hannover, aber er regierte ganz genau wie der alte. Was wiederum den Rethemer Einwohnern ausnehmend gut gefiel.

Der Leser mag sich fragen, woher ich dies alles weiß. Nun – die Fünf von der Alpe hielten mit ihrer Geschichte keineswegs hinter dem Berg, wie überhaupt zahllose Döntjes und Anekdoten, auch viel Klatsch und Tratsch, zu den unausweichlichen Folgen des Rübenschnapses gehören.

Kurz vor ihrem Tod drückte mir dann die Oma Ackermann ein altes Tagebuch ihrer Urgroßtante in die Hand. Diese Tante wiederum war die jüngste Tochter von Marie Beseken gewesen. In diesen vergilbten Papieren habe ich die groben Umrisse meiner Geschichte gefunden. Unter Einsatz von Gehirnschmalz, garniert mit einigen Prisen geheimnisvoller schriftstellerischer Zutaten, habe ich mir aus dem Sütterlin’schen in der Folge alles so zusammengereimt, wie es hier steht.

Denn als ich vor einigen Wochen las, dass tief im Lichtenberger Moor beim Grabenziehen Messingknöpfe mit geprägtem kaiserlichen ‚N‘ darauf gefunden wurden, dachte ich mir, es wäre Zeit, diese Geschichte aufzuschreiben. Zum Ruhme Rethems und zur Aufklärung der Nachwelt.

 

 

 

Klaus Jarchow, 2017

Mein Dank gilt dem Rethemer Stadtarchiv und Horst Leisering

1 Kommentar

  1. Muss mal wieder Arno Schmidt lesen (ist irgendwie kürzer). Aber Danke, sehr schöner Einblick!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑