Stilstand

If your memory serves you well ...

Revolutionäre Brüllbalken !!!

Wenn ich mir die Wahlwerbung der Linkspartei in diesen Tagen anschaue, dann hat deren Sprachstil etwas Majestätisch-Imperativisches, es ist ein blanker Befehlston, der mir allerdings als Skurrilität aufstößt, angesichts einer Partei, die vielleicht 12 oder 13 Prozent zu erreichen vermag, aber niemals irgendeine gesellschaftliche Kommandohöhe: „Raus aus …!“ heißt es, „Stopp das …!“ bölkt es uns entgegen, „Weg mit …!“ trötet es daher – wobei die Konkreta in solchen Brüllsätzen absolut austauschbar sind. Mit anderen Worten: Sollte die Bundeswehr irgendwann einmal aus Afghanistan verschwunden sein, dann heißt es eben in der nächsten Polit-Saison „Raus aus der Gentechnik!„. Die revolutionäre Kraftmeierei aber, die bleibt ewig bestehen.

Geschuldet ist diese Sprache einer vergangenen Epoche: Die Linkspartei kommt – wie die NPD übrigens auch – aus der Tradition einer revolutionären Kaderpartei, die sich spätestens dann nicht mehr um demokratische Mehrheiten sorgen musste, wenn sie erst einmal an die Macht gelangt war. Staat und Partei verwuchsen in totalitärer Tradition zu einem Gebilde, so dass man die Partei nicht mehr los wurde, ohne den Staat zu zerstören. Per ordre de mufti wurde das politische Programm exekutiert, Kompromisse waren nicht nötig, der Befehl regierte, und genau deshalb wurde der Karren auch immer wieder vor die Wand gefahren, so, wie zuletzt in jenem November. Genau zu dieser Geisteshaltung passt der autoritäre Sprachstil, der uns von allen Plakatwänden entgegenbrüllt, er ist der sprachliche Ausdruck einer kaderparteilichen Mentalität (positive Ausnahme: Gysis „Reichtum für alle!„).

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber dieses viagra-gedopte Geblöke an jeder Straßenecke geht mir auf den Sack, und zwar deshalb, weil es ‚gestrig‘ wirkt. Putsche oder Revolutionen, die allein solche Politutopisten an die Macht bringen könnten, sind ja im Grunde veraltete und zwecklose Veranstaltungen der Weltverbesserung, und deshalb finden sie auch nirgendwo mehr statt. Im Grunde fühlt es noch der kleinste Hartz-IV-Empfänger, dass gesellschaftliche ‚Turbulenz‘ – um mich mal systemtheoretisch auszudrücken – das konkrete Operieren mit dem revolutionären Pathos also, auf alle wie ein verschnarchter Sandalenfilm wirkt: Spartakus rüttelt an den Pforten zum Olymp – in Technicolor.

Andererseits – wer unserer Linkspartei die berühmt-berüchtigte „revolutionäre Perspektive“ sprachlich nähme, was lässt der ihr dann noch übrig? Vermutlich ist all das angeberische Getöse auf den Plakatwänden sogar bitter nötig. Nicht um Wähler zu gewinnen, sondern um die eigene Identität zu retten. Auch wenn innerhalb der Partei längst das Lenin’sche „Was tun?“ durch ein freundliches „Wie geht’s?“ ersetzt wurde, um hier mal den unvergessenen Matthias Beltz zu paraphrasieren …

4 Kommentare

  1. Viel schöner sind doch zwei der Botschaften mit den Oskar Lafontain für sich wirbt:

    „Reichtum besteuern!“
    „Reichtum für Alle!“

  2. Das ist eben M. C. Escher-Politik, der letzte Schrei sozusagen: Du läufst die Treppe rauf und zugleich runter …

  3. Ist „WUMS“ besser?

    Mir ist die ganze Plakatwerbung suspekt. Wenn ich so zurückdenke an meine „grüne Zeit“, da fällt mir nur ein: Samstägliche Treffen – hochmotiviert – um auf Hartfaser-Platten klebrigen Leim aufzuschmieren, um darauf dann wiederum irgendein grün-buntes Plakat zu kleistern. Danach, meist in den frühen Abendstunden, ging es aufs Land, um die noch nicht ganz trockenen Pappdinger an irgendwelche Masten aufzupenseln.

    Am nächsten Tag konnte ich dann die Dorfjugend beobachten wie sie Streifen für Streifen „unsere Machwerke“ in Einzelteile zerlegten. An die Sprüche auf der Wahlwerbung konnte ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

    Also, wenn die Leutchen halt an diesen merkwürdigen Ritualen festhalten und darauf „raus“ oder „stopp“ postulieren, dann kann ich mich wenigstens noch im Nachhinein an das Rot und die zwei „Aufforderungen“ erinnern. Die anderen vielleicht auch – und – vielleicht hilft’s auch ein wenig beim Kreuze machen.

  4. ‚Plakate sind Texte für Analphabeten‘ – so habe ich mir das mal als Paradox zurechtgefummelt …

    In Bremen schritt nächtens stets ein Parteimitglied mit dem Kleistereimer vorneweg, der alle erreichbaren Strom- und Schaltkästen am Straßenrand dick einstrich, mit Vorliebe aber die Plakate der Konkurrenz. 200 m zurück kam dann der Mann mit der Plakatrolle, der das Papier mit dem Slogan der Saison auf die Giddelmasse pappte. So fasste die werte Bullizei niemals beide zugleich …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑