Stilstand

If your memory serves you well ...

Praxistest für Neologismen

Vor allem, wenn es sich um ein gelenkiges Verb handelt, muss sich ein neues Wort problemlos allen grammatischen Anforderungen fügen. Viele fremdsprachliche Kandidaten scheitern an dieser umgangssprachlichen Hürde einer flexiblen und zugleich eindeutigen Verwendung (s. ‚geupdatet‘ vs. ‚upgedatet‘ usw.) – nicht so das schöne neue Tätigkeitswörtchen ‚wulffen‘, nur echt mit dem kerndeutschen ‚ff‘.

Historische Brauchbarkeit ist zunächst wichtig – das Wort muss im Ohr des heutigen Lesers sinnvoll klingen, auch dann, wenn es auf Ereignisse der Vergangenheit angewandt wird: „Leckt mich im Arsch“, wulffte Götz von Berlichingen den Abgesandten der Obrigkeit entgegen. Für die Schreibpraxis interessant ist zudem die nahezu beliebige Verfügbarkeit des Stammwortes zur Konstruktion zusammengesetzter Verben: ‚entgegenwulffen‘, ‚anwulffen‘, ’niederwulffen‘ usw.

In der Wissenschaft wiederum kommt es darauf an, dass der sprachliche Neubürger auch zur Bildung akademischen Vokabulars veranlagt ist: „Die Wulffikation des öffentlichen Diskurses trägt zu einem eher konfrontativen Habitus in der Gesellschaft bei„. Paralleles Vokabular, dem die akademische Weihe ebenfalls nicht versagt werden kann, formt sich daran anschließend nahezu problemlos: das Wulffeske, wulffatorische Überkompensation, die notwendige Entwulffung der Welt usw.

Dort, wo Sprache auf den Alltag der Menschen trifft, kommt es hingegen auf die problemlose und schnelle Handhabbarkeit an: „Glaub‘ bloß nicht, dass du mit deinem Gewulffe bei mir was erreichst, ej!“, „Du kannst dir hier ’nen Wolf wulffen – ich mach das nicht!“, „Ob Wulff oder Wuffel – das geht mir am Mors vorbei!„. Wir sehen also, auch den Praxistest beim ‚Sixpack Joe‘ besteht das neue Verb problemlos. Kurzum – dieses Wort wird es vermutlich länger geben als den Bundespräsidenten.

Willkommen in der deutschen Sprache!

8 Kommentare

  1. “Die Wulffikation des öffentlichen Diskurses trägt zu einem eher konfrontativen Habitus in der Gesellschaft bei“.

    Das ist ein beobachtet (cit. Loriot).

    Zu dieser Sprache fällt mir ein: aus Platzmangel schmeiß‘ ich manchmal Bücher weg oder verschenke sie. Heute früh habe ich Sloterdijks dicken Wälzer über runde Löcher (o.s.ä.), genannt „Sphären II Globen“, auf die Ummauerung der Müllkästen am Fußgängerweg gelegt, mit einem Zettel dran: „Zum mitnehmen!“
    Noch (16 Uhr) hat keiner zugegriffen. (Die drei Unterhaltungsromane vor einem Monat „zum mitnehmen“ , die waren ratzfatz weg).

  2. Ich hatte mal einen gebrauchten Matussek als ‚Findebuch‘ ausgelegt. Der Gute lag auch ein paar Stunden lang da wie alter Limburger, dann muss sich wohl irgendwer erbarmt haben …

    Wenn ich in ein, zwei Jahren an Tausende von Sarrazin-Bänden denke, das wird doch unökologisch …!

  3. „Nie war Wulffen schöner.“
    Könnte meinen: „… ‚Wulffenland'“.
    – Kann scheinen: „Wulffenland ist (nimmer) abgebrannt.“
    Ganz übel:
    „Bis zur nächsten Wulffenwahl haben wir Zeit, uns fortlaufend bewulffen zu lassen.“

    Heuer – am 26. Jänner – war Herr Wulff in der „alten Kaiserstadt Goslar“, dort kennt man rhetorisiches oder materiell-expropriatives Wolfen oder Wulffen, ach, pardon: „Löwen“ seit Herzog Heinrich dem Löwen (irgendwie 12. Jh.).

    http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Christian-Wulff/Reden/2012/01/120126-Verkehrsgerichtstag.html;jsessionid=E77D1205D73720596958639A6260C524.2_cid242

    In Goslar: … über einen „Mangel an Nachhaltigkeit“. Nicht: … an Wahrhaftigkeit.

  4. Ich Pardoniere ein Repetendum aller nomina Verba:

    Die Neufassung einer berühmten Randnotiz eines Erster Minister-Sein-Wollenden:

    Die Wulffereyn Müsen alle Tolleriet werden und Mus der Fiscal und das Justiz nur das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein jeder nach seiner Fasson Selich Werden.

    Ich Fodere, ach, heute schreibt sich’s: Fordere eine – nein: d i e Große Friderizianische Orthographey-Reforma, die die Strahl-, Wirk- und Artillerie-Fähigkeit der deutschen Verben retuschiert!

    Exempla (verba Docent, exempla Trahunt):

    Wulffen, merkeln, schrödern, ver-kohlen et Cetera:

    http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachgebrauch/2012-01-26/werden-immer-mehr-politiker-geverbt

  5. „Merkeln“ wäre vermutlich ein Synonym für „Endlos reden, obwohl man selbst nicht mehr weiß, worauf man hinauswollte“ … oder?

  6. … merkeln schon 2005 gemeldet; fand ja auch realiter statt – und stattet sich noch immer ab: ‚Ich weiß ja nicht, was ich tun soll, aber das braucht ja niemand zu merk-, äh: wisseln…:

    http://www.welt.de/print-welt/article674365/Frickeln_daddeln_oder_merkeln.html

  7. Ach, Leute, was sollen wir uns hier einen abwulffen … die Spacke geht ja doch nicht.

  8. Immerhin werden wir später in die Geschichtsbücher schreiben können, dass kein Bundespräsident Stil und Sprache so prägte wie Krischan Wulff.

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