Stilstand

If your memory serves you well ...

Resurrection Shuffle

Damals hieß der Vorgänger dieses Marktstandes für buchstabenbezogene Sinngestaltung noch ‚Wörterblog‚. Mit all seinen gut ablagerten Beiträgen steht das Teil noch immer unter dem Dach der germanblogs verloren und verlassen in der virtuellen Landschaft herum. Ich hatte damals die Kooperation mit den Holtzbrincklern beendet, weil ich es einfach satt hatte, ohne Ansprechpartner, in immer neuen Verantwortlichkeitsstrukturen, mit ständig wechselnden Vertragsentwürfen konfrontiert zu sein, die mir im Grunde alles einräumten, nur eben keine Rechte und auch nur lachhafte Honorare. Jetzt gibt es also hier diesen ‚Stilstand‘, ein dezidiert nichtkommerzielles Projekt, das ich aus Jux und Dollerei – und dankenswerterweise mit der Hilfe von Mike Seeger – hier durchziehen werde, solange, bis mir die Luft oder die Lust ausgeht.

Der neue Name ist bewusst ein wenig schräg gewählt – er ist auch mehr, als nur ein doofer Kalauer: Ein guter Text, so sehe ich das, der kann buchstäblich die Zeit still stehen lassen: Der Leser versinkt im Wörtermeer, jedes Wort wird ihm wichtig, alle Flüchtigkeit, die sonst das bloße Überfliegen der Seiten kennzeichnet, die ist dahin – und plötzlich ist es wirklich schon so spät. Mit anderen Worten: Der Leser vergisst völlig, dass er liest. Das alles kann der Stil bewirken – das Handwerk des Umgangs mit den Wörtern. Wie man diesem Idealzustand näher kommt, wie man auf diese Art gelesen wird, davon wiederum erzählt jetzt dieses Blog, so gut ich es kann. Es geht dabei um neue Schreibformen und natürlich um alte Stilgesetze – so, wie wir sie im Web 2.0 hoffentlich gebrauchen können.

Wer sich auf dieses Blog einlässt, der wird mit der Zeit besser erzählen lernen. Natürlich nicht besser, als ich dies beherrsche. Schließlich kann ich meine eigenen Grenzen nicht überschreiten – wer mir voraus ist, der soll die Nase rümpfen und einen Blog weiterziehen. Es geht mir auch nicht, wie einem Bastian Sick, um Sprachnörgelei und grammatisches Besserwessietum. Mir geht es darum, mitten in einer ablaufenden Medienrevolution Stilformen zu erproben, wie sie für Blogs, Online-Medien oder Communities künftig wichtig werden könnten. Denn der berichtende Stil der Journalisten ist mitsamt seinem Objektivitätsidealen an Grenzen angelangt: Im Web 2.0, wo Informationen innerhalb von Minuten keinen exklusiven Nährwert mehr besitzen, entscheidet nicht länger der Inhalt über die Lektüre. Sondern zunehmend die Kunst des Erzählens.

Eine spannende Zeit, wie ich finde … euch allen viel Spaß hier im Stilstand.

„Now you getting vibrations
All down to your feet.
That’s the brow beatin‘
Heavy leather resurrection beat …“

9 Kommentare

  1. Danke! Endlich geht es weiter. Ich freue mich auf viele lehrreiche Artikel und hoffe, dass sich Deine Arbeit langfristig auch in klingender Münze auszahlt. Und wenn’s rascheln sollte: um so besser!

  2. Ich lasse es mal einen weitaus Größeren als mich interpretieren:

    «Denn wenn man Erzählungen schreibt oder liest, sieht man Landschaften, sieht man Gestalten, hört man Stimmen: Man hat ein naturgegebenes Kino im Kopf und braucht sich keine Hollywoodfilme mehr anzusehen.»

    Gianni Celati, Cinema naturale, Wagenbach 2001

    Wobei Glück und der Wunsch für dieses dann schon von mir kommt …

  3. Merci, vielmals …

  4. > Es geht mir auch nicht, wie einem Bastian Sick,
    > um Sprachnörgelei und grammatisches Besserwessietum.

    Bastian Sick ist WEIT davon entfernt, ein Nörgler zu sein, er schreibt überhaupt nicht wertend. Seine Kolumnen sind einfach nur sterbenslangweilig geworden.

  5. @ ke: Ich weiß ja nicht, schau doch einfach mal beim Stefanowitsch nach:

    http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/?s=Bastian+Sick&searchsubmit=Finden

  6. Ja, da finde ich die Information, dass Bastian Sick schlecht informiert sei. Nicht, dass er nörgele.

  7. Nun – was ist denn Nörgeln anderes, als auf unzureichender Wissensbasis Sachverhalte fehlerhaft, aber selbstgerecht abzuurteilen?

  8. Diese Definition von Nörgeln lasse ich gelten. Aber Sick urteilt nicht ab, sondern er stellt tatsächlichen Sprachgebrauch präskriptiven Regeln und mitunter auch deskriptiven Erkenntnissen gegenüber und versucht zu erklären, wie sich beides ent- bzw. widerspricht. Wo der Tenor in Richtung „die dreisten Sprecher und die heilige Grammatik“ geht, habe ich ihn stets als ironisch empfunden.

    (For the record: Ich finde die von Sick besprochenen „Fakten“ zunehmend an den Haaren herbeigezogen, die Argumentation und den Witz seiner Kolumnen immer unterirdischer und ihren intellektuellen Nährwert inzwischen gleich null. Darum geht es mir hier nicht.)

  9. So ist das eben bei den Strickliesels – irgendwann geht ihnen allen die aus den eigenen Haaren herbeigezogene Wolle aus.

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