Stilstand

If your memory serves you well ...

Red Adair 2.0

Unser roter Hahn des ambulanten Bloggewerbes, Sascha Lobo, scharrt unverdrossen und unentwegt im bezahlten Marketing-Mist, ob nicht auch ein Körnchen für ihn zu finden sein möge. Grenzphilosophisch verwöhnt er jetzt die Intellektualfunzeln der Werber-Zunft mit ausgewählten Modernitüden:

„[Events und Social Media] haben zwei zentrale Elemente gemeinsam. Erstens: Sowohl Events als auch in zunehmendem Maße die Kommunikation in sozialen Medien finden in Echtzeit statt. Zweitens: Beides beruht auch auf sozialer Interaktion.

Jaja – was beruht denn bitte nicht auf ’sozialer Interaktion‘? Selbst eine vergleichsweise stille Tätigkeit wie das Briefmarkensammeln kommt ohne sie nicht aus. Und bei diesem ewigen ‚in Echtzeit‘ möchte man doch allmählich mal wissen, was ‚in Falschzeit‘ wäre. Schmieren wir uns also selbst mal ein Schnittchen aus diesem Stoff: Erstens sind sowohl der große Nachthimmel wie auch mein kleiner Hühnerstall in Dunkel gehüllt. Zweitens kreisen die Planeten wie auch mein Reden beide ‚in Echtzeit‘ durch ihre jeweiligen Kanäle. Also sind der große, stille Nachthimmel und mein kleiner, gackernder Hühnerstall „Zwillingspärchen“. Wow! Die Koinzidenz als logische Gesetzmäßigkeit – oder Syllogismenstricken für Anfänger: Hähnchen haben einen roten Schopf, ich habe einen roten Schopf – also sind wir beide Geflügel. Weiter geht’s mit Bimbambum wortbesoffen durchs Brimborium:

„Der Anlass für Kommunikation ist doch das Erleben. Und wenn man etwas Tolles erlebt hat, ist man auch dazu bereit, sich im Internet weiter auszutauschen.“

Ach, dieses kleine Füllwort ‚doch‘ – das dort Selbstverständlichkeiten suggeriert, wo keine sind: „Ich sitze hier gerade im Zug„, dieses möglichst laut vorgetragene egomane Handy-Gezwitscher, das jeder ICE-Reisende bis zum Überdruss kennt, das ist schließlich auch Kommunikation – und zwar vor allem mit den anderen Fahrgästen, die zu dem ‚Erlebnis‘ einer unfreiwilligen Tortur verdammt sind. Ein ‚Erlebnis‘ also, schon gar ein ‚gemeinsames‘, spielt somit höchstens in negativer Form eine Rolle: Dass man nämlich ‚dem Betreffenden sein Handy‘ am liebsten umstandslos durchs Klo spülen möchte. Derartige ‚Erlebniskommunikation‘ – oft auch ‚Null-Kommunikation‘ genannt – gehört eher zu den Grenzfällen ernsthafter Kommunikation überhaupt.

Bei diesem Geplapper – damit auch bei 90 Prozent allen Twitterns – handelt es sich um eine Form von Selbstvergewisserung solcher, die sonst eher nichts zu sagen haben. Wenn ich mir einen solchen Live-Stream konkret anschaue, dann handelt es sich zumeist um blanke Irrelevanz, in 140 Zeichen verpackt: „Ich bin auch noch da!

Echte ‚Events‘ (neudeutsch: ‚Ereignisse‘) oder auch ‚Trends‘ (neudeutsch: ‚Entwicklungen‘) spielen sich lange im Verborgenen ab, bis dann endlich die Marketing-Trompeten und trendforschen Würstchen mal was merken, und – notorisch verspätet wie die Deutsche Bahn – im Nachklapp plötzlich laut zu hupen und hypen beginnen. Schreit die Werbung einen ‚Trend‘ aus, darf man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass ihm das endgültig das Genick brechen wird. Das ist aber noch kein Grund, in Depression zu verfallen, denn deswegen bedarf es ja gerade der großen Feuerwehrhähnchen der Firma Horx & Erben mit den probaten Frühwarnsystemen:

„Gerade Markenkommunikation ist so vielschichtig geworden, da ist in jeder Hinsicht intensive, vor allem strategische Beratung gefragt.“

Mit anderen Worten meint er: „ICH!“. „[S]o beherzige ich, was ich auch Unternehmen rate: Ich versuche, interessant zu bleiben.“ So klappt das nicht, möchte ich unserem Twitter-Papst da doch sagen, so nicht … zumindest nicht für mich.

5 Kommentare

  1. Ich find’s ja schon länger schad‘, dass wir beide uns nicht auf Twitter [Ich: Evo2Me] folgen. Schlimm ist ja nicht das Medium, schlimm sind auch nicht die Menschen, die sich weltweit auch über Banalitäten austauschen wollen …

    [Aside] Während meines Studiums gab es gerne mal die Frage, ob wir Anglisten uns denn mehr freuen würden über ein neues Stück von William Shakespeare oder seine Einkaufsliste [wahlweise auch Wäschereiliste]. Natürlich fänden wir seine Einkaufsliste interessanter!

    Einige der größten Werke der Weltliteratur sind auf ihre Posten gelangt, eben weil die Trivialitäten des Alltags beschrieben werden, nicht die großen erfundenen Heldentaten einer romantisierten Phantasiewelt. Mein gegenwärtiges Lieblingsbeispiel [hier doppelt passend]: James Joyce, dessen Dubliners, Ulysses und Finnegan’s Wake nur Banales wiedergeben.

    Problematisch sind die Heinis, für die KOmmunikation nur Teil des Wirtschaftens ist, die alles unter Effizienzkriterien sehen, die meinen, jeder müsse beraten werden. Natürlich benötigen Firmen professionelle Kommunikatoren, die heute aber vor allem eines nicht mehr sein dürfen: PR’ler und Werber. Denn die verzapfen leere Tautologien wie:

    Sowohl Events als auch […] Kommunikation in sozialen Medien finden in Echtzeit statt. […] Beides beruht auch auf sozialer Interaktion.

    Liest sich im ersten Moment toll, so wie ein amerikanisches Kunstmüsli [OK: Kellog’s „Cerealien“-Produkte] erst mal lecker schmeckt. Einen dann aber doch hungrig in den Tag lässt. Seltsam die Umkehrung der Definitionen, Kommunikation ist eine Form sozialer Interaktion, sie beruht nicht darauf …

    Nun ja, eigentlich wollte ich nur schreiben, Twitter ist besser als seine halb-offiziellen Lautsprecher.

  2. Vielleicht melde ich mich eigens wegen dir in Zwitscherhausen noch mal an … 😉

    Beim ‚Ulysses‘ spielt übrigens das Wie des Aufbereitens von Banalitäten doch eine gewisse Rolle. Das, was einem Menschen beim Kacken durch den Kopf geht, komisch aufzubereiten, dazu gehört schon eine gewisse Meisterschaft. Mit 140 Zeichen ging’s beim JJ deshalb auch nicht ab … Thomas Kapielski (‚Der Einzige und sein Offenbarungseid‘) wie auch Alfred Döblin (‚Berlin Alexanderplatz‘) beherrschen dies Metier, kommunikatives Grundrauschen in hohe Kunst umzuformen, übrigens auch recht souverän.

    Mit all diesem zunehmend hysterischen Gehype aus den Werberbuden – wegen dahinsiechender traditioneller Verdienstmöglichkeiten – ist es übrigens so: Kaum gibt es ein mehr oder minder nützliches kleines Gadget wie bspw. Twitter, um schnell mehr oder minder Belangloses in die Welt zu schnattern, schon kommen diese Schnüffelnasen mit den Dollarzeichen in den Augen daher, um zu versuchen, die wässrige Kommunikationsbrühe auf ihre Marketing-Mühlen zu leiten. Von Xing über StudiVZ bis Twitter – verbrannte Steppe. Alles Marketing in diesem ominösen Social-Media-Bereich hätte doch damit zu beginnen, zunächst einmal das Marketing aufzugeben – also sich, seinen bisherigen Charakter, seine festen Glaubensgewissheiten und die Methoden. Kapieren die aber in Ewig-und-drei-Tagen nicht … altes Sauerkraut in neuen Fässern duftet wie eh und je.

  3. „Hühnerstall“, das ja interessant. Mehr davon … 🙂

  4. „Falschzeit“ herrlich!!

  5. Kann menschliche Interaktion überhaupt in Echtzeit stattfinden?

    Echtzeit ist in der Informatik – wo das Wort ja wohl herkommt – die Verarbeitung in ausreichend kurzer Zeit, um nichts zwischenspeichern zu müssen. Wenn ein Satellit also zwei Fotos pro Stunde macht, so ist es „in Echtzeit“, wenn die Übertragung des Fotos zur Erde 28 Minuten dauert.

    Doch Menschen brauchen immer Pausen. Der eine redet, der andere hört zu. Denkt hoffentlich sogar drüber nach, bevor er dann etwas erwidert. Nur die Übertragung, die kann in Echtzeit laufen. Die Kommunikation nicht.

    Man kann als Computer auch etwas in mehrfacher Echtzeit tun. Da haben uns die digitalen Kästen echt was voraus!

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